Titel: Ben Hur
Autorin: Carol Wallace
Originaltitel: Ben Hur
Verlag: adeo
ISBN: 978-3863341220
Euro: 17,99
Veröffentlichungsdatum: August 2016
Seiten: 477
Kein Serientitel
Come in: Vom Verlag
Meinung
Die
Familie habe, schreibt Carol Wallace, Ur-Ur-Enkelin des Autors Lew
Wallace, im Nachwort, stets den Roman "Ben Hur" geschenkt bekommen, so
dass alle verfügbaren Ausgaben im Hause gewesen seien. Aber gelesen habe
sie ihn nie. Das habe sich erst geändert, als eine Neuverfilmung des
Film-Klassikers von 1959 angedacht worden sei. Im Zuge dessen habe man
nämlich auch eine Überarbeitung des Lesestoffes, der erstmals 1880
erschienen ist, angedacht. Mit mehr als hundert Jahren auf dem Buckel
musste dieser ein wenig an die heutige Zeit angepasst werden; aber so
viel sei gar nicht zu tun gewesen, schreibt die Autorin, die zuvor
bereits mehrere bekannte Bücher veröffentlicht hat. Ein paar Kürzungen,
einige Charaktere vertiefen, dabei besonders die weiblichen, mehr sei es
nicht gewesen.
Die Arbeit hat sich gelohnt, nicht nur ist das Werk
ein absoluter Page Turner, es liest sich flüssig und ist eines jener
Werke, das man auf jeden Fall einmal gelesen haben sollte.
Auch über
das Leben und Wirken ihres Vorfahren verliert die Autorin einige Worte.
Schnell steht fest, dass Lew Wallace zwar durch "Ben Hur" am
bekanntesten wurde, aber sich sein Leben ebenfalls für eine Verfilmung
eignen würde. An spannenden Ereignissen fehlt es im Leben des ehemaligen
Bürgerkriegssoldaten, Anwalts, Politikers und Botschafters im Ausland
nicht.
"Ben Hur" nun ist ein Buch in mehreren Teilen und wer die
Altverfilmung kennt, kennt auch die Geschichte. Der Junge Ben Hur ist in
einer vermögenden Familie aufgewachsen, sein Vater hat sich einen Namen
gemacht, inzwischen leben aber nur noch Mutter und Schwester mit ihm im
Haus. Sein Jugendfreund Messala kehrt nach seiner Ausbildung in Rom
zurück und hat sich leider sehr verändert. Inzwischen verachtet er alles
nicht-römische und vor allem die Juden, zu denen Familie Hur gehört. So
zögert Messala auch nicht, seinen ehemaligen Freund ohne
Gerichtsverhandlung als Sklave auf die Galeeren zu schicken, als diesem
beim Einzug des neuen Statthalters ein Missgeschick passiert. Mutter und
Schwester kommen in ein fensterloses, flaches Verlies und werden dieses
viele Jahre nicht mehr verlassen.
Doch Ben Hur hat Glück und davon
schließlich eine ganze Menge - nicht nur erlangt er seine Freiheit
zurück, er erhält eine römische Ausbildung, erbt viel Geld, kehrt in die
Heimat zurück, wo er seine Familie sucht, noch mehr Geld erbt, Messala
stellen kann, die Frau fürs Leben findet und noch reicher wird.
Wenn
es also einen Kritikpunkt gibt, dann dass nach kurzer Misere - dem
Galeerenschiff - das Leben optimal für Ben Hur verläuft.
Herausforderungen für ihn sucht man vergeblich. Da jedoch noch viel mehr
geboten und dies zudem in einer sehr angenehmen und wohl formulierten
Sprache präsentiert wird, kann darüber hinweggelesen werden. Trotz der
Kürzungen sind die Beschreibungen immer noch ausreichend und lassen ein
beinahe dreidimensionales Bild vor Augen erscheinen. Ein erstaunlicher
Umstand, denn Lew Wallace gelangte erst viele Jahre nach Abschluss des
Buches in jene Länder, in denen die Geschichte spielt. Stolz und froh
sei er gewesen, schreibt Carol, dass alles wirklich so sei, wie er es
nur von Ferne hatte recherchieren können - wohlgemerkt um 1880 herum.
Anders
als in den Verfilmungen, besonders der neuen, die offenbar leider wenig
beliebt ist, stehen im Buch nicht die Galeerenzeit oder das Wagenrennen
im Vordergrund. Das sind einzelne Stationen, die Ben Hur durchläuft,
die aber nicht überdramatisiert werden. Die Beziehungen der Personen
untereinander sind da ausschlaggebender. Besonders die Suche nach Mutter
und Schwester treibt Ben Hur voran, wenn auch seine Gefühle für Messala
ihn ab und an überrollen. Rache jedoch ist ebenfalls kein zentrales
Motiv des Buches, es lechzt niemand nach Blut oder glaubt, eine wie auch
immer geartete Ehre wiederherstellen zu müssen.
Was die Geschichte
so faszinierend macht ist ihre Authentizität, ihre immer noch spürbare
Aktualität. Die Römer kontrollieren zu Zeiten Jesus Christus einen
Großteil der damals bekannten Welt und nicht zuletzt auch die Stadt, in
der Ben Hur lebt. Die Galeeren werden von römischen Sklaven angetrieben -
gefangen in der ganzen Welt. Alles und jeder ist ihnen unterworfen, wer
nicht spurt, muss mit den Konsequenzen zu leben lernen. Nun ist der
Messias geboren, einer der drei Weisen rät Ben Hur aus seiner römischen
Ausbildung und seinem vielen Geld ein Heer aufzubauen. Wenn ER sich zu
erkennen gibt, so glaubt der inzwischen alte Mann, wird ER dieses sicher
benötigen und die Juden gegen die Römer in die Freiheit führen. Ben Hur
trifft tatsächlich mehrmals auf Jesus, auf dem Weg zu den Galeeren gibt
ihm ein unbekannter Mann gegen den römischen Willen etwas zu trinken.
Später hört und sieht er Jesus predigen, auch dessen Heilung der
schrecklichsten Krankheiten kann er miterleben. Und schließlich auch die
Kreuzigung.
Der Roman gehört auf jeden Fall ins Bücherregal. Die
Neubearbeitung von Carol Wallace ist lesenwert, gut durchdacht, dezent
verändert und sprachlich auf sehr hohem Niveau. Der Schutzumschlag des
Hardcovers kann entfernt werden, ein neutraleres Coverbild wäre
wünschenswert gewesen, hier ist der Schauspieler aus der Neuverfilmung
zu sehen. Aber vielleicht bietet es sich auch an, es wie Familie Wallace
zu machen und mehrere Ausgaben anzuschaffen. Die alte und die neue
Version in etwa nebeneinander zu stellen.
Gelesen sollte man diesen
großartigen Roman, der auch nach einhundert Jahren nichts von seiner
Aussagekraft und seinem Esprit eingebüßt hat, auf jeden Fall. Schade,
dass ich so lange damit gewartet habe.
Carol
Wallace ist die Ur-Ur-Enkelin von Lew Wallace, dem Autor des Klassikers
"Ben Hur", der 1880 erschien. Carol hat bereits über 20 Bücher
geschrieben, zuletzt den historischen Roman "Leaving van Gogh". Sie ist
die Co-Autorin des "New York Times"-Bestsellers "To Marry an English
Lord", der als Inspiration zur Erfolgsserie "Downton Abbey" gilt. Carol
hat an der Princeton University und an der Columbia University studiert.