Donnerstag, 12. August 2010

Verstand und Gefühl - Jane Austen


Als der Vater der Schwestern Elinor und Marianne stirbt, hinterlässt er ihnen so gut wie nichts. Das Anwesen, auf dem sie leben und der Großteil des Vermögens gehen an den älteren Halbbruder. Dieser und vor allem seine Frau Fanny sind nicht gewillt eine Witwe mit drei Mädchen bei sich zu dulden und so schlägt es die Familie in ein kleines Cottage bei entfernten Verwandten der Mutter. Die ruhige und geradlinige Elinor versucht, das beste aus dieser desolaten Situation zu machen, auch wenn ihr Herz mit Schmerz gefüllt ist. Der Bruder Fannys, Edward Ferrars, hat ihr den Kopf verdreht mit seinem ebenfalls ruhigen und angenehmen Wesen. Doch die verarmte Elinor ist nicht das, was die reiche Mutter sich für ihren ältesten Sohn wünscht und so müssen sie getrennter Wege gehen.
Marianne lernt bei einem Spaziergang in der neuen Heimat, bei dem sie sich den Knöchel verletzt, den gutaussehenden, dynamischen Willoughby kennen, mit dem sie viel Zeit verbringt. Dabei übersieht sie den wesentlich älteren Oberst Brandon, der gern im Hintergrund bleibt, dessen Herz aber im Sturm von dem jungen, impulsiven Mädchen erobert wurde.
Die Welt der beiden älteren Dashwood-Schwestern scheint still zu stehen, als sie eine Reise nach London antreten und dort mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert werden ...

Bisher kannte ich nur die Verfilmung und da ich "Das Buch zum Film" gelesen habe, lässt sich ein Vergleich leider nicht vermeiden.
Vorab: Das Buch ist ein Klassiker und stammt aus einer völlig anderen Zeit. Darum kann ich mir gut vorstellen, dass nicht alle das Geschehen so aufregend fanden wie ich und die meisten den Roman wahrscheinlich vor Langeweile zuklappen würden.
Als ich den Film das erste Mal gesehen habe, war ich enttäuscht, denn gerade die Entwicklung am Schluß mit Marianne und Oberst Brandon gefiel mir gar nicht. Nun, nachdem ich das Buch gelesen habe, bin ich damit mehr als versöhnt worden und muss gestehen, dass ich die Geschichte sehr mag.
Der Anfang des Buches gestaltet sich wie der Film, allerdings auf nur wenigen Seiten. Jane Austen hat eine Art zu schreiben, die so wirkt, als würde sie die Geschichte einer hochgeschätzten Freundin erzählen (was wohl daher rührt, dass der Roman zunächst in Briefform verfasst worden ist). Das lässt nicht viel Tiefe in der Erzählweise zu und vieles an Emotionen und großen und kleinen Dramen muss vom Leser selbst in seinem Herzen produziert werden. Hier liegt die Schwierigkeit aber besonders in den vergangenen zweihundert Jahren (Erstveröffentlichung 1811), denn wie soll sich eine Frau von heute in eine von damals hineinversetzen, wenn sie nicht über genug historische Kenntnisse verfügt?
Als nächstes fielen mir die Altersangaben der Personen im Buch auf und ich muss gestehen, dass ich sie anhand des Filmes wesentlich älter geschätzt hätte. So ist Elinor gerade einmal neunzehn Jahre alt, Marianne siebzehn und die dritte Schwester, die ich für knapp zehn hielt, ist schon dreizehn.
Sehr blass geblieben in der Charakterisierung sind mir sowohl Oberst Brandon, als auch der junge Willoughby. Es hatte fast den Anschein, als sollten sie nur für etwas stehen, wie eine Art Symbol oder, ich muss es leider sagen, ein Klischee.
Jane Austens absolute Stärke sind die Dialoge, in die sie sehr viel Kraft und Esprit hineingesteckt hat. Ich erinnere mich besonders an jenen, als John Dashwood mit seiner Frau Fanny überlegt, was seinen Halbschwestern überhaupt zusteht und warum sie es brauchen sollten.
Der Film hat im übrigen einige Personen unterschlagen, vor allem die Kinder, von denen sich doch eine ganze Menge mehr im Buch tummeln. Wirklich wichtig für den Handlungsverlauf sind diese Personen nicht, weswegen man gut darüber hinwegsehen kann.
Schlüsselszenen im Film sind im Buch eher kurz und beinahe lieblos abgehandelt worden, als hätte die Autorin es nicht zulassen wollen, dass ihren geliebten Figuren etwas derart peinliches geschieht, wie zum Beispiel auf dem Ball. Auch die große Hochzeit am Ende, die so nur für eine der beiden Schwestern stattfindet - die andere braucht zwei Jahre länger, um unter die Haube zu kommen - wird in nur einem einzigen Satz erwähnt. Danach zieht sich das Ende aber endlos hin, da lang und breit erklärt werden muss, von was die Brautleute leben werden und ob und warum ihnen vergeben wird und ... ein klein wenig Zähne zusammenbeißen ist hier angesagt!
Alles in allem handelt es sich bei "Verstand und Gefühl" aber um die wunderbare Geschichte zweier Schwestern, die beide erst einen Leidensweg durchlaufen müssen, ehe sie zu ihrem persönlichen Glück finden dürfen.

PS: Die Autorin Joan Delano Aiken hat mit "Elizas Tochter" eine Art Fortsetzungroman zu "Verstand und Gefühl" geschrieben. Darin macht sich die junge Eliza (Liz) auf, herauszufinden, wer ihre wahren Eltern sind. Wir erinnern uns, dass Oberst Brandon für eine junge Frau Sorge trug, die das Kind seiner ersten großen Liebe war. Diese wurde ebenfalls früh Mutter und eben dieses Kind ist Eliza.
Ob der Roman dann also wirklich so viel mit den Hauptpersonen in Jane Austens Roman zu tun hat, sei mal dahingestellt.

http://www.jane-austen.de/
1775 wird Jane Austen am 16. Dezember in Steventon, Hampshire, als siebtes Kind des Pfarrers George Austen und seiner Frau Cassandra, geb. Leigh, geboren.
Als etablierte Romanautorin lebte sie in relativer Zurückgezogenheit und wurde schließlich schwer krank. Heute nimmt man an, dass sie an der Addison-Krankheit litt, deren Ursache damals noch unbekannt war und für die es daher keine Behandlung gab.


Kommentare:

  1. Schöne Rezi :) ich freu mich schon richtig auf das Buch! Den Film hab ich auch noch nicht gesehen, das wird dann nach dem Lesen nachgeholt. ^^

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  2. Hmm. Interessante Rezi! Das wird mein nächstes Buch für die Jane Austen Challenge. Nachdem ich jetzt ja weiß, worauf ich mich einlasse, werde ich mal sehen, wie mir das hier gefällt.
    Winterkätzchen hat mir ja schon mit einem "vernünftigen" Ende gedroht, und Sarah hat das Ende auch nicht zugesagt - ich bin ja mal gespannt, wie es mir damit geht!

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  3. Hallo Ihr zwei,

    @Emmy:
    Danke! :)
    Ich habe erst den Film gesehen und dann jetzt, dank Sarah, das Buch gelesen. Und was mich im Film geärgert hat (von wegen Realität), hat mich im Buch mit der Geschichte versöhnt. Ich wünsche Dir viel Spaß beim lesen!

    @evi:
    Danke auch Dir!
    Es ist wirklich sehr vernünftig, entbehrt aber nicht an Gefühl (dass Du Dir allerdings selber denken musst). Einer Frau von heute kommt es sicher seltsam vor und sie kann sich damit kaum abfinden, aber das ist eben alles zweihundert Jahre her.
    Ich wünsche auch Dir viel Spaß mit dem Buch!

    LG
    Soleil

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  4. Wirklich sehr schöne Rezi, der ich in allen Punkten zustimme! Mich hat am Ende auch weniger die Vernunftsentscheidung gestört, sondern mehr, wie du eben sagst, daß eigentlich wichtige Ereignisse (Hochzeit!) wie Nebensächlichkeiten behandelt und nur so nebenbei bemerkt werden.

    Danke für die Mail übrigens! :-)

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  5. Danke Sarah!
    Vielleicht war es für die Autorin nicht wichtig, wie genau das war, Hauptsache, dass überhaupt (so war es ja damals, kaum Liebesheiraten etc.)? Und aus eigener Erfahrugn konnte sie das ja auch nicht berichten, vielleicht wollte sie auch nicht?
    Wo das Hauptaugenmerk dieser Zeit lag, erklärt sich dann ja anhand des Textes nach dem Ereignis ;)

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  6. Eine schöne - und interessante Rezension. Liest sich wirklich wie das Buch zum Film-Rezension, was mich ein wenig schmunzeln lässt. (Schlüsselszenen im Film - falls du dich fragst ;-)
    Jane Austen hat sicherlich andere Schwerpunkte gesetzt, als wir sie heute erwarten, die Hochzeit ist eine Folge der Geschichte, mehr nicht. Aber sie erzählt wunderbare Liebesgeschichten und es gibt Liebesheiraten bei ihr - Edward und Elinor in diesem Roman, ebenso Elinors Mutter und auch für Oberst Brandon ist es ja eine Liebesehe. Aber das Thema Heirat war ja auch eminent wichtig für die Frauen der Austen-Zeit - als unverheiratete Frau war das Leben oft mehr als hart und das muss man vielleicht etwas mitlesen. Falls euch Stolz und Vorurteil noch bevorsteht, werdet ihr das ja noch ganz und gar miterleben ;-)

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  7. Das war lange Zeit mein Lieblingsbuch von ihr. :-D Die Stärke des Buchs liegt definitiv in den Dialogen.

    Im Film ist es übrigens auch keine Doppelhochzeit. Es ist nur die von Marianne und Brandon. Emma Thompson hat in ihren Drehtagebuch geachrieben, dass sie sich leider des Eindrucks nicht erwehren kann, dass es wie eine Doppelhochzeit rüber kommt. Thompsons Drehbuch und ihr Tagebuch ist übrigens auch lesenswert ;-)

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  8. @anjasi:
    Ups, übersehen! Tut mir leid!!
    Vielen lieben Dank für Dein Lob ;)
    Ich kann nur nicken beim Rest Deines Beitrages, denn ich schließe mich an!

    @Eliza:
    Arghs! Du hast recht, es gibt keine Doppelheirat. Ich hatte kurz vor dem Schreiben der Rezi "Stolz und Vorurteil" gesehen, statt diesem Film, vielleicht lag es daran. *rotwerd*
    Ich bin schon gespannt herauszufinden, ob sie in den anderen Werken auch so stark in den Dialogen ist. Sie muss ein sehr gute Beobachterin und Zuhörerin gewesen sein!
    Kannst Du mir den Titel der von Dir genannten Bücher sagen?

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  9. "Hinter den Kulissen von Sinn und Sinnlichkeit", ist 1996 auf deutsch erschienen und ganz interessant.

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