Freitag, 26. Juni 2020

Der Ursprung der Welt - Liv Strömquist


Titel: Der Ursprung der Welt
Autorin: Liv Strömquist
Originaltitel: Kunskapens frukt
Verlag: avant-verlag
ISBN: 978-3945034569
Euro: 19,95
Veröffentlichungsdatum: März 2017
Seiten: 140
Serie: nein
Come in: Tausch










Inhalt/Klappentext
In Der Ursprung der Welt zeichnet die Autorin Liv Strömquist die Kulturgeschichte der Vulva nach - von der Bibel bis Freud, vom unbeholfenen Biologieunterricht bis hin zur aktuellen Tamponwerbung.
Sie bedient sich des Mediums Comic, um in sieben Episoden auf nonchalante und scharfsinnige Art die noch immer geltenden patriarchalen Machtverhältnisse in Frage zu stellen und bestehende Probleme pointiert zu benennen.
Die studierte Politikwissenschaftlerin Liv Strömquist ist nicht nur eine umtriebige Künstlerin, sondern auch eine über die Grenzen der schwedischen Comic-Szene hinaus viel beachtete Stimme, die ihre politische Haltung und das soziologische Interesse zu feministischen und popkulturellen Phänomenen in den Fokus ihres Schaffens stellt. In ihren beliebten TV- und Radioformaten geht sie mit bissigem Humor und vernichtender Kritik gegen bestehende gesellschaftliche Machtstrukturen an.


Meinung
Bereits kurz nach Erscheinen stand Liv Strömquists Werk auf meiner Wunschliste, verschwand dann jedoch aufgrund des Preises leider recht schnell davon. Als ich es nun in einer Tauschbörse ergattern konnte, war ich nicht nur sehr erfreut, sondern auch ziemlich überrascht. Denn es handelt sich bei „Der Ursprung der Welt“ um ein Comic.
In diesem beschäftigt sich die Schwedin mit dem, was gemeinhin als „das weibliche Geschlecht“ gilt und arbeitet sich dabei zeitlich an der Historie hoch. Dabei steht aber nicht die Frau oder die weibliche Sicht auf die Thematik im Blickpunkt Strömquists, sondern die männliche. Laut der Autorin ist es nie fehlendes Interesse der Männer an diesem Thema gewesen, das zu vielen Problemen, Scham und Ausgrenzung geführt hat, sondern ZU VIEL. Dies erläutert sie sehr anschaulich an sieben Männern, die auf recht abenteuerliche Ideen betreffs Frauen, ihren Vulvas oder weiblichen „Besonderheiten“ kamen. Diese nachzuweisen gelang ihnen nur selten, aber aus ihren Behauptungen wurden „Wahrheiten“, die leider auch heute noch nachwirken. Die Abbildung der Vulva in etwa hat sich in etwas Schamhaftes, etwas Verbotenes gewandelt, das es auszuschließen gilt. Sie wurde auch im zwanzigsten Jahrhundert noch ausgegrenzt und teilweise sogar als etwas Abnormales gesehen. Mir ist selbst nie aufgefallen, dass auf der Plakette, die die NASA 1972 auf einer Raumsonde anbrachte, um diese ins All zu schießen und anderen Lebensformen von unserer Existenz zu berichten, zwar ein korrekt dargestellter nackter Mann inklusive Geschlechtsteil abgebildet ist, aber das bei der Frau völlig anders ist. Da fehlt nämlich ein kleiner Strich. Angeblich hätten die Gestalter Angst gehabt, dass eine Zeichnung mit Vulva von der Leitung nicht genehmigt würde. In einer Mission, in der es genau darum ging! Strömquist kann sich dann auch einige Seitenhiebe in Form von ihr gezeichneten Aliens nicht verkneifen, die kaum bei uns angekommen (dazu diente die Mission ja), so enttäuscht darüber sind, dass sie nie Kontakt aufnehmen.
Die Autorin geht aber auch auf eine Urzeit ein, in der die Menschen das alles wohl einmal anders sahen. Das muss aber lange vor den heute bekannten Hochkulturen gewesen sein, fünfstellige Jahreszahlen zeigen Höhlenmalereien oder von Menschenhand geformte Figürchen (nein, nennt sie bitte nicht „Venus“). Die Vulva wie auch Vorgänge im weiblichen Körper haben unsere Vorfahren wohl einst stark (positiv) bewegt – wenn man dazu die ersten Beobachtungen rund um die uns umgebenden Himmelskörper hinzudenkt und wie diese mit dem Zyklus zusammenhängen, braucht es nicht viel Phantasie, um in die dazugehörende Gesellschaft einzutauchen. Originale Abbildungen belegen Strömquists Erläuterungen.
Woran ich mich erst gewöhnen musste, war die teils sehr stark auf lässig und fresh gemachte Erzählweise. Das sollte wohl Witz schaffen, um die oft sehr ernste Thematik aufzulockern. Wäre gar nicht notwendig gewesen. Zum einen wirkt das meiste davon vermutlich nur in mündlicher Form. Zum anderen „lockern“ die erzählten Fälle von ganz allein auf. All dieser Quatsch, der das Leben von Frauen brandgefährlich gemacht hat und nun hoffentlich bald von neuen Erkenntnissen wiederlegt werden kann, so dass sich nicht mehr so viele Frauen an der Vulva (schönheits-)operieren lassen wollen. Sigmund Freuds best buddy Wilhelm Fließ in etwa, der glaubte, die Nase der Frauen sei mit deren Geschlechtsorganen verbunden. Das musste eine dieser Frauen, die wegen Regelschmerzen zu Freud kam, mit einem entstellten Gesicht bezahlen. Auf so etwas kommt doch nicht einmal ein Komiker.
„Der Ursprung der Welt“ leistet sehr wertvolle Aufklärungsarbeit für Männer und Frauen und unterhält dabei noch großartig. Man ist immer wieder versucht, dies als fiktives Werk anzusehen, doch Strömquist hat alle Aussagen mit Quellen unterlegt. Obwohl es schnell gelesen ist – leider manchmal mit recht kleiner oder verschnörkelter, kaum zu entziffernder Schrift – lädt es geradezu zu weiteren Nachforschungen ein. Ausgesprochen gelungen!


Liv Strömquist, geboren 1978 in Lund, Schweden, ist eine der einflussreichsten feministischen Comiczeichnerinnen.
Die studierte Politikwissenschaftlerin zeichnet regelmäßig für unterschiedliche schwedische Magazine und Zeitungen. Ihre Buchveröffentlichungen befassen sich mit sozialen Fragen mit einer Bandbreite an Referenzen von Popkultur bis zur Bibel. Ihr Titel „Der Ursprung der Welt“ befasst sich mit der gesellschaftlichen Tabuisierung von Menstruation und der Vulva. Quasi eine Kulturgeschichte der Vulva - von der Bibel bis Freud, vom unbeholfenen Biologieunterricht bis hin zu aktueller Tamponwerbung.
Liv Strömquists Gesellschaftskritik beruht auf Fakten und kombiniert unbändige Freude an Sprachwitz und berechtigte Wut mit ihren ausdrucksstarken Zeichnungen.

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Es ändert sich nichts am Kommentieren, nur muss jetzt dieser lange untere Absatz dabeistehen. Ich danke allen, die mir einen Gruß dalassen!

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