Samstag, 5. Oktober 2019

ARMUTSSAFARI: Von der Wut der abgehängten Unterschicht - Darren McGarvey


Titel: ARMUTSSAFARI: Von der Wut der abgehängten Unterschicht
Autorin: Darren McGarvey
Originaltitel: Poverty Safari: Understanding the Anger of Britain's Underclass
Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3630876122
Euro: 15,00
Veröffentlichungsdatum: August 2019
Seiten: 320
Serie: nein
Come in: vom Verlag










Meinung
McGarvey, der nie viel gelesen, umso mehr gedacht, aber nicht viel gesagt hat, legt nach einem bewegten Leben dieses Buch vor, das so intensiv und auf den Punkt gebracht das Problem – nicht nur in England/Schottland, sondern europaweit – analysiert, das es schwer ist, sich emotional zu entziehen. Dabei mischt er Fakten mit Details seines eigenen Lebens, Erlebnisse als Kind und Jugendlicher genauso wie Begebenheiten aus seiner Arbeit. Wer zudem mehr über Randgebiete des Landes, das bei uns nur in Bezug auf „Brexit“ in die Medien kommt, erfahren will, z.B. lokale Gruppen, die sich sozial oder ökologisch engagieren, sollte ebenfalls zugreifen. Ein bisschen Eigenrecherche gehört aber nach dem Lesen dazu.

Aufgewachsen mit mehreren Geschwistern bei einer alkoholabhängigen Mutter, die früh verstarb, schien McGarveys Leben vorgezeichnet. Er wurde selbst drogenabhängig, hatte keine (Aus-)Bildung und lief sogar Gefahr, obdachlos zu werden. Bis er seine Einstellung zu sich und seinem Leben geändert und seitdem eine Menge geschafft hat. Doch sein Leben fließt nur hier und da ein, das ist keine Biografie.
Im Grunde hangelt sich der Autor an zwei Grundprinzipien hoch, die er verantwortlich für Armut und ihre (sehr weitreichenden) Folgen hält: die Bedingungen von außen und die Eigenverantwortung des Einzelnen bzw. deren Fehlen. An beide Punkte geht er sehr sozialwissenschaftlich und teilweise auch psychologisch heran, nimmt sich aktuelle politische oder gesellschaftliche Ereignisse und verflechtet sie mit eigenen Erfahrungen.
Äußere Bedingungen können verfehlte Sozialpolitik sein, unrealistische Schulbildung und das Fehlen eines Sprachrohres in der Öffentlichkeit. All das führt letztendlich zu einer Art Verdrossenheit, ohnehin nichts gegen „die da“ unternehmen zu können und das in das in jungen Jahren Erlernte, das Unterordnen und keine Schwäche zeigen, mündet. Dabei geht er auch konkret an die Medien heran: worüber wird oft tagelang berichtet; niemand in den medialen Kreisen, der sich für die Unterschicht und ihre Situation interessiert und sie versteht?
Aber auch mit den Mitgliedern der Unterschicht selbst geht er hart ins Gericht. Wie das eigene Leben geführt wird, welche Menschen man ins eigene Umfeld lässt, wie man sich selbst gibt, dass man in etwa auf die eigene Ernährung achtet (klingt unwichtig? McGarvey hat sich jahrelang nur von Fastfood ernährt), die eigene Bildung, wenn sie möglich gemacht wird, etc. Das, was trivial klingt, ist es nicht in einem Umfeld, in dem der Autor aufwuchs, wo es nicht „cool“ war, gebildet zu sein, in der es eine bestimmte Art gab sich auszudrücken, in der man nach außen hart wirken musste, um unbeschadet durch den Tag zu kommen.
Er sagt im Grunde: Lasst die Betroffenen selbst mitentscheiden, wie man politisch und gesellschaftlich agieren könnte, um die Situation zu verbessern – und ihr Betroffene nutzt dann auch die Möglichkeit, mitzureden.
Aber McGarvey wird auch politisch und geht gerade mit der Linken hart ins Gericht, einer Linken, die die Entwicklungen der letzten Jahre verschlafen hat und sich selbst derart verändert, dass sie kaum mehr für ihre eigentlichen Wurzeln steht.
Ich kann leider nur sehr unzureichend widergeben, was Darren McGarvey pointiert, erzählt, analysiert, aber dass ich „ARMUTSSAFARI: Von der Wut der abgehängten Unterschicht“ für ein äußerst gelungenes Statement halte, sollte ersichtlich sein. Es ist zu hoffen, dass es noch viel öfter gelesen und besprochen wird, denn einen Platz in der Bestsellerliste, wie in England erreicht, hätte es schon deswegen verdient, weil damit vielleicht eine Diskussion angeregt werden könnte, die auch in Deutschland mehr als notwendig wäre. Denn das, was McGarvey für England/Schottland beschreibt, ließe sich sehr leicht auf andere europäische Staaten übertragen. Wer ein bisschen abseits der hippen Mainstreamthemen politischer werden möchte oder sich generell für die Situation interessiert, ist mit dem Buch bestens beraten. Und J.K. Rowling fand es auch super.


Darren McGarvey, auch bekannt unter seinem Künstlernamen "Loki", ist Autor, Kolumnist und Rapper. Er wuchs in Pollock am südlichen Rand Glasgows auf. 2015 wurde er "Rapper-in-Residence" in einem Programm der schottischen Polizei zur Gewaltprävention. Sein erstes Buch "Armutssafari" war Sunday Times Top Ten Bestseller und wurde mit dem Orwell Prize 2018 ausgezeichnet.

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Es ändert sich nichts am Kommentieren, nur muss jetzt dieser lange untere Absatz dabeistehen. Ich danke allen, die mir einen Gruß dalassen!

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