Samstag, 26. Mai 2012

(queergelesen) Ein gesundes Maß an Homophobie


Die Autorin Juliette Bensch ("Last minute Liebe") liest und schreibt über queere (Literatur-)Themen.


Ein gesundes Maß an Homophobie
Queere Gefühle wider Willen in „Plötzlich Shakespeare“


Lange Zeit war Homosexualität verboten und tabuisiert. Da war es längst nicht so einfach wie heute, einen Roman zu schreiben, in dem derartige Gefühle im Mittelpunkt stehen. Möglichkeiten zu umgehen, selbst plötzlich als homosexuell dazustehen, sind immerhin, die Homosexualität als Randthema erscheinen zu lassen. Oder den Text tragisch enden zu lassen (um bloß nicht zu zeigen, dass man mit den Figuren sympathisiert und ihnen ein glückliches Leben wünscht). Eine dritte Alternative gibt es allerdings noch: Verkleidung oder Körpertausch.

Was mit Verkleidung gemeint sein könnte, dürfte allen einleuchten. Ein Mann verkleidet sich als Frau, eine Frau verkleidet sich als Mann, um die jeweiligen Ziele durchzusetzen. Dies ist ein beliebtes Thema in Film und Literatur. Man ist verleitet zu pauschalisieren, dass das meist Komödien sind, doch witzig wird es häufig nur dann dargestellt, wenn Männer sich als Frauen ausgeben („Mrs. Doubtfire“, „Rubbeldiekatz“), jedoch bei Frauen, die vorgeben Männer zu sein, überwiegt häufig die Tragik und Ernsthaftigkeit („Die Päpstin“).

Der Begriff Körpertausch ist hingegen nicht so sehr auf den ersten Blick zu greifen. Es klingt ein wenig übersinnlich und genau das ist es auch. Durch Blitzeinschläge oder magische Zaubertränke oder –Pulverchen werden Körper und Seele voneinander getrennt und zum Beispiel zwischen zwei Personen getauscht („Freaky Friday“). Oder aber man reist in die Vergangenheit oder Zukunft und steckt dann im Körper seines früheren oder späteren Ichs („30 über Nacht“). Dieses beliebte Element in Film und Literatur schafft einen Perspektivwechsel für die betroffene Person und kann zu einer Art Katharsis führen. Endlich versteht man die fremde Sichtweise der Dinge.

Eine Variante des Körpertauschs, wie ich sie noch nie gesehen habe, hat David Safier in „Plötzlich Shakespeare“ verarbeitet. Die unglückliche Rosa wird von einem Hypnosekünstler in Trance versetzt und erlebt eine Rückführung in den Körper, den ihre Seele früher einmal bewohnt hat. Das ist ausgerechnet der Körper von William Shakespeare und das Besondere ist, dass sein Geist ebenfalls noch in diesem Körper steckt, allerdings nur noch als Stimme agieren kann (zumindest wenn Rosa bei Bewusstsein ist). Interessanterweise vereint ein männlicher Körper nun also den Geist von sowohl einer männlichen als auch einer weiblichen Person. Da beide heterosexuell sozialisiert sind und augenscheinlich so empfinden, führt dies zu vor allem humoristischen Begebenheiten, in denen der Körper etwas tut, was einer die beiden Geiste nicht unbedingt gutheißt. Genau an diesen Stellen hatte ich manchmal das Gefühl, dass ein gewisses Minimum an Homophobie eingearbeitet werden musste, um quasi den_die Leser_in dort abzuholen, wo er_sie ist.
Es beginnt damit, wie Rosa in Williams Körper erwacht und sich erst einmal orientieren muss, in welcher Zeit sie sich befindet. Die Mode von damals ist durchaus befremdlich für sie und so deutet sie die Männer in Strumpfhosen um sie herum schnell als Schwule. Als ihr dann bewusst wird, dass sie selbst ein Mann in Strumpfhose ist und dass somit einer der Umstehenden ihr Liebhaber sein könnte, scheint latente Homophobie durchzuschimmern. In dieser Situation war ich tatsächlich etwas säuerlich, da ich das Gefühl hatte, diese Gedanken wurden als Slapstick eingearbeitet, um Schmunzler einzukassieren. Dabei musste Rosa in diesem Moment um ihr Leben fürchten. In der Realität hätte man wohl andere Sorgen als die Beule in der Strumpfhose. Und auch William zeigt im Laufe des Textes, dass er Berührungsängste mit dem Thema Männerliebe hat (was umso komplizierter ist, als Rosa sich in einen Mann in der Vergangenheit verknallt).

Trotzdem schaffte es der Text mich zu versöhnen, denn nach und nach lernen Rosa und Shakespeare sich kennen und beginnen die Gefühle des jeweils anderen zu verstehen. Sie versetzen sich in die Logik des anderen und beginnen auch das fremde Begehren zu begreifen. Gen Ende sind die Schranken in den Vorstellungen der Beteiligten abgebaut. Es ist ihnen klar geworden, dass nach mehrmaliger Wiedergeburt die Seele des vermeintlich Seelenverwandten auch im Körper des gleichen Geschlechts gelandet sein kann. Und so finden wir schließlich auch Shakespeare gezielt auf der Suche nach einem männlichen, ihm seelenverwandten Körper. Der Shakespeare, der Rosas Kuss mit einem anderen Mann kaum ertragen konnte.

Spannend war für mich auch, dass Homosexualität zur Zeit Shakespeares mehrmals thematisiert wurde. So wurde beispielsweise das Wort ‚quer’ als Bezeichnung verwendet. Dabei handelt es sich vermutlich um die eingedeutschte Variante zu ‚queer’ (ursprünglich im Englischen sonderbar, verrückt, anders). So wurde beispielsweise angedeutet, dass Homosexualität in kirchlichen Kreisen weit verbreitet war, wie in dem Kloster, das Rosa später besucht. Im Gespräch mit der Queen erfährt sie, dass Quere im elisabethanischen England hingerichtet wurden (es sei denn, die Queen legte eine schützende Hand über sie). Ob dies alles der Realität entspricht, vermag ich nicht zu urteilen. David Safier jedenfalls windet sich geschickt heraus, indem er einleitend eine „Warnung an den Leser“ formuliert: „Dieses Buch ist in historischer Hinsicht beeindruckend unfundiert“. Die Gedanken und Gefühle von Rosa, also einer Person unserer Zeit, dominieren eben auch und da gehört es eben dazu, sich ein bisschen zu winden, wenn sie vermutet, dass sie im Körper eines Schwulen gelandet sein könnte. Das Schöne ist, dass diese Haltung veränderbar ist. Zumindest bei Rosa und William und damit stößt es vielleicht auch etwas bei der_dem Leser_in an.

Kommentare:

  1. Eine tolle Rezi :) Toller Blog, ich bin jetzt Leser geworden.. Ich mag Brauntöne:) Ich werde öfters mal vorbeischauen. Vielleicht möchtest du auch bei mir reinschauen?

    Liebe Grüße & Viel Spaß beim Lesen noch♥
    Naddy
    (www.naddys-books.blogspot.de)

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    1. Eine Rezi nicht in erster Linie ;-) Aber ja, auch ich finde gelungen, was Juliette da fabriziert hat. :)
      Ich würde Dir raten, in Deinem Profil (das siehst Du, wenn Du auf Deinen Namen über dem Kommentar klickst) Deinen Blog und einige Infos zu Dir zu verlinken. Wer sich dafür interessiert, schaut ohnehin bei Dir vorbei. Dann brauchst Du auch diese Werbung nicht mehr zu schalten. Das wirkt immer ein wenig aufdringlich, selbst wenn das gar nicht so gemeint ist.

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