Montag, 30. März 2015

(Autorenplausch) Charlotte Friese: Argôns Glück

Titel: Argôns Glück
Autorin: Charlotte Friese
Originaltitel, 25 Seiten
ASIN: B00SELP0K2
Euro: 0,99













Ich weiß, dass ich kein schöner Mann bin und selbst, wenn ich mir alle Mühe gebe, bin ich auch keine schöne Frau. Der Kohlestift umrahmt meine Augen und lässt sie größer wirken – er war das erste, das ich je verwendet habe, um zu sein was ich bin. Es hat Jahre gedauert, ehe ich es wagte, mich äußerlich als Frau zu geben und niemand war erstaunter als ich, als keiner daran Anstoß nahm.
Den Leuten in Ikanar bin ich bis dato nur als Doras, Wirt einer der zahlreichen Hafenspelunken, bekannt gewesen und das auch nur jenen, die sich in den Hafen trauten. Unsere Stadt ist im Vergleich mit manch anderer recht offen und das bunte, zwielichtige Gesindel, das sich in ihr herumtreibt, benötigt ohnehin jedes Quäntchen Toleranz, das man in sich aufbringen kann.
Als ich jedoch das Mieder aus reiner Seide überstreifte, den Rock richtete und die schwarze Perücke mit den Edelsteinen aufsetzte, wusste ich sehr gut, dass dies das erste und letzte Mal sein konnte, das ich dies tat. Zu diesem Zeitpunkt war die Leere in mir jedoch schon zu groß geworden, als dass ich etwas darauf gegeben hätte.
Die Schankmaiden lächelten nur, als ich die knarrenden Stufen hinunter kam und mich hinter meine Theke stellte. Ich überprüfte die Zapfhähne, schenkte aus, spülte die Becher und sah erst auf, als die Musik zu spielen begann. Es war voll an diesem Abend, so wie immer, wenn die Handelsschiffe, die Segel gerefft, sich vom Meer der Schatten in den Schlaf wiegen ließen. Es wurde getanzt und getrunken, zumeist ausgediente Stiefel hämmerten auf dem Holzboden und das Gelächter mischte sich mit der zugegeben etwas schiefen Melodie.
Es beunruhigte mich, dass niemand etwas sagte, denn auch, wenn ich viele bekannte Gesichter erblickte, es waren auch so einige fremde darunter. Ich weiß, dass ich keine schöne Frau bin, selbst wenn ich mir alle Mühe gebe. Der Puder verdeckt die Bartstoppeln und die Falten um meine Augen nur schlecht. Das Türkis, mit dem ich meine Lider färbe, ist vermutlich ein wenig zu auffällig. Aber ich fühle mich wohl und wenn sie mich so wie ich bin aufschlitzen wollen, dann sollen sie es gleich tun!
„Du solltest aufhören, so grimmig dreinzuschauen, Dora, sonst kann ich mein Bier heute nicht bezahlen“, sagte eine Stimme neben mir. Auf meinen Blick zu dem bleichen, kahlköpfigen Mann deutete der zu seinem Stammtisch. „Niemand wird die Würfel hervorholen, wenn du deine Brauen nicht hebst.“
„Ja“, murrte sein Kamerad mit den vielen geflochtenen Zöpfen neben ihm. „Und zeig ruhig die Zähne. Deine Mädchen ziehen mir mit ihrem Lächeln schon den ganzen Abend die Münzen aus der Tasche.“ Ich wusste, es war nur eine, die er bevorzugte und dass ich mir für sie wohl bald Ersatz suchen musste, wenn er sie bitten würde, seine Frau zu werden. „Ach“, seufzte er patzig, als sie sich geschickt aus der Umarmung eines Betrunkenen befreite und das Geld für die Getränke einstrich. „Ihr Weiber wisst schon, wie es geht.“
Ich schluckte, stellte ihnen je einen gefüllten Becher hin und scheuchte sie weg, weil ich plötzlich heftig blinzeln musste. Meine wuchtigen Hände, die nur ein Leben voller harter Arbeit kennen, griffen unbewusst zum Spültuch. Ich muss keine schöne Frau sein, solange ich sein kann, was ich sein will.
„Holt endlich die Würfel raus!“, rief ich lachend in den Raum hinein und die Anspannung in der Luft ließ merklich nach. In diesem Moment fasste ich den Entschluss, stets anderen dabei zu helfen, ihren eigenen Traum zu leben, auch wenn dieser unmöglich scheint.

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