Freitag, 16. Oktober 2020

I'm a Nurse: Warum ich meinen Beruf als Krankenschwester liebe – trotz allem - Franziska Böhler

 

Titel: I'm a Nurse: Warum ich meinen Beruf als Krankenschwester liebe – trotz allem
Autorin: Franziska Böhler
Originaltitel

Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453605602

Euro: 12,99
Veröffentlichungsdatum: August 2020

Seiten: 256
Serie: nein

Come in: vom Verlag

 

 

 

Meinung

Franziska Böhler hat einen absoluten Page Turner (mit Jarka Kubsova) geschrieben, der sicher nicht nur bei Themeninteressierten für fliegende Seiten sorgt. Und interessiert sollten wir in Deutschland alle sein! Sehr anschaulich, gefühlvoll und zudem hervorragend recherchiert bekommt der Leser einen tiefen Einblick in das Leben des Pflegepersonals verschiedener Einrichtungen. Dabei beginnt die Autorin nach dem umfangreichen Vorwort mit allen Stationen des Lebens, beginnt bei Geburt und Kindheit, geht mitten ins Leben und endet bei Alter und Sterben. Von einigen Problemen wissen wir alle, manchmal – besonders in Zeiten von Corona – hat es dies und das in die Nachrichten geschafft. Aber so gebündelt wird am Ende deutlich, dass das System sich längst überholt hat und – in meinen subjektiven Augen – in den letzten Zügen liegt, wenn nicht schnell etwas passiert.

In meinem Umfeld habe ich schon des Öfteren gehört, dass viele Frauen ihre Geburt(en) als recht traumatisch erlebt haben und es zudem äußerst schwierig geworden ist, eine Hebamme zu finden. Böhler beschreibt wunderbar ausführlich, warum das so ist. Aber vor allem thematisiert sie das System rund um das Abkassieren von Leistungen und nicht erst seit gestern ist bekannt, dass viele Eingriffe nicht nötig wären, aber durchgeführt werden, weil eine normale Geburt sich nicht rechnet. Ein Umstand, der auch in anderen Bereichen des Gesundheitssystems immer wieder aktuell ist. Längst wird nicht mehr nach Liegedauer abgerechnet, sondern nach Leistung. Davon besonders betroffen sind sämtliche Kinderkliniken des Landes; die Hilflosesten unserer Gesellschaft kosten auch das meiste Geld, was dazu geführt hat, dass Kinderkliniken von anderen Abteilungen mitfinanziert werden oder geschlossen werden müssen. Praktisch bedeutet das, ein Kind und seine Eltern abzuweisen, da zwar leer stehende Betten vorhanden sind, es aber kein geeignetes Pflegepersonal gibt, das sich um das Kleine und seine Bedürfnisse kümmern kann.

Auch uns selbst kann es passieren, dass bei einer Routineuntersuchung etwas gefunden wird, wir einen Herzinfarkt erleiden oder einen (schweren) Unfall erleben. Schnelle Hilfe ist dann unabdingbar. Nur was, wenn der Notarzt erst einmal viele Kilometer fahren muss, weil die Krankenhäuser in der näheren Umgebung proppenvoll sind? Böhler lässt immer wieder andere aus ihrer Branche zu Wort kommen und was sie zu erzählen haben, stammt direkt aus dem Alltag dieser Menschen. Sie arbeitet selbst auf einer Intensivstation und berichtet von einigen Fällen, die ihr selbst passiert sind.

Schließlich geht es in die Alteneinrichtungen und in die noch relativ neuen Hospize. Bei letzteren wird es sehr persönlich, da ihr Vater leider schwer erkrankt war. Es wird teilweise so eindringlich geschrieben, dass es schwer ist, sich die Tränen zu verkneifen. Selbst lange in der Altenpflege gearbeitet, war es dieses Kapitel, das mir am meisten zu schaffen gemacht hat. Als ich dann noch las, dass es offenbar seit Neuestem so ist, dass sämtliche Ausbildungen, sowohl Kinderkrankenschwester als auch Altenpfleger, zusammengelegt werden in einen neuen Beruf „Pflegefachfrau/-mann“ (bin gespannt wann und wie das neue dritte Geschlecht eingeführt wird), musste ich kurz die Luft anhalten. Wirklich begeistert ist die Autorin davon auch nicht. Ich kenne jemanden, der als Ausbilder für Altenpflege arbeitet und höre schon seit Jahren, wen man ihr zur Ausbildung schickt: alle, die sonst nicht unterzubringen waren (und die oft absolut ungeeignet sind). Das kann einfach nicht Sinn der Sache sein. An dieser Stelle thematisiert auch Böhler kurz das Hinzuholen von Pflegekräften aus dem Ausland. Ich hielt das von Anfang an für eine schlechte Idee, diese auf unsere hilflosen Menschen loszulassen (dement und bettlägerig in etwa), allein die Sprache dürfte ein großes Problem sein. Davon schreibt auch Böhler mit Beispielen. Aber jene willigen, motivierten Menschen aus Mexiko oder den Philippinen als quasi Billigkräfte zu missbrauchen, kann nur als latent rassistisch gesehen werden. Woher unser eigener Fachkräftemangel kommt – gut ausgebildete und / oder willige Menschen gibt / gäbe es genug – beschreibt Böhler genauestens. Auch hier gibt es endlich Handlungsbedarf, es hat einen Grund, warum unsere Krankenschwestern und –pfleger oft schon nach wenigen Jahren aufgeben und sich andere Berufe suchen, warum sie oftmals ins Ausland abwandern und vielfach jungen Menschen von der Ausbildung abraten. Erwähnt werden sollte an der Stelle auch, dass jene, die über unser aller Befinden entscheiden (und deren Familien) davon vermutlich nie selbst betroffen sein werden, da sie anders versichert sind und ihnen somit andere Möglichkeiten offenstehen. Man merkt, ich bin ärgerlich. Darum danke ich Frau Böhler und Frau Kubsova umso mehr, dass sie dieses wichtige Buch verfasst haben!

Nicht unerwähnt lassen möchte ich an dieser Stelle, dass das Problem auch von Frauenrechtlerinnen näher angeschaut werden sollte, gerade wenn es um urweibliche Dinge wie die Geburt geht. Statt mit Erfahrung und nach Gefühl wird die Gebärende sinnlos an Maschinen angeschlossen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. In allen Bereichen wird schnell deutlich, dass es nur um zwei Dinge geht: Geld und rechtliche Absicherung. Dass dies inzwischen krude Formen annehmen musste, war sicher abzusehen, und auch hier ist noch lange nicht Ende.

Das Buch ist inhaltlich hervorragend strukturiert, es ist leicht zu verstehen, emotional aber sachlich und in jedem Fall sehr lesenswert!

 

 

Franziska Böhler arbeitet seit 2007 als Krankenschwester auf einer anästhesiologischen Intensivstation in der Nähe von Frankfurt am Main und seit 2018 zusätzlich in der Anästhesie. Als @thefabulousfranzi hat die 32-jährige Mutter von zwei Kindern über 150.000 Follower auf Instagram, wo sie regelmäßig von dramatischen Geschichten aus dem Klinikalltag berichtet und auf den Pflegenotstand aufmerksam macht.

Jarka Kubsova machte 1997 das Examen zur Krankenschwester, beschloss aber, vom System desillusioniert, schon bald darauf, einen anderen Beruf zu ergreifen. Sie studierte in Hamburg Soziologie und Sozialökonomie. Nach einem Volontariat bei der »Financial Times Deutschland« war sie dort als Reporterin tätig, sowie später beim »Stern« und bei der »ZEIT«. Sie ist Ghostwriterin mehrerer erfolgreicher Sachbücher.

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Es ändert sich nichts am Kommentieren, nur muss jetzt dieser lange untere Absatz dabeistehen. Ich danke allen, die mir einen Gruß dalassen!

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