Sonntag, 5. Juli 2020

Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens - Titus Müller/ Gaby Trombello-Wirkus

Titel: Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens
Autorin: Titus Müller/ Gaby Trombello-Wirkus
Originaltitel
Verlag: adeo
ISBN: 978-3863342722
Euro: 18,00
Veröffentlichungsdatum: Juni 2020
Seiten: 224
Serie: nein
Come in: vom Verlag










Meinung
Liebe Autoren,

vor einigen Jahren besuchte ich mit einer Freundin das LWL-Römermuseum in Haltern am See, das ich übrigens für Interessierte sehr empfehlen kann. Dort gab es neben den Fundstücken, die vor knapp zweitausend Jahren den Alltag der Menschen bestimmten, auch ganz viel Geschichte zum Ausprobieren. Unter anderem einige kleine Wachstäfelchen, auf die damals mit Griffeln Botschaften geschrieben wurden: „schick mir noch Unterhosen“, „mach dir keine Sorgen, mir geht es gut/ich bin dir treu“, Rechnungen, Listen aller Art, etc. Es ist unheimlich mühsam, beinahe frustrierend, auch nur einen Buchstaben in das feste Wachs zu drücken. Wie lange mag eine ganze Botschaft gedauert haben?

Ich bin mir sicher, wenn wir locker herumfragen, muss es heute für einige ähnlich mühsam scheinen, einen Brief mit der Hand zu verfassen. Schließlich ist es meist nur die eigene Unterschrift, die noch händisch verfasst wird, allenfalls der Einkaufszettel oder eine kurze Notiz. Manchmal glaube ich, dass der von Herrn Müller erwähnte sinkende IQ in Westeuropa auch damit zusammenhängt. Bei Schulkindern schlagen Experten inzwischen Alarm, das Gehirn werde nicht ausreichend aktiv, da die feinmotorischen Fähigkeiten verkümmerten. „Wir verlieren gleichzeitig aber an Eloquenz, wir verehren das Vulgäre und sind – teilweise – sogar stolz darauf, keine Bücher mehr zu haben. Wir wischen nur noch, tippen mit den Daumen kurze Nachrichten, können längeren Texten kaum noch folgen. Das Wahrnehmen von sprachlichen Feinheiten geht uns verloren“, schreibt er auf Seite 77 weiter und ich möchte ihm zustimmen, weil ich in meinem Beruf ganz ähnliche Erfahrungen gemacht habe. Zwar ist ein Text mit der Tastatur schneller verfasst (meist sind es E-Mails, die wir schreiben), aber auch um ein Vielfaches kürzer. Kaum jemand überlegt das „richtige Wort“, wir klappern unsere Gedanken – kurz – herunter. Ein Brief braucht Zeit. Diese Schlussfolgerung liegt nahe. Und niemand hat Lust, ständig von vorn zu beginnen. Wir legen uns zurecht, was wir mitteilen wollen, überlegen den rechten Ausdruck. Aber Zeit … die Menschen heute besitzen davon noch genauso viel wie jene, aus deren Briefen, die auch nach vielen Jahrzehnten noch erhalten sind, Passagen entnommen und im Buch vorgestellt wurden. Schumann, Kafka, Luxemburg … den meisten Raum nehmen Liebesbriefe ein. Gab es dafür einen besonderen Grund? Sind Liebesbriefe, auch wenn sie nicht zu einem Happy End führten und mitunter mit Herzschmerz verfasst wurden, einfach schöner? Denn auch die vorgestellten schwierigen Briefe, die anklagenden hinterlassen Eindruck (oder sind von jenen weniger erhalten?). Sie brauchen vermutlich noch viel mehr Zeit. Aber heute? Macht ein Entliebter per SMS Schluss und nimmt sich keinen Augenblick, seine Gründe darzulegen. Überhaupt scheint sich niemand mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben zu nehmen. Ich bin sehr froh, dass „Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens“ an eines davon erinnert.
Und was machen nun die, die vergessen haben, wie es geht? Dafür hat Frau Trombello-Wirkus einiges beigesteuert. Sie haben ihre Seiten farblich abgesetzt, so dass sie später leichter zu finden sind, was eine ungeheure Erleichterung war, als ich selbst nach den erwähnten Tinten und Papieren suchte. Wer dem eigenen Schriftbild nicht mehr traut, findet Anregungen, dieses zu verbessern. Gerade für Einladungen und Urkunden ist das eine feine Sache. Allerdings scheint es, als müsse der Neueinsteiger zunächst ein wenig Geld investieren. Aber preiswert war das Briefeschreiben nie, besonders das Porto, worüber Herr Müller einiges (Interessantes wie Kurioses) zu berichten weiß.
Manchmal hätte ich mir mehr Ausführlichkeit oder ein tieferes Eintauchen gewünscht (und vielleicht eine etwas buntere Auswahl an Briefeschreibern), aber dafür gibt es am Ende die sorgfältig zusammengestellten Literaturlisten.
Liebe Autoren, ich bin dankbar für Ihre Arbeit; das Buch macht eine alte Kunst unvergessen und hat auch bei mir den Wunsch belebt, es neu zu versuchen.


LG von
Ihrer Leserin Daniela


Titus Müller, geboren 1977, studierte Literatur, Mittelalterliche Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Mit 21 Jahren gründete er die Literaturzeitschrift "Federwelt", drei Jahre später veröffentlichte er seinen ersten historischen Roman, "Der Kalligraph des Bischofs". Titus Müller ist Mitglied des PEN-Clubs und wurde u.a. mit dem C. S.-Lewis-Preis und dem Sir-Walter-Scott-Preis ausgezeichnet.

Gaby Trombello-Wirkus, ihr Lebensmotto: „Einfach mal machen, täglich lernen und schauen, wie weit ich komme“ führte sie zum Grafik-Studium nach Florenz, zur Gründung einer Werbeagentur und nun in den „Schriftschatz“, ihre Schreibwerkstatt in einem Hinterhof von Düsseldorf. Hier können begeisterte Workshopteilnehmer die Freude am schönen Schreiben mit der Hand wiederentdecken.

Kommentare:

  1. Hallo liebe Soleil,
    ich hatte das Buch ins Augegefasst, weil ich seit meiner Kindheit Briefe schreibe. Es hat mir damals sehr geholfen, als ich Engslich lernte und meine ersten Briefe in Englisch geschrieben habe, aber auch generell mag ich es weltweit Freunde zu haben. In der heutigen zeit ist natürlich eine Mail oder Facebook nachricht schneller geschrieben und ich bin auch mit vielen leider nur mehr so in Kontakt - aber...ohne FB hätte ich zum Beispiel gar keinen Kontakt mehr, da doch viele später aufgehört haben zu schreiben. Mit einigen schriebe ich noch "old school", aber die Post tut auch wirklich sehr viel dazu, dass man immer weniger schreibt! Die Erhöhungen des Portos und die Preise sind oftmals nur mehr zum Kopf schütteln und bei uns in Österreich ist es noch teurer, als bei euch in Deutschland.

    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Hallo Martina,
      ich habe mir inzwischen einen Füller gekauft und lege mit dem Briefe schreiben los. :) Tatsächlich musste ich aber noch einmal ein wenig üben, ich habe längere Sachen ewig nicht geschrieben.
      Das mit der Post stimmt, ich bin auch immer noch verstimmt, weil sie die Büchersendung quasi abgeschafft haben. Trotzdem eine schöne Sache, die wir nicht verlernen sollten. ;-)

      LG
      Daniela

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  2. Hi Daniela,

    ich habe seit 2003 eine Brieffreundin, mit der ich auch noch händisch schreibe. Zwar aus Zeitmagel nur noch einmal im Jahr, dafür aber jedes Mal um die 10-15 Seiten. :) Per Hand schreiben fällt mir auch gar nicht so schwer, aber man muss wirklich vorher nachdenken, was man schreiben möchte - digital und dann mal eben fix unpassende Sätze oder Fehler korrigieren ist da natürlich einfacher.
    Schreibe tue ich übrigens entweder mit meinem alten Schulfüller oder mit Kugelschreiber. XD Da meine Handschrift noch nie schön war, wäre ein teurer Stift auch eher Verschwendung. :'D

    Liebe Grüße
    Alica

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    1. Hallo Alica,

      Briefe schreiben braucht Zeit, vor allem wenn es fünfzehn Seiten sind *staun Aber schön ist es doch, oder?
      Mit dem richtigen Stift kann man einiges rausholen, wie zumindest das www behauptet :) Oder man übt sich in Lettering. Ansonsten ist es insofern egal, als dass sie ja alles lesen kann ;-) Aber ich muss auch noch mal üben *hüstel

      LG
      Daniela

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    2. Ja, es macht Spaß. :D
      Also ich habe es auch schon mit richtiger Schreibfeder und Tinte versucht, aber meine Schrift ist und bleibt krakelig. :'D Finde es bei mir eh interessant, dass Zeichnen von Pflanzen/Tieren/Menschen kein Problem ist, aber sobald es an Buchstaben geht, gelingt es mir nicht, es hübsch hinzubekommen. Daher ist auch Lettering bei mir vergebens. >.>

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    3. Habe mir auch einige Profistifte zugelegt, aber sehe noch keine Veränderung. Na mal schaun. :)

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  3. Hi Daniela,

    sehr schön, dass du deine Besprechung als Brief verfasst hast ;) Finde ich super.
    Wer aber ist denn stolz keine Bücher zu haben??? Oh je. Ich bin hingegen eher immer besorgt, wenn mir wer erzählt, er oder sie habe keine Bücher. Aber vielleicht meinst du ja die E-Book-Reader-Besitzer? Die sind in unserem Buchclub immer ganz stolz keine Bücher schleppen zu müssen ... ich mag das gedruckte Wort doch aber sehr gern.
    Briefe schreiben - habe ich auch schon lange nicht mehr gemacht. Sollte ich mal wieder! Danke für den Anstoß.

    Liebe Grüße

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    1. Das lag irgendwie nahe :)))
      Ich kenne tatsächlich eine Familie, die besizt nur zwei Kochbücher - alles andere würde zu viel Platz wegnehmen. In einem Haus! Es gibt solche Leute also tatsächlich. Wieder andere haben teure Bücher im Regal - ungelesen. Und dann natürlich die, die das Nichtlesen mit Zeitgeist begründen: Papier, Bäume, Umweltschutz. Ja, nee is klar.
      Ich habe nach der Lektüre des Buches viel Lust bekommen und es durchgezogen :) Darum wünsche ich Dir viel Spaß beim Briefeschreiben!

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Es ändert sich nichts am Kommentieren, nur muss jetzt dieser lange untere Absatz dabeistehen. Ich danke allen, die mir einen Gruß dalassen!

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