Dienstag, 7. Juli 2020

Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stadt - Fang Fang

Titel: Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stadt
Autorin: Fang Fang
Originaltitel:
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3455010398
Euro: 25,00
Veröffentlichungsdatum: Mai 2020
Seiten: 352
Serie: nein
Come in: vom Verlag










Inhalt/Klappentext
Wuhan: Am 25. Januar, zwei Tage nachdem erstmals in der Geschichte eine 9-Millionen-Einwohner-Stadt komplett von der Außenwelt abgeriegelt wurde, beginnt Fang Fang, online Tagebuch zu schreiben. Eingeschlossen in ihrer Wohnung berichtet sie vom Hereinbrechen und dem Verlauf einer Katastrophe, von der Panik während der ersten Tage der Covid-19-Epidemie bis zu ihrer erfolgreichen Eindämmung. Sie erzählt von der Einsamkeit, dem heroischen Kampf des Personals in den Krankenhäusern, vom Leid der Erkrankten, dem Schmerz der Angehörigen von Verstorbenen und der Solidarität unter Nachbarn.
Millionen Chinesen folgen ihren Gedanken und ihren Geschichten aus dem unmöglichen Alltag – vom Zorn über die Untätigkeit und Vertuschungsmanöver der Behörden während der Anfangsphase der Epidemie und der Unterdrückung warnender Stimmen, bis zur Anerkennung der wirkungsvollen Maßnahmen der Regierung in den Wochen danach.
Fang Fang liefert einen unverstellten Blick auf die Katastrophe “von unten”, ganz nah an den Menschen, ihren Ängsten und Nöten, aber auch ihren kleinen Freuden und dem speziellen Wuhaner Humor selbst in dunkelsten Stunden. Zugleich wurde ihr Wuhan Diary in China zum Gegenstand erbitterter Auseinandersetzung über den Umgang mit kritischen Stimmen und Verantwortung – und somit über Chinas künftigen Weg.


Meinung
Es ist schwierig, ein solches Buch angemessen einzuschätzen. Ich muss gestehen, dass es mir nicht gefallen hat, was allerdings auch daran liegen kann, dass ich mir etwas anderes vorgestellt habe. Der Lesefluss stockt mit jeder Seite mehr, bis jedwedes Stehvermögen aufzubringen ist, um das Tagebuch zu beenden. Wirklich Neues erfährt der (deutsche) Leser nicht. Doch von Anfang an.
Am 25. Januar beginnt die Autorin Fang Fang ihr Onlinetagebuch mit den Worten: „Ich habe keine Ahnung, ob dieser Eintrag die Leser erreichen wird.“ Sie hat gerade ihre Tochter vom Flughafen abgeholt, als sie mitten in der Nacht im Internet liest, dass ihre Heimatstadt abgeriegelt wird. Es ist 2020 und Fang Fang wohnt in Wuhan (China). Die Metropole, in der rund neun Millionen Menschen leben, gilt bisher als Ausgangspunkt des COVID-19-Virus, das inzwischen fast die ganze Welt erreicht hat. Und plötzlich steht das Leben still. Die Bewohner werden aufgefordert, in ihren Wohnungen zu bleiben, die Straßen werden abgesperrt, die Lieferketten sind unterbrochen, später ist auch kein Autofahren mehr erlaubt. Als ältere Dame mit einer Diabeteserkrankung hält sich Fang Fang an die Vorgaben. Sie bangt um einen ihrer Brüder, der ganz in der Nähe des inzwischen fast berühmten Fischmarktes lebt. Ab sofort verlässt die Autorin ihre Wohnung so gut wie nicht mehr. Alles, was sie erfährt, stammt aus ihren Verbindungen, die sie meist per Telefon oder Internet (Handy, Mail …) aufrechterhält (vernetzt ist sie sehr gut). Und dann läuft es tatsächlich über „ich habe gehört, dass“ oder „jemand hat mir berichtet, dass“. Präziser wird es nicht und in die Tiefe geht es auch selten. So ist es schwierig, stetig voll dabei zu sein und alles zu verstehen; was für jemanden vor Ort völlig natürlich ist, muss jemand aus dem Ausland erst in einen Zusammenhang bringen (können). Nicht immer ist das möglich. Zudem nimmt die Autorin später Bezug zu verschiedenen Vorkommnissen zu ihrer Person – in etwa Zeitungsartikel, Kommentare unter den jeweiligen Blogbeiträgen, etc. – auf die sie aber nicht näher eingeht (den Inhalt in etwa) und sie nur erwähnt. Da mitzukommen, gelingt nicht immer.
Wenig gefallen hat mir zudem die Erzählstimme; sehr sympathisch wirkt die Autorin leider nicht. Vor allem ihre Bemühungen, als schlichte, einfache Frau aus dem Volk zu erscheinen, wirkten mehrheitlich aufgesetzt. Sie lebt in einem Wohnkomplex, der Künstlern und Schriftstellern vorbehalten ist, ist eine sehr bekannte Autorin in China, erhielt auch renommierte Preise, arbeitete als Chefredakteurin und brachte es vor der Rente zur Vorsitzenden des Schriftstellerverbands der Provinz Hubei. Versorgt waren sie und ihre Nachbarn immer, es wurde „Solidaritätsgemüse“ gebracht (gespendet von anderen Provinzen), Masken (deren Preis in astronomische Höhen geklettert war, gespendet von im Ausland lebenden Chinesen), Nachbarn brachten ab und zu Dinge/Nahrungsmittel vorbei und als sie erwähnte, dass ihr das Insulin ausgehe und sie unsicher sei, ob sie ins Krankenhaus gehen solle, reagierten ihre Leser sofort hilfreich. Zudem erscheint es seltsam, dass sie mit dieser nicht zu unterschätzenden Krankheit tatsächlich nur ein bisschen Reis und Pak Choi am Tag gegessen haben will. Mit mehreren Millionen Followern vor Covid fällt es zudem nicht leicht, den ersten Satz so recht zu glauben.
Fang Fang erwähnt, dass es bedürftige Menschen/jene mit wenig Geld gebe und fragt sich, wie es diesen wohl gehe, versucht allerdings nie, das herauszufinden. Kontakte zu ihnen hat sie scheinbar nicht. Selbst als am Ende ihre Haushaltshilfe wieder zu ihr kommen darf, weiß sie mehr als diesen Umstand nicht zu berichten. Auch gibt es keine „Nachlese“.
Im Voranschreiten der Tage, in denen nicht immer etwas geschieht, wiederholt sich der Inhalt und es scheint mitunter, als wäre das stete „Schimpfen“ nicht nur Frustabbau, sondern auch Füllstoff (genau wie der Beginn jedes Eintrags: ein Absatz zum Wetter). Sie prangert einige Funktionäre an, die am Beginn des Ausbruchs, obwohl sie es besser wissen mussten, die Gefahr herunterspielten und abwiegelten. Sie sucht dieses Versagen aber nicht nur bei den Menschen selbst, sondern auch in den Umständen. Wenn sie meint, dass viele Funktionäre ohne schriftliche Anweisung, nicht wüssten, was sie tun sollen und das auf eine jahrelange Negativauslese in der Beamtenschaft schiebt, ist man plötzlich an Deutschland erinnert. Auch hier geschah zunächst nichts, wurde die Gefahr heruntergespielt, nur um dann umso härter zuzuschlagen (meist nachdem abgewartet worden ist, was andere wohl tun werden). Persönlich bin ich sehr gespannt, ob sich an und in unserem Gesundheitssystem etwas ändern wird, das seit Jahren kaputtgespart wurde. Allerdings sollten wir uns alle an die Nase fassen, denn die Anzeichen waren da, es riefen genug Pflegepersonal, Hebammen und Sanitäter öffentlich nach Unterstützung – und erfuhren kaum welche. Ich hoffe sehr, dass die Öffentlichkeit nun genug sensibilisiert ist und sich nicht wieder mit Allgemeinplätzen abspeisen lässt.
Fang Fang nun gibt einige Informationen weiter, die sie von befreundeten Ärzten, die sie nie namentlich nennt, erfahren hat. Mehr als ein paar Sätze sind es allerdings nie. Es ist ziemlich verdrießlich, wenn sie in etwa erwähnt, dass auch traditionelle chinesische Medizin zur Heilung herangezogen würde, aber nicht wie und womit. Positive Erfahrungen gab es wohl …
Vielleicht ist es schlicht der Umstand, dass man sich bewusst machen sollte, dass es sich um Blogbeiträge handelt, eben keinen Roman, der wie ein Tagebuch wirken soll. Allerdings hätte ich mir mehr persönlichere Einträge und jene, die tiefer gehen, gewünscht. Am Ende bleibt „nur“ die Erkenntnis, dass es uns allen (fast) gleich ging – und wir daher nie vergessen sollten, dass wir Menschen nicht allein auf diesem Planeten leben.


Fang Fang, geboren 1955, studierte chinesische Literatur an der Universität Wuhan. In den 1970er Jahren begann sie, Gedichte und Romane zu veröffentlichen. Ihre 1987 erschienene Erzählung Die Aussicht stieß in China auf gewaltige Resonanz und wird als Debütwerk des chinesischen Neorealismus gesehen.

Kommentare:

  1. Schade, dass das Buch wohl keine runde Sache ist. Viele der angesprochenen Kritikpunkte finde ich bei einem Blog verständlich, aber vor der Veröffentlichung in Buchform wäre vielleicht doch eine Bearbeitung (zumindest eine Kommentierung) sinnvoll gewesen.

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    1. Ich denke auch, dass eine Art "Nachlese" sinnvoll gewesen wäre. Das Buch ist in Deutschland und den USA erschienen und die Leser dürften Schwierigkeiten damit haben, den chinesischen Alltag zwischen den zeilen herauszulesen.
      Allerdings habe ich das Buch meiner Mutter gegeben, die es bisher sehr gern liest und sei es auch, weil es sie "an früher erinnert".

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Es ändert sich nichts am Kommentieren, nur muss jetzt dieser lange untere Absatz dabeistehen. Ich danke allen, die mir einen Gruß dalassen!

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