Donnerstag, 8. März 2018

(Buchgedanken) Rebellische Vierzigjährige (Frauen) in der Literatur

In der 18. Ausgabe des kostenlosen Online-Fanzines PHANTAST unter dem Thema "Herrscher und Rebellen/ Macht" ist auch ein Text von Âsa Böker enthalten, die sich mit einer sehr interessanten Angelegenheit beschäftigt: (weibliche) Rebellen in der (phantastischen) Literatur sind in den meisten Fällen Teenager um die sechzehn/siebzehn Jahre. Die entsprechenden Leser allerdings nicht, sie haben ihre Teenagerzeit oft schon lange hinter sich gelassen. Auch nach sehr angestrengtem Nachdenken verschiedener Leute kamen nur wenige rebellische Vierzigjährige in der Literatur, die quasi ihr Leben noch einmal umgekrempelt und neu organisiert haben, zum Vorschein. Und wenn doch, erschien sofort ein neues Phänomen:
"Ich höre schon Stimmen, die protestieren. Was ist mit Cersei Lannister in Game of Thrones? Eine starke Frau, die für ihre Kinder wie eine Löwin kämpft. Aber wir lieben Cersei nicht, im Gegenteil, sie ist die böse Stiefmutterfigur - ein klassisches Thema in jedem Märchen. Ob Schneewittchens böse Stiefmutter oder die von Aschenputtel ... Mrs Dashwood in Janes Austens Verstand und Gefühl, bis hin zu Miranda Priestly in Der Teufel trägt Prada von Lauren Weisberger. Wir mögen Frauen nicht, die für sich selbst kämpfen. Sie sind keine Rebellen, sondern Hexen oder noch Schlimmeres. Unsere Weltgeschichte ist voller starker Frauen, deren Bedeutung nach ihrem Tod deutlich verringert worden ist, oder die als herzlose Tyranninnen in Erinnerung geblieben sind.", schreibt Böker.
Warum das so ist, muss nicht nur literarisch, sondern vor allem auch historisch und letztendlich vermutlich sogar philosophisch näher untersucht werden und würde im Rahmen dieses Beitrags zu weit führen. Die Frage, die letztendlich bleibt ist doch, warum sich der Umstand dieser Tage nicht ändert. Haben wir heute nicht Frauen ab vierzig, die fest mit beiden Beinen im Leben stehen, viel in Eigenarbeit aufgebaut haben - und das alles nach einem Neuanfang?
Als kürzlich Schülerinnen gebeten wurden, Frauen aus dem öffentlichen Leben zu nennen, die älter als vierzig sind und (!) keine Schauspielerin, kamen nur sehr wenige Antworten zutage. Man versuche es einfach mal selbst. Werden Frauen ab vierzig also überhaupt richtig wahrgenommen? In der Literaturgeschichte war es eine ganze Weile schwierig, überhaupt weibliche Figuren zu finden, die aus der ihnen zugedachten Rolle ausbrachen, und die meisten, die es gab, waren von Männern erdacht worden. Kaum erwähnenswert, dass all diese Frauen scheiterten und meistens auf grauenvolle Art starben (vieles davon ist heute noch klassische Schullektüre).
Heute fasert sich Rebellion an jungen Charakteren hoch, nie älter als zwanzig Jahre, die grundsätzlich gewinnen und am Ende auch immer einen Partner an der Seite haben, ohne den sie ihre Rebellion nie angefangen, geschweige denn diese überstanden hätten. Das wirkliche Ende ist das jedoch nie, auch wenn jemand (Happy) End drunter schreibt. Die siebzehnjährigen Mädchen wachsen, werden älter, sie lernen, schaffen Neues, erleben Rückschläge und kosten das Leben in allen Zügen (auch den negativen) aus. Und dann? Was geschieht fünfundzwanzig Jahre später? Oder anders gefragt: Wie waren Cersei und Miranda wohl selbst als Teenager, was hat sie zu den Frauen geformt, die sie heute sind? Woher stammt ihre (innere) Stärke?
In der (phantastischen) Literatur gibt es seit einiger Zeit durchaus auch ältere Figuren (Großväter, alternde Heerführer, etc.), die keine Neben-, sondern Hauptfigur sind. Leider sind keine Frauen dabei. Dabei wäre es nicht unmöglich, eine Vierzigjährige zu erdenken, die sich gegen den Mann erwehren muss (arrangierte Heirat), weil sie zwar seine Gleichgültigkeit ertragen kann, aber nicht die zukünftigen Pläne für die gemeinsamen Kinder. Oder eine Frau, die jahrelang über ein Reich geherrscht hat, das nun überfallen und unter fremder Peitsche geknechtet wird; die Königin kann fliehen und stellt ein Heer zusammen, an dessen Spitze sie steht oder kämpft gar selbst, obwohl lange aus der Übung oder ... Eine alternde Kriegerin, die ihre letzten Jahre Revue passieren lässt und sich fragt,
ob sie an dem Leben, das sie führt, etwas ändern sollte. Eine Vierzigjährige, deren Mann bei einem "Jagdunfall" ums Leben kommt, so wie ihr einziger Sohn kurz zuvor, die nun zusehen muss, wie der Clan sich dem neuen Anführer zuwendet, der allerdings keine Ahnung vom Führen/Politik hat und Grundlagen für große negative Umwälzungen legt. Der ihr ihre Einmischung nicht vergibt und sie an den Rand der Gesellschaft drängt, die aber ihren Willen, ihr Volk zu beschützen, nicht aufgibt und ... genau so zu finden in Michael J. Sullivan "Rebellion". Aber anhand dieser wenigen Beispiele wird das Grundproblem deutlich, das vermutlich tatsächlich historisch und philosophisch aufgearbeitet werden muss.

Lesen so viele ältere Leserinnen YA,
- weil starke weibliche Persönlichkeiten ihrer Altersklasse in der Literatur fehlen?
- sechzehn Jahre schneller erzählt sind als vierzig?
- Kurze Leben weniger verflochten und komplex sind?
- weil YA manchmal etwas abgedrehter ist, als man es Menschen ab vierzig für gewöhnlich zugesteht?
- weil sich das Erzähltempo der Geschichten pro Altersstufe signifikant unterscheidet?
- weil bis zum Teenagerdasein die meisten Leben recht gleichförmig verlaufen, während sich dann die Umstände differenzieren und sich damit quasi nicht mehr alle Leserinnen in den Geschichten wiederfinden können?
- das Leben als Teenager mehr Höhepunkte (Liebe, Prüfungen, etc.) bietet als mit vierzig?

Was auch immer der Grund dafür sein mag, dass siebzehnjährige Heldinnen mit geringer Lebenserfahrung gefragter sind als gestandene Frauen ab vierzig, ich möchte eine Lanze für ein Umdenken brechen. Raus aus dem Jugendlichkeitswahn, rein in echte, fassbare Leben (ja, auch mit Drachen) mit allen Höhen und Tiefen. Da gibt es ganz sicher viel Neues zu entdecken - literarisch, historisch und philosophisch.


Kommentare:

  1. Es ist witzig. Ausgerechnet zu Cersei Lannister hatte ich eine unglaublich spannende Diskussion auf einem anderen Blog. Hier haben die Damen gerade Cersei gemocht, für das was diese Figur darstellt. Auch sehe ich sie nicht als die klassische Stiefmutter, denn das ist sie auch nicht. Sie tut auch nicht alles für ihre Kinder, sie tut alles für sich.

    Aber jetzt zum eigentlichen Thema:
    Ich bin der Meinung, dass YA gelesen wird, weil es immer das Märchen-Schema bedient. Vor allem aber, weil die Bücher schnell und einfach geschrieben sind, d.h. Du kannst sie ohne viel Anstrengung lesen. Du brauchst Dich weder in die Charaktere reinzudenken und meistens freust Du Dich auf das Happy-End, den ersten Kuß und Sex. Sicherlich ist es ein Wunsch nach ewiger Jugend.
    Warum keine starken 40er? Weil in dem Alter die Frauen bestimmte Ideale über Bord geworfen haben. Sie wissen, dass sie einige Dinge niemals werden ändern können. Sie wissen, was es bedeutet, zu verlieren. Und sie wollen unterhalten werden. Sie wollen nicht noch auch in der Literatur kämpfen und verlieren. Sie wollen Spaß und Gewinnen, Ablenkung vom tristen Alltag. Vom Muttersein, Starksein, erfolgreich sein im Job. Eine 40-jährige hat ganz andere Sorgen. Wenn sie ihren Mann und ihren Sohn bei einem Jagdunfall verliert, dann ist sie erstmal innerlich selbst sogut wie tot. Was sollte da die Motivation zum Kampf sein? Allein hier stelle ich mir den Plot komplex vor.
    Verstehe mich nicht falsch, ich finde es eine hervorragende Idee, aber ich tue mich selbst momentan sehr schwer und staune selbst, da ich das YA ehrlich gesagt zum Kotzen finde und ausgerechnet Game of Thrones viele Frauencharaktere bietet, die genial sind und endlich von diesem ganzen Prinzessinen-Mist wegkommen UND sie sind wieder einmal von einem Mann geschaffen.

    Woher das Problem kommt: Es gibt bestimmt Bücher mit starken älteren Frauen, wir kennen sie bloss nicht. Ich habe hier die Klassiker-Bibliothek der Süddeutschen Zeitung stehen. Das sind 51 Weltklassiker, davon sind 4 von Frauen, Rest alles Männer. Das sagt schon fast alles.

    Ein wirklich gutes Thema. Dazu sollte man mehr schreiben!

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  2. Ich mochte Cersei eigentlich auch immer, sicher wir würden vermutlich keine Freunde, aber sie ist eine sehr interessante Figur.
    Dass ich kein Fan dieser ganzen Mädchennacherzählbücher bin und auch nicht von den meisten YA ist kein Geheimnis. Sie sind mir zu einfach, zu sehr nach Schema und die meisten haben überdies ein Frauenbild, bei dem ich weinen möchte. Zudem war ich selbst in dem Alter nie so bzw. hatte ganz andere Interessen als in etwa den Prinzen zu angeln oder mir täglich ein anderen Outfit zurechtzulegen.
    Sullivans Roman übrigens empfehle ich gern weiter. Wenn Du auf den ersten Blick alles verloren hast, ist das eine Sache. Aber man hat ja immer irgendwie einen Grund zum Weitermachen und sie sucht ihn darin. Zumal man etwas, das man so viele Jahre gelebt hat, nicht einfach abstreifen kann.
    Die 40er sollen auch nicht nur kämpfen. Warum nicht zurückschauen auf alles, was man bereits geschafft hat? (Auch bei Männern nicht uninteressant.) Interessant finde ich dabei vor allem (vielleicht weil man selbst langsam dahin kommt?), dass man eben wirklich überlegen und suchen muss, ehe einem eine 40jährige Frau einfällt, die nicht auch noch einmal die Liebe sucht, sondern für etwas kämpft. Das muss ja nicht zwangsläufig der Weltfrieden sein.

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  3. Ich weiß nicht, was das über mich aussagt, aber ich liebe Cersei Lannister sehr; natürlich bin ich nicht mit allem einverstanden, was sie tut, aber sie ist eine psychologisch sehr nachvollziehbare Person, die ich teilweise bewundere.

    Eine Freundin von mir hat sie mal als "erschreckenderweise die einzige wirkliche Feministin in Westeros" genannt, was nicht ganz stimmt, weil es ja noch weitere Figuren wie Melissandre und die Königin der Dornen gibt, auf die das zutrifft.

    Das nur so als Denkanstoß - nicht alle von uns hassen Cersei. ,-)

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    1. Danke :) Aber darum geht es in dem Beitrag eigentlich nicht. ;-) Ehrlich gesagt mag ich es nicht, wenn irgendwas an GoT als feministisch angesehen wird, die Figuren sind ja, besonders in den ersten Büchern alles andere als das. Ich glaube, der Autor hat es irgendwann selbst ein bisschen bereut, die Welt und weiblichen Figuren so eng angelegt zu haben. Und als das Thema dann aktuell wurde, hat sich plötzlich so viel geändert, aber ob das immer so geplant war? Wer seine anderen Werke ebenfalls kennt, wird jedenfalls sehr wenige "starke weibl. Figuren" finden. Gut, dass ich GoT nicht mag, hat sich sicher inzwischen rumgesprochen :)

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    2. Nur noch einmal kurz zu GoT, um das Thema abzuhandeln: Ich denke, dass es dort sehr viele starke Frauenfiguren gibt. Hier sollte man sich aber vielleicht auch erstmal auf eine gemeinsame Definition von stark einigen und was tatsächlich als feministisch angesehen wird. Ich muss jetzt ganz dringend die Bücher lesen, denn ich höre immer öfter, wie weit die Serie vom Print abweicht. Wenn diskutieren, dann mit einer guten Basis. ;-)
      Cersei die einzige Feministin? Never ever! Aber wie gesagt, vielleicht gibt es eine Gelegenheit zu einem laaangen Nachmittag mit viel Kaffee und hitzigen Argumenten. Ich liebe ja sowas! :-)

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    3. Haha, ich bring den Kaffee und Du den Keks. (Sorry, der musste sein.)

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  4. P.S. Die Hauptfigur in Markus Heitz' neuem Buch ist eine altgewordene Kriegerin. ,-)

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    1. Jup, gemerkt, ich lese es nämlich gerade und habe dem Autor gedanklich eine Kusshand zugeworfen. Aber erst mal sehen, was er noch so mit der Figur anstellt, ich bin noch im ersten Drittel des Buches.

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Es ändert sich nichts am Kommentieren, nur muss jetzt dieser lange untere Absatz dabeistehen. Ich danke allen, die mir einen Gruß dalassen!

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