Mittwoch, 3. Januar 2018

Der literarische Rückblick 2017

Der literarische Rückblick (Klick):


Die Tradition des Rückblicks möchte ich auch in diesem Jahr nicht aus den Augen verlieren. Und was war das für ein Jahr; Hochs und Tiefs haben sich die Hand gegeben, so dass ich erst wenig und dann gegen Ende plötzlich viel zu viel Zeit zum Lesen hatte. Zu merken war das Anfang des Jahres vor allem an den älteren Büchern (und Rezensionen), die ich aus der staubigen Schublade geholt habe, vor allem damit sie die Lücken füllten, die ich aus Zeitgründen nicht abdecken konnte.
Die Buchauswahl fiel zunächst durchwachsen, dann aber wieder recht fantasylastig aus, bereut habe ich das nicht, denn dieses Genre weiß mich noch immer am besten zu begeistern.
Sehr stark hat sich ein Umstand auf mein Leseverhalten ausgewirkt, mit dem ich zu Beginn 2017 nicht gerechnet habe. Zum einen hatte ich urplötzlich wieder viel Zeit und zum anderen musste ich mich davon irgendwie ablenken. Dazu habe ich alle meine Bücher (und anderen Kram) zusammengesucht und etwa 80% davon weggegeben. In den Jahren davor habe ich zwar auch immer mal wieder Bücher aussortiert, aber nur jene, die ich gezielt noch einmal angelesen hatte oder sofort wusste, dass ich sie nicht mehr lesen würde. Dazu war diesmal leider wenig Gelegenheit. Insgesamt bin ich beim Verkauf (besser als Tausch, da mehr auf einmal rauskommt) auf eine höhere dreistellige Summe gekommen, was ich insofern erwähnenswert finde, als dass die meisten Bücher so alt und eher ungefragt waren, dass es pro Einzelstück nur wenige Cent dafür gab. Aber dennoch hatte ich so einige Werke im Regal, die noch etwas brachten, vor allem weil sie gefragt, aber nicht mehr im Handel erhältlich waren.
Es sieht ein bisschen merkwürdig aus, wenn es freie Stellen im Regal gibt, aber da viele Bücher ungelesen waren, hat das auch reichlich Druck und auch schlechtes Gewissen genommen. Ich bin mir sicher, die Lücken werden sich neu füllen, aber nur - und das habe ich mir fest vorgenommen! - dezent und mit Büchern, die ich wirklich lesen kann. In dieses Wahllose möchte ich nicht wieder hineinfallen, einfach nur haben um des Habens willen. Diesmal ausgesucht und zeittechnisch machbar. Wenn ich dahingehend in "Leseliste" schaue, kann ich beruhigt feststellen, dass ich den größten Teil der Bücher, die ich 2017 angeschafft habe, auch tatsächlich gelesen habe.
Natürlich sind auch Geschichten dabei, die mir überhaupt nicht zugesagt haben, die wandern aus meinem Haushalt hinaus. Es gab aber auch wirklich lesenswerte Sachen, die ich behalten werde. Mir sind dadurch natürlich auch Sachen in die Hände gefallen, die ich längst vergessen hatte.
Das Leseverhalten beeinflusst hat auch die Tatsache, dass mir viele neue Bücher über eine Tauschbörse über den Weg gelaufen sind und das zumeist original verpackt. Dahingehend habe ich entdeckt, dass ich viel lieber neue Bücher lese, als gebrauchte, vor allem wenn ich als Allergiker nicht weiß, ob das Buch aus einem Katzenhaushalt stammt. Aber das Angebot, das sich so geboten hat, bescherte mir oft recht ungewöhnliche, aber eben auch wirklich tolle Werke, die ich sonst wohl eher nicht gelesen hätte, vor allem auch wegen des jeweiligen Buchpreises.
Ebenfalls Einfluss genommen haben zahlreiche E-Mails, die von diversen Verlagen reingeschneit sind und mein relativ neues Instagram-Konto. Es macht Spaß, die Bücher mit etwas abzulichten, auch wenn ich ganz sicher nie Fan dieser überbunten oder überladenen Bilder werde. Das Buch sollte im Vordergrund stehen, nicht die Deko.
Nicht Einfluss genommen haben andere Blogs, denn tatsächliche Fantasy und eben nicht Jugendbuch und/oder Romance finden sich derzeit leider reichlich wenig - oder ich habe nicht gründlich genug gesucht. Manchmal ist vereinzelt etwas zu finden, aber danach muss gesucht werden.
Ich konnte mich zudem in diesem Jahr nicht des Eindrucks erwehren, dass die meisten Leser zeitgleich auch Autoren geworden sind. Und die lesen ja bekanntlich oft so gut wie gar nicht mehr. Abgesehen davon, dass sie mich, nicht nur aufgrund ihres Alters, an die Zeit damals im Schreibforum erinnern; und es war gut, dass die Werke dort blieben und eben nicht veröffentlicht wurden.

Obwohl mir immer noch die Fantasy am meisten liegt, habe ich mich gerade Ende des Jahres dabei ertappt, vermehrt auch Science Fiction zu lesen. Ob sich hier ein Untergenre herauskristallisieren wird, muss sich erst noch zeigen.
Insgesamt gab es jedoch mehr Werke als in den Jahren zuvor, die ich als persönliches kleines Highlight erlebt habe. Allerdings ist mir aufgefallen, dass ich bei Weitem nicht mehr so streng an die Sache herangehe, offenbar möchte ich gar kein oberperfektes Werk mehr, sondern schlicht eines, das mich zu unterhalten versteht.

Sehr gerne gelesen:
"Der Winterkaiser" von Katherine Addison war im Januar eines der ersten Bücher, die mich zu überzeugen wussten und die ich wirklich gern gelesen habe.
"Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten" von Becky Chambers hat mich ebenfalls begeistert, so dass die Fortsetzung bereits vorbestellt ist.
"Das Tagebuch der Prinzessin Leia" von Carrie Fisher (Der Schauspielerin eben jener Figur) hat mich über vieles nachdenken lassen, gerade auch, wenn es mit Frauen und deren Bild/Position in unserer Welt zu tun hat.
"Das Erbe der Elfen" von Andrzej Sapkowski war sehr unterhaltsam und einfach geschickt gemacht.
"Rebellion" von Michael J. Sullivan war in jeder Hinsicht lesenswert und äußerst unterhaltsam.
"Das Erwachen des Feuers" von Anthony Ryan war ein sehr seitenstarkes, aber eben auch inhaltsstarkes Buch, bei dem man gespannt auf die Fortsetzung warten darf.
"(Comic) Monstress - Das Erwachen" von M. Liu/ S. Takeda war in jeder Hinsicht faszinierend, am meisten deswegen, weil hier nur Frauen agieren - und das ist wirklich mal etwas Neues. Obwohl es auch schade ist irgendwie, wurde es aber auch langsam mal Zeit.
"Die Verräterin" von Seth Dickinson ist ansprechend für alle, die gern auch mal etwas Anspruchsvolles lesen.
Vor "Das Rosie-Projekt" von Graeme Simsion habe ich mich lange gedrückt, weil es so stark gehypt wurde, letztendlich bin ich aber froh, es gelesen zu haben.

Überhaupt nicht gefallen:
"Frostflamme" von Christopher B. Husberg, welches ich abgebrochen habe. Leider ist nicht genug in meinem Gedächtnis übrig geblieben, als dass ich sagen könnte, weshalb. Aber ich glaube, es war auch inhaltlich wenig überzeugend und dazu noch durchwachsen geschrieben.
Marie Lus "Gemeinschaft der Dolche" hat leider in Bestform gezeigt, was mit der heutigen Jugendliteratur nicht stimmt. Auch das Frauenbild darin hat mich schütteln lassen. Als ich dann "Grisha" gelesen habe, musste ich leider zu der gleichen Ansicht gelangen.

Die Liste(n) zeigen sehr deutlich, dass ich mich offensichtlich an keine Vorgaben der Vorjahre gehalten habe. Es sind männliche, wie weibliche Autoren dabei, diverse Untergenres, dicke wie dünne Bücher, verschiedene Ausgabearten, etc. Nur E-Books sind nach wie vor nicht dabei.

Mitte des Jahres habe ich stark zu REs gegriffen, weil es leicht war an diese heranzukommen und ich dachte, das würde meinen Geldbeutel schonen. Wenn ich jedoch an die zahlreichen Bücher denke, die ich aussortiert habe und das meist ungelesen, war das wohl eher kontraproduktiv. Ich mochte auch den Stress nicht, den ich mir dabei gemacht habe, denn der Druck, das Buch in einer angemessenen Zeit zu besprechen, steigt - und war ursprünglich das, was mich davon abgehalten hat, überhaupt noch REs ins Haus zu holen. Darum werde ich wohl auch wieder damit aufhören.

Neuerdings ist es sehr wichtig geworden, auf das Cover eines Buches zu achten. Vor allem durch youtube und instagram ist die äußere Darstellung des Buches, nicht sein Inhalt, wesentlich geworden. Garniert wird oft mit Lichterketten, bestrumpften Beinen, Funkos oder Teetassen. Gutgetan hat das der Buchwelt meiner Meinung nach nicht. Oft werden nun nämlich Cover ausgewählt, nicht die zu lesenden Geschichten. Und sind die nicht ohnehin zweitrangig geworden? Das frage ich mich ebenfalls immer öfter, da man in gewissen Genres das Gefühl bekommen kann, dass Themen ewig und drei Tage wiederholt werden. Kein Wunder, dass immer mehr Leser der Meinung sind, es hätte alles schon einmal gegeben und alles wiederhole sich stetig. Dabei wandeln sich die Zeiten; die Welt- und Rollenbilder, mit denen noch unsere (Groß-)Eltern aufgewachsen sind, sind längst nicht mehr unsere. Das sollte sich ebenfalls in der Literatur wiederspiegeln. Dahingehend entsetzt es mich oft, wie zahlreich Meldungen darüber sind, in welchen Ländern soundso viele Autoren im Gefängnis säßen, eben weil sie Themen angefasst haben in ihren Werken, die dem jeweils herrschenden System nicht genehm waren. In den Ländern jedoch, in denen quasi jeder schreiben kann, was er/sie will und damit auch jeder genauso lesen könnte, wiederholt sich die bunte Glitzersuppe fast bis zum Erbrechen. Also nein, es ist noch längst nicht jede Geschichte erzählt worden.
Wir erleben gerade (aus unterschiedlichen Gründen) eine starke Wandlung des Lesens, es verändert sich und damit auch uns. Das wird natürlich auch langfristig die Art des Schreibens und damit wieder des Lesens verändern. Schreiben ist schnell geworden, es bleibt kaum mehr Zeit, sich großartig Gedanken zu machen, es wird nur dem neuesten Trend hinterhergerannt. Eigene Ideen und Initiativen bleiben so leider auf der Strecke, wenn es einfacher ist, Dinge, die es bereits seit langer Zeit gibt, quasi wiederzubeleben und sie in derzeit aktuellen (soziologischen) Mustern stetig zu wiederholen. Gerade was das Mädchen- und Frauenbild anbelangt, ist das eine sehr bedenkliche Entwicklung. Mir selbst kommen immer öfter junge Autorinnen (knapp zwanzig und jünger) unter die Augen, die diese Muster gar nicht mehr hinterfragen, sondern sie an- und unreflektiert übernehmen.
Bildet Lesen eigentlich noch? Auch das habe ich mich desöfteren gefragt. Damit ist gar nicht die Literatur gemeint, sondern sehr wohl auch Unterhaltungsromane, eben auch Phantastik oder Frauenromane. Ich habe oft in meiner Arbeit, wie auch in meinem privaten Lesen, die Erfahrung machen müssen, dass es kaum mehr eine Rolle spielt, wie geschrieben wird, ob der Autor seine Worte fließen lassen und sich selbst schriftlich ausdrücken kann. Die meisten Leser sind tatsächlich zufrieden, wenn sie eine bestimmte Art Geschichte nach meist vorentwickeltem Plan mit vorentwickeltem Ende vorgesetzt bekommen. Das tut für uns alle nichts. Im Gegenteil muss man sich doch immer öfter die Augen über Lesermeinungen reiben, die offensichtlich machen, dass der Inhalt so manchen anspruchsvolleren Werkes (was im Vergleich gar nicht so viel heißen muss) gar nicht mehr verstanden wurde.
Ja, diese Dinge werden mich sicher eine ganze Weile beschäftigen. Inwiefern sie auf mein eigenes Lesen Einfluss ausüben werden, muss die Zeit zeigen.

Vorsätze für das Lesen 2018 habe ich mir keine gesetzt, weil man manche Dinge eben nicht vorhersehen und -sagen kann. Defintiv lese ich jedoch nach jeweiligem Befinden, lege mir keine Listen an, was ich wann in wie viel Zeit schaffen möchte. Lesen soll Erholung und kleiner Rückzugsort bleiben und nicht in Anstrengung ausarten.
Vielleicht werden wieder mehr Frauen- und Liebesromane von mir gelesen.
Gern würde ich versuchen, wieder mehr Beiträge abseits von Rezensionen zu schreiben (nehme hier sehr gern Vorschläge an), das hat mir gefehlt. Ansonsten lasse ich das Jahr einfach auf mich zukommen.

Ich wünsche uns allen schöne Lesestunden 2018!

Kommentare:

  1. Liebe Soleil,

    ein gelungener Beitrag mit vielen Beobachtungen, die ich so nur bestätigen kann.

    Leider findet sich auch auf meinem Blog deutlich weniger Fantasy als früher. Ich mag das Genre immer noch sehr, aber tue mich seit einigen Jahren schwer damit, etwas für mich zu finden - gefühlt gibt es nur noch Reihen, von denen ich genreunabhängig einfach kein Fan bin, und/oder ich habe nach dem Blick auf Cover, Titel und Klappentext das Gefühl, alles schon gesehen zu haben (was letztlich ja nur eine weitere deiner Beobachtungen bestätigt).

    In diesem Jahr möchte ich mich gerne stärker der Science Fiction widmen, sodass ich sehr gespannt verfolgen werde, welche Titel du lesen wirst und wie sie dir gefallen werden. Das Buch von Becky Chambers liegt momentan noch ungelesen auf dem Kindle und deine anhaltende Begeisterung macht mich zuversichtlich und weckt neue Neugierde auf die Geschichte.

    Viele Grüße
    Kathrin

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    1. Hallo Kathrin,

      schön, dass Du reinschaust!
      Ich lese regelmäßig bei Dir rein und finde es gut, dass ich zu vielen Dingen Informationen und Meinungen bekomme, denn sie decken sich auch oft mit meinen.
      Oh, da bin ich sehr gespannt, vielleicht können wir uns gegenseitig beraten, was sich lohnt und was eher nicht (und warum). Chambers habe ich auch meiner Mutter und einer Freundin in die Hand gedrückt, aber die mochten es leider beide nicht so gern. Its your turn. ;-)

      LG
      Daniela

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    2. Hallo Daniela,
      ich würde mich freuen, wenn wir einander auf das ein oder andere Buch hinweisen würden. :) Momentan warten bei mir noch Titel von Nnedi Okorafor und Naomi Alderman. James Tiptree Jr und Octavia Butler sind auch eingeplant.

      Ich überlege auch immer wieder, etwas von Cixin Liu zu lesen - hast du schon etwas von ihm gelesen oder ein paar Meinungen gehört?

      Darf ich fragen, warum Chambers Buch bei deiner Mutter und deiner Freundin nicht so gut ankam? Ich habe bisher ausführlichere Besprechungen weitgehend vermieden, um ohne große Voreindrücke ans Lesen zu gehen. Aber bei so unterschiedlich ausfallenden Meinungen werde ich immer neugierig. ;)

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    3. Naomi Alderman steht auch bei mir ganz weit oben auf der WuLi. Von Nnedi Okorafor habe ich bereits ein Buch gelesen und würde gern zu einem zweiten greifen, was bisher allerdings der Buchpreis verhindert hat, leider. Tiptree habe ich nur mal oberflächlich angeschaut und war bisher der Meinung, der sei vermutlich nichts für mich, aber Du kannst mich gerne umstimmen. :) Cixin Liu steht bisher leider ungelesen in meinem Regal, das sollte ich auch ändern. Ich könnte mir vorstellen, dass er nicht unbedingt etwas für jeden Leser ist. Butler habe ich mir witzigerweise erst gestern genauer angeschaut, aber leider ist die Neuauflage ja nur als E-Book zu haben und die lese ich ja nicht mehr. Allerdings bin ich auf uralte Printausgaben gestoßen und vielleicht springe ich da über meinen Schatten (es ist ja so eine Sache mit sehr alten Büchern).
      Mhm, warum genau weiß ich gar nicht. Meine Mutter hat es noch im ersten Drittel abgebrochen, das sei ihr zu komisch. Meine Freundin hat es ausgelesen, aber war eher nur mäßig begeistert, weil sie mehr Action erwartet hätte.
      Ansonsten habe ich mal im Blog geschaut, was bisher an SF so vorhanden ist und an diese hier erinnere ich mich nicht nur noch, ich würde auch noch mehr von den Autoren lesen:
      http://verlorene-werke.blogspot.de/2012/11/tia-das-raumschiff-das-sich-verliebte.html
      http://verlorene-werke.blogspot.de/2017/04/zero-kadett-der-sterne-sara-king.html
      http://verlorene-werke.blogspot.de/2014/10/der-geschmack-von-wasser-emmi-itaranta.html
      https://verlorene-werke.blogspot.de/2016/11/planet-der-affen-pierre-boulle.html
      Der Rest folgt.

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    4. Danke für die Links zu deinen Tipps - ich geh mir die Titel direkt mal ansehen. "Planet der Affen" steht schon eine Weile auf meiner Liste, aber ich hab es bislang nie geschafft, mich einmal näher mit dem Buch zu beschäftigen, geschweige denn, einmal reinzulesen.

      Wenig Action ist für mich kein Problem, im Gegenteil. ;) So gesehen, könnte mir Becky Chambers' Buch gefallen. Es liegt auch schon griffbereit auf dem Nachttisch und ich denke, ich werde dieses Wochenende damit beginnen.

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