Sonntag, 27. Februar 2011

Übernatürliche Wesen in alten Klassikern #2


Im September habe ich schon einmal über die (erfolgreiche) Ausschlachtung alter Klassiker berichtet. Nun gibt es Nachschub, diesmal auf dem deutschen Markt.

"Abraham Lincoln - Vampirjäger" von Seth Grahame-Smith ist nicht sehr überraschend in der deutschen Übersetzung bei Heyne zu finden. Der Roman erscheint im Mai 2011.
Amerikas größter Held hatte ein blutiges Geheimnis
Abraham Lincoln war der 16. Präsident der Vereinigten Staaten, Befreier der Sklaven, Wiedervereiniger der Union und Amerikas größter Held. Doch Lincolns dunkelstes Geheimnis blieb seit über einhundert Jahren verborgen, hätte es doch die Geschichte der USA in ihren Fundamenten erschüttert. Denn seinen wichtigsten und tödlichsten Kampf führte Lincoln im Dunkel der Nacht – gegen blutrünstige Vampire ...

Aber es gibt auch dieses etwas andere Schätzchen bei Goldmann: "Werther, der Werwolf" von Johann Wolfgang von Goethe/ Wolf G. Heimrath. Mai 2011
Wolfgang, lass den Wolf raus
Deutschland, Frühling 1771. Als der junge Werther in seiner Wahlheimat von einem schwarzen Hund gebissen wird, denkt er sich nichts dabei, denn die Begegnung mit der schönen Charlotte nimmt ihn ganz gefangen. Er ist verzaubert von der jungen Frau, mit der er sich auf dem Dorffest im Tanze dreht. Doch dann passiert es, ein Unwetter bricht los, und anstelle seiner Menschenhände entdeckt Werther an sich behaarte Klauen. Hat die Liebe ihn um den Verstand gebracht? Dabei scheinen ihm seine Sinne so geschärft, wie nur ein Tier sie haben kann. Was soll aus ihm werden, wie soll er so seine Liebste für sich gewinnen? Die Leiden des jungen Werwolfs nehmen ihren dramatischen Lauf ...

Panini hat sich dieses, nicht für den Schulunterricht (weil erst ab 16) geeignete Werk geschnappt: "Die Leichen des jungen Werther" von Susanne Picard. April 2011
Das Cover ist übrigens kein Zufall, einfach mal die Reclam-Ausgabe ansehen.
Wer sagt, Klassiker der deutschen Literatur müssen dröge und langweilig sein? Diese satirische Neuinterpretation des Goethe-Meisterwerks führt in ein abgelegenes Dorf voller merkwürdiger Gestalten. Dort muss sich unser Werther zwischen Herz und Hirn entscheiden. 


Comic-Freunde kommen ebenfalls nicht zu kurz, denn seit September letzten Jahres gibt es: "Victorian Undead: Sherlock Holmes gegen Zombies" von Ian Edginton/ Davide Fabbri.
Sherlock Holmes, der größte Detektiv der Welt, und sein Freund Dr. Watson stehen vor dem schwierigsten Fall ihrer Karriere. Denn durch die vom Gaslicht nur schwach erhellten Straßen des viktorianischen Londons schlurfen plötzlich lebende Leichen! Der Stadt droht eine Plage von biblischen Ausmaßen! Doch wer - oder was - steckt hinter dieser alles verschlingenden Armee der Untoten?
Ian Edginton und Davide Fabbri entführen in eine Baker-Street-Welt, die dem Holmes-Fan wohlvertraut ist, verbinden sie mit dem apokalyptischen Grauen einer Epidemie menschenfressender Leichen, und es entsteht etwas Neues und Einzigartiges, ein Meisterwerk der modernen Comic- Kunst: Victorian Undead.

Ich bin übrigens immer noch kein Fan davon.


Mittwoch, 23. Februar 2011

Verlagsgeplauder - Der Tag hat 24 Stunden ...


Titel: Gefangen in der Ewigkeit (Blutiger Kuss 01)
Autor: Stephanie März
Originaltitel, 196 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3-940036-08-7
Euro: 11,90
Bei Bestellung bis zum 27.02.2011 gilt der ermäßigte Subskriptionspreis von 10,90 Euro. Auslieferung ab dem 28.02.2011


Der Verleger Torsten Low plaudert aus dem Nähkästchen. Und das auch noch gern! In regelmäßigen Abständen wird er sich ein Thema wählen und einige Worte dazu aufschreiben. Alle, die sich näher dafür interessieren, sind herzlich eingeladen, sich diese Worte durchzulesen und zu kommentieren. Mehr noch: Interessiert ein Thema besonders? Dann her damit, Torsten antwortet gern.

Der Tag hat 24 Stunden ...

Immer wieder werde ich gefragt, wie ich all das (Vollzeitjob in der IT-Branche, zwei Stunden Arbeitsweg je Richtung, das Schreiben, den Verlag und seit kurzem ein Kind) schaffen würde.
Oft liegt mir dann ein Spruch auf den Lippen, den ich vor Jahren mal gehört habe:
»Der Tag hat 24 Stunden und wenn das nicht reicht, nehme ich auch die Nacht dazu.«
Natürlich habe ich nicht mehr Zeit, als andere Menschen. Trotzdem scheint es manchem Beobachter so. Deswegen möchte ich an der Stelle einen kleinen Einblick in meine Arbeitsweise geben (außerdem hat Soleil sich das Thema gewünscht ;-) ).

Eine Frage der Zeit
Wie oft habe ich es schon gehört :»Wenn ich Zeit hätte, würde ich auch einen Roman schreiben!«
Blödsinn.
Wir alle haben die gleiche Zeit. Der Tag eines jeden Menschen hat 24 Stunden. Wenn wir uns die Zeit nehmen, etwas zu machen, dann deswegen, weil es uns wichtig ist.
Man geht arbeiten, weil es einem wichtig ist. Man schreibt einen Roman, weil es einem wichtig ist. Man eröffnet einen Verlag, weil es einem wichtig ist.
Wenn jemand sagt, er habe keine Zeit, dieses oder jenes zu tun, dann bedeutet das: »Es ist mir nicht wichtig genug.«
Und wenn jemand sagt, er habe keine Zeit, seinen Roman zu schreiben, dann bedeutet das: »Der Roman ist mir nicht wichtig genug. Mir ist meine Arbeit oder meine Familie, meine Freizeit, mein Sport, meine Freunde, mein Schlaf, meine Zeit vor dem Fernseher oder irgendetwas anderes wichtiger, als diesen Roman zu schreiben.«
Das ist nicht schlecht und auch nicht verkehrt. Im Gegenteil - es muss nicht jeder einen Roman schreiben oder einen Verlag gründen.
Aber es ist Quatsch zu behaupten, dass es nur an der Zeit liegen würde. Denn wenn es demjenigen so wichtig ist, dann findet er die Zeit dazu.

Eine Frage der Entscheidung
Es ist egal, ob ich mich auf einen Job bewerbe, oder einen Roman schreiben möchte. Ob ich gerne ein Kind möchte oder einen Verlag aufbauen möchte. Am Anfang steht immer die Entscheidung. Erst dann, wenn ich mich bewusst für oder gegen etwas entscheide, stelle ich die Weichen für die Zukunft.
Damit ist immer auch ein Verzicht verbunden. Entscheide ich mich für etwas, schließen sich automatisch einige andere Türen.
Vergebene Chancen? Vielleicht. Aber es muss nicht sein. Vor allem dann nicht, wenn diese Entscheidung mein Herzenswunsch ist.
Ich habe mich vor einigen Jahren bewusst für den Verlag entschieden. Das beinhaltete natürlich einen Verzicht. Ich hatte weniger Freizeit, weniger gemeinsame Zeit mit meiner Frau, weniger Zeit mit Freunden, ja sogar weniger Schlaf.
Klingt jetzt für manchen vielleicht wie ein großes Opfer. Ist aber nur eine Frage, wie man mit der Zeit, die einem gegeben ist, umgeht.

Verzichten und trotzdem Gewinnen
Beispielsweise verzichtete ich aufs Fernschauen. Früher ging oft der Fernseher an, sobald ich zu Hause war. Er lief einfach nebenher, bildete eine ständige Geräuschkulisse und lenkte ab. Deswegen beschloss ich mit der steigenden Arbeitslast im Verlag meinen Fernsehkonsum zu kontrollieren und einzuschränken. Später, als wir dann umzogen, verzichteten wir auf einen Antennenanschluss und leben seit mittlerweile drei Jahren ohne das Fernsehprogramm. Nachrichten gibt‘s übers Internet und Radio. Ab und zu schauen wir mal eine DVD, aber ansonsten ist die Flimmerkiste abgeschaltet.
Verzicht?
Wenn gerade ein Sportereignis läuft, schon. Ansonsten definitiv nicht. Stattdessen ein riesiger Zeitgewinn.

Auch meine Frau musste unter dem Verlag »leiden«. Statt jeden Abend vier Stunden gemeinsam zu verbringen, verbrachten wir plötzlich nur noch eine Stunde am Abend zusammen. Wobei, verbrachten wir die Zeit früher wirklich »zusammen«? Oder verbrachten wir sie nicht eher »nebeneinander«, auf dem Sofa sitzend und in die Röhre starrend? Nun redeten wir sehr viel über unsere gemeinsame Zukunft, schmiedeten Pläne, wie sich der Verlag entwickeln sollte. Wir waren nicht länger nur Lebenspartner, sondern Geschäftspartner, ein Team, ein Familienbetrieb. Dieses gemeinsame Ziel hat uns nur noch mehr zusammengeschweißt.
Verzicht?
Klar, wir haben weniger Zeit miteinander. Aber unsere Beziehung hat eindeutig an Qualität und Intensität gewonnen.

Die Zeit mit Freunden und Bekannten ist um einiges knapper geworden. In der Woche habe ich nur selten Zeit, mich mit ihnen zu treffen. Falsch – ich will ehrlich sein. Es ist mir nicht so wichtig, wie der Verlag. Und am Wochenende sind wir oft unterwegs auf Veranstaltungen, verkaufen Bücher und halten Lesungen.
Verzicht?
Eigentlich nicht. Viele gute Freunde verstehen das und haben sich drauf eingestellt. Man trifft sich dann halt mal außerhalb der Lesungs- und Veranstaltungssaison, plant ein Treffen schon ein paar Monate früher und richtet sich irgendwie ein. Für manchen ist es auch sehr spannend, direkt mitzuerleben, was in unserem Hause alles entsteht. Und wir haben so viele neue Bekanntschaften und Freundschaften durch die Veranstaltungen und Lesungen dazugewonnen.

Der ganze Rest
Ich habe mich also entschieden, den Verlag zu eröffnen. Ich habe geschaut, wie ich meine Zeit besser nutzen kann. Habe Fernsehen gestrichen und andere »Zeitfresser« ausfindig gemacht.
Und trotzdem ging es nicht so recht vorwärts.
Dann kam jemand auf mich zu und sagte mir einen wichtigen Satz: »Achte auf deine Gedanken, denn sie beherrschen dein Tun.«
Damit ist nicht gemeint, dass ich mir einen Sechser im Lotto vorstelle und ihn dann auch bekomme (davon abgesehen spiele ich auch kein Lotto). Damit ist gemeint, dass Gedanken das eigene Handeln und das Handeln anderer indirekt beeinflussen.
Sagt jemand »Das schaffe ich niemals«, dann ist die Wahrscheinlichkeit, es nicht zu schaffen, auch sehr groß. Man bringt dann unbewusst schon keine volle Leistung und andere Personen sehen, dass man nicht mit dem Herzen bei der Sache ist. Sagt jemand »Ich versuche es«, dann bleibt es wahrscheinlich auch bei dem Versuch. Im Versuchen liegt bereits das Scheitern. Erst im Tun liegt der Erfolg. Sagt jemand jedoch »Ich packe es an, ich schaffe es«, dann bewirkt dieses positive Denken bereits ein Hochgefühl, welches einen selbst und andere motiviert und vorantreibt.
Man kann zu solchen »Motivationsmantras« stehen, wie man mag, mir haben sie geholfen. Sonst würde ich heute nicht da stehen, wo ich stehe.

Gedanken und Entscheidungen sind nicht alles – bei mir muss das Arbeiten strukturiert sein.
Ich habe schon vor Jahren für mich das Listenprinzip entdeckt und setze alle Arbeiten in Listen um. Es gibt eine ToDo-Liste für nicht-projektgebundene Aufgaben (viel zu lange stand »Neuer Beitrag für's Verlagsgeplauder« darauf) und eine Liste mit Projekten. Zu jedem Projekt gibt es eine Liste, auf welcher ich die einzelnen Schritte aufgeführt habe – vom Lektorat und Korrektorat über die Novitätenmeldung ans VLB und Barsortiment bis hin zur Werbekampagne auf Facebook. Es gibt eine Liste mit Marketingmaßnahmen und eine Liste mit Rezensenten, eine Liste mit Ideen für Folgeprojekte und eine Liste mit zu kaufenden Büromaterial.
Ein zweites wichtiges Hilfsmittel sind selbstgesetzte Termine. Auch wenn ich mich gar nicht so unter Druck setzen müsste - ich stelle mir Termine für's Ende des Lektorats, für den Satz, für den Probedruck, für den Druck der Erstauflage oder für den nächsten Beitrag für's »Verlagsgeplauder«.

Bei aller Strukturiertheit darf man nicht vergessen: Nichts davon funktioniert so richtig, wenn der Ehepartner nicht unterstützend eingreift.
Wenn der Gatte den Wunsch zu Schreiben nicht toleriert, kann das an den Nerven zehren und jede Minute Schreibzeit wird sicher hart erkämpft sein. Wenn die Gattin kein Verständnis für die Idee von der eigenen Firma hat, muss man sich entscheiden (schon wieder).
Ich hatte unwahrscheinliches Glück, dass meine Frau meine Schreibversuche schon gut fand, bevor ich meinen Roman veröffentlicht hatte. Und dass sie nicht nur Verständnis für meine Idee aufbrachte, sondern sich ganz selbstverständlich Aufgaben in meinem – in unserem – Verlag suchte. Meine Frau unterstützt mich nicht nur, sie ergänzt mich.

Alles im Fluss ...
Seit kurzem hat sich einiges geändert. Uns wurde eine kleine Lektorin geschenkt, wir sind zu dritt.
Derzeit nehme ich Elternzeit und schaue zu, dass ich nebenher so viel wie möglich für den Verlag mache. Aber meine Tochter Emily hat erste Priorität.
Und ab August wird es sich wohl erneut ändern. Meine Elternzeit wird dann abgelaufen sein. Was dann kommt und welche Auswirkungen das auf den Verlag hat, bleibt abzuwarten.
Sollte ich dann jedoch weniger Zeit für den Verlag haben, wisst ihr, woran es liegt. Es bedeutet: »Meine Tochter ist mir wichtiger!«


Montag, 21. Februar 2011

Mein fahler Freund - Isaac Marion


Titel: Mein fahler Freund
Autor: Isaac Marion
Originaltitel: Warm Bodies
Verlag: Klett-Cotta
ISBN: 3608939148
Euro: 19,95
Veröffentlichungsdatum: Februar 2011
Seiten: 298
Kein Serientitel
Come in: Gewonnen





Inhalt

Die Welt hat sich verändert und liegt größtenteils in Trümmern. Wie das geschehen ist, weiß R nicht, er weiß auch nicht wie lange es her ist, seit er gestorben ist und sich als wandelnde Leiche wieder erhob. R ist ein Zombie und das macht ihm nicht viel aus. Nur seine Erinnerung, wie die an seinen Namen oder daran, was er früher war, fehlen ihm. Er spürt, dass er anders ist, als seine Artgenossen, die größtenteils in dem verlassenen Flughafen herumstehen und stöhnen.
Und der Hunger nach Leben, der ihn alle paar Tage überkommt, bringt ihn dazu, Dinge zu tun, die er eigentlich nicht tun will. Mit seinem besten Freund M und ein paar anderen macht er Jagd auf Lebende. Ihr Ziel: das Gehirn, denn mit jedem Bissen fließen Erinnerungen, Gedanken und Gefühle in die Zombies über.
Eines Tages überfallen die Zombies eine Gruppe Jugendlicher und R tötet den Anführer Perry. Dessen Gedanken gehen dabei auf R über und als er die blonde Julie sieht, ist es um ihn geschehen. Denn sie und Perry waren ein Paar und R setzt nun alles daran, die junge Frau am Leben zu erhalten. Sie lehrt ihn Dinge, die er einst kannte und R hungert geradezu danach.
Er beginnt die Dinge zu hinterfragen und löst damit einen Prozess aus, der in der Lage wäre, alles bisher dagewesene zu verändern. Aber es gibt Wesen, die genau das verhindern wollen.

Cover

Das Cover wurde von Kat Menschik, einer in Berlin lebenden Illustratorin, angefertigt. Die 1968 geborene Kommunikationsdesignerin, zeichnet für Zeitungen und illustriert Bücher. Von 1996-2000 war sie Mit-Verlegerin des Comic-Verlags "Millionen". Heute arbeitet sie als freie Illustratorin in Berlin. Sie hat eine Tocher. Ein sehr interessantes und informatives Interview mit der Künstlerin kann HIER nachgelesen werden.
Das Cover des Romans ist sicherlich Ansichtssache. Mir gefällt es und nach dem Lesen muss ich sagen, dass es auch passt. Es ist individuell allein für "Mein fahler Freund" angefertigt worden. Im Hinblick auf das Original gewinnt das deutsche Cover, auch wenn es doch ziemlich den Touch eines Kinderbuches bekommt. Leider wird damit auch ein falscher Eindruck vermittelt und es ist schade, dass die Geschichte um Anerkennung kämpfen muss. Aber das ist man ja im Genre - in beiden - gewöhnt.

Meinung

Der Roman basiert auf einer Kurzgeschichte, die den Titel "Iam A Zombie Filled With Love" trägt und HIER in englischer Sprache nachgelesen werden kann. Isaac Marion bereut seine Entscheidung, daraus einen Roman gemacht zu haben, sicher nicht. Bereits in 16 Sprachen übersetzt und nach Hollywood verkauft, zieht er schon jetzt weite Kreise.
Es hat mich einige Überwindung gekostet, zu diesem Roman zu greifen, denn zwar bin ich für alle Arten von Liebesgeschichten zu haben, aber hier schienen Cover und Klappentext auf eine eher unspektakuläre Geschichte hinzuweisen. Doch schon nach wenigen Seiten - darum sei die Leseprobe an dieser Stelle angeraten - wurde ersichtlich, dass der Autor etwas von seinem Handwerk versteht.
Isaac Marion ist es gelungen, aus einem eher banalen Thema einen halbphilosophischen, gesellschaftskritischen Roman zu schaffen, der, im Nachhinein gesehen, eigentlich gar nicht in erster Linie von Zombies handelt.
R ist ein junger Mann gewesen, als "der Fluch" ihn getroffen hat und er wünschte, er wüsste mehr darüber. Seine innere Kraft, sein Festhalten am Leben und seine Gedanken, die man jemandem, der kaum in der Lage ist ganze Sätze zu bilden, gar nicht zutraut, machen den Reiz dieses Werkes aus. Verbunden mit der wirklich überzeugenden sprachlichen Gewandheit bekommen zunächst oberflächliche Geschehnisse teilweise unheimlich viel Tiefe.
Julie ist in einer extremen Welt aufgewachsen. Und obwohl alles nur schlechter zu werden scheint und sie sich einem täglichen eng angelegten Drill unterziehen muss, hat sie sich ihre Menschlichkeit bewahrt. Gleichzeitig ist sie aber auch eine junge Frau geblieben, die ihre ganz eigenen Sehnsüchte hat. Der Erzähler des Romans wechselt nie hin zu ihr, dennoch wurde ihrer Figur, dadurch, wie R sie sieht und was sie ihm erzählt, sehr viel Persönlichkeit mitgegeben.
Die Liebesgeschichte steht nie im Vordergrund. Eher sind beide vom jeweils anderen fasziniert, denn beide verhalten sich nicht so, wie sie es eigentlich sollten. Hinzu kommt, dass R durch Perrys Erinnungen Teil hat an einigen Jahren, in denen Julie aufgewachsen ist. Es gibt später einen zögerlichen und dann einen sehr heftigen Kuss, aber keine vordergründige Romantik, kein Händchenhalten und Co. Wer so etwas nicht mag, sollte trotzdem zugreifen. Der Beziehung wohnt, gerade von Rs Seite aus, eher sehr viel Sehnsucht inne, die noch nicht einmal unbedingt nur der anderen Person gilt, sondern vielmehr auch dem, was sie darstellt.
Am meisten fasziniert war ich jedoch von M, dem besten Freund unseres Protagonisten. Wieder wird nie die Erzählperspektive zu ihm gewechselt, dennoch erscheint dieser Mann/Zombie sehr lebensecht und dreidimensional. Der frühere Playboy und Frauenheld wird mehr als deutlich, trotzdem scheint es auch ein Kerl zu sein, mit dem man Pferde stehlen kann. Er hat, wie man so schön sagt, das Herz auf dem rechten Fleck.
Was Gewaltdarstellungen angeht, so gibt es diese natürlich. Aber doch eher dezent und nie in eine bewusste oder unbewusste Splatterrichtung abdriftend. Selbst wenn R das Gehirn Perrys aus der Hosentasche zieht und isst - er hat sich ein wenig davon für später aufgehoben - hat das nichts abstoßendes. Ich habe mich sogar dabei erwischt, wie ich hoffte, er würde genau das tun. Denn jedem Bissen folgt eine Erinnerung, die wie ein Blitz in dunkler Nacht die Geschichte gewaltig belichtet; einerseits unterbricht und andererseits heftig vorantreibt.
Obwohl sie sich nur dieses eine Mal sehen, gehen auch R und Perry eine Beziehung ein. Der eine, der tot ist und wieder leben möchte und der andere, der lebt und sich den Tod wünscht. Was für eine abstruse Kombination - die funktioniert!
"Mein fahler Freund" ist einer dieser Romane, der einen packt und zwingt, die gesamte Geschichte in einem Rutsch durchzulesen. Auch wenn es trotzdem hier und da einige kleinere Kritikpunkte gibt - die ich nicht aufzähle, weil sie viel zu unbedeutetnd sind - erfasst einen diese Welle und reißt absolut überzeugend mit.
Das einzige, um das ich mir Gedanken mache, ist die Verfilmung. Denn ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass man DAS in einen auch nur halbwegs überzeugenden Film packen kann. Darum sollten alle, die an Rs und Julies Geschichte interessiert sind, auf jeden Fall zum Buch greifen.
Absolute Leseempfehlung!

http://burningbuilding.blogspot.com/
Isaac Marion, geboren 1981 im Nordwesten des Bundesstaates Washington. Lebt in Seattle als Grafiker und Autor. Nach der Veröffentlichung einiger Kurzgeschichten ist »Mein fahler Freund« Marions erster Roman. Die Filmrechte wurden sofort an Hollywood verkauft.

Freitag, 18. Februar 2011

Das Druidentor - Wolfgang Hohlbein


Rezension von Maja.
Titel: Das Druidentor
Autor: Wolfgang Hohlbein
Originaltitel
Verlag: Bertelsmann-Club
ISBN: 3522721659
Euro: Nicht mehr im Handel erhältlich.
Veröffentlichungsdatum: 1993
Seitenanzahl: 544
Kein Serientitel
Come in: Geschenk

Es sollte der sicherste Eisenbahntunnel werden, der je durch einen Berg gebaut wurde. Doch bereits bei den Bauarbeiten geschehen unheimliche Dinge in der unterirdischen Trasse: Elektronische Geräte spielen verrückt; eine unnatürliche Stille prägt das Berginnere; Loren, über und über mit Raureif überzogen, machen sich selbstständig; und dann ist da noch die Zeit, die sich auf unerklärliche Weise verschiebt. Frank Warstein, leitender Ingenieur und Computerfachmann der Baustelle, ahnt, dass diese Dinge etwas mit dem unheimlichen Fremden zu tun haben, der sich selbst als Druide bezeichnet und in unregelmäßigen Abständen auf dem Gelände auftaucht und seine Arbeiter erschreckt. Nur drei Menschen, prophezeit der Fremde, können die Welt noch retten. Ein Wissender. Ein Sehender. Und ein Liebender.
Obwohl Warstein ein sanftes Unbehagen irrationaler Art verspürt, fährt er mit dem Bau des Tunnels fort und ignoriert die Warnung - und das Unfassbare nimmt seinen Lauf.
Jahre später, der Tunnel ist längst fertig gestellt, ist Warstein nicht mehr er selbst. Geprägt von den damaligen Ereignissen in der Tunneltrasse, vegetiert er als Alkoholiker in seinem Ein-Zimmer-Appartment dahin. Die einzige Gesellschaft, die Warstein noch erträgt, ist die seines Katers Vlad, der bereits vor seinem Einzug in der Wohnung lebte.
Warstein scheint mit seinem Leben abgeschlossen zu haben, als der Berg erneut erwacht: Eines Tages steht eine junge Frau vor seiner Tür, die ihm von der Jungfernfahrt eines ICEs durch die Tunneltrasse berichtet, bei der alle Passagiere ums Leben gekommen sind. Die Presse spricht von einem Terroranschlag. Niemand will wahrhaben, dass das Unfassbare erneut geschehen ist. Niemand soll erfahren, dass der ICE und seine Passagiere auf unerklärliche Weise um zweihundert Jahre gealtert sind. Nur Warstein ahnt, dass dies nur das erste Anzeichen ist, dass im Inneren des Berges erneut Bedrohliches vor sich geht. Wenn die Bibel Recht hat, erinnert sich Warstein, und aus einem Klumpen Lehm das Leben entstanden ist, warum sollte es bei einem Berg anders sein? Ein Berg mit Bewusstsein? Aber wie soll man mit einem Geschöpf in Verbindung treten, dessen Gedanken ein Menschenalter währen; wie mit einer Intelligenz in Kontakt treten, die wir nicht einmal als lebende Kreatur erkennen?
Mithilfe der jungen Frau und einem Reporter der Boulevardpresse macht Warstein sich auf die Suche: Ein Wissender. Ein Sehender. Und ein Liebender. Wer sind diese drei Menschen und werden sie rechtzeitig zueinander finden, um der Urgewalt Einhalt zu gebieten?


Das erste, was mir beim Lesen der Inhaltsangabe von "Das Druidentor" in den Sinn kam, war J.R. Tolkiens Satz: "Die Zwerge haben zu tief gegraben." Hier endet aber auch schon die Ähnlichkeit zu Tolkien. Gleich zu Beginn des Buches wurde ich in die Handlung hinein gesogen. Hohlbein hält sich nicht lange mit Einleitungen auf, der Spannungsbogen wird kontinuierlich hoch gehalten. In einer Zeit, in der man in Flugzeugen noch rauchen durfte und der ICE als Wunder auf Schienen galt, mag dem einen oder anderen dieser Mix aus ScienceFiction- und Fantasy-Geschichte ein wenig angestaubt erscheinen, ich für meinen Teil empfand es als sehr erholsam, in diese Fabel vom Wesen der Zeit einzutauchen, in der es noch keine Handys und E-Mails gab. Je mehr ich von Frank Warsteins Leben erfuhr, desto sympathischer wurde mir der ehemalige Diplom-Ingenieur.
Bereits früh erfährt der Leser von der inneren Zerrissenheit, die Warstein schon im frühen Stadium des Tunnelbaus beherrscht. Die Natur nach Maßstäben menschlicher Ästhetik umzugestalten, erfahren wir von Warstein, sei nicht nur eine moralisch verwerfliche sondern auch eine höchst riskante Sache. Immer wieder wird Warstein bewusst, dass sie mit dem Bau des Tunnels einen Frevel begehen, und manchmal schießt es ihm durch den Kopf, dass dieser Frevel eines Tages gesühnt werden wird.
Mit "Das Druidentor" hat Wolfgang Hohlbein einen spannenden ScienceFiction/Fantasy Roman vorgelegt. Er stellt nicht nur die blinde Technologiegläubigkeit der Menschheit in ein kritisches Licht, er spricht auch unmittelbare Umweltthemen wie die Zerstörung und die Ausbeutung der Natur durch den Menschen an und stellt den technischen Fortschritt um jeden Preis in Frage.
Die Angabe auf der Webseite des Autors, dass der Roman für Jugendliche ab 16 Jahren ist, mag eine Erklärung sein, warum die Sprache direkt und schnörkellos und flott zu konsumieren ist. Die Seiten fliegen bei der Lektüre nur so dahin, man spürt dem Textaufbau an, dass hier jemand sein Handwerk versteht, man spürt dem Ganzen aber leider auch ein wenig die Routine an, die hier und da durch die Sätze hindurch schimmert: Die Dialoge schienen mir manchmal zu abgeschliffen, fast ein Selbstläufer - man liest einen Satz an und weiß, ehe man die Zeile überflogen hat, wie der Dialog endet. Hinzu kommen klischeebeladene Akteure: Die mürrischen Polizisten, der sensationsgierige Reporter eines Boulevardblattes, der angeschlagene, alkoholgetränkte Held, der weise Druide mit dem schlohweißen Haar.
Die Charaktere sind leider wie Schablonen gezeichnet, eindimensional und für mich ohne realen Wiedererkennungswert. Aber auch hier sei auf die Angabe des Autors verwiesen, dass die Lektüre für Jugendliche ab 16 Jahren empfohlen ist und eventuell aus diesem Grund für den schnellen und leichten Konsum vorgesehen ist.
Ich hatte zu keiner Zeit Mühe, mich in der geschilderten Umgebung zurecht zu finden. Der unaufdringliche Schreibstil lehnt sich sehr an Stephen King an - dieselbe Raffinesse hinsichtlich des Plots, ein gutes Händchen fürs Detail und stets den richtigen Riecher für das rechte Timing.
Eine Geschichte mit vielen Rückblenden - die damaligen Ereignisse während des Tunnelbaus werden aus Warsteins Erinnerung konstruiert - verlangt ein großes Können vom Autor, um die Sache auf einem hohem spannenden Niveau zu halten. Hohlbein gelingt dieser Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart mühelos, mehr noch: Als Leser taucht man vollkommen ab und vergisst Raum und Zeit.
Wolfgang Hohlbein ist ein Garant für solide, spannende Unterhaltung. Das "Druidentor" ist eine spannende Lektüre, die ich jederzeit für eine Bahnfahrt oder den Urlaub empfehlen würde.


http://www.hohlbein.de/
Wolfgang Hohlbein, 1953 in Weimar geboren, ist der meistgelesene und erfolgreichste deutschsprachige Fantasy-Autor mit einer Gesamtauflage von über 37 Millionen Büchern. Der Durchbruch gelang ihm 1982 mit "Märchenmond", das seinen Siegeszug in zahlreichen Ausgaben von den USA bis in den Fernen Osten bis heute ungebrochen fortsetzt. 1993 stand "Das Druidentor" für ein Jahr auf der Spiegel Bestsellerliste und zählt zu den erfolgreichsten Romanen des Autors. Der Roman wurde seitdem in diversen Verlagen neu aufgelegt, die aktuellste Ausgabe ist als Taschenbuch im Piper Verlag (Januar 2010) zu finden.



Donnerstag, 17. Februar 2011

Der letzte Traumwanderer - Christoph Lode


Titel: Der letzte Traumwanderer
Autor: Christoph Lode
Originaltitel: Deutsche Erstausgabe
Verlag: Goldmann
ISBN: 3442471737
Euro: 12,00
Veröffentlichungsdatum: November 2010
Seiten: 400
Serie: Pandaemonia 01
Come in: Vom Verlag





Inhalt

In einer Welt, in der Magie und Schattenwesen langsam schwinden, lebt der fünfzehnjährige Jackon nach dem Tod seiner Eltern in den Abwasserkanälen der Stadt Bradost. Eines Tages dringt ein Mann, der sich in eine Krähe verwandeln kann, in seinen Unterschlupf ein und nimmt ihn mit zum Palast der Lady Sarka. Die Herrscherin Bradosts führt ein blutiges Szepter, denn die von ihr gezüchteten Spiegelmänner dulden keine Widerrede.
Zeitgleich verliert der zwei Jahre ältere Blitzsammler Liam Satander seinen Vater, der seit einiger Zeit im Untergrund tätig war. Kurz bevor die Spiegelmänner ins Haus eindringen können, bittet der Ältere seinen Sohn, das Gelbe Buch von Yaro D'ar zu finden. Liam flieht zu einem Freund seines Vaters, dem Erfinder Nestor, der ihn im Palast der Lady Sarka als Gärtnergehilfe unterbringen kann.
Während Jackon von der Herrscherin erfährt, dass er der letzte Traumwanderer ist und von ihr darin ausgebildet wird, muss Liam einsehen, dass er das Buch so schnell nicht finden wird. Durch Nestors Tochter Vivana erfährt Liam, dass das Buch eng mit dem letzten Phoenix, der wenige Jahre zuvor die Welt verlassen hat, verbunden ist. Nun, so nah an der Lady wie kaum jemand, wird ihm immer bewusster, wofür sein Vater wirklich gekämpft hat.
Doch so schnell gibt eine Herrscherin ihren Posten nicht auf und Sarka stammt aus einem alten Alchymistengeschlecht, das so einige Mysterien aus grauer Vorzeit kennt ...

Cover

Das Cover ist hervorragend gelungen. Farbe und Stimmung der dargestellten Bilder passen genau zur Atmosphäre der Geschichte. Die Luftschiffe machen neugierig und der Titel ist fluoriszierend abgesetzt.
Allerdings ist dieses Cover nicht eigens für diesen Roman entworfen, sondern nur entsprechend abgeändert worden. Hier ist nachzulesen, dass es von Arthur Slades "The Hunchback Assignments" stammt. Macht nichts, sieht trotzdem gut aus.
Das Originalbild in voller Größe gibt's übrigens hier.

Meinung

Für Phantastisches hat Christoph Lode wohl schon immer etwas übrig gehabt, denn auch in seinen beiden historischen Romanen, sind nicht reale Dinge enthalten. Darum ist es nicht ganz überraschend, dass er sich nun vollends dem Genre zugewandt hat.
Die Welt, in der die Stadt Bradost liegt, ist an eines unserer späteren Jahrhunderte, ich vermute das achtzehnte/ neunzehnte, angelehnt. Es gibt schon einiges an Technik, nicht zuletzt die gigantischen Luftschiffe, die über den Himmel schweben. Alles wird mittels des Aethers bewegt, einer chemischen Substanz, die zumindest bisher nicht näher definiert oder gezeigt wurde. Doch trotzdem ist den Bewohnern auch die Magie nicht fremd, ebensowenig wie Wesen, die davon leben und jenen, die im Schatten wandeln. Aber immer mehr dieser Wesen haben die Welt bereits verlassen und so scheint es, als seien Alben, Vampire und Ghule nur noch eine Ausgeburt der Phantasie. Selbst der große Phoenix, der über die Stadt gewacht hat, ist vor etwa zehn Jahren verschwunden und hat ein Chaos hinterlassen.
Lady Sarka hat die Stadt gewaltsam übernommen und gibt das Szepter nicht mehr aus der Hand. Sie ist eine wunderschöne Frau, die ganz genau weiß, was sie will. Mit einem bösartigen und sehr intelligenten Charakter gelingt es ihr bestens, über ihr wahres Wesen hinwegzutäuschen. Aber ihre Taten sprechen für sich.
Um sich hat sie eine kleine Schar an Menschen geschart, in denen noch altes Blut zu fließen scheint. Umbra beispielsweise, die durch die Schatten gehen kann. Oder Corvas, der mit den Krähen in Kontakt steht und so das Auge und das Ohr der Stadt ist. Nun ist auch Jackon bei ihr gelandet und sie wird ihn so schnell nicht mehr gehen lassen, denn er wird ihre bisher größte Waffe darstellen.
Was also die Welt und die darin handelnden Figuren angeht, auch die Idee und den Plot, könnte die Geschichte nicht perfekter sein. Nicht nur, dass einige Elemente an Steampunk angelehnt sind, was als (Unter-)Genre gerade in Mode kommt, auch die Charaktere sind äußerst durchdacht und interessant.
An Einfallsreichtum fehlt es nicht, auch die Handlung geht stringent ihren Weg und weiß mit der ein oder anderen Wendung zu überraschen. Und dennoch vermag es "Der letzte Traumwanderer" nicht, den Leser an jede einzelne Zeile zu binden.
Es liegt wieder einmal an der Oberflächlichkeit, mit der das Geschehen erzählt wird, der fehlende Tiefe der Charaktere und einfach an dem Flair, der hier völlig fehlt. Dinge werden nur genannt, nicht gezeigt. Keine Mimik oder Gestik erzählt kleine Geschichten. Keine Gegenden, Gebäude oder Gegenstände werden näher beschrieben. Als Liam zum Hafen der Luftschiffe geschickt wird, um eine Botschaft zu überbringen, sieht das (frei zitiert) so aus: Als Liam zum Hafen kam, startete eines der Schiffe. Auf direktem Weg ging er zum Adressat und überbrachte dem Unglücklichen die Nachricht. Wie sieht es dort aus? Was hört, sieht, schmeckt Liam?
Das ist nur eines der zahlreichen Beispiele. Der Palast bleibt ebenso grau wie die Straßen Bradosts. Damit aber lebt die Handlung nicht, sie schleppt sich voran und kann nicht zu dem werden, was eigentlich für sie vorgesehen ist und wofür sie auch alle Anlagen hat. Das ist wirklich unheimlich schade.
Hinzu kommt, dass die Figuren zwar ausgefallen angelegt sind, aber leider dann doch wieder sehr stereotyp handeln. Das ist mir vor allen bei den wenigen weiblichen Figuren - davon gibt es immerhin nur drei - aufgefallen. Ob dahingehend auch die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Liam und Vivana so eine gute Idee war, wage ich zu bezweifeln. Dafür gibt es einfach zu wenig Anlass und Hinweise, schließlich geht alles so husch husch, dass es unglaubhaft wird. Allerdings reicht nur ein Blick auf den Klappentext des Folgebandes um zu sehen, dass die Beziehung eine große Rolle einnehmen wird. Dafür aber fehlt ihr einfach die Grundlage und hätte wesentlich detaillierter gezeigt werden müssen.
Alles in allem handelt es sich bei dem Roman um eine sehr lesenswerte Geschichte, die jedoch zu großer Oberflächlichkeit neigt und grau bleibt. Der fehlende Bezug zum Leser verhindert ein vollkommenes Abtauchen und wären nicht die ungewöhnlichen Charaktere und die leicht zu verdauende Handlung, man würde das Buch unausgelesen zur Seite legen.


Pandaemonia:
1. Der letzte Traumwanderer
2. Die Stadt der Seelen
3. Phoenixfeuer

Homepage: http://www.christoph-lode.de/
Christoph Lode, geboren 1977, ist in Hochspeyer bei Kaiserslautern aufgewachsen und lebt heute mit seiner Frau in Mannheim. Er studierte in Ludwigshafen am Rhein und arbeitete in einer psychiatrischen Klinik bei Heidelberg. Heute widmet er sich ganz dem Schreiben. Bereits mit seinen ersten beiden historischen Romanen, »Der Gesandte des Papstes« und »Das Vermächtnis der Seherin«, sorgte er ebenso für Furore wie mit der großen Fantasy-Trilogie »Pandämonia«.


Teil 2 "Die Stadt der Seelen" erscheint am 14.02.2011
Wer Macht über die Träume der Menschen besitzt, gebietet auch über ihre Gedanken. Lady Sarka, die allgewaltige Herrscherin von Bradost, weiß das und will sich die Gabe des Traumwanderers Jackon dafür zunutze machen. Doch sie hat viele Feinde: Liam ist einer von ihnen. Er will den Tod seines Vaters rächen und ihre Macht brechen. Aber er ist im Pandæmonium gefangen, dem dunklen Reich der verdammten Seelen und Dämonen. Seine Freundin Vivana ist verzweifelt. Sie liebt Liam, doch reicht das aus, um ihn zu retten?

Teil 3 "Phoenixfeuer" erscheint am 08.10.2011
Niemals hätte Liam gedacht, dass sein Freund Jackon, der Traumwanderer, ihn verraten würde. Jetzt ist Liam ein Gefangener der Herrscherin von Bradost und sitzt fest. Dabei können sich Liam und seine Verbündeten keine Verzögerungen leisten. Die bösartige Lady Sarka hat bereits unzählige Menschen auf dem Gewissen und unendlich viele Träume manipuliert. Sie muss so schnell wie möglich gestoppt werden, bevor die ganze Welt zerbricht und die Finsternis das Land verseucht ...

Mittwoch, 16. Februar 2011

Was machen Superhelden in ihrer Freizeit? (Buchgedanken)


Ich lese gerade den Roman "Schatten und Licht (Das Ikarus-Projekt 01)" von Jackie Kessler und Caitlin Kittredge. Eigentlich dachte ich zunächst, dass ich keinen Zugang zu der Geschichte finden würde und wollte das Buch schon zur Seite legen.
Aber dann stieß ich auf eine Szene, in der Jet, eine der beiden Hauptfiguren, nach einem Kampf in ihre Unterkunft zurückkehrt und auch an ihrem Bücherregel vorbeigeht. Das Geschehen spielt in der Zukunft, in der Papierbücher längst out sind, aber Jet zieht sie trotzdem den elektronischen vor. Außerdem: "Die meisten Bücher, die sich in dem Regal drängelten, waren Liebesromane. Es mochte banal sein, aber Jet liebte Geschichten, die ein Happy End haben."
Das hat sie mir gleich unheimlich sympathisch gemacht! Manchmal sind es diese kleinen Dinge, die einen Leser verweilen lassen. Ich jedenfalls habe das Buch nicht zur Seite gelegt und bin jetzt schon weit über die Hälfte hinaus. Und das ist gut so, denn es entwickelt sich eine lesenswerte Geschichte, bei der man nur die anfänglichen (Zwangs-)Informationen erstmal verdauen muss.

Während ihrer Ausbildung an einer Eliteakademie für Superhelden waren Callie Bradford, Codename Iridium, und Joannie Greene, Codename Jet, beste Freundinnen. Inzwischen sind sie jedoch verfeindet bis aufs Blut. Während Jet ihre übermenschlichen Kräfte dazu benutzt, die Einwohner von New Chicago zu beschützen, ist Iridium die Herrin der Unterwelt der Stadt. Unterdessen braut sich großes Unheil über New Chicago zusammen, und Jet und und Iridium finden sich inmitten eines Mahlstroms der Intrigen wider, in dem die Grenzen zwischen Gut und Böse mehr und mehr verschwimmen.

Was mich etwas stört, aber eher am Rande, sind die Kostüme. An denen der Frauen sind nämlich Röckchen dran. Jedenfalls an denen, als sie vierzehn waren und zum ersten Mal ihren Fähigkeiten entsprechend ausgestattet wurden. Dabei spielt die Handlung in weiter Zukunft, nämlich 2112.
Weiterhin frage ich mich die ganze Zeit, ob es eigentlich generell noch Superhelden (und deren Bösewichte) gibt. Also Superman und Spiderman zum Beispiel. Oder nennen wir die heutzutage alle X-Men?
(Gab es eigentlich je ernst zunehmende weibliche Superhelden?)
Werden meine Kinder noch Comichefte lesen und wie werden deren Helden aussehen und die wie die Welt retten?
Seltsame Gedanken, die einem da so durch den Kopf gehen, während man sich von einem Buchstabenwust die Zeit vertreiben lässt ...


Teil 2 "Das Ikarus-Projekt" erscheint auf Deutsch übrigens im April 2011. Die beiden Autorinnen haben auch jede für sich Romane geschrieben (einfach klicken):
Jackie Kessler
Caitlin Kittredge


Freitag, 11. Februar 2011

Dämonenkind - Jennifer Roberson


Rezension von Maja.
Titel: Dämonenkind
Autor: Jennifer Roberson
Originaltitel: Shapechangers (Wolfsmagie)/ The Song of Homana (Das Lied von Homana)
Verlag: Heyne
ISBN: 345352392X
Euro: 9,95
Veröffentlichungsdatum: November 2007
Seiten: 736
Serie: Cheysuli-Zyklus #1
Come in: Geschenk




Einst stand das magische Volk der Cheysuli an der Seite des Königs von Homana. In Gestalt von Wölfen, Falken oder anderen Tiergestalten, den sogenannten Lirs, dienten sie dem König mit ihrer Magie bei der Verteidigung Homanas gegen seine Feinde. Doch in ferner Vergangenheit beging ein Cheysuli einen Treuebruch, indem er die Tochter des Königs entführte und sie ehelichte. Seitdem sind die Cheysuli Gejagte im eigenen Land. Als Dämonen verschrieen werden sie von den Menschen gefürchtet und gehasst.
Erst wenige Jahrzehnte sind vergangen, seit das Qu'mahlin, wie die Cheysulis die Ausrottung ihrer Rasse bezeichnen, begonnen hat. Die junge Alix, die nichts von ihrer schicksalhaften Verbindung zu den Cheysulis ahnt, wird von dem kriegerischen Cheysuli Finn entführt und zu seinem Stamm gebracht. Inmitten des magischen Volkes und ihrer Tiergestalten, den Lirs, muss Alix sich der Wahrheit stellen, dass sowohl Menschen- als auch Cheysuliblut durch ihre Adern fließt. Trotz heftigster Widerstände nimmt sie das Erbe ihres Vaters an und verliebt sich in den Stammesführer Duncan.
Als das benachbarte Volk der Solinder mit dem Magier Tynnstar das hoheitliche Homana angreift, muss Alix erkennen, dass es ihre Bestimmung ist, die Menschen und die Cheysuli zu versöhnen, damit die beiden Völker gemeinsam im Krieg gegen den Feind bestehen können. Und dann ist da noch Prinz Carillon und ein weiterer kriegerischer Cheysuli, die in Alix verliebt sind.


Um das Buch einigermaßen verstehen zu können, muss man wissen, dass der Cheysuli-Zyklus insgesamt 9 Bände umfasst, die allesamt in den 80er/90er Jahren herausgebracht wurden, in der Zeit, wo Marion Zimmer Bradley bekannt wurde. Die Autorin selbst ist mit Zimmer Bradley befreundet.
Die Bände einzeln zu ordnen, stellt den Leser vor eine echte Herausforderung, denn die damaligen Zyklusteile erschienen sowohl unter anderen Titeln, in anderen Verlagen und als ob das nicht schon Schwierigkeiten genug birgt, gab es gänzlich anders ausschauende Buchcover, die stellenweise an Comicdarstellungen erinnern.
Im Jahr 2007 hat sich dann der Heyne Verlag entschieden, den gesamten Zyklus in 4 Bänden herauszubringen. Da dies bei 9 Büchern zu Problemen führt, wurden kurzfristig zwei Bände zu einem Roman zusammengefasst. Dies bewirkt bei dem ersten Teil "Dämonenkind", dass dieses Buch die zwei alten Geschichten, nämlich "Wolfsmagie" und "Das Lied von Homana", enthält. Das hat mich anfangs sehr verwirrt, denn die erste Geschichte wird aus Alix Perspektive in der dritten Person erzählt und die zweite in der Ich-Form von Prinz Carillon.
Wer sich davon nicht abschrecken lässt, wird in "Dämonenkind" einen echten Fantasy-Schmöker finden, und wie das bei Schmökern oftmals der Fall ist, zieht sich die Geschichte in die Länge, was bei 736 Seiten ein echtes Stück Lesearbeit bedeutet.

Ich wollte "Dämonenkind" unbedingt lesen, weil mir die aktuellen Romane der Autorin so gut gefallen haben (Die Karawane und Im Dämonenwald). Allerdings wurde mir nach Lektüre der ersten Seiten schnell klar, dass es sich bei "Dämonenkind" um das Debüt von Jennifer Roberson handeln muss, denn der Roman hat seine Längen und stellt einen Vertreter eher durchschnittlicher romantischer Fantasy dar. Insbesondere der erste Teil beinhaltet viele Schwächen eines Debüts.

Im ersten Teil lernen wir die junge Alix kennen, die auf mich unglaubwürdig und unsympathisch wirkt. Sie handelt unglaublich dumm und benimmt sich wie ein bockiges Gör. Sicher, sie ist jung und naiv, und das habe ich mir beim Lesen diverse Male vor Augen geführt, aber es half nichts: Diese Art von Heldin nervte mich bereits nach kurzer Zeit - egal, was Alix tat, es handelte ihr stets kaum Konsequenzen ein und sie war nicht lernfähig. Ich verspürte bereits nach kurzer Zeit das Bedürfnis, dieser jungen Alix das Buch um die Ohren zu hauen.
Nach Lektüre des ersten Teils von "Dämonenkind" erschien es mir unklar, warum der Cheysuli-Zyklus seinerzeit für solche Furore sorgte.


Der zweite Teil des Romans scheint von einer ganz anderen Autorin geschrieben, denn er ist um Längen besser. Hier wird die Geschichte in der Ich-Form aus der Sicht des Prinzen Carillon beschrieben und lässt das spätere Potenzial der Autorin erahnen. Die Geschichte spielt einige Jahre später und knüpft an die vorhergehende Handlung an. Nach einigen Jahren Krieg und der Flucht mit Finn an seiner Seite, kehrt Prinz Carillon nach Homana zurück, um sich seinen rechtmäßigen Thron vom Feind zurück zu erobern, doch es gilt zuvor die Völker der Menschen und die Cheysuli zu vereinen, damit sie gemeinsam gegen die magischen Truppen des Thronräubers bestehen können.
Eine radikale Kürzung seitens eines Lektors hätte diesem Buch gut getan. Die Geschichte hat ihre Längen - politische Scharmützel, das übliche Geplänkel am Hof und immer und immer wieder das Heraufbeschwören des eigenen Schicksals -, das war mir oftmals zu ermüdend.
Obwohl die Geschichte gut erzählt ist, mit vielen Details und nicht uninteressant, scheinen die wichtigen Ereignisse viel zu oft von unnützen und in die Länge gezogenen Beschreibungen verschüttet, so dass man eine gehörige Portion Geduld an den Tag legen muss, um das Buch nicht das ein und andere Mal in die Ecke zu werfen. Darüber hinaus fühle ich mich etwas betrogen, denn der Klappentext verspricht eine romantische Geschichte mit Liebe. Das habe ich vergeblich gesucht: Wenn es um "Liebe" ging, dann in erster Linie um den nächsten Thronfolger, das Erbe des Blutes und die Verpflichtungen am Hof. Von wahrer Liebe keine Spur, stattdessen immer wieder Kriegsschauplätze und das ewige Herumreiten auf der Prophezeiung, einer Art Blutschwur, die ein Cheysuli entgegen aller Widrigkeiten erfüllen muss.
Weiterhin gibt es Ungereimtheiten. Anfangs ist das Gör Alix dem Cheysuli Duncan noch abgeneigt, dann nennt er sie zweimal "Kleines" und schon ist die naive Kleine in ihn verliebt. Das ging mir dann doch etwas schnell.
Dann wird die Heimat des Magiers Valgaard genannt, in der eingezeichneten Karte im Buchdeckel finde ich jedoch nur ein Algaard.
Eigentlich spüren die Cheysulis durch ihr magisches Blut, wenn jemand der ihren Gewalt angetan wird, doch als Alix vom Magier entführt wird, ist Ehemann Duncan ahnungslos und muss erst spät von anderen über die Entführung seiner Ehefrau aufgeklärt werden. Im Klappentext ist die Rede von einem geheimnisvollen Cheysuli, der ebenfalls in Alix verliebt ist, hier ist die Rede von Finn, der zwar in sie verliebt ist, aber dieses Verliebtsein geschieht nur am Rande und hat keinen wirklichen Einfluss auf die Handlung, was der Klappentext jedoch suggeriert.
Nicht nur die junge Alix benimmt sich naiv und dumm, auch Carillon, der Prinz von Homana, der mich eigentlich über weite Strecken des Buches vollkommen überzeugt hat, handelte schlussendlich willkürlich, indem er die betörende Frau des Feindes ehelichte, und das obwohl ihm von jeder Seite seiner Freunde zugeflüstert wurde, dass die gefährlich ist und mit dem bösen Magier im Bunde steht.
Weiterhin habe ich mich immer wieder im zweiten Teil des Buches gefragt, wann Alix endlich wieder in der Handlung auftaucht - nicht dass ich sie vermisst hätte -, aber im ersten Teil wird ausführlich ihre Geschichte erzählt, nur damit sie im zweiten Teil kaum noch Beachtung findet?
Insgesamt ist "Dämonenkind" ein ganz ordentlicher Fantasy Schmöker, mit einigen Schwächen und leider einige hundert Seiten zu lang. Der Schreibstil hat mich jedoch beeindruckt und erinnerte mich - wie stets bei Jennifer Roberson - an die alte Geschichtenweberei früherer Zeit, der ich immer wieder gerne lausche. Ich fühlte mich die meiste Zeit gut unterhalten. Zur Verteidigung des Buches muss ich sagen, dass ich generell Probleme mit Büchern habe, die sich über mehrere Generationen spannen, was beim ersten Anlesen des Buches nicht ersichtlich war. Darüber hinaus versprach der Klappentext eine romantische Fantasy Saga, was "Dämonenkind" mit seinen kriegerischen Handlungen, der vielen Politik und dem vielen Hofgeplänkel eindeutig nicht ist. Ebenso habe ich meine Probleme mit Geschichten, in denen Menschen sich entgegen aller Vernunft und Herzklopfens mit anderen Menschen liieren und die wahre Liebe dafür verleugnen.
Wer jedoch vor all dem nicht zurückschreckt und eine gehörige Portion Geduld mitbringt, wird in "Dämonenkind" den Auftakt zu einem Zyklus vorfinden, der nicht zu Unrecht als Meisterwerk der Fantasy betitelt wird.


1. Dämonenkind (Shapechangers/ The Song of Homana)
2. Wolfssohn (Legacy of the Sword/ Track of the White Wolf)
3. Die Tochter des Löwen (Daughter of the Lion)
4. Kind des Raben (Flight of the Raven/ A Tapestry of Lions)


http://www.cheysuli.com/
Jennifer Roberson, geboren 1953, ist Autorin von mehr als 20 Romanen, unter anderem von zwei sehr erfolgreichen Fantasy-Zyklen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Die studierte Historikerin arbeitete zunächst als Journalistin, bevor sie sich 1985 als Schriftstellerin selbstständig machte. Sie war eng mit Marion Zimmer Bradley befreundet und lebt heute in der Nähe von Phoenix, Arizona, wo sie unter anderem Cardigan Welch Corgis züchtet.

Mittwoch, 9. Februar 2011

Die Wissende (Die Inseln des Ruhms 01) - Glenda Larke


Titel: Die Wissende
Autor: Glenda Larke
Originaltitel: The Isles of Glory 01. The Aware
Verlag: Blanvalet
ISBN: 3442267609
Euro: 8,99
Veröffentlichungsdatum: Oktober 2010
Seiten: 480
Serie: Die Inseln des Ruhms #1
Come in: Vom Verlag





 Inhalt

Glut Halbblut reist im Auftrag des Wahrers und Silbmagiers Dasrick zwischen den Inseln hin und her und erledigt seine zumeist schmutzige Arbeit. Sie ist eine Wissende und kann Magie nicht nur erkennen, sondern ist imun dagegen. Doch sie ist auch ein Halbblut, das Kind zweier Eltern, die nicht dem gleichen Volk angehören. Darum besitzt sie nicht das Bürgerrecht eines der Völker und den damit verbundenen Ohrring und darf sich auf keiner der Inseln länger als drei Tage aufhalten.
Auf Gorthen-Nehrung, einer Insel der Gesetz- und Bürgerlosen, soll sie für den Silbmagier das entflohene Burgfräulein Lyssal einfangen und zurück zu ihrem Vater und einer arrangierten Ehe bringen. Das könnte einer der letzten Aufträge sein, die sie erfüllen muss, denn der ersehnte Bürgerohrring ist nahe. Doch als sie nur wenige Stunden auf Gorthen weilt, spürt sie eine starke Konzentration von schwarzer Magie. Außerdem finden sich in ihrem Gasthaus einige geheimnisvolle Gestalten zusammen, von denen einige mehr wissen, als sie sagen und einige mehr sind, als sie zugeben. Der schweigsame Thor Rheyder beispielsweise, ebenfalls ein Halbblut und Wissender, kämpft als erster an ihrer Seite und gewinnt zudem ihr Herz. Aber es ist die junge Frau Flamme, die Silbmagie wirken kann, die Glut Freundschaft und Verbundenheit lehrt. Um die Bedrohung der Schwarzmagie auszuschalten, muss Glut sich mit ihnen zusammentun, doch sie ist Einzelgängerin und vertraut niemandem.


Cover

Das Cover ist so gut und so nichtssagend, wie die meisten, die es dieser Tage gibt. Es ist Gluts Erzählung und es geht um Inseln und viel Ozean, um Emotionen wie Freundschaft, Verbundenheit und auch Hass. Nicht so sehr um Action und Kampf, obwohl auch das enthalten ist. Gut, Glut - steht sie im Vordergrund? - ist in erster Linie eine Kriegerin, im Hintergrund könnten Flamme und Thor stehen und so passt es wieder.
Was mich am Cover stört ist eigentlich nur, dass es so viele ähnliche gibt. Ansonsten ist es sehr ansehnlich und zumindest teilweise passend.
Ich glaube aber, dass das auch die Autorin stört. Zumindest was Teil 2 "Der Heiler" angeht sind sie und einige Fans unzufrieden. Man erkennt die Figur auf dem Cover einfach nicht. Ist das nun Gilfeder oder Thor oder Dasrick? Ich kann das gut verstehen, denn ich habe mich das gleiche gefragt ...
Weil ich neugierig war, habe ich mal Glenda Larkes Meinung zum Cover #1 gesucht und hier ist sie: "Very generic indeed. Lovely design and colour and atmosphere to it, but doesn't tell you much about the story except that swords and magic is involved. There is no magical staff in the book. And I don't think there were any cloaks either, but cloaks are very much the in-thing at the moment. It's not clear if the central figure is a man or a woman."
(Ziemlich künstlich. Schönes Design und Farbe und Atmosphäre, aber es sagt nichts über die Geschichte aus, außer dass Schwerter und Magie beteiligt sind. Es gibt keine Zauberstäbe im Buch. Und ich glaube auch nicht, dass es irgendwelche Umhänge gibt, aber Umhänge sind irgendwie in zur Zeit. Es ist nicht klar, ob die zentrale Figur ein Mann oder eine Frau ist.)
So schlecht kann es bei den Fans aber nicht angekommen sein, denn in einem internen Wettbewerb belegte das deutsche Cover immerhin Platz 2.


Meinung

Glenda Larke setzt in "Die Wissende" auf eine starke weibliche Heldin, die dem Teenageralter lange entwachsen ist. Die mindestens dreißigjährige Glut hat in ihrem Leben einiges durchmachen müssen, was sie zu der Person geformt hat, die sie nun ist. Ihr Wunsch, endlich irgendwo dazu zu gehören und sich niederlassen zu können, ist daher sehr präsent und eine zwingende Motivation.
Der tägliche Überlebenskampf gehört seit sie denken kann zu ihrem Leben und so schnell schafft es niemand, sie zum Aufgeben zu bringen. Trotzdem hat sie sich ein menschliches Herz bewahrt, das fähig ist, Mitleid zu empfinden. Sie ist also eine durchaus ernst zu nehmende Gegenerin, sie geht aber nicht über Leichen, um das zu bekommen, was sie haben will.
Vertrauen ist allerdings etwas, das sie nicht kennt. Zwei Personen sind es, die ihr das näher bringen. Zum einen Flamme, die ihre eigenen Geheimnisse hütet, die sowohl Glut, als auch der Leser jedoch sehr rasch herausfinden. Durch das, was Flamme durchleben muss und was Glut an ihr eigenes Schicksal erinnert, weicht das Herz der Kriegerin noch mehr auf. Denn Flamme stellt sich nicht nur den Geschehnissen, sie fordert sie auch geradezu heraus. Dieser Mut und diese Verbissenheit sind es, die Glut tief berühren.
Allerdings wird das erst nach einem sehr langen Nachdenken auch dem Leser klar. Diese absolute Hartnäckigkeit, Flamme retten zu müssen, erklärt sich zunächst nicht. Zwar winkt eine Belohnung in Form von Geld - Bürgerohrringe kann man auch kaufen - doch Glut ist schließlich sogar bereit, ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Ihre inneren Gedanken und Gefühle diesbezüglich, immerhin ist das eine sehr starke Motivation, fehlen leider. Da hätte es ein wenig mehr Tiefe verlangt, um diese starken Emotionen darzulegen. Schade auch, dass dann eine - eher am Rande ablaufende - Liebesgeschichte mit Thor beginnt. Als wäre Glenda Larke ein wenig vor den Gefühlen zurückgeschreckt und hätte Angst gehabt, die Freundschaft der Frauen hätte auch wie eine lesbische Liebe aussehen können. Die Geschichte an sich hätte das übrigens zugelassen und ich für meinen Teil hätte es nicht als bedenklich empfunden.
Thor ist ein verschlossener Mann, der ebenfalls Geheimnisse hütet, die allerdings nicht ganz so schnell zu durchschauen sind. Seine Vergangenheit liegt größtenteils im Dunkeln, wird auch nicht so ausgebreitet, wie die manch anderer Figur.
Seine Beziehung zu Glut scheint fast natürlich, denn sie haben ähnliche Biografien und sind sich generell in vielem gleich. Doch fast ahnt man, wie es ausgehen wird.
Das Zusammenkommen erfolgt allerdings eine Spur zu zackig und auch hier bleiben die Gefühle ziemlich oberflächlich dargestellt. Sind überhaupt welche im Spiel? Sie behaupten es jedenfals beide und da es sowohl Thor, als auch Glut nicht leichtfällt, offen zu zeigen, was in ihnen vorgeht, wird es dann wohl auch stimmen.
Die Handlung beginnt auf eine Weise, die selten überzeugt, hier jedoch gelingt und einen gewitzten Clou darstellt. So ist die eigentliche Rahmenhandlung die, dass ein Gelehrter vom Festland Glut als alte Dame besucht und sich von ihr die Ereignisse erzählen lässt. Er ist beeindruckt von dieser willensstarken Frau, denn in seiner Heimat, die ein wenig an das achtzehnte Jahrhundert erinnert, sind Frauen nicht gebildet und bleiben hübsch zu Haus. Glut allerdings flucht, glaubt offensichtlich an Magie (die es nicht mehr gibt) und erzählt auch von Geschöpfen, wie es sie unmöglich gegeben haben kann. Aber die Geschichte der Inseln zu erforschen, treibt ihn dazu, ihr zuzuhören und die Berichte unablässig seinem Onkel zu senden, die dieser dann vor der Gelehrtenversammlung, zu der immer mehr Frauen kommen, vorliest.
Das funktioniert, auch wenn Glut so manches Mal in eine brenzlige Situation gerät und klar ist, dass sie entkommen muss, da sie ja später davon erzählen kann.
Diese Briefe des Gelehrten deuten aber an, was in den vielen Jahren dazwischen geschah. Das baut eine unheimliche Spannung auf, weil diese Geschichte in der Geschichte die Wartezeit auf den Folgeband nur umso länger erscheinen lässt.
Was Glenda Larke ebenfalls unheimlich gut gelungen ist, ist die Darstellung der Inselwelt. Es ist gar nicht nötig, jede einzelne Insel mit ihren Gebräuchen und Völkern zu besuchen. Allein durch Erzählungen, Erinnerungen und politische Intrigen wird alles näher beleuchtet. Wie alles miteinander verknüpft ist und was es mit dem Burgfräulein auf sich hat, wird erst gegen Ende aufgeklärt.
Auch das Magiesystem ist einleuchtend und scheint nur auf den ersten Blick einfach gestrickt zu sein. Wie immer, wenn Menschen involviert sind, wird es erst im Detail kompliziert. Klar, dass die Silbmagier sich für etwas Besseres halten und sich die Welt zum Untertan machen wollen. Sind sie deswegen besser oder schlechter als andere? Aber so ganz perfekt eben doch nicht, so dass genug Ecken und Kanten vorhanden sind, sie eben nicht zu den reinen Guten zu machen und die Dunkelmagier zu den reinen bösen.
Die Handlung selbst folgt stringent ihrem roten Faden und weicht davon nicht ab. Nur ab etwa der Hälfte des Romans schleichen sich kleinere Längen ein, die vom grandiosen Ende aber mehr als wett gemacht werden.
Trotz der wenigen, kaum bemerkenswerten Abstriche handelt es sich bei "Die Wissende" um einen spannenden Fantasyroman auf hohem Niveau. Liebhaber und Neulinge im Genre gleichermaßen werden davon begeistert sein. Ein absoluter PageTurner, den man kaum aus der Hand zu legen vermag.


Die Inseln des Ruhms (The Isles of Glory)
1. Die Wissende (The Aware)
2. Der Heiler (Gilfeather)
3. folgt (The Tainted)


http://glendalarke.com/news/
Die Australierin Glenda Larke lebt in Malaysia, wo sie ihre zwei größten Wünsche verwirklicht: das Verfassen von Fantasy-Romanen und der Vogelwelt des Regenwalds zu lauschen. Sie hat auch bereits in Tunesien und Österreich gelebt. In jeder freien Minute beobachtet sie Vögel.