Freitag, 17. März 2023

Das Romanverbot ist nur zu begrüßen - Seiko Ito

 

Der Herr 86 sitzt im Jahr 2036 in Isolationshaft. Er beginnt Essays zu schreiben, in denen er das Romanverbot von 2020 stark befürwortet.

 

 


Titel: Das Romanverbot ist nur zu begrüßen
Autor: Seiko Ito
Originaltitel: Shōsetsu-kinshirei ni sandō suru
Verlag: cass verlag
ISBN:‎ 978-3944751269
Euro: 22,00
Veröffentlichungsdatum: Mai 2021
Seiten: 160
Serie: nein
Come in: Tausch

 

 

 

Inhalt
Der Herr 86 sitzt im Jahr 2036 in einer Sammelanstalt in Isolationshaft. Nicht einfach mit fünfundsiebzig Jahren und regelmäßigen körperlichen Züchtigungen. Als man ihn, der einst Autor war, bittet, für die Zeitung der Einrichtung etwas beizutragen, aber bloß keinen der verbotenen Romane, beginnt er, Essays zu schreiben. In diesen legt er dar, wie richtig das Romanverbot im Jahr 2020 war, das er selbst befürwortet hat. An zahlreichen Beispielen zeigt er, wie verwerflich Fiktion ist und versucht, die letzten Zweifler auf den rechten Pfad zu bringen.

 

 


Meinung

Obwohl die Geschichte eher seitenarm ist und kaum je die Zelle des Gefangenen verlässt, sollte sie mit großer Konzentration gelesen werden. Ito liegt natürlich nicht daran, das Romanlesen madig zu machen. Was er hier geschaffen hat, ist einzigartig. Während Herr 86 sich bemüht darzulegen, wie der Roman einst entstand oder welcher Autor wie etwas Neues kreierte, entsteht nicht nur ein kleiner literarischer Exkurs, Ito zeigt durch seine Figur auch, wie eng die Grenzen zwischen Roman, Autor, seinen Figuren und dem Leser verlaufen. Und wie sie im Laufe der Zeit immer mehr verwischen können. Und ist nicht genau dies das eigentlich Gefährliche? Grenzen zu ziehen ist indes bald nicht mehr möglich, alles vermengt sich und wird damit eins.

So sehr sich Herr 86 auch bemüht, es gelingt ihm nicht, sein Grundtrachten umzusetzen und es wird immer undurchsichtiger, was eben dieses wirklich sein könnte. Dabei ist jedoch die Zielgruppe, die Herr 86 anvisiert eine andere, als die, die nun Itos Geschichte liest, der ja im Prinzip Herr 86 ist – und hier ist die Genialität des Kurzromans schnell aufgedeckt.

Die einzelnen Kapitel enden je mit drei nach rechts gerückten Zeilen, in denen unter den Essays jemand den aktuellen Status von Herrn 86 listet und wie er bestraft werden sollte. Dass all dies auf kein gutes Ende schließen lässt, liegt auf der Hand.

Romane lassen sich nicht in Schubladen pressen und vor allem Autoren sollten und müssen darauf achten, dass dies nicht geschieht. Ich verstehe Ito hier sehr gut. Wie viele reine Texter verfassen heute Romane, eng in ein ins jeweiligen Genre angepasste  Grundgerüst gepresst? Sie fühlen nicht mehr, was sie schreiben, sondern arbeiten quasi nur noch ab. Das ist schade, denn in Zeiten, wo die Zensur weltweit immer stärker um sich greift, sollte der Roman nicht durch bloßes Geschwafel herabgewürdigt werden. Wie gesagt, die Grenzen verwischen …

„Das Romanverbot ist nur zu begrüßen“ ist eine gelungene Übersetzung aus dem Japanischen, die hiermit gern weiterempfohlen wird.

 

 

Seiko Ito (*1961), ist Musiker, Schauspieler, Stückeschreiber und in Japan seit Jahrzehnten etablierter Schriftsteller. 2013 erhielt er für seinen Roman Sōzō-rajio (»Radio Imagination«) den Yukio Mishima-Preis, den Noma-Preis und den Preis des japanischen Buchhandels. Das Buch wurde ins Französische und Italienische übersetzt, außerdem, wie auch Itos Miszellenband Botanical Life, ins Chinesische. Im deutschen Sprachraum ist Ito noch völlig unbekannt.

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