Donnerstag, 12. Mai 2016

(Autorenplausch) Jens-Ulrich Davids: Frankensteins Erben

Autor: Jens-Ulrich Davids
Originaltitel, 366 Seiten
ASIN: B01CVSVAKW
Euro: 3,99
Erscheinungsdatum: April 2016













Der Autor Jens-Ulrich Davids über Frankensteins Erben:

Vor einigen Jahren durfte ich an der Uni Oldenburg eine Theatergruppe leiten: Studenten und Studentinnen, die Englisch studierten und sprachen und wie ich Freude am Spiel auf der Bühne hatten. Wir brachten zeitgenössische britische und US-amerikanische Stücke vor ein ziemlich begeistertes Publikum. Und eines Tages sagten wir uns in einem Anfall von Größenwahn: Warum schreiben wir nicht ein eigenes Stück? Als AnglistInnen kannten wir mehr oder weniger Shelleys Frankenstein-Roman, lasen ihn (noch einmal) gründlich, fassten, was uns wesentlich schien, in spielbaren Szenen zusammen, und dann ging's los. Der Zwang, dem Peh unterworfen ist, war nicht meiner, wie meine Truppe wollte ich lediglich in angemessener Zeit - zehn Wochen - eine unterhaltsame und anregende Show auf die universitären Bretter bringen. Das gelang mehr oder weniger. Und damit war die Erfahrung in der Welt, die ich dann meinem Roman zugrundlegen konnte.

Es waren, wie jedes Mal, wenn ich ein Stück probte, herrliche Wochen. Sonst stand ich als Dozent im Seminar in einiger Distanz zu denen, die bei mir etwas lernen sollten - jetzt kamen wir uns näher. Nein, nicht wie Peh seiner Tamar, sondern als probende, erfindende, und nicht selten auch singende, trinkende, lachende, klamaukende und diskutierende Truppe. Wochenenden eignen sich dazu wirklich gut. Assoziationen stellten sich ein, Filme und Bücher wurden zitiert, Wissen erweitert. Vor allem wurde geprobt, von den entsprechenden Übungen finden sich manche im Roman, und gefeiert. Es war eine Pracht.

Viktor Frankenstein, da waren wir uns einig, steht schon in dieser frühen Phase der Industriellen Revolution für bewundernswert selbständige Forscherneugier einerseits und die verderbliche menschliche Neigung, das zu tun, was man kann, ohne die möglichen Folgen zu bedenken. Schon die junge Mary Shelley ahnte, da waren wir uns sicher, von der langsamen Zerstörung unserer Lebenswelt durch naturwissenschaftlich angeleitete Technik. Frankenstein wird dann ja auch dafür massiv bestraft.

Rätselhafter und komplexer erschien uns das Monster. Schon die Shelley hat ja eine Reihe von Bedeutungsfacetten angeboten: das Monster als Greuelgestalt aus einer gothic novel, das Monster als zerstörerisches Produkt, als einsamer Außenseiter, als lernfähiges kindähnliches Wesen, um einige zu nennen. Was mich dann beim Schreiben an diesem Wesen darüber hinaus faszinierte, war, dass es sich über seinen Schöpfer beklagte. Er sei nicht kompetent, kein wirklicher Vater, usw. Das geht auf John Miltons Paradise Lost aus dem 17. Jahrhundert zurück, in dem Adam seinen Schöpfergott, also den christlichen Gott, anklagt.
Und auch der Aspekt AI, artificial intelligence. So kann man das Monster ja auch noch sehen, in dieser langen Traditionslinie künstlicher Menschen, Roboter, Maschinen. Das Thema ist aktueller als je zuvor: Haben Computer Gefühle, können sie über ihre Programmierung hinaus denken, usw.

Okay, aber es ist ja nicht alles philosophisch, was Spaß macht. Ich freute mich an meinen eigenen Einfällen, den abgedrehten Gesprächen der beiden weinfreudigen Freunde, den schrägen Gestalten wie Anton und Lönsi, den anderen erfundenen Szenen wie der mit den Ziegen in der Aula, und besonders auch den Telefonaten zwischen Peh und seinem Vater. Und dann natürlich an der bittersüßen Sache zwischen Peh und Tamar. Vor Jahren tauchte mal eine hochgewachsene Studentin in meiner Sprechstunde auf, Sommersprossen, meergrüne Augen, rötliche Haare, die fand ich einfach nur schön. Sie hieß Tamar, war nur kurz da und hat nie ein einziges meiner Seminare besucht. Diese Tamar hatte ich in Erinnerung, ihre äußere Gestalt, sonst wusste und weiß ich nichts von ihr. Doch, halt: Sie hat später den Roman gelesen, in der ihr Name als friesischer Name eingeordnet wird. Stimmt wohl auch, aber in einer Mail wies sie mich darauf hin, dass er auch im Alten Testament vorkomme. Ich hab's gecheckt, und es stimmt.

Der Schluss des Romans zeigt noch einmal mein Vergnügen am Abgedrehten, Unwahrscheinlichen, Fantastischen, wenn ich es denn mit Bedeutung ausstatten kann. Die locations gibt es wirklich: das Parkdeck, das hohe Betongebäude mit dem flachen Dach, das kleine Flüsschen Haare hinter der Uni. Aber meine Truppe und ich, wir sind damals schön bescheiden auf der Bühne der Aula geblieben, und mit dem Heißluftballon ist keiner von uns abgeschwirrt. Nur ich in meiner Vorstellung. 


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