Freitag, 27. Mai 2011

Politisch Korrekt? (Buchgedanken)


Nach all den guten Neuigkeiten rund um die Autorin Robin Hobb beschloss ich, das einzige Buch von ihr, das ich noch nicht kenne, zu lesen. "Die Stunde des Fauns" (unter dem Namen Megan Lindholm) erschien bereits 1991 im Original und die Handlung spielt unter anderem 1976. Mir ist schon nach wenigen Seiten eingefallen, warum ich diese Autorin so liebe: sie schreibt intelligent und sehr bildhaft, mag "Staub in den Ecken" und hat eine phänomenale Gabe dazu, ihren Charakteren Leben einzuhauchen.
Und dann stieß ich auf diesen Absatz der Ich-erzählenden Heldin Evelyn: "Steffie überbrückt die folgende Stille, indem sie zu ihrem Glas greift. Ich kann nicht umhin zu denken, dass es eine angelernte Anmut ist, dass Mutter Maurie sie irgendwann als Halbwüchsige an den Küchentisch gesetzt und ihr beigebracht hat, wie man diskret Eistee aus einem hohen Glas trinkt. Sie tut es zu gut, als dass es ein Zufall der Natur hätte sein können. Ich bestaune sie, wie die nackten braunen Wilden Magellan bestaunt haben mussten, als er ihr Land beanspruchte. Mit der gleichen Ehrfurcht und Verständnislosigkeit. (...)"
Hups? Wann hat man zuletzt etwas Derartiges in einem Roman gelesen?
Später gibt es andere Szenen, in denen beispielsweise ein Rentier (die Handlung spielt in Alaska) erschossen und zerlegt wird. Die Familie lebt davon und muss die Wilderei geheim halten, da sie verboten ist. Es geht nie in eine splatterhafte Richtung, es wird aber auch nichts verschwiegen.
Nach "Beschönigungsaktionen" wie der "politisch korrekten" Version von Tom Sawyer und Huckleberry Finn" (Mark Twain), bei der Begriffe wie "Nigger" durch "bessere" Begriffe wie "Sklave" ersetzt wurden, frage ich mich ernsthaft einige Dinge.
Wir wissen alle, dass im Fernsehen bestimmte Wörter Tabu sind. In Zeitungen werden Direktabschriften nach Dialogaufnahmen "bereinigt". Aber ernsthaft: Werden jetzt auch in Romanen fiktive Geschichten kontrolliert? Wie lange geht das schon so?
Ich frage mich auch, wie man dann in Zukunft als Autor noch bestimmte Figuren darstellen will. Es muss ja noch nicht einmal der Antagonist sein, also der Gegenspieler des Helden. Da reicht auch eine Kontrastfigur, die mit ihrer Einstellung den Charakter der Helden unterstreichen und vertiefen soll.
Anders gefragt: Wie böse darf ein Bösewicht noch sein, wenn ihm Schimpfwörter "schön geschrieben" werden und - wie es in letzter Zeit immer häufiger vorkommt - seine Handlungen durch seine ach so menschliche Seite, die schlimme Kindheit oder ein einschneidiges Erlebnis "bereinigt" werden.
Evelyn übrigens meint ihren obigen Gedankengang nicht böse. Aber er unterstreicht, was und wer sie ist ziemlich gut. Wie und wo sie aufgewachsen ist, wieso sie sich nicht bei Schwägerin und Schwiegermutter wohl fühlt.
Vielleicht sollten wir uns öfter einmal fragen, was alles aus unserem Lesegebrauch verschwunden ist und was unsere Kinder heute alles vor die Nase gesetzt bekommen. Wird es ihnen wirklich besser gehen, weil sie eine "politisch korrekte" Form von Mark Twains Werk zu lesen bekommen? Ging es uns denn schlecht mit der alten?
Ich hoffe nur, dass es nicht daran liegt, dass wir heutzutage seichte Schnellebigkeiten der anspruchsvollen (jawoll auch in der Fantasy!) Nachdenklichkeit vorziehen.



Buchgedanken zu:
Politisch korrekt?



Kommentare:

  1. Hi,
    Sonderlich viel halte ich nicht von nachträglichen Anpassungen und ich verstehe sie auch nicht sonderlich.
    Entschuldige wenn ich auf dieses leidige Thema zurückkomme, aber was wenn sie anfangen unsere Nazi-Vergangenheit derart zu "bereinigen"? Und der Einfall in Amerika und die Geschichte mit den Sklaven ist wohl durchaus vergleichbar. Das nun versucht wird bestimmte Ausdrücke aus unserem Wortschatz zu streichen finde ich nicht gelungen. So können sie meiner Meinung nach weiter verwand werden solange sie ihren extrem negativen Nachgeschmack beibehalten. Soll sich doch ein Politiker oder Journalist politisch nicht korrekt ausdrücken, so wissen wir zumindest gleich was wir von demjenigen zu halten haben.
    Ich finde den Trend auf jeden Fall sehr merkwürdig.. Erinnert mich an die Verdrängung negativer Geschichte..
    Bei mir wird der Negerkuß auch immer Negerkuß bleiben statt Schaumkuß oder was sie sich sonst für neue Namen ausgedacht haben. Wer sich von solchen uralt Relikten heutzutage beleidigt fühlt.. Ich weiß nicht.. der lebt in der Vergangenheit?
    Aber genug der langen Worte.. Lg^^

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  2. Also ich weiß manchmal wirklich nicht, wohin die Medien noch so treiben werden...Einerseits bekommen wir weichgespülte, beschönigte Bücher zu lesen, wo heile Welt gespielt wird und alles legitimiert wird - andererseits muss man nur das Fernsehen einschalten und platzt in eine verrohte, vor Schimpfwörtern und Diffamierungen nur so triefende Scheinwelt. Das soll dann der neue Standard sein? Wenn in nachgestellten "Reality Soaps" nichts mehr weggepiept wird, weil die Leute eben so was sehen wollen und gleichzeitig in Romanen jedes noch so kleine F-Wort beschönigt wird, weiß ich echt nicht, was ich noch denken soll :-S

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  3. Ein schöner Artikel und eine interessante Frage.

    Das ist ja etwas, was man nicht nur im Bezug auf Bücher beobachten kann. Es wird auf alles fast schon hysterisch eingeprügelt (und manches sogar im Sinn verdreht und absichtlich falsch verstanden), was scheinbar politisch nicht korrekt ist, anstatt sich kritisch und vernünftig damit auseinanderzusetzen.

    Bei Büchern ist das nicht anders. Auch da werden immer Leute sein, die sich auf solche Dinge stürzen und eine riesige Sache daraus machen. Oder die Bücher gar nicht erst kaufen, weil Ecken und Kanten mittlerweile ganz schön unbeliebt sind. Und die Verlage richten sich dann danach aus und beschönigen Texte in der Übersetzung oder versuchen möglichst für alle gefällige Klappentexte zu schreiben, weil sie ihre Bücher schließlich verkaufen müssen.

    Wobei gerade Rassismus eine empfindliche Sache ist. Ich erinnere mich an das Theater um Elizabeth Bear 2009, als ihre negative Darstellung eines Schwarzen in einem ihrer Romane einen wochenlangen Krieg zwischen Autoren und Lesern auf Livejournal auslöste.

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  4. Hallo Ihrs,

    @Mikage:
    Ich bin auch dagegen, etwas zu beschönigen. Das ist, als würde man es "angenehmer" machen wollen - hat natürlich auch Null Lerneffekt.

    @Armitage:
    TV schaue ich schon gar nicht mehr oft, das Niveau gerade am Nachmittag wenn viele junge Zuschauer dabei sein dürften, sinkt ja fast stündlich. Aber gleichzeitig wird oberkorrekt darauf geachtet, dass das Pärchen im Buch ein Verhüterli benutzt. *augenroll*

    @nija:
    Danke Dir!
    Ich frage mich auch oft, wer eigentlich entscheidet, was wann politisch korrekt ist und was nicht. Oft ist es einfach nur übertrieben. Und manchmal fällt es einem doch ins Auge, dass Person A etwas sagt und damit durchkommt und Person B mit diversen Sanktionen zu rechnen hat ...
    Was die Ecken und Kanten angeht: Die gehören einfach dazu! Außerdem wird ja niemand gezwungen ein Buch zu lesen.
    Andererseits gibt es gewisse Bücher, da weiß der aufmerksame Beobachter einfach, dass es nur geschrieben und veröffentlicht worden ist, -weil- es ein brisantes Thema/Meinung beinhaltet. Verkaufszahlen *hüstel*
    Ich bin noch immer für die Meinungsfreiheit - ganz besonders in fiktiven Geschichten. Wenn dort das Klischee der meckernden alten Leute nicht mehr verwendet werden darf,w as dann?
    Beispiel zu obigem Buch: Die Ich-Erzählerin erinnert sich in einem Miniabsatz an ihre Großmutter. Ohne diese weiter zu beschrieben, weiß man doch alles, was man über die alte Frau wissen muss. Dort steht, sinngemäß, dass sie immer zu sagen pflegte: "Kind, wasch das Obst und Gemüse immer gut ab, sie pflegen neuerdings Schwarze zum pflücken einzustellen."
    Es ist eine Charakterisierug, die keine weiteren Erklärungen braucht. Trotzdem frage ich mich, inwieweit das heute überhaupt noch gemacht wird. Gibt es hier schon die "gutgemeinte Zensur"? Ich hoffe es nicht, befürchte aber, dass wir da so langsam drauf zu schliddern.


    LG
    Soleil

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  5. Hallo Soleil,

    ein wirklich sehr guter Artikel und diese Gedanken sollten wir uns alle machen. Denn ich stimme Dir gerne zu, vor allem in der Aussage, dass wir auf eine „gut gemeinte Zensur“ zuschliddern. Hier gab es in der Vergangenheit bereits einige Beispiele. Mir fallen spontan „Satanische Verse“ ein und könnt Ihr Euch noch an die Debatten um Harry Potter erinnern, hier sollten gleich die Bücher verboten werden, da sie die Hexen und Magier und Zauberei propagieren. Gut, das sind jetzt Beispiele für die Exterme, aber es passiert ja andauernd. Bei machen Büchern bekommen wir es gar nicht erst mit.

    Warum sollten Romanfiguren sozialer sein, als reale Menschen? Keiner von uns ist doch immer und zu jeder Gelegenheit politisch und gesellschaftlich korrekt. Wieso sollten es unsere Geschichten sein? Und wollen wir so was überhaupt lesen?

    Wenn ich ein Buch lese, entscheide ich mich für den Inhalt und als Erwachsener Mensch kann ich durchaus sehr gut einschätzen, welche Inhalte der Bücher ich wie einzuschätzen habe. Man braucht mich vor solchen Dingen nicht zu schützen, denn es grenzt teilweise ans Bevormunden. Mich würde ehrlich interessieren, vor wem die Verlage so viel Angst haben, dass sie die Skripte ändern.

    VG
    Jo

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