Donnerstag, 18. Juni 2026

(Interview) Kontrabande Verlag: „Ein gutes Buch ist für uns kein Kompromiss.“

 


Wann und aus welchem Impuls heraus wurde der Kontrabande Verlag gegründet?

Wir sind ganz frisch zum Jahresanfang 2025 gestartet. Der Impuls war eigentlich eine typische „Schnapsidee“ – oder besser gesagt: eine „Boot-Idee“. Gerd und ich saßen im Cockpit seines kleinen Segelboots in Zeeland und quasselten über Gott und die Welt, als Gerd beiläufig erwähnte, dass er mal ein preisgekröntes Jugendbuch geschrieben hat, das völlig in Vergessenheit geraten war. Segler sind immer finanziell auf Kante genäht, und die Idee, ein Buch noch einmal zu veröffentlichen, das es sogar auf die Auswahlliste des Deutschen Jugendbuchpreises geschafft hatte, hey, da dachten wir, coole Idee … bringen wir wieder auf den Markt und Gerd wird reich. Aus diesem einen Projekt wurde dann, weil man ein Buch nicht einfach so veröffentlicht – das Buch braucht einen Verlag, ein Verlag aber mehr als ein Buch – der „Irrwitz“, mit über 60 Jahren direkt einen ganzen Verlag zu gründen. Wobei ich fairerweise sagen muss: Ich bin deutlich jünger als Gerd.

 

Welches Programm / welche Genres werden veröffentlicht?

Wir stehen auf Texte, die etwas wagen – experimentell, gesellschaftskritisch und direkt. Unser Fokus liegt momentan auf Jugendbüchern und Unkonventionellem wie Urban Society. Ein paar Segelbücher lagen auch auf dem Weg. Fantasy, Vampirgeschichten und Romantasy, da sind wir vermutlich der falsche Ansprechpartner.
Aber offen gesagt, da wir so in dieses Abenteuer hineingestolpert sind und auch nicht unbedingt einem wirklich stringenten Plan folgen: Wir lassen uns überraschen. Machen die Segler ja auch. Du schaust raus und siehst, der Wind kommt aus der falschen Ecke, dann planst du eben um und fährst in die andere Richtung.

 


Dürfen sich Autoren bewerben und falls ja, was genau wird gesucht?

Ja, unbedingt! Wir suchen junge und unkonventionelle Stimmen, die das Schräge und Unangepasste lieben. Wer uns überzeugen will, schickt einfach eine Mail mit den ersten ein, zwei Kapiteln als Word- oder Text-Datei. Wir brauchen kein „Formularzeug“ oder langes Blabla – ein Exposé ist optional. Es kommt uns rein auf den Inhalt an.
Also, liebe Autoren: Schickt euren Text, so wie er ist. Die Form ist uns vollkommen unwichtig. Bleibt nur zu erwähnen: Wir sind kein Druckkosten-Zuschuss-Verlag!

 

Wie geht die Coverauswahl vonstatten?

Da ich aus der Werbebranche komme, bestimme ich. Es gibt eine klare Meinung: Ein Buch muss nicht nur inhaltlich, sondern auch vom Design her richtig aussehen. Wir machen das Layout und die Gestaltung selbst, weil wir den Anspruch haben, technisch ordentlich produzierte und ästhetisch überzeugende Bücher zu machen.

 


Es gibt eine Neuauflage und -übersetzung der bekannten Anne-Romane von Lucy Maud Montgomery. Was steckt dahinter?

Wir nutzen die Freiheit unserer Verlagsgründung, um uns Freiräume für eigene Projekte und Übersetzungen zu schaffen, die sonst niemand macht oder die in gängige Raster nicht reinpassen. Trifft jetzt bei den Anne-Büchern so gar nicht zu. Da war es eher die Sicherheit, dass diese Bücher einige andere, die nicht – oder besser noch nicht – bekannt sind, mitfinanzieren.
Wir wollen halt Texte in Umlauf bringen, die uns am Herzen liegen – eben Literatur, die nicht sofort „funktionieren“ muss, sondern eine echte Stimme hat.

 


Dem Thema "Segeln" ist der Verlag sehr verbunden. Warum?

Weil der Verlag quasi auf dem Wasser geboren wurde. Die Idee entstand auf einem Boot, während wir über kaputte Motoren, wo das Öl in der Bilge herkommt, und das Leben an Bord philosophierten. Segeln bedeutet für uns Freiheit und Charakter – und genau diesen „frischen Wind“ wollen wir in die Literaturszene tragen. Gerd ist mit seinen 78 Jahren zum Beispiel gerade auf den französischen Kanälen bis ins Mittelmeer geschippert.

 

Welche Zielgruppe(n) hat der Verlag im Blick? Wem sind die Verlagsbücher zu empfehlen und wem nicht?

Wir sind für alle da, die keine Lust auf Einheitsbrei haben. Unsere Bücher sind für jeden, der auch mal ausgetretene Trampelpfade verlassen will. Bücher, die auch mal anecken dürfen. Wer seichte Unterhaltung oder „glatt gebügelte“ Schnulzen sucht, wird bei uns eher nicht fündig.

 

Können wir zum Schluss noch einen kleinen Ausblick bekommen? Was erwartet die Leser in der Zukunft?

Wir bleiben experimentierfreudig! Wir haben noch ein paar Bücher in Arbeit, aber das braucht noch etwas Zeit. Vielleicht werden wir alternative Vertriebswege und vielleicht sogar mal Crowdfunding ausprobieren. Inhaltlich machen wir einfach das, was uns gerade in den Sinn kommt – ohne den Druck eines starren Frühjahrs- oder Herbstprogramms.

 

Möchten Sie gern selbst noch einige Worte an die Leser richten?

Ein gutes Buch ist für uns kein Kompromiss. Wir wollen Bücher machen, die im Kopf bleiben, die zum Nachdenken anregen und vielleicht sogar ein wenig wehtun, weil sie ehrlich sind. Bleibt neugierig und traut euch, auch mal Kleinverlage zu testen. Auch die kleinen Fische haben Gräten, sind aber meist leckerer :)

 

 

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