Freitag, 19. August 2011

(Autorenplausch) Thomas Elbel: Asylon (Warum Dystopie?)


Titel: Asylon
Autor: Thomas Elbel
Originaltitel, 448 Seiten
ISBN: 3492267920
Euro: 9,95












Liebe Leser der Verlorenen Werke,

ich bin Thomas Elbel, der Autor des bei Piper in diesem August erschienenen dystopischen Romans „Asylon“, der zugleich mein Debüt ist. Ich bin 43 Jahre alt und lebe in Berlin. Wenn ich nicht schreibe, nerve ich die Studenten der Hochschule Osnabrück mit öffentlichem Recht oder beschäftige mich mit meiner Familie.

Warum Dystopie? werde ich häufig gefragt. Dystopien sind weniger gut verkäuflich als allgemeine Fantasy oder Science Fiction. Es gibt bis jetzt kaum deutsche Autoren mit erfolgreichen Dystopien. Viele Agenturen und Verlage haben noch bis vor kurzem abgewunken, wenn jemand mit einer dystopischen Idee kam.
Warum also?
Nun, als ich Anfang der achtziger Jahre meine erste Berührung mit dem Genre hatte, kannte ich den Begriff noch gar nicht. Blade Runner, Ridley Scotts Meisterwerk, diese eindringliche Mischung aus Detektivstory im Film Noir Stil à la „Die Spur des Falken“ und Elementen des von William Gibson begründeten Cyberpunk-Genres war für mich die Initialzündung. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich seitdem damit verbracht habe, den Film wieder und wieder zu sehen, ohne dass er aufhört, mich zu berühren.

Doch was ist es, was mich daran so nachhaltig fasziniert hat, dass ich so viele Jahre später den Drang spürte, mich in demselben Genre zu versuchen?
Nun, zum einen sicherlich das Setting. Eine komplett urbanisierte, technoide Welt in der die Natur zum Randphänomen wird. Die Stadt als hektisch wimmelnder Ameisenhaufen in dem Myriaden von Artgenossen dem Menschen täglich seine eigene Belanglosigkeit und Vereinzelung vor Augen führen, aber die auch ungeahnte Freiräume bietet, für alle Arten von Subkultur und schrägen Exzentrikern. Hört sich für mich ungefähr an, wie das West-Berlin der achtziger Jahre, das für mich immer ein mythischer Ort war. Viele Dystopien bevorzugen den urbanen Dschungel als Hintergrund.

Zweitens die Charaktere. Ich bin kein Fan von Schwarzweißzeichnerei bei der Charakterisierung meines Personals. Dystopien geben da einfach einen hervorragenden Aufenthaltsort für Femmes Fatales, zwielichtige Nebenfiguren und vor allem für gebrochene Helden ab, wie eben den Blade Runner John Deckert oder etwa John Preston, den von Christian Bale gespielten Helden in Equilibrium.
Die Helden in Dystopien machen meistens eine spannende Entwicklung durch. Viele starten als Freund des dystopischen Systems oder stehen ihm zumindest indifferent gegenüber; denkt an Thomas „Neo“ Anderson aus Matrix. Irgendwann kommt dann der Punkt, wo sie sich gegen die Welt, die sie kennen, auflehnen und alle Brücken hinter sich abbrechen müssen („Die blaue oder die rote Pille?“). Ich finde diese Art der psychologischenReifung eines Charakters vom Mitläufer oder Herdenschäfchen zum Rebellen unglaublich attraktiv und spannend.

Zuguterletzt die Moral. Dystopien sind meist hochmoralisch, aber ohne den berüchtigten Zeigefinger. Der Ausgangspunkt einer Dystopie ist zumeist ihr Gegenteil, die Utopie, also der Wunsch nach einer besseren Welt. Häufig kommt es dabei quasi zu einem Überschießen der utopischen Energie. Die herrschende Klasse überdehnt ihre Idee der besseren Welt und verkehrt sie dadurch in einen Alptraum. In „Minority Report“ (dessen literarisches Vorbild übrigens genau wie Blade Runner auf einer Geschichte aus der Feder des genialen Philip K. Dick beruht) besteht die utopische Idee darin, Verbrechen vorherzusagen und sie dadurch zu verhindern, bevor sie passieren. Klingt erst mal gut. Aber was macht man mit dem potentiellen Täter, wenn dieser (noch) gar nichts getan hat? Sind wir Herren unseres Handelns oder ist es uns vorbestimmt? Und wenn alles Handeln vorhersagbar ist, kann man dann überhaupt noch von Schuld sprechen? Spannende Fragen, finde ich. In der Geschichte wird John Anderton vom Jäger zum Gejagten. Selber Polizist der Organisation PreCrime, erhält er eine Voraussage, der zufolge er selbst zum Mörder werden wird. Wer das für Zukunftsmusik hält: Scotland Yard arbeitet an solchen Konzepten. Und außerdem: Seit einige Neuropsychologen die Ansicht vertreten, der Mensch habe eben doch keinen freien Willen, raufen sich die Strafrechtler die Haare über den Schuldbegriff.

Dystopien haben auch – anders als die klassische Science Fiction – die Tendenz in unserer Gegenwart bereits sichtbare Tendenzen aufzugreifen und ins Extreme zu übersteuern, um zu sehen welche Fragen das aufwirft. Was wäre, wenn die Heilkunst fast jede Krankheit heilen könnte, aber wegen der gestiegenen Heilkosten kaum noch ein Mensch eine Krankenversicherung bezahlen kann? Was wäre, wenn man menschliche Hirne irgendwann mit maschineller Intelligenz vernetzen könnte? Es gibt so viele spannende Fragen und Dystopien erlauben mir, sie zu stellen, ohne dass es langweilig oder belehrend wird. Bestimmt werde ich ihnen noch eine Weile treu bleiben.

Ich hoffe, ich konnte Euch ein wenig für mein Lieblingsgenre begeistern.
Berlin im August 2011
Euer Thomas

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