Mittwoch, 29. September 2010

Verlagsgeplauder - Wie mache ich es richtig ...?

Der Verleger Torsten Low plaudert aus dem Nähkästchen. Und das auch noch gern! In regelmäßigen Abständen wird er sich ein Thema wählen und einige Worte dazu aufschreiben. Alle, die sich näher dafür interessieren, sind herzlich eingeladen, sich diese Worte durchzulesen und zu kommentieren. Mehr noch: Interessiert ein Thema besonders? Dann her damit, Torsten antwortet gern.


Vor einiger Zeit bekam ich – als Reaktion auf den Beitrag »Abgelehnt« – eine Anfrage per Mail:
»Du hast da ja nur einige Extrembeispiele aufgelistet. Mich würde einmal interessieren, wie man es richtig macht. Was erwartet ein Lektor oder ein Verleger wie du?«


Ich werde versuchen, die Beantwortung dieser Frage allgemein zu halten – allerdings kann ich nur von meinen eigenen Erfahrungen ausgehen. Und Lektoren oder Verleger können durchaus unterschiedlich ticken – sind ja auch nur Menschen (auch wenn Autoren das manchmal bezweifeln).
Das Wichtigste ist, dass man sich eines klar machen sollte: Manuskripte oder Exposés in der Weltgeschichte herumschicken ist kein Spiel. Das ist eine Bewerbung auf einen Job. Nicht mehr und nicht weniger. Und genau wie bei einer normalen Bewerbung kommen auf einen freien Platz im Programm mehrere, teilweise sogar Hunderte Bewerber.
Darum ist eine gute Vorbereitung das A und O.

· Was verlegt der Verlag? Passt mein Skript da hinein?
Klingt so simpel. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass ein Großteil der Ablehnungen daraus resultieren, weil Autoren nicht richtig recherchieren. Der Heye-Verlag kriegt immer noch Hunderte Manuskripte im Jahr auf den Tisch. Der Heye-Verlag hat noch nie, noch niemals einen Roman herausgegeben. Das ist ein reiner Kalenderverlag.
Auch auf meiner Webseite steht eindeutig: Phantastik (Fantasy, Horror, Dark Fantasy, SF) sowie History (bevorzugt Frühzeit und Mittelalter, keine Neuzeit). Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die meinen, mir einen Liebesroman ohne jeglichen phantastischen Bezug zu schicken. Das ist verschwendetes Porto.

· Wer ist der Entscheider?
Ein "Sehr geehrter Herr Mustermann" klingt professioneller und besser als "Sehr geehrte Damen und Herren" - vor allem, bei einem 1-Mann-Verlag. Und es beweist, dass der Autor sich zumindest Gedanken darüber gemacht hat, ob man zusammenpasst.

·Sucht der Verlag derzeit überhaupt?
Oder steht auf der Webseite so etwas wie: "Manuskripteinsendungen sind nicht erwünscht" - dann kann man es sich sparen.
Genauso, wenn ein Verlag äußert: "Bei der Suche nach neuen Autoren arbeiten wir ausschließlich mit Agenturen zusammen." Das Manuskript landet ungelesen im Papierkorb. Und zwar nicht, "weil in Verlagen nur verbohrte Männer und Frauen sitzen, die von Literatur keine Ahnung haben", wie es so oft von abgelehnten Autoren tönt, sondern weil der Autor sich schlecht vorbereitet hat.

· Wünscht der Verlag die Einsendung auf eine bestimmte Weise?
Ich beispielsweise erwarte kein komplettes Script, sondern ein Exposé, eine Vita und eine Leseprobe (20 Seiten vom Anfang an) - Normseite, ausgedruckt und postalisch eingesandt.
Wer mir sein Manuskript unangefordert per Email zuschickt, kriegt 10 Minuten später eine Ablehnung von mir.

Weil das ominöse Wort »Normseite« gerade fiel:
Die meisten werden die Grundgrößen 60x30 sicher schon gehört haben, trotzdem gibt es auch da anscheinend viel Unsicherheit, wie dies richtig zu handhaben ist. Dabei ist es eigentlich recht einfach. Man nehme eine nichtproportionale Schriftart (z. B. Courier), wähle eine gut lesbare Schriftgröße (10 oder 11) und formatiere das Dokument so, dass in jede Zeile maximal 60 Zeichen und auf jede Seite genau 30 Zeilen passen.
Linksbündiger Flattersatz, keine Silbentrennung (weder automatisch noch manuell), keine verschiedenen Schriftarten, keine anderen Formatierungen außer Fett, Kursiv und Unterstrichen. Farbige Schriften sind genauso fehl am Platze, wie verschnörkelte Schriftarten. Die Schriftgröße sollte weder zu klein noch zu groß sein.
Damit dürfte alles zur Normseite gesagt sein.
Im nächsten Schritt bringt man seine Einsendung in das vom Verlag gewünschte Format und achte bei Anschreiben, Leseprobe und Exposé darauf, dass möglichst wenige Rechtschreibfehler darin stecken.
Ja, ich weiß – es gibt Autoren, die der Meinung sind, dass die Geschichte doch wichtiger ist, als die Rechtschreibung und das so etwas ja im Lektorat vom Verlag ausgebessert werden sollte.
Das ist ausgemachter Blödsinn!
Zum einem ist das Lektorat nicht für das Finden von Rechtschreibfehlern verantwortlich, sondern das Korrektorat (welches normalerweise nach dem Lektorat gemacht wird). Das Lektorat kümmert sich um stilistische Dinge. Ein Lektor, der sich in der Leseprobe von Fehler zu Fehler hangeln muss, tritt das Ding schneller in die Tonne, als ein Autor "Aber die Geschichte ist doch super" sagen kann. Und zwar mit Recht!
Zum anderen ist es nun einmal so, dass auch heute versucht wird, so wenig Aufwand wie möglich in etwas hineinzustecken. Bei einem großen Verlag treffen in der Woche 50-100 Manuskripte ein, das sind im Jahr 2500. Da ist genug Auswahl darunter, da muss man nichts nehmen, was komplett fehlerverseucht ist.
Noch einmal: Es ist wie eine Bewerbung für einen Job.
So schwer ist es doch nicht. Mindestens fünf bis zehn eigene Korrekturläufe, danach den Dudenkorrektor und ein bis zwei unabhängige Testleser.

Nun geht’s an das Exposé. Das ist nicht einfach: ein 300-Seiten Text auf wenige Seiten einzudampfen und das Wichtigste herausziehen. Auch hier sollte man sich vorher auf der Webseite des gewünschten Verlages informieren, ob der irgendwelche Vorgaben macht.
Falls nicht, sollte man seinen Roman versuchen auf maximal drei Seiten einzudampfen.
Eine Buchempfehlung hierzu: Roentgen, Hans Peter : Drei Seiten für ein Exposé. Schreibratgeber. Sieben-Verlag, 2010.

Die Leseprobe muss absolut überzeugen, wenn sie dem Lektor in die Hände fällt.
Der erste Satz muss einschlagen, muss den Lektor dazu zwingen, weiterzulesen. Also feilt man so lange, bis der erste Satz zündet.
Profis sehen nach wenigen Seiten, woran ein Text krankt oder ob da Potenzial dahinter ist. Also feilt man an den ersten vier Seiten, bis sie einen in die Geschichte reinziehen.
Eine Buchempfehlung hierzu: Roentgen, Hans Peter : Vier Seiten für ein Halleluja. Schreibratgeber. Sieben-Verlag, 2008.
Das Anschreiben wird wohl das erste sein, was der Lektor liest.
Dass der Lektor oder (im 1-Mann-Verlag) der Kleinverleger persönlich angesprochen werden sollte, habe ich schon weiter oben erwähnt.
Ein weiterer wichtiger Punkt, der die Lektoren interessiert, wäre die Zielgruppe. Für wen ist das Buch gedacht? Wen wird das Buch begeistern? Mit welchem anderen Buch (möglichst aus dem gleichem Verlag und möglichst ein gut laufendes Buch und kein Flop) ist das Script vergleichbar?
Was prädestiniert den Autor, diese Geschichte zu schreiben? Hat er beispielsweise einen Roman geschrieben, der vorrangig auf Malta spielt, wäre es für den Lektor wichtig zu wissen, dass der Autor drei Jahre auf der Insel gelebt hat.
Und ganz wichtig - ist mehr geplant? Hat der Autor vielleicht ein oder zwei weitere Exposés in der Tasche, für einen Nachfolger oder ein ganz anderes Buch? Eintagsfliegen haben nur selten eine Chance, denn das erste Buch eines Autors verursacht einem Verlag meist ausschließlich Kosten. Deswegen ist eine der häufigsten Fragen vor Vertragsunterzeichnung: »Haben Sie schon irgendeine Idee, welches Buchprojekt Sie als nächstes planen?«
Erst ab dem 2. Buch fängt für einen Verlag das Verdienen an.

Um noch einmal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen:
»Mich würde einmal interessieren, wie man es richtig macht. Was erwartet ein Lektor oder ein Verleger wie du?«
Alles das, was ich oben bereits angesprochen habe.
Dazu eine unverbrauchte, spannende Geschichte, tolle Charaktere und eventuell die Aussicht auf einen Hype.


Kommentare:

  1. Ohja, von ihm habe ich auch schon einiges gelesen! Das ein oder andere sollte man sich wirklich mal merken- wer weiß, wozu man es mal braucht...

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  2. Eine hilfreiche Zusammenfassung. Man sollte meinen, daß nun keine weiteren Fragen zum Thema mehr nötig sind.

    ...

    Wetten, daß es jedoch auch in Zukunft Einsendungen geben wird, die sich an keinen dieser Ratschläge halten?

    ...

    Kleiner Tip (oh, ein Alte-Rechtschreibung-Tip! :-)) ) vom Fachmann: Blocksatz ist gut für Buchseiten. Aber auch nur für Buchseiten.

    Interessanter Blog!

    Manfred

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  3. Hallo,

    @Diane:
    Wenn ich mich recht erinnere, könntest Du es wirklich mal brauchen, nicht? ;)

    @Manfred:
    Herzlich Willkommen im Blog. :)
    Ich glaube schon, dass noch Fragen offen sein könnten, es ist ja doch ein umfangreiches Thema. Aber als ersten Überblick finde ich den Beitrag wirklich sehr gelungen. Dass man damit jetzt keine Profis anspricht, versteht sich von selbst.
    Natürlich wird es solche Einsendungen geben, es liest ja nicht jeder vorher (hier) nach. Doch die, die sich dafür interessieren, die sehen das und wer weiß ...
    Ich werde Tip sicher auch nie mit Doppel-p schreiben ;)
    Ich liebe den Blocksatz und es irritiert mich, wenn er nicht angewandt wird. Es sieht so viel "ordentlicher" aus und macht das Lesen einfacher. Aber ich schätze, das ist Ansichtssache und ich hoffe, Du kannst damit leben und schaust mal wieder rein.
    Bis dahin.

    LG
    Soleil

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  4. Da fehlt noch ein Punkt: Der Autor / die Autorin bewirbt sich im Anschreiben mit einer ausführlichen und geschwätzigen Abhandlung darüber, wie man Bücher richtig verlegt und erklärt darin die Grundregeln des vom Verlag herausgegebenen Genres ...

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  5. Hallo Norma,

    Ironie ist angekommen! ;)
    Und mann, da würde ich aus Deinem Alltag aber auch gerne mal was hören. Das scheint ja rundum zu gehen, wenn alle die gleichen Erfahrungen machen. Offenbar glauben (zukünftige) Autoren immer noch, dass es mit dem Schreiben eines Buches getan ist.
    Meine Vermutung seit Jahren geht ohnehin in die Richtung, dass Leute, die nicht dazu lernen (wollen) keine Autoren sein -können-.
    Inwiefern unterscheidet sich das eigentlich im Hinblick auf Eure angebotenen Genres?

    LG
    Soleil

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  6. Ich weiß jetzt nicht, was ich Dir auf Deine Frage antworten soll. Vermutlich hängt es nicht vom Genre ab, wie Autoren sich gegenüber dem Verlag verhalten, eher habe ich den Eindruck, es hängt von der Größe des Verlags ab.

    Mein Kommentar dazu: http://schwule-liebesromane.blogspot.com/2010/08/erfahrungen-mit-verlagen.html

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  7. Ich finde den obigen Text ja genial und kann ihn Punkt für Punkt unterschreiben. Mal sehen, vielleicht verweise ich bei meinen nächsten Absagen mal darauf. :-)

    Was mir aus meiner persönlichen Erfahrung noch fehlt:

    1. Zeilenumbrüche nicht vergessen – vor allem in dialoglastigen Texten. Und Dialoge ohne Zeilenumbrüche geht gar nicht!

    2. Die Geschichte braucht einen erkennbaren roten Faden. (Ich hatte doch tatsächlich mal den Fall, dass mir eine Dame auf meine Absage schrieb, in der ich angemerkt hatte, dass mir der rote Faden fehle und die Geschichte etwas konfus wirke: die Aufklärung käme im Epilog, so weit müsse ich also lesen. Was ich natürlich nicht getan habe.)

    3. Es reicht leider nicht, wenn Familienangehörige und enge Freunde finden, dass die Geschichte unbedingt veröffentlicht werden müsste.

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  8. @Norma:
    Toller Text, habe ihn gerade gelesen.
    Ich habe bisher keine Unterschiede in der Größe von Verlagen gemacht und wäre auch nicht davon ausgegangen, dass das für andere eine Rolle spielen würde. Aber ich kann mir dahingehend gut einiges vorstellen. Vielleicht sogar sowas in Richtung "Trittbrett"-Benutzung und und und.
    Was war denn Dein "Mansukript passt sowas von überhaupt nicht ins Verlagsprofil" - Favorit?

    @Aequitas et Veritas:
    Willkommen im Blog.
    Punkt 1 unterschreibe ich sofort. Manche Autoren wissen noch nicht einmal was ein Absatz ist und warum man sowas brauchen könnte. Auch die dusslige Angewohnheit, Dialog auf Dialog folgen zu lassen - in der gleichen Zeile etc. *seufz*
    Epilog?! *eek* Ich kenne bisher nur die Fälle, die nach 20 Seiten meinen, wenn ich angebe, nicht verstanden zu haben worum es geht, das komme ja alles noch. Nach 50 Seiten ist es nicht besser, aber es kommt ja noch. Weiter lese ich dann aber aus Prinzip nicht.
    Zu Nummer 3 kann man auch mal DSDS_Jury fragen aufs Singen gemünzt. Und der Bonus, den die haben ist, dass sie ihre Gedanken laut aussprechen dürfen. *zu Torsten schiel*

    Vielen lieben Dank für Eure Gedanken! Ich grinse mir immer einen dabei ab, also mehr davon! ;)

    LG
    Soleil

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