Samstag, 14. Januar 2012

(queergelesen) Ash – über die Erwartungen an das etwas 'andere' Märchen


Die Autorin Juliette Bensch ("Last minute Liebe") liest und schreibt über queere (Literatur-)Themen.


Ash – über die Erwartungen an das etwas 'andere' Märchen

Weihnachtszeit ist Märchenzeit. Vielleicht, weil fallender Schnee so bezaubernd wirkt und Stille einkehren lässt. In dieser Stille geht man in sich und erinnert sich der Geschichten aus der Vergangenheit. Das waren meist Märchen, im Idealfall von einem Großelternteil aus dem Grimm'schen Sammelband vorgelesen, vielleicht aber auch nur als Defa- oder Disney-Adaption wahrgenommen.

Nun hat es um Weihnachten 2011 in Deutschland (abgesehen von höheren Lagen) nicht wirklich geschneit, aber Tradition bleibt Tradition. Das alljährliche Märchen ist Pflicht. Dieses Mal entdeckte ich eine etwas andere Abwandlung für mich. Ich hatte mir die Cinderella-Adaption „Ash“ von der Amerikanerin Malinda Lo vorgenommen. Das Buch bescherte mir genüssliche Stunden. Dabei spielt es eine nicht ganz nebensächliche Rolle, dass mir von vornherein bewusst war, dass es eine lesbische Variation des Originals ist. Ich erinnere mich nicht bewusst daran, überhaupt je ein zeitgenössisches Märchen gelesen zu haben, aber „Ash“ hat meine Erwartungen nicht enttäuscht. Mystische Wälder, eine gemeine Stiefmutter, ein armes Waisenkind, das Ganze besprenkelt mit einigen Spritzern Fantasy, verpackt für die Zielgruppe jugendlicher Leser.

Im Anschluss an meine Lektüre las ich einige Buchbesprechungen dazu. Da ich gern in der Originalsprache lese, hatte ich mich für die englische Version entschieden. Bei den Lesermeinungen auf Amazon fiel mir dann etwas Entscheidendes auf: die Bewertungen der verschiedenen Ausgaben variieren. 4 ½ Sterne (bei 6 Bewertungen) für die englische Originalausgabe, aber nur 3 Sterne (bei 47 Bewertungen!) für die deutsche Ausgabe (Stand Januar 2012).

Da frage ich mich, ob der Unterschied damit begründbar ist, dass die zwei Ausgaben verschieden sind oder ob es an der Mentalität der Leserschaft liegt. Sind die Deutschen gar kritischer (oder überhaupt erst einmal bewertungsfreudiger)?

So ganz pauschal kann man dazu natürlich nichts sagen, ohne tiefgründig Marketingcampagnen vergleichen zu müssen. Wenn man jedoch die Bewertungen auf Amazon anklickt, die nur einen oder zwei Sterne vergeben, wird klar, dass viele deutsche Leser schlichtweg enttäuscht waren. Sie erwarteten ein neuerzähltes Aschenputtel – inklusive dem Prinzen, bekamen aber eine Lesbe, mit der sie sich so rein gar nicht identifizieren konnten.
Ganz klar, ein Blick auf die Vermarktungstexte lässt erahnen, dass der PAN-Verlag, der den Text als deutschsprachige Übersetzung der Leserschaft zugänglich gemacht hat, eine andere Marketingstrategie als die Amerikaner fährt. Im deutschen Klappentext wird Kaisa, die königliche Jägerin, in die sich Ash im Verlauf des Romans verliebt, mit keiner Silbe erwähnt. Stattdessen wird sogar der Prinz angesprochen, obwohl seine Rolle im Buch marginal ist. Der englische Klappentext hingegen spielt mit offenen Karten und deutet sogar an, dass die Begegnung mit Kaisa eine Veränderung in Ash hervorruft.
Das Ende vom Lied sind vermutlich gute Verkaufszahlen im deutschsprachigen Raum, jedoch auch etliche enttäuschte Leser.
Der Schritt, dieser Enttäuschung mithilfe einer Rezension dann Luft zu machen, ist ein kleiner. Wird man als LeserIn überrascht, fehlen einem hingegen oft die Worte. Das muss jedoch nicht das Schlechteste sein.

Wir alle haben Erwartungen. Manchmal sind sie uns nicht bewusst, weil wir nicht in uns hineinhören und sie suchen, aber wir spüren sie anhand der Freude oder der Enttäuschung bei der Entwicklung der Geschehnisse. Aber mal ehrlich, sind nicht die Geschichten, die uns überraschen, auch die, die uns im Kopf bleiben?

Kommentare:

  1. Das ist doch mal eine interessante Sicht der Dinge! Mir war bisher nicht bewusst, dass Ash Verbindung zur Jägerin im Original-Klappentext erwähnt wird. Hierzulande war die Inhaltsangabe ja tatsächlich etwas irreführend und lies eben eine traditonell, gewöhnliche Neuinterpretation vermuten. Da kann man schon verstehen, wenn manch einer quasie auf die Werbestrategie reingefallen ist ... und enttäuscht wurde. Ich dachte auch stets: und was ist mit dem stets geliebten Prinzen (man ist es ja nicht anders gewohnt)? Mir ging es aber ähnlich wie dir. Ich war dann letztendlich doch positiv überrascht und fand "Ash" sogar klasse. Eben gerade, weil mal etwas völlig anderes aus dem märchenhaften Stoff gemacht wurde und das Buch dann (für mich) doch teilweise unvorhersehbar war. Im Ganzen fand ich die kleine Liebesgeschichte irgendwie süß und gleichzeitig sehr modern. Der tolle Schreibstil war dann das zusätzliche i-Tüpfelchen.

    LG und ein schönes Wochenende
    Reni

    AntwortenLöschen
  2. "Sie erwarteten ein neuerzähltes Aschenputtel – inklusive dem Prinzen, bekamen aber eine Lesbe" Lol. Doof gelaufen.

    Sehr, sehr interessante Frage inwiefern Buchbewertungen von der Mentalität abhängen. Noch viel interessanter finde ich, was der Verlag da gemacht hat. Irreführung in der Inhaltsangabe scheint in Deutschland öfter mal der Fall zu sein, wobei ich mich auf Englisch immer eher drüber aufrege, dass mir der Klappentext schon die ganze Geschichte verrät. (Vor allem die Penguin Classics sind da Meister drin. Gnarf! Nur weil das Buch ein Klassiker ist, heißt das ja nicht, das jeder die Geschichte kennt.)

    Lg,
    Mila

    AntwortenLöschen
  3. Man darf also gespannt sein was einen erwartet :)
    Ich lese gerade Ash und bis jetzt bin ich zufrieden (habe noch ein paar Seiten vor mir). Bis jetzt hatte ich allerdings auch gedacht irgendwann kommt der Prinz aus dem Wald *lach*. Laut Klappentext hörte es sich ja ganz danach an.
    Lg und ein schönes Wochenende,
    Anja

    AntwortenLöschen
  4. Juliette14.1.12

    Vielen Dank für die Kommentare.

    Ich werde das wirklich mal im Auge behalten, wie sich die Klappentexte der englischsprachigen Originale von den Übersetzungen unterscheiden.

    @Anja: Ich hoffe, ich habe jetzt nicht gespoilert ;-) Ich sage nur noch so viel: im Wald passiert so einiges, aber mit dem Prinzen hat das relativ wenig zu tun.

    Juliette

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dass enttäuschte Erwartungen schlechte Rezensionen hervorrufen habe ich auch schon festgestellt. Und finde es immer extrem Schade, dass so viele Leser nicht bereit sind, sich von ihren Erwartungen zu lösen und ein gutes Buch also solches zu erkennen.

      Und dann wieder hat jeder eine andere Auffassung davon, was ein gutes Buch ist. Ich habe Ash gelesen und hatte eine ganze Reihe von Kritikpunkten, die rein gar nichts mit meiner persönlichen Erwartung zu tun hatten und dem Buch auch nur 2,5 Sterne gegeben.
      Ganz kann man es also nicht an der enttäuschten Erwartung festmachen.

      Löschen
  5. Ich fand das Buch aus anderen Gründen, vor allem erzähltechnischen, schlecht. Da schließe ich mich nija an.
    Ich weiß dabei gar nicht mehr, mit welchen Erwartungen ich da ran gegangen bin, aber mich störte v.a. der Schreibstil.

    AntwortenLöschen
  6. Ich habe das Buch noch ungelesen zu Hause, kann zum Inhalt nicht viel sagen. Aber über Klappentexte habe ich mich ja schon öfter ausgelassen, sei es, weil sie zu viel verrieten oder etwas beschrieben, was im Buch so gar nicht passiert ist. Beispielsweise beim 1. Rob Thurman Buch war das so. Da wird von einer Liebesgeschichte gesprochen, die es gar nicht gibt.
    Und ich denke, das ist, was Juliette meint. Da "dealt" man mit Lesererwartungen - was ich einerseits verstehen kann, immerhin will der Verlag das Buch ja verkaufen - wundert sich dann aber im Nachhinein, dass es schlecht bewertet wurde. Über negative Lesermeinungen beim Onlinehändler stößt man ja überall, die dann nicht Inhalt/Schreibstil/Gefallen anprangern, sondern das sie etwas erwartet hätten.
    Besonders an diesem Fall ist ja, dass man sich fragen muss, ob es weniger Leser gab im englischen Original, weil sie wussten, dass es eine lesbische Liebesgeschichte ist (und von vorneherein eben nicht zugriffen). Und ob es im deutschen dann ebenso wenig gewesen wären, wenn ... Selbst wenn man dem Thema offen gegenübersteht ist es ja doch so eine Sache, ob man das dann auch lesen mag.
    Ich bin sehr froh, dass sich der Verlag an das Thema und die Geschichte herangewagt hat! Nach einigem Überlegen fiel mir dann noch Jane Eagland ein mit "Mein Herz so wild" (dtv), das ich vor einiger Zeit gelesen (und gut gefunden) hatte. Ansonsten müsste ich echt lange überlegen, ehe mir glaubhafte, lesenswerte Romane mit gleichgeschlechtlicher Liebe einfallen würden. Meine beiden Beispiele stammen aus dem Jugendbuchbereich, was ich auch augenfällig finde.
    Kennt jemand noch andere?

    AntwortenLöschen
  7. Danke für den Artikel. Ich gehöre zu den (wenigen?), die ASH auch sehr toll fanden. Das mag aber daran liegen, dass ich mich auf die lesbische Liebesgeschichte bereits gefreut hatte und dass ich das Aschenputtel-Märchen mag.

    Den deutschen Klappentext kannte ich gar nicht; dein Argument ist interessant und ich muss mal darüber nachdenken. Vielleicht hört man auch einfach mal bei PAN nach??

    Weil Soleil mir selbst schon so viele Tipps gegeben hat, kommen hier auch zwei oder drei:

    Eines der meiner Meinung nach besten Jugendbücher, die Homosexualität thematisieren, ist das herrlich unverkramfte "Die Mitte der Welt" von Andreas Steinhöfel.
    Zugegeben steht da keine Liebesgeschichte im Vordergrund.

    Glaubhafte, lesenswerte Romane gleichgeschlechtlicher Liebe:

    Definitiv "Trapez" von Marion Zimmer Bradley.

    Und ich mochte "Das Licht in den Schatten" von Lynn Flewelling.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Was möchtest Du PAN denn da fragen? Meinst Du nicht, dass die sich da schon so ihre Gedanken gemacht haben?
      Ich habe Frau Lynn Flewelling immer noch nicht gelesen :( Irgendwo liegt hier aber ein Buch von ihr herum.
      Frau Zimmer Bradley hat das Thema eigentlich so gut wie immer in ihren Werken. Trapez hatte ich vor Jahren mal angefangen, aber da war es so gar nicht mein Ding und ich habe wieder aufgehört. Lag aber eher am nicht phantastischen Genre.

      Löschen
  8. Ich habe das Buch auch wegen dem "irreführenden" deutschen Klappentext gekauft, muss allerdings sagen, dass es mir nach einigen Anfangsschwierigkeiten wirklich sehr gefallen hat.
    Eben gerade weil es die Erwartungen, mit denen man ans Lesen geht
    nicht erfüllt, sondern eine ganz andere und "neue" Geschichte erzählt.

    Auch wenn ich mit dieser Meinung anscheinend der Minderheit angehöre- ich mag Überraschungen ;D

    Liebe Grüße,
    Laura.

    AntwortenLöschen
  9. Hey =) Toller Blog! Sehr schön gestaltet!

    Ash sieht vom Cover her schon toll aus, ist mir aber ehrlich gesagt noch nie untergekommen ... vielleicht schau ich es mir auch mal an =)

    LG
    Beth
    http://beautiful-magic.blogspot.com

    AntwortenLöschen