Freitag, 10. Mai 2013

(Verlagsgeplauder) Hinter dem Verlagsstand – ein paar Tage auf Tuchfühlung mit dem Leser 02


Donnerstag, 14.03.
Um Mitternacht ist die Nacht vorbei. Emily ist aufgewacht, hat Durst und quengelt. Danach will sie nicht mehr ins Kinderbettchen. Tina holt sie mit zu uns rein.
Schlaf?
Nicht mehr dran zu denken. Emily muss uns ausgiebig vom Entenfüttern erzählen und tobt über uns quer durchs Bett. Immer dann, wenn ich gerade wieder am Einschlafen bin, landet mir ein Kinderfuß im Gesicht. Tina geht es ähnlich. Um 2 sind wir frustriert und befördern die Kleine in ihr Bettchen zurück. Zehn Minuten lang schreit sie wie am Spieß. Danach ist Ruhe.
Der Wecker holt uns gegen 6 aus dem Schlaf. Waschen, Anziehen, Frühstücken, von Emily und meinen Eltern verabschieden, rein nach Leipzig.

Es ist 8 Uhr morgens und wir sind bereits in der Messehalle. Ein paar Kleinigkeiten müssen noch aufgebaut werden, der Lesungsplan an die Wand geheftet werden. Danach machen wir einen Rundgang und halten die Kollegen von befreundeten Verlagen und die Truppe von WERKZEUGS vom Arbeiten ab. Das ist das Schöne, wenn man so schnell aufgebaut hat – man kann den anderen beim Arbeiten zusehen und geistreiche Kommentare abgeben.
Halb 10 stellt sich unsere Messe-Lilli bei uns vor. Lilli wird in den nächsten vier Tagen alle unsere Verkäufe am Stand mitschreiben, das Geld einnehmen und uns jeden Abend eine Abrechnung überreichen.
Nur noch wenige Minuten bis zur Eröffnung und langsam werde ich nervös. Die erste Lesung auf der Leseinsel Fantasy soll Kuddel alias Ann-Kathrin Karschnick aus unserer Neuerscheinung halten und die ist noch nicht eingetroffen. Dummerweise habe ich keine Telefonnummer von ihr, habe nur am Vorabend im Forum des Tintenzirkels festgestellt, dass wohl einige aus Hamburg zur Buchmesse Anreisende wegen dem Wetter auf der Strecke abgestellt wurden. Und Kuddel kommt aus Hamburg.
Ich stelle mich seelisch und moralisch darauf ein, dass ich die Lesung selber halten muss, schnappe mir ein Buch und überfliege schnell den Text.
Der Gong ertönt, die Messe hat geöffnet, der Besucheransturm beginnt. Und nur drei Minuten nach der Eröffnung kommt mir Kuddel entgegen – natürlich in dem grünen Kleid, das ihre zweite Haut zu sein scheint. 


Die Lesung bestreitet sie zusammen mit Susanne Bonn. Ihre Stimme ist ruhig und kraftvoll. Die nachfolgenden Autoren werden sich tüchtig anstrengen müssen. Allerdings kriege ich von der Lesung selbst nicht mehr viel mit, denn die ersten Gäste haben sich bereits 5 Minuten nach dem Eröffnungsgong an unserem Stand eingefunden. In den nächsten acht Stunden kommt keine Langeweile auf. Immer wieder besuchen Leser, Autoren, befreundete Verleger und Blogger unseren Stand, wollen Bücher kaufen, stellen Fragen oder wollen einfach nur mal kurz dem bissigen Verleger die Hände schütteln. (Bild 8: Signierstunde Kuddel. Bild 9: Western- und Phantastikautor Alfred Wallon und Autor und Verleger Erik Schreiber treffen sich vor unserem Stand. Bild 10: Verkaufsgespräche). 

Bild 8
Bild 9
Bild 10
Und wenn mal nicht so viel los ist, unterhalten wir uns mit unseren Standnachbarn vom Fabylon Verlag, zu denen wir die Trennwand rausgenommen haben. 


Oder wir lassen uns zum Plausch mit Autoren und Verlegern in der WERKZEUGS-Autoren-Lounge blicken.


Um 16 Uhr ist der Stand voll mit meinen Autoren und Herausgebern, die miteinander netzwerken und einigen Bloggern, die das Geschehen in unserem Stand verfolgen. Anscheinend hat sich rumgesprochen, dass wir für unsere Mitarbeiter Sherry und Portwein dabei haben.
Ich nutze die Möglichkeit zu einer kleinen „Belegschaftsversammlung“ und bedanke mich bei den Anwesenden für die Zusammenarbeit, rede von Zukunftsplänen, gebe Carolin Gmyrek vor versammelter Mannschaft das Go für die nächste Ausschreibung (Start September/Oktober diesen Jahres) und verkünde, dass der Verlag im Moment dabei ist, den ersten Comic herauszubringen. 


Diese Nachricht schlägt ein, wie eine Bombe und wird von den Anwesenden bejubelt. Vorbeischlendernde Besucher bleiben ob des merkwürdigen Auflaufes in dem merkwürdigen Verlagsstand mit dem merkwürdigen Verleger stehen. Wahrscheinlich fragen sie sich, ob sich hinter dem Eulenlogo eine Sekte verbirgt. Einige laufen verschreckt weg, als Tom Daut und einige andere Autoren aus der Krieger-Anthologie für den Fotoapparat posieren und lauthals „So seh’n Krieger aus“ brüllen.
Als um 18 Uhr der Gong das Ende des Messetages einläutet, sind wir froh, dass es vorbei ist. Wenige Minuten später taucht Lilli auf und rechnet mit uns ab.


Freitag, 15.03.
Diesmal sind wir erst 8:30 Uhr vor Ort. Die Regale werden geordnet, Papierschnipsel auf dem Boden weggeräumt, leere Kartons verstaut. Dann warten wir auf den Gong.
Der erste Gast ist Oliver Plaschka. 



Autorenexemplare wechseln den Besitzer, wir sprechen kurz über aktuelle Projekte – dann muss er auch schon weiter. Wer auf die Buchmesse kommt, hat meist einen engen Zeitplan.
Halb 11 kommt der erste Vertreter einer Druckerei bei uns an den Stand, zeigt mir seine Probenbücher und bietet mir an, ein unverbindliches Angebot zu erstellen. Ich nicke freundlich, stecke die Visitenkarte ein und vertröste ihn, dass ich auf ihn zukommen würde, wenn ich Bedarf hätte. Er bedankt sich höflich. Als er meinen Stand verlässt, wissen wir beide, dass wir wohl nicht zusammenarbeiten werden. Für mich sind Zuverlässigkeit, Qualität, eine gute Erreichbarkeit, ein gemeinsames Buchverständnis, Service und Kalkulierbarkeit wichtiger, als ein um wenige Cents günstigerer Preis.
Nur wenige Minuten später kommt Peggy Salomo am Stand vorbei. Die Verantwortliche für die Ausstellerplanung auf der „Schriftgut“ in Dresden drückt mir die Anmeldeunterlagen für dieses Jahr in die Hand, denn nach der Messe ist vor der Messe.


Die Zeit vergeht wie im Fluge. Schon ist es 16 Uhr, ich muss die Lesung meiner Herausgeberin Carolin Gmyrek ankündigen. 


Zurück am Stand wimmele ich die 10. Vertreterin einer osteuropäischen Druckerei ab, die mir in einer Mischung aus schlechtem Deutsch und schlechtem Englisch zu erklären versucht, was sie alles für mich tun können. Ich lehne ab. Zu meinem Konzept (fair verlegen) gehört nicht nur Fairness gegenüber meinen Autoren, meinen Herausgebern, meinen Lektoren und meinen Zeichnern gegenüber, sondern auch Fairness gegenüber meinen Geschäftspartnern und eine gewisse moralische Verpflichtung. Die Masse meiner Käufer kommt aus dem deutschsprachigen Raum, also lasse ich auch die Bücher im deutschsprachigen Raum drucken und binden. Selbst wenn die Druckaufträge im Moment noch klein sind und das Geld nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und wohl eher von symbolischen Wert ist.
Kaum ist die Vertreterin weg, muss ich den Platz an meiner Standtheke auch schon für Carolins Signierstunde räumen. 


Der Verkauf läuft gut und unsere Messe-Lilli hat Mühe, mit den Aufzeichnen der Verkäufe hinterherzukommen.


Als an diesem Abend der Gong ertönt, spüren wir unsere Füße nicht mehr und mein Mund ist ganz ausgedörrt vom vielen Reden.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen