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Donnerstag, 24. Januar 2013

(queergelesen) Früh übt sich - Mit Kinderbüchern spielerisch Toleranz lernen


Die Autorin Juliette Bensch ("Last minute Liebe") liest und schreibt über queere (Literatur-)Themen.

Früh übt sich
Mit Kinderbüchern spielerisch Toleranz lernen
 
Wer erinnert sich nicht an sein liebstes, erstes Vorlesebuch? Eines, das man sich immer und immer wieder als Kind durchblättern konnte und nicht müde wurde, die Stimme eines Erwachsenen zu hören, der die Bildergeschichten mit Worten unterlegt. Es sind Bücher, an die man sich noch Jahre später mit besonderer Sentimentalität erinnert.
Da queere Themen offenbar in allen Genres der Literatur vertreten sind, muss es auch entsprechende Kinderbücher in den unendlichen Weiten der Literaturwelt geben. Ich bin für euch auf die Suche gegangen und möchte euch in diesem Beitrag einige Beispiele vorstellen. 

Samstag, 26. Mai 2012

(queergelesen) Ein gesundes Maß an Homophobie


Die Autorin Juliette Bensch ("Last minute Liebe") liest und schreibt über queere (Literatur-)Themen.


Ein gesundes Maß an Homophobie
Queere Gefühle wider Willen in „Plötzlich Shakespeare“


Lange Zeit war Homosexualität verboten und tabuisiert. Da war es längst nicht so einfach wie heute, einen Roman zu schreiben, in dem derartige Gefühle im Mittelpunkt stehen. Möglichkeiten zu umgehen, selbst plötzlich als homosexuell dazustehen, sind immerhin, die Homosexualität als Randthema erscheinen zu lassen. Oder den Text tragisch enden zu lassen (um bloß nicht zu zeigen, dass man mit den Figuren sympathisiert und ihnen ein glückliches Leben wünscht). Eine dritte Alternative gibt es allerdings noch: Verkleidung oder Körpertausch.

Was mit Verkleidung gemeint sein könnte, dürfte allen einleuchten. Ein Mann verkleidet sich als Frau, eine Frau verkleidet sich als Mann, um die jeweiligen Ziele durchzusetzen. Dies ist ein beliebtes Thema in Film und Literatur. Man ist verleitet zu pauschalisieren, dass das meist Komödien sind, doch witzig wird es häufig nur dann dargestellt, wenn Männer sich als Frauen ausgeben („Mrs. Doubtfire“, „Rubbeldiekatz“), jedoch bei Frauen, die vorgeben Männer zu sein, überwiegt häufig die Tragik und Ernsthaftigkeit („Die Päpstin“).

Der Begriff Körpertausch ist hingegen nicht so sehr auf den ersten Blick zu greifen. Es klingt ein wenig übersinnlich und genau das ist es auch. Durch Blitzeinschläge oder magische Zaubertränke oder –Pulverchen werden Körper und Seele voneinander getrennt und zum Beispiel zwischen zwei Personen getauscht („Freaky Friday“). Oder aber man reist in die Vergangenheit oder Zukunft und steckt dann im Körper seines früheren oder späteren Ichs („30 über Nacht“). Dieses beliebte Element in Film und Literatur schafft einen Perspektivwechsel für die betroffene Person und kann zu einer Art Katharsis führen. Endlich versteht man die fremde Sichtweise der Dinge.

Eine Variante des Körpertauschs, wie ich sie noch nie gesehen habe, hat David Safier in „Plötzlich Shakespeare“ verarbeitet. Die unglückliche Rosa wird von einem Hypnosekünstler in Trance versetzt und erlebt eine Rückführung in den Körper, den ihre Seele früher einmal bewohnt hat. Das ist ausgerechnet der Körper von William Shakespeare und das Besondere ist, dass sein Geist ebenfalls noch in diesem Körper steckt, allerdings nur noch als Stimme agieren kann (zumindest wenn Rosa bei Bewusstsein ist). Interessanterweise vereint ein männlicher Körper nun also den Geist von sowohl einer männlichen als auch einer weiblichen Person. Da beide heterosexuell sozialisiert sind und augenscheinlich so empfinden, führt dies zu vor allem humoristischen Begebenheiten, in denen der Körper etwas tut, was einer die beiden Geiste nicht unbedingt gutheißt. Genau an diesen Stellen hatte ich manchmal das Gefühl, dass ein gewisses Minimum an Homophobie eingearbeitet werden musste, um quasi den_die Leser_in dort abzuholen, wo er_sie ist.
Es beginnt damit, wie Rosa in Williams Körper erwacht und sich erst einmal orientieren muss, in welcher Zeit sie sich befindet. Die Mode von damals ist durchaus befremdlich für sie und so deutet sie die Männer in Strumpfhosen um sie herum schnell als Schwule. Als ihr dann bewusst wird, dass sie selbst ein Mann in Strumpfhose ist und dass somit einer der Umstehenden ihr Liebhaber sein könnte, scheint latente Homophobie durchzuschimmern. In dieser Situation war ich tatsächlich etwas säuerlich, da ich das Gefühl hatte, diese Gedanken wurden als Slapstick eingearbeitet, um Schmunzler einzukassieren. Dabei musste Rosa in diesem Moment um ihr Leben fürchten. In der Realität hätte man wohl andere Sorgen als die Beule in der Strumpfhose. Und auch William zeigt im Laufe des Textes, dass er Berührungsängste mit dem Thema Männerliebe hat (was umso komplizierter ist, als Rosa sich in einen Mann in der Vergangenheit verknallt).

Trotzdem schaffte es der Text mich zu versöhnen, denn nach und nach lernen Rosa und Shakespeare sich kennen und beginnen die Gefühle des jeweils anderen zu verstehen. Sie versetzen sich in die Logik des anderen und beginnen auch das fremde Begehren zu begreifen. Gen Ende sind die Schranken in den Vorstellungen der Beteiligten abgebaut. Es ist ihnen klar geworden, dass nach mehrmaliger Wiedergeburt die Seele des vermeintlich Seelenverwandten auch im Körper des gleichen Geschlechts gelandet sein kann. Und so finden wir schließlich auch Shakespeare gezielt auf der Suche nach einem männlichen, ihm seelenverwandten Körper. Der Shakespeare, der Rosas Kuss mit einem anderen Mann kaum ertragen konnte.

Spannend war für mich auch, dass Homosexualität zur Zeit Shakespeares mehrmals thematisiert wurde. So wurde beispielsweise das Wort ‚quer’ als Bezeichnung verwendet. Dabei handelt es sich vermutlich um die eingedeutschte Variante zu ‚queer’ (ursprünglich im Englischen sonderbar, verrückt, anders). So wurde beispielsweise angedeutet, dass Homosexualität in kirchlichen Kreisen weit verbreitet war, wie in dem Kloster, das Rosa später besucht. Im Gespräch mit der Queen erfährt sie, dass Quere im elisabethanischen England hingerichtet wurden (es sei denn, die Queen legte eine schützende Hand über sie). Ob dies alles der Realität entspricht, vermag ich nicht zu urteilen. David Safier jedenfalls windet sich geschickt heraus, indem er einleitend eine „Warnung an den Leser“ formuliert: „Dieses Buch ist in historischer Hinsicht beeindruckend unfundiert“. Die Gedanken und Gefühle von Rosa, also einer Person unserer Zeit, dominieren eben auch und da gehört es eben dazu, sich ein bisschen zu winden, wenn sie vermutet, dass sie im Körper eines Schwulen gelandet sein könnte. Das Schöne ist, dass diese Haltung veränderbar ist. Zumindest bei Rosa und William und damit stößt es vielleicht auch etwas bei der_dem Leser_in an.

Donnerstag, 26. April 2012

(Queergelesen) König und Königin des Comics


Die Autorin Juliette Bensch ("Last minute Liebe") liest und schreibt über queere (Literatur-)Themen.


König und Königin des Comics
Alison Bechdel und Ralf König im Portrait

Aus gegebenem Anlass werfe ich den Blick heute mal auf Bücher, deren Inhalt weniger vom geschriebenen Wort, als vom gezeichneten Bild dominiert wird. Bilder von knollnasigen Bären und coolen Dykes. Bilder, die es ins Kino schaffen, die Literaturszene revolutionieren und sich für das stark machen, was ihre Zeichner bewegt.

Aber fangen wir mal am Anfang der Geschichte an. Es beginnt im Jahre 1960. Das ist ein guter Jahrgang. Zumindest, was Kunsttalente angeht. Es begab sich da zum einen im fernen, amerikanischen Lock Haven, Pennsylvania. Dort erblickte Alison Bechdel das Licht der Welt.
Hierzulande und lediglich einen Monat vor ihr wurde Ralf König in Soest, Westfalen geboren. Während Ralf König eine Tischlerlehre an seinen Realschulabschluss hängte, ist Alison Bechdel noch in der College-Ausbildung. Sie bewarb sich an mehreren Kunsthochschulen, wurde jedoch abgelehnt und arbeitete erstmal in verschiedenen Stellen im Verlagswesen. Er hingegen schaffte es an die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf. Und dann geht’s los. Sie zeichnen. Auftragswerke, freiberuflich, politisch und so wie es ihnen passt. Und sie kommen raus, outen sich. Es sind die 1980er. Stonewall hat Amerika verändert. Die Schwulen- und Lesbenbewegung kämpft sich voran und begehrt gegen Paragraph 175 auf. Ralf König ist mittendrin, dokumentiert und veröffentlicht Schwulcomix. Alison Bechdel entwickelt die Dykes to watch out for, die regelmäßig in einer Zeitung erscheinen. Beide dokumentieren die Subkultur, schwul, lesbisch, deutsch, amerikanisch.

1990 veröffentlichte König zuerst Das Kondom des Grauens, eine erste längere Comic-Erzählung. Kurz darauf erschien Der bewegte Mann, erstmals bei einem großen Publikumsverlag, und wurde bald mit großem Erfolg fürs deutsche Kino verfilmt. Weitere Werke folgten Knall auf Fall und wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Die Knollnasen sind legendär, verhehlen nichts und sind urkomisch.

1990 hat auch Bechdel verändert. Sie konnte sich als Comiczeichnerin und Illustratorin selbstständig machen. Die Dykes to watch out for ist wie eine Soap, man kann überall in die Reihe um Mo und ihre Freundinnen einsteigen. Die Comicbände erschienen übrigens auch im Deutschen (wie ich in der zweiten Ausgabe von Queergelesen erwähnte). Bechdels großer Durchbruch erfolgte erst 2006 mit Fun Home. Der ‚Tragicomic’ (oder auch Graphic Novel) ist hochgradig autobiografisch und viel ernster und realistischer als Königs Werke. Es geht um das Heranwachsen im Familienbetrieb, einem Bestattungsunternehmen, das Erkennen ihrer Homosexualität und um den Tod ihres Vaters. Fun Home stand in Amerika auf den Bestsellerlisten und wurde auch in Deutschland deutlich wahrgenommen.

Königs Fokus lag jüngst u.a. mit den Bänden Prototyp, Archetyp und Antityp auf den Themen Religion und Religionskritik. Außerdem erschien der Sammelband Der dicke König.

Zurück zum Stein, der diesen Artikel ins Rollen gebracht hat. Ich sprach zu Beginn von einem aktuellen Anlass. Ebendieser war die diesjährige Berlinale, auf der der Dokumentarfilm Der König des Comics Premiere feierte. Gedreht wurde das Ganze von Rosa von Praunheim, Filmemacher und Legende der Schwulenbewegung. Letzten Monat war er noch in verschiedenen deutschen Kinos zu sehen.

Bechdel kündigt derweil das Erscheinen eines neuen vielversprechenden Comicbandes mit dem Titel Are You My Mother? für Mai 2012 an.

König und Bechdel haben auf unnachahmliche Weise die Schwulen- und Lesbenbewegung geprägt und waren und sind dabei unglaublich unterhaltsam, aufklärerisch und berührend. Ich bin gespannt, was wir noch von ihnen erwarten können und verneige mein Haupt vor dem König und der Königin des Comics.

Freitag, 23. März 2012

(queergelesen) Ausflüge in den rubinroten Dschungel


Die Autorin Juliette Bensch ("Last minute Liebe") liest und schreibt über queere (Literatur-)Themen.

Ausflüge in den rubinroten Dschungel
Juliette liest einen Klassiker


Wenn man das Wort Klassiker sieht, denkt man sicher zuerst an Werke, die mindestens hundert Jahre alt sind. Besser noch älter. Goethe, Schiller, Jane Austen. Auf diese lange Tradition können lesbische Autorinnen und Leserinnen, wenn man von Sappho absieht, nicht zurückblicken. Der Klassiker, um den es mir heute geht, feiert im kommenden Jahr gerade mal den 40. Geburtstag. Warum ich außerdem denke, dass es ein Klassiker ist? Zum ersten Mal begegnete es mir im intertextuellen Zusammenhang, indem in einem anderen Roman darauf verwiesen wurde. Alles in allem prägte er wohl Generationen von LeserInnen und ist nach all den Jahren immer noch im Gespräch. Die Rede ist von „Rubinroter Dschungel“ von Rita Mae Brown, das 1973 in Amerika (wenige Jahre später in deutscher Übersetzung) veröffentlicht wurde.

Rita Mae Brown wird vielen von euch vor allen Dingen durch ihre Sneaky-Pie-Katzenkrimis ein Begriff sein. Bevor sie jedoch Krimis schrieb, war sie Aktivistin in der lesbischen Frauenbewegung der USA, z.B. als Mitbegründerin der Radicalesbians. Brown ist Jahrgang 1944 und wurde in Hanover, Pennsylvania geboren. Mit „Rubinroter Dschungel“, ihrem Debütroman, schlug sie für die damalige Zeit im doch recht prüden Amerika sehr deutliche Töne an.

Und noch heute ist das Buch sehr lesenswert. Als ich mich in den Dschungel begab, merkte ich schnell, dass ich keine Machete benötigte. Stattdessen schwingt man als LeserIn mit einer Leichtigkeit von Liane zu Liane und hat auch noch eine Menge Spaß dabei.

Rita Mae Brown erzählt die Geschichte ohne sich an überflüssigen Details aufzuhalten. So muss es auch sein, da sie etliche Jahre, Kindheit, Jugend und junges Erwachsenenalter im Leben der Protagonistin Molly Bolt beschreibt.
Molly ist von Anfang an eine Sympathiefigur. Sie hat es schwer in ihrer Welt, hauptsächlich weil sie sich nicht anpassen will und Gegebenes nicht als Selbstverständlichkeit hinnimmt. Sie will Ärztin oder Politikerin (am besten Präsidentin) werden, obwohl in den 1950er Jahren kaum bis gar keine Frauen in diesen Positionen vorhanden waren. Stattdessen herrscht in ihrem Umfeld das allgemeine Verständnis, dass ihre Zukunft darin besteht, zu heiraten, Kinder zu bekommen und dass eine Frau überhaupt nur so gut ist, wie der Mann, an dessen Seite sie ist. Aber Molly ist unglaublich stark, sie schert sich nicht darum, was andere von ihr halten oder ob sie sie mögen. Ihr ist nur wichtig, dass sie selbst sich mag und mit dieser Stärke kann sie gar nichts anderes als eine Heldin und Vorbildfigur für die LeserIn sein.

Dass es Molly alles andere als leicht hat, wird schnell klar, als ihre vermeintliche Mutter Carrie ihr offenbart, dass sie Molly nur adoptiert hat. Von einem einfühlsamen, sensiblen Gespräch kann jedoch nicht die Rede sein. Carrie knallt Molly Wörter wie ‚Bastard’ an den Kopf und verhehlt nicht, dass sie die Entscheidung, sie anzunehmen, mehr als einmal bereut hat und enttäuscht von Mollys Entwicklung und ihrem Starrsinn ist. Immer wieder vermittelt sie ihr, dass sie unerwünscht ist.

Molly stellt bald fest, dass sie nicht nur keinen Mann heiraten will, sondern auch, dass es sich besonders interessant im Bauch anfühlt, wenn sie ihre Schulfreundin Leota küsst. Plötzlich kann sie sich vorstellen, sie zu heiraten. Ein Mädchen! Dabei lässt sie sich überhaupt nicht davon abhalten, dass es in ihrem Umfeld keine offen lebenden Frauenpaare gibt.

Der Einzige aus Mollys Familie, der sie wirklich so nimmt und akzeptiert wie sie ist, ist ihr Vater Carl. Ohne Kompromisse sieht er Molly als seine Tochter, obwohl sie faktisch gesehen nicht verwandt sind. Er ist es auch, der ihr Zuspruch gibt, ihr Leben so zu leben, wie sie es für richtig hält. Nach Carls Tod wird es für Molly also nicht gerade leichter. Auch nicht, als die Familie von Pennsylvania nach Florida zieht. Die LeserIn begleitet Molly weiter durch die Schulzeit und bis ins Studium hinein. Dort bestätigt sich, was sie schon bei Leota fühlte. Sie begegnet immer wieder Mädchen und Frauen, die etwas Besonderes in ihr auslösen. Mit ihren Gefühlen geht sie zwar nicht hausieren, aber sie nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn man sie fragt. Das bringt ihr nicht immer Vorteile, wie man vielleicht mit Hinblick auf Carries Reaktion erahnen kann, aber Molly Bolt bleibt sich selbst treu und als LeserIn staunt man immer wieder über ihren Mut und ihren Stolz. Und trotz allem verliert sie auch nicht ihren Humor. Molly kann mit einiger Schlagfertigkeit und Situationskomik auftrumpfen.

Bolt heißt Blitz. Und genau das ist sie auch. Nichts und niemand kann sich ihr in den Weg stellen. Kaum verwunderlich also, dass sie unzählige LeserInnen auf ihrem Weg begleitet hat und bis heute nicht loslässt. Molly ermutigt, gibt Kraft und tut einfach nur gut.
Umso berührender ist es, wenn klar wird, dass der Roman Rita Mae Browns eigene Biographie widerspiegelt. Brown führte und führt ein bewegtes Leben und gehört zurecht zu den ganz Großen der Literaturwelt.

Samstag, 11. Februar 2012

(queergelesen) Lesbische Gegenwartsliteratur für EinsteigerInnen – Verlage, Autoren, Genres und Titel


Die Autorin Juliette Bensch ("Last minute Liebe") liest und schreibt über queere (Literatur-)Themen.

Gleich vorweg: dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wer aber meint, noch keine oder kaum Romane mit lesbischen Protagonistinnen im Bücherregal zu haben und sich aber für die Thematik interessiert, findet hier sicher die ein oder andere Anregung.

Wie findet man am einfachsten lesbische Romane innerhalb des riesigen Buchmarkts, auf dem jährlich zehntausende Neuerscheinungen pro Jahr hinzukommen? Man sucht gezielt bei Verlagen, die sich auf diese Inhalte und die Zielgruppe spezialisiert haben. Neben den großen Publikumsverlagen, in denen man ebenfalls hier und da Lesbisches finden kann, sind das vorrangig folgende:

Der Orlanda Verlag gründete sich 1974 und beschäftigt sich mit „Themen, die Frauen bewegen“. Es gibt Sachbücher, u.a. zu politischen, kulturellen oder ethnischen Inhalten sowie Sex- und Gesundheitsratgeber. Genau diese Bandbreite spiegelt sich auch im Bereich der Belletristik wider. Am erfolgreichsten war und ist wohl der historische Liebesroman „Patience and Sarah“ von Isabel Miller.

1978 wurde der Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke ins Leben gerufen. Eine Neuheit des Verlages war die Grenzüberschreitung der Künste: Wort und Bild gehen Hand in Hand. Am besten erkennbar ist das wohl an den erotisch-künstlerischen Anthologieserien „Mein heimliches Auge“ (multisexuell, aktuell Ausgabe 26) sowie dessen Nachfolger „Mein lesbisches Auge“ (aktuell Ausgabe 10) und „Mein schwules Auge“ (aktuell Ausgabe 8). Darüber hinaus veröffentlicht der Verlag Werke aus oder über fremde Kulturen (Japan, Kanarische Inseln). Die lesbisch ausgerichteten Titel sind in den Genres Thriller und (erotische) Liebes- oder Unterhaltungsliteratur angesiedelt, wie z.B. die Romane von Regina Nössler.

Den Ulrike Helmer Verlag gibt es seit 1987. Er bietet ein interessantes Profil mit Sach- und Wissenschaftsbüchern zu frauenorientierten Themen (z.B. Gender Studies, Feminismus oder Frauenberufe). Es gibt zudem die „Edition Klassikerinnen“ und im Bereich Belletristik spezialisiert sich der Verlag vorrangig auf die Interessen einer lesbischen Leserschaft. Eines der bekanntesten Werke dieser Reihe ist wohl „Julia und Satine“ von Daniela Schenk.

Seit über 20 Jahren gibt es auch schon die Ariadne Krimis im Argument Verlag. Ihr Anspruch liegt hoch, es geht nicht nur um Morde, nach deren Klärung wieder alle selig und zufrieden sind. Ariadne deckt psychologische Hintergründe auf, setzt sich mit gesellschaftlichen Widersprüchen auseinander. Nebenbei sind die Hauptfiguren mehrheitlich weiblich und nicht selten frauenliebend. Mittlerweile Kult geworden ist Sarah Drehers Stoner-McTavish-Reihe um die gleichnamige Ermittlerin und auch die internationale Größe Val McDermid wurde von Ariadne verlegt.

International geht es bei dem seit 1993 existierenden Verlag Krug u. Schadenberg zu. Die Verlegerinnen haben laut Slogan „Frauen im Sinn“ und kümmern sich mit besonderem Engagement um Übersetzungen aus dem Englischen, Französischen oder Spanischen, verlegen aber auch deutsche Autorinnen. Darunter sind belletristische Titel von Bettina Isabel Rocha, Karin Kallmaker, Manuela Kuck sowie von Shamim Sarif, die ihre Romane („Mitten ins Herz: I Can’t Think Straight“, „Die verborgene Welt“) in der Rolle der Regisseurin zu Verfilmungen geführt hat. Die Sachbuchtitel decken verschiedene Aspekte des lesbischen Lebens ab, privat („Sie liebt Sie“) oder im Beruf („Bringen Sie doch Ihre Freundin mit“).
Seit Kurzem wurden auch die Restbestände und Neuauflagen des geschlossenen Verlags Daphne bei Krug u. Schadenberg aufgenommen. Daphne wurde 1984 gegründet und hat legendäre Werke wie von Radclyffe Hall („Quell der Einsamkeit“) verlegt und großartige Autorinnen wie Sarah Waters („Die Muschelöffnerin“) für den deutschen Markt zugänglich gemacht. Daneben gab es bei Daphne auch die unterhaltsamen Comics von Alison Bechdel (die später mit der Graphic Novel „Fun Home“ über die Grenzen des lesbischen Markts hinaus berühmt wurde).

1995 wurde der Querverlag als erster lesbisch-schwuler Verlag Deutschlands gegründet und richtet seither das Augenmerk auf die Kooperation von Männern und Frauen innerhalb der queeren Gemeinschaft. Es werden sowohl Belletristik als auch Sachbücher verlegt. Maßgeblich zum Profil beigetragen haben zum Beispiel Karen-Susan Fessel (deren „Bilder von ihr“ sich fortwährender Beliebtheit erfreut), Antje Wagner („Der gläserne Traum“, „Schattengesicht“) und Corinna Waffender (die die lesbisch-schwule Krimireihe ‚Quer Criminal’ prägt, u.a. mit „Sterben war gestern“). Die Sachbücher sind wissenschaftlich angehaucht („Gender Theory“), beschäftigen sich mit wichtigen juristischen Grundlagen („Erst Recht“) und sind immer am Puls der Zeit („Regenbogenfamilien“).

1996 wurde die Édition el!es ins Leben gerufen. Autorin und Verlagsgründerin Ruth Gogoll machte sich kurzerhand mit „Taxi nach Paris“ und einem einzigartigen Konzept selbstständig, nachdem ihr Manuskript immer wieder abgelehnt wurde. Sie konnte einfach keine tragischen Geschichten um die lesbische Liebe mehr sehen und besteht seitdem auf das Happy End in jedem ihrer herausgegebenen Bücher – durchweg Liebesromane, ob von Fan Fiction inspiriert, in fantastischen Welten spielend oder im Hier und Jetzt. Außergewöhnlich ist auch, dass Leserinnen ein Abonnement für die monatlich erscheinenden Romane abschließen können. Des Weiteren gibt es seit einigen Jahren den Wettbewerb zum Lesbischen Literaturpreis, bei dem sich Autorinnen dem Urteil der Leserinnen stellen können. Er ist auch ein Trittbrett für Jungautorinnen. Erfolgreiche und etablierte Vielschreiberinnen bei el!es sind u.a. Victoria Pearl, Julia Arden, Julia Schöning und natürlich Ruth Gogoll selbst. Die jüngste Unternehmung ist die Zuwendung zum internationalen Markt durch Übersetzung ins Englische.

Samstag, 14. Januar 2012

(queergelesen) Ash – über die Erwartungen an das etwas 'andere' Märchen


Die Autorin Juliette Bensch ("Last minute Liebe") liest und schreibt über queere (Literatur-)Themen.


Ash – über die Erwartungen an das etwas 'andere' Märchen

Weihnachtszeit ist Märchenzeit. Vielleicht, weil fallender Schnee so bezaubernd wirkt und Stille einkehren lässt. In dieser Stille geht man in sich und erinnert sich der Geschichten aus der Vergangenheit. Das waren meist Märchen, im Idealfall von einem Großelternteil aus dem Grimm'schen Sammelband vorgelesen, vielleicht aber auch nur als Defa- oder Disney-Adaption wahrgenommen.

Nun hat es um Weihnachten 2011 in Deutschland (abgesehen von höheren Lagen) nicht wirklich geschneit, aber Tradition bleibt Tradition. Das alljährliche Märchen ist Pflicht. Dieses Mal entdeckte ich eine etwas andere Abwandlung für mich. Ich hatte mir die Cinderella-Adaption „Ash“ von der Amerikanerin Malinda Lo vorgenommen. Das Buch bescherte mir genüssliche Stunden. Dabei spielt es eine nicht ganz nebensächliche Rolle, dass mir von vornherein bewusst war, dass es eine lesbische Variation des Originals ist. Ich erinnere mich nicht bewusst daran, überhaupt je ein zeitgenössisches Märchen gelesen zu haben, aber „Ash“ hat meine Erwartungen nicht enttäuscht. Mystische Wälder, eine gemeine Stiefmutter, ein armes Waisenkind, das Ganze besprenkelt mit einigen Spritzern Fantasy, verpackt für die Zielgruppe jugendlicher Leser.

Im Anschluss an meine Lektüre las ich einige Buchbesprechungen dazu. Da ich gern in der Originalsprache lese, hatte ich mich für die englische Version entschieden. Bei den Lesermeinungen auf Amazon fiel mir dann etwas Entscheidendes auf: die Bewertungen der verschiedenen Ausgaben variieren. 4 ½ Sterne (bei 6 Bewertungen) für die englische Originalausgabe, aber nur 3 Sterne (bei 47 Bewertungen!) für die deutsche Ausgabe (Stand Januar 2012).

Da frage ich mich, ob der Unterschied damit begründbar ist, dass die zwei Ausgaben verschieden sind oder ob es an der Mentalität der Leserschaft liegt. Sind die Deutschen gar kritischer (oder überhaupt erst einmal bewertungsfreudiger)?

So ganz pauschal kann man dazu natürlich nichts sagen, ohne tiefgründig Marketingcampagnen vergleichen zu müssen. Wenn man jedoch die Bewertungen auf Amazon anklickt, die nur einen oder zwei Sterne vergeben, wird klar, dass viele deutsche Leser schlichtweg enttäuscht waren. Sie erwarteten ein neuerzähltes Aschenputtel – inklusive dem Prinzen, bekamen aber eine Lesbe, mit der sie sich so rein gar nicht identifizieren konnten.
Ganz klar, ein Blick auf die Vermarktungstexte lässt erahnen, dass der PAN-Verlag, der den Text als deutschsprachige Übersetzung der Leserschaft zugänglich gemacht hat, eine andere Marketingstrategie als die Amerikaner fährt. Im deutschen Klappentext wird Kaisa, die königliche Jägerin, in die sich Ash im Verlauf des Romans verliebt, mit keiner Silbe erwähnt. Stattdessen wird sogar der Prinz angesprochen, obwohl seine Rolle im Buch marginal ist. Der englische Klappentext hingegen spielt mit offenen Karten und deutet sogar an, dass die Begegnung mit Kaisa eine Veränderung in Ash hervorruft.
Das Ende vom Lied sind vermutlich gute Verkaufszahlen im deutschsprachigen Raum, jedoch auch etliche enttäuschte Leser.
Der Schritt, dieser Enttäuschung mithilfe einer Rezension dann Luft zu machen, ist ein kleiner. Wird man als LeserIn überrascht, fehlen einem hingegen oft die Worte. Das muss jedoch nicht das Schlechteste sein.

Wir alle haben Erwartungen. Manchmal sind sie uns nicht bewusst, weil wir nicht in uns hineinhören und sie suchen, aber wir spüren sie anhand der Freude oder der Enttäuschung bei der Entwicklung der Geschehnisse. Aber mal ehrlich, sind nicht die Geschichten, die uns überraschen, auch die, die uns im Kopf bleiben?