Samstag, 16. Juli 2016

(Gastbeitrag) Das Science Fiction Magazin Esli (Если)

Ein Gastartikel von Michael K.

Esli - auf Deutsch übersetzt „Wenn“ – ist ein russischsprachiges Magazin für Science Fiction und Futorologie. Seit der Entstehung im Jahre 1991 erschien das Magazin monatlich und thematisierte in jeder Ausgabe ein ausgewähltes Thema aus zwei Gesichtspunkten – Wissenschaft in Form von Essays und Publikationen und Belletristik in Form von Novellen. Diese „Erforschung“ wurde nach kurzer Zeit immer mehr verwaschen und das Magazin wechselte (ca. 1998) zu allgemeinen Themen und Nachrichten aus dem Bereich. Zu diesem Zeitpunkt verschwand auch der Begriff „Futorologie“ aus dem Namen des Magazins. Diese Form wurde erst mit dem grundlegenden Neustart des Magazins 2015 wieder eingeführt. Neben Publikationen und Kurzgeschichten namhafter russischer und internationaler Autoren bietet das Magazin Buchrezensionen, Vorstellung zukünftiger Buchprojekte sowie eine detailreiche Beleuchtung des Filmbereichs.
Zur Redaktion des Magazins gehört ein sogenannter Kreativrat, der aus mehreren russischen Autoren für SF und Fantasy besteht.

Bis ca. 2011 unterhielt das Magazin zwei öffentliche Ausschreibungen für interessierte Autoren aus der Leserschaft.
1. In der Ausschreibung „Ideenbank“ wurde ein Problem der Futurologie erläutert und die Leser mussten dazu eine Lösung finden. Die Besten Lösungen wurden dann von einer Jury ausgewählt. Am Ende der Ausschreibung wurde eine Novelle eines Autors veröffentlicht, die sich mit dem Problem beschäftigte. So entstand ein Vergleich zwischen Leserschaft und Buchautoren.
2. Etwa zweimal im Jahr konnte jeder Hobbyautor zu einem Thema eine Kurzgeschichte einsenden, von der die Beste im Magazin veröffentlicht wurde.
„Esli“ verlieh bis 2012 einmal Jährlich die Auszeichnung „SIGMA-F“ für verschiedene Formate (Bester In-/Ausländischer Roman, Kurzgeschichte, Übersetzer, Film).

Im Jahre 2012 musste das Magazin wegen verschiedener wirtschaftlicher Probleme schließen. Piraterie, wirtschaftliche Rezessionen, Diktatur der Vertriebskanäle nannte der Chefredakteur Alexander Schalganow in seinem Abschiedsbrief an die Fans (12te Ausgabe 2012) als die Hauptgründe für die Einstellung des Magazins, der die Autoren für Ihre Arbeit angemessen entlohnen wollte. Schon zuvor mussten die Mitarbeiter auf ihren Lohn verzichten. Dazu orientierte sich der Verlag des Magazins thematisch um und setzte einen Punkt hinter die mehrjährige Geschichte des Magazins. Dennoch verabschiedete sich Alexander nicht von seinem Publikum, sondern sagte nur auf Wiedersehen. Denn drei Jahre später startete das Magazin im neuen Gewand (komplett farbiges Format auf Glanzpapier) mit dem ehemaligen Chefredakteur als Berater in Sankt Petersburg durch, wenn diesmal auch nur mit sechs Ausgaben jährlich. Dieses Mal jedoch ausschließlich über Abonnement.

Das Magazin erscheint nun in DIN A5 Format auf ca. 250 farbigen Seiten unterteilt in drei Abschnitte: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jeder Abschnitt beinhaltet 2-3 Kurzgeschichten und Essays zum aktuellen Thema. Neuerdings wird auch die Kunst aus dem Bereich SF thematisiert. So wurden einige Cover-Künstler mit ihren Werken vorgestellt. Auch Meinungen verschiedener Autoren sind zu finden. Insgesamt nimmt die Belletristik jedoch weiterhin den Großteil der Ausgaben ein.

Persönliche Meinung
Ich persönlich habe das Magazin seit 2007 mit Begeisterung gelesen. Auch wenn das Magazin in schwarz-weiß und auf quasi Zeitungspapier daherkam, so bot es viele interessante Geschichten und Themen aus dem SF Bereich. Damals gab es sogar zweimal im Jahr eine reine Fantasy Ausgabe, so dass ich ein wenig in den Bereich Phantastik hineinschnuppern konnte (auch wenn es nicht unbedingt mein Interessensbereich ist). Vor allem bei der „Ideenbank“ habe ich für mich mit Begeisterung mitgemacht, wenn ich auch nicht daran teilnehmen konnte, weil ich die Ausgaben immer mit 3-4 monatiger Verspätung bekommen habe. Zu der Zeit gab es in meinem Wissensbereich auch keine andere Magazine, die in der Art sich mit dem Thema beschäftigt haben. In Russland zumindest waren SF Kurzgeschichten auch nur in großen Sammlungen - meist sogar Themenfremd – und in Zeitungen vertreten. Meine Begeisterung war so stark, dass ich bei meinem Russlandbesuch sogar persönlich in die Redaktion gekommen bin, um fehlende Ausgaben aus vergangenen Jahren zu besorgen. Das Magazin hatte (und hat) eine begeisterte Redaktion, die Visionen mitbringt und sich voll im Bereich einsetzt. Das spürt man auch bei den Ausgaben, wenn man die in der Hand hält. Auch ausserhalb meines Wahrnehmungsbereichs als Leser tragen die Leute viel bei der SF Entwicklung in Russland bei und setzen Maßstäbe ausserhalb von langweiligem Mainstream für unbedarfte Leser, der die Science Fiction als Genre auf Niveaulose herunterdrückt.
Leider kommt der Publikationsbereich noch viel zu kurz. Hier wünschte ich mir detailliertere Analysen und mehr Inhalt. Einzelne Veröffentlichungen sind noch ziemlich kurz und etwas oberflächlich gehalten. Dieser Punkt ist auch bis dato der einziger Negativpunkt, an dem gearbeitet werden sollte. Abgesehen natürlich von der schwierigen Beschaffung über das Abo-Modell.
An dieser Stelle mein Dank an alle, die für das neue Magazin gekämpft und dieses neu ins Leben gerufen haben. Denn der Abschiedsbrief 2012 wirkte auf mich so enttäuschend wie für jeden eingefleischten Fussball-Fan der das Aus in der Qualifikationsphase miterlebt. Denn damals war es ein Symbol für das Verkommen der seriösen Science Fiction, die sich mit Problemen der heutigen und zukünftigen Welt angemessen beschäftigt.

Links:
ww.esli.ru – Offiziele Webseite des Magazins
https://ru.wikipedia.org/wiki/Если_(журнал) Russischer Wikipedia Artikel
https://new.vk.com/clubesli Esli Seite auf russischer Facebook Klon VKontakte

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