Freitag, 19. März 2021

Das Lied der Kämpferin - Lidia Yuknavitch

 


Titel: Das Lied der Kämpferin

Autorin: Lidia Yuknavitch

Originaltitel: The Book of Joan

Verlag: btb

ISBN: 978-3442717392

Euro: 12,00

Veröffentlichungsdatum: März 2021

Seiten: 352

Serie: nein

Come in: vom Verlag

 

 

 

Inhalt
Die nahe Zukunft ist düster. Die Erde ist durch Kriege und Naturkatastrophen unbewohnbar geworden, dunkel und karg. Eine Handvoll Menschen, die Exklusivsten, die es einst gab, haben sich auf die Raumstation CIEL gerettet. Dort leben sie als weißblasse, geschlechtslose Wesen, die von den allerletzten Ressourcen der Erde zehren. Christine schreibt eine Geschichte auf ihre Haut, den einzigen Ort, der nicht technisch erfasst werden kann. Denn Jean de Men führt ein gnadenloses Regime. Diese Geschichte handelt von Joan, der Freiheitskämpferin, die vorgeblich hingerichtet wurde, aber noch lebt und das als Einzige als Mensch. Die geheimnisvolle Nyx führt beide zusammen.

 


Meinung

Mir ist das Buch empfohlen worden und ich war sehr erfreut zu sehen, dass es ganz frisch in die deutsche Übersetzung gekommen ist. Und obwohl ich die Anleihen sehe, muss ich gestehen, dass ich es nicht verstanden habe. Was genau möchte die Autorin mit der Geschichte sagen?
Wer zart besaitet ist oder es generell nicht mag, sollte nicht zum Buch greifen, denn es geht streckenweise recht vulgär und gewaltvoll zu.
Die Geschichte ist in mehrere kleinere Bücher unterteilt. Es beginnt mit Christine Pizan. Alle Namen haben einen realen Hintergrund. Hier gibt es einen direkten Bezug zur historischen Figur Christine de Pizan, geboren 1364 und erste Autorin, die vom Schreiben leben konnte – in einer Zeit, als die wenigsten lesen konnten. „Das Buch von der Stadt der Frauen“ auch heute nur noch gebraucht und das für viel Geld zu haben. De Pizan hat zu ihrer Zeit Frauen und ihre Rechte verteidigt, meist in Schriften, und ihre Rolle in der damaligen Gesellschaft hinterfragt.
Christine nun fristet auf der Raumstation CIEL dahin. Sie erinnert sich daran, als junges Mädchen auf der Erde gelebt zu haben, vermutlich rund um unsere Zeit. Nun bleibt ihr nur noch ein Jahr, denn mit fünfzig müssen die Menschen sterben, da die Ressourcen nicht für alle ausreichen. Aber sind es noch Menschen? Sie sind weißblass, haarlos, geschlechtslos (egal aus welcher ursprünglichen Region der Erde sie einst stammten). Die Haut ist mit Transplantationen und künstlichen Verletzungen übersäht, je kunstvoller desto vermögender, die eine Geschichte beinhalten. Christine erzählt in einem Akt der Auflehnung von Joan, der Kämpferin, die ihr Leben für die Freiheit gab. Dieser Name ist eine direkte Anlehnung an Jeanne d’Arc, die Stimmen hörte und vieles tat, von dem auch die Joan im Buch nicht die Finger lassen kann.
Christine war als Mädchen verliebt in Trinculo, der sich aber mehr für das eigene Geschlecht interessierte. Er lebt ebenfalls auf der Station und beide gründen ihre eigene Gruppe von Dissidenten. Eine Schülerin namens Nyx (der Name stammt aus der Mythologie) lernt bei ihr, die Haut zu verschönern und Geschichten zu erzählen.
Derweil lebt Joan, die einst von ihrer Hinrichtung fliehen konnte, mit ihrer Jugendfreundin Leone im sprichwörtlichen Untergrund. Sie leben unter der Erde, wo sich noch Leben entfalten kann, jenes, das kein Tageslicht benötigt. In kleineren Anschlägen legen sie es auf CIEL an, immer von diesen gejagt. Aber es gibt auch noch andere Menschen auf der Erde, wenige und weit verstreut, die an den Mythos von Joan glauben. Als Leone entführt und auf die Station gebracht wird, muss Joan es zu Ende bringen.
Es ist unheimlich komplex, was die Autorin hier zusammenbringt, die Geschichte verlangt ein aufmerksames Lesen. Es geht direkt und deutlich zu. Mitunter auch recht abstrus, wenn in etwa einzelne Figuren versuchen, wieder geschlechtlich zu werden und sich z. B. künstliche Gebilde als Penisse annähen – völlig unabhängig von ihrem vorherigen Geschlecht. Nur die Fortpflanzung als solche klappt eben nicht mehr, Nachwuchs stammt aus der Retorte. Die seltsamen Paarungsversuche von Christine und Trinculo, lediglich als Auflehnung gegen die Obrigkeit zu verstehen, müssen ebenso ausgehalten werden, wie die recht derbe Sprache des Mannes.
Es stehen während der Story diverse Überlegungen im Raum. Was ist eigentlich menschlich? Was macht den „Menschen“ als solchen aus? Was sind wir, wenn wir geschlechtslos sind, was definiert uns – Mensch auf der einen, Mann/Frau auf der anderen Seite. Und das „menschlich“ sein … wie geht eine Gesellschaft miteinander um, wenn die Ressourcen knapp werden? Und was ist letztendlich „Leben“? Was macht dieses aus? Die Machtverhältnisse spielen ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle.
All das ist sehr wohl bei mir angekommen, ich habe auch Seite um Seite vorbeifliegen sehen, da man sich dem Sog des Buches kaum entziehen kann. Nur die Aussage, die Vergleiche zu uns und der nahen Zukunft, die uns bevorstehen könnte, sind mir zu schwammig gewesen, als dass ich sie klar benennen könnte. Aber vielleicht soll ich das auch gar nicht, um alles bis ins kleinste Eckchen zu durchdenken?
Wer es noch nicht gemerkt hat: Das ist keine Science Fiction im klassischen Sinn. Das ist feministische Lektüre und keine leichte.
„Das Lied der Kämpferin“ ist etwas für mutige Leser, die es direkt, klar und manchmal auch ein wenig vulgär vertragen. Die mitdenken wollen und die eigentliche Geschichte zwischen den Zeilen entdecken können.


 

Lidia Yuknavitch zählt zu den herausragenden neuen weiblichen Stimmen der amerikanischen Literatur. Sie ist preisgekrönte Autorin mehrerer Romane, Kurzgeschichten und des gefeierten Memoirs »The Chronology of Water«. Zu ihren Fans zählen u.a. Rebecca Solnit und Roxane Gay. Ihr TED-Talk »The Beauty of Beeing a Misfit« wurde mehr als 2 Millionen Mal angeschaut. Lidia Yuknavitch lehrt an der University of Oregon Kreatives Schreiben, Literaturwissenschaft und Womens Studies.

Kommentare:

  1. Anonym31.3.21

    Hallo meine Liebe!
    Das klingt einerseits sehr interessant und spannend, aber wenn die Sprache zu vulgär ist, dann bekomme ich beim Lesen leider schlechte Laune. Also, Danke für die Warnung. Aber meine Tochter, die gerade sehr an feministischer Literatur interessiert ist, stört sich nicht so sehr daran und deshalb wandert der Roman auf die Kaufliste.
    Herzliche Grüße
    Frau Leseratteffm

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    1. Hallo,

      schön, dass Du mal wieder reinschaust :)
      Ja, hier muss man ziemlich was wegstecken, allerdings schmälert es die Geschichte nicht. Nur gibt es Leser, die das nicht gut vertragen.
      Bin gespannt, wie es Deiner Tochter gefallen wird. :)

      LG
      Daniela

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Es ändert sich nichts am Kommentieren, nur muss jetzt dieser lange untere Absatz dabeistehen. Ich danke allen, die mir einen Gruß dalassen!

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