Samstag, 3. Juli 2010

Verlagsgeplauder - Von einem der auszog, tolle Lesungen zu halten!


Der Verleger Torsten Low plaudert aus dem Nähkästchen. Und das auch noch gern! In regelmäßigen Abständen wird er sich ein Thema wählen und einige Worte dazu aufschreiben. Alle, die sich näher dafür interessieren, sind herzlich eingeladen, sich diese Worte durchzulesen und zu kommentieren. Mehr noch: Interessiert ein Thema besonders? Dann her damit, Torsten antwortet gern.

Ich gebe zu, ich habe mich gefreut, als mir Soleil das neue Thema für den Blog »Aus dem Verlag geplaudert« nannte. Ich halte seit September 2007 Lesungen und denke, dass ich mittlerweile recht gut bin.

»Als letzte Lesung am Samstag rief der kleine Verlag Torsten Low und schon nach den ersten Sätzen aus dem Mund des lesenden Verlegers wurde klar, Torsten Low hält es nicht auf dem Stuhl. Gebannt las der Verleger, während er durch den Raum tigerte, die Anwesenden mit seinem Blick fixierte und seine Stimme vor Spannung vibrieren ließ.« (Quelle: Torsten Hirsch)

»Das Mikrofon schallt und hallt, zusätzlich verstärkt durch die Architektur des Kornhauses. Kurzerhand beschließt Torsten, auf das Mikrofon zu verzichten. Seine Stimme trägt, er wirkt ruhig und selbstbewusst. Nach dem Text fragt er das Publikum, ob es lieber eine blutige oder eine unblutige Geschichte hören will. »Blutig«, antworten wir ihm lautstark, wie aus einem Mund. Er fährt also fort mit dem Text »Duell bei Nacht« von Peter Bathge (aus: »Lichtbringer«). Obwohl ich diese Geschichte inzwischen rund 20 Mal gehört habe (wir sind schließlich nicht zum ersten Mal gemeinsam unterwegs), amüsiere ich mich prächtig. Torsten liest heute Abend sehr gut, das Publikum lacht und schaudert an den richtigen Stellen.« (Quelle: Simone Edelberg)

Ja, ich glaube schon, dass ich mittlerweile recht gut bin. Aber es war ein weiter Weg dahin und ich habe so manchen Fehler gemacht. Und je mehr ich jetzt über das Thema nachdenke, desto weniger fällt mir dazu ein.

Wie gestaltet man Lesungen spannend?

Vielleicht erzähle ich lieber, wie man es nicht machen sollte?
Als ich 2007 auf die Tübinger Tolkien-Tage eingeladen wurde, hatte ich panische Angst davor, denn es sollte meine erste Lesung sein. Ich hatte mich wochenlang vorbereitet, meine Passagen ein paar Mal gelesen und dabei die Zeit genommen. Ich hatte genau aufgeschrieben, was ich sagen wollte – alles bis ins letzte Detail geplant.
Am Morgen der Lesung bin ich im Quartier auf- und abgetigert. Mir ging es schlecht, ich konnte nichts essen, mir war schwindlig, meine Kehle trocken, ich musste aufs Klo – und doch wieder nicht. Kurz – ich hatte einen extremen Anfall von Lampenfieber.
An die Lesung selbst kann ich mich nicht mehr erinnern. Totaler Blackout. Mein bewusstes Denken setzt erst wieder ein, als mir der Veranstalter irgendwann mal Timeout signalisierte. In der Zwischenzeit habe ich wahrscheinlich abwechselnd aus meinem Roman oder von meinem Zettel mit dem vorbereiteten Text abgelesen, ohne einmal die Augen zu heben.
Es dauerte fast ein Jahr, bis ich mich an die nächste Lesung traute.
Bei meiner zweiten Lesung lagen die Zettel mit meiner ausformulierten Rede noch da, ich nutzte sie aber nur noch, wenn ich den roten Faden verlor. Beim nächsten Mal hatte ich nur noch Stichpunkte dabei. Ich fühlte mich immer sicherer und wurde langsam süchtig nach der Bühne.
Nach meiner vierten Lesung nahm mich der Veranstalter zur Seite und verriet mir sein Geheimrezept. »Lesen kannst du«, meinte er. »Aber du musst deinen Zuschauern was bieten. Bezieh sie in deine Lesung mit ein.«
Ich denke, das ist einer der wichtigsten Punkte für eine spannende Lesung. Wenn die Zuschauer gezwungen sind, selber aktiv zu werden, wandeln sie sich vom passiven Konsumenten zum lebenden Bestandteil der Lesung.
Egal, ob die Zuschauer über die nächste Geschichte entscheiden dürfen oder einzelne Zuhörer aktiv in eine Geschichte eingebunden werden. Und so etwas bleibt länger im Gedächtnis.

Nicht jede Lesung ist gleich.
Auf manchen Veranstaltungen habe ich gerademal 20 Minuten, auf anderen darf ich zwei Stunden alleine bestreiten. Manchmal habe ich Unterstützung durch meine Autoren.
Egal, ob kurz oder lang, ob alleine oder mit anderen – der Spannungsbogen muss passen. Wenn ich mit einer heftigen Horrorgeschichte starte, kann ich nicht mit einer langsamen, nachdenklichen Geschichte nachlegen. Wenn ich jedoch mit einer langsamen Geschichte das Publikum auf mich und meine Stimme einstelle, dann habe ich auch ihr Ohr für die Horrorgeschichte.
Auch die Länge der gelesenen Stücke ist wichtig. Die Aufmerksamkeitsspanne der meisten Zuhörers liegt bei maximal 30 Minuten. Deswegen achte ich darauf, nicht länger als 20 Minuten zu lesen und dann die Zuschauer durch eine kurze Überleitungspassage auf das nächste Stück vorzubereiten.

Ein wenig Experimentierfreude und Lust aufs Ausprobieren muss man schon haben, wenn man Lesungen spannend gestalten möchte.
Andererseits muss ich zugeben, mit den »Metamorphosen« habe ich einen absoluten Glücksgriff gemacht. Durch die Kooperation der Metal-Band »Sorrowfield« darf ich zwischen den einzelnen Geschichten Musik einspielen, die auch noch thematisch passt. Und die wirklich grandiose Geschichte »Die Schokolade des Herrn Bost« ist gleichzeitig eine gute Möglichkeit, dem Publikum eine kleine Nascherei anzubieten. Es könnte ja das letzte Mal sein, dass man Schokolade essen mag …

Tisch-Mikrofone sind mir ein Graus. Ich mag es nicht, wenn ich an eine Stelle gebannt bin. Ich bin jemand, der steht, läuft, sitzt. Ich muss die Spannung, die ich in der Geschichte fühle, einfach in Bewegung umsetzen. Und vielleicht transportiere ich dadurch auch einen Teil der Spannung auf den Leser.
Auf der letzten Lesung in Meißen fühlte ich mich unwohl, gefesselt an diesen eigentlich ganz tollen Lesesessel. Für die letzte Geschichte wollte ich Freiheit. Brauchte ich Freiheit. Also entfernte ich das Mikro aus dem Ständer und löste das Kabel von der Stange, um die es mehrfach geschlungen war. Meine Bühnenumbauaktion während der Lesung muss wohl interessant ausgesehen haben, denn das Publikum lief nicht weg, sondern beobachtete mich gespannt. Die Veranstalterin war anscheinend reichlich irritiert, denn sie fragte eine Bekannte von mir, warum ich die Technik zerlege, worauf diese nur antwortete: »Das passt schon. Der Torsten braucht nur ein wenig Bewegungsfreiheit.«

Ich muss hinter dem, was ich vortrage, stehen. Muss voll und ganz davon überzeugt sein. Da ich oftmals keine eigenen Texte lese, sondern die Geschichten meiner Autoren präsentierte, ist das noch wichtiger.
Und das kann auch von Lesung zu Lesung unterschiedlich sein. Es gibt Tage, an denen möchte ich manche Geschichten einfach nicht vortragen. Einfach, weil das Publikum nicht das richtige ist oder weil ich selber nicht in Stimmung für diese Geschichte bin. Beispielsweise habe ich ein Scheu davor, den »Kampf der Auserwählten« (aus Lichtbringer) oder auch Passagen aus meinem eigenen Roman vor einem Publikum vorzutragen, welches sich jenseits der 60 Lenze befindet. Ich erwarte dabei unwillkürlich Fragen, wie jene, wie man über Krieg schreiben könne, wenn man selber keinen erlebt habe.

Wobei sich meine Lesungsplanung in den letzten Monaten sowieso extrem verändert hat. Meist weiß ich beim Lesungsbeginn, mit welcher Geschichte ich beginne. Und danach wird oftmals
improvisiert. Das heißt nicht, dass ich nicht vorbereitet bin – im Gegenteil. Ich kenne alle Geschichten, die ich im Portfolio habe, brauche sie teilweise fast nicht mehr abzulesen und kann dadurch auch viel intensiver das Publikum beobachten. Schauen, ob es ihnen gefällt und mit dem weiteren Programm darauf eingehen.
Manchmal ist das gar nicht so leicht, manchmal verzieht niemand im Publikum eine Miene. Dann ist es Zeit für eine lustige Geschichte oder für eine Anekdote aus dem Verlag. Wenn ich es schaffe, sie zum Schmunzeln zu bewegen, habe ich gewonnen. Habe sie mit der Geschichte und der Lesung berührt.

Wie gestaltet man Lesungen spannend?

Wenn ich ganz ehrlich bin, wird jede Lesung spannend, bei der ich voll und ganz mit dem Herzen dabei bin. Bei der ich authentisch bin.
Jede Lesung, bei der ich merke, dass das Publikum mitgeht.
Jede, bei der ich von einer Sekunde zur anderen explodieren kann, brüllen, flüstern, keuchen, mit verstellten Stimmen sprechen. Jede, bei der das Publikum tatsächlich ernsthaft bei der Abstimmung mitmacht und brüllend eine »blutige« Geschichte fordert, nur um im selben Moment schmunzelnd zu bemerken, dass der Ausgang der Abstimmung von Anfang an vorbestimmt ist. Jede, bei der ich alles gebe und ich merke, wie mir der Schweiß zwischen den Schulterblättern herabrinnt und das T-Shirt an meinem Körper klebt.
In solchen Momenten merke ich: Lesungen sind harte Arbeit, aber sie machen unwahrscheinlich viel Spaß. Und sie machen süchtig.

Foto1 zeigt den Verleger höchstpersönlich bei der Lesung im Literaturkeller des Münchner Stemmerhof "Verlag Torsten Low meets Wortküsse" am 17. April 2010. Mit seiner freundlicher Genehmigung darf ich es hier zeigen.
Foto 2 zeigt ihn ebenfalls hinter seinem Stand in Hamburg. Torsten Du bist überführt! Hand und Schädel Deines armen Opfers für zuhause einpacken, also weißt Du!
Die Innereien sind doch viel leckerer ;)


Kommentare:

  1. Oh ha, endlich wieder etwas aus "Aus dem Verlag geplaudert". Wieder einmal ein sehr schöner Einblick. Besonders gut gefällt mir der Teil über "wie man es nicht macht".
    Bei manchen Lesungen hat man den Eindruck, der Vorlesende hat gar keine Lust oder ist furchtbar arrogant oder gelangweilt. Vielleicht ist es aber bei den meisten doch die Nervosität. :-)
    Wieder einmal sehr gerne gelesen.

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  2. Nun, ich bewundere jeden, der den Mut hat, Lesungen zu geben und dabei auch noch unterhaltsam ist. Als Zuschauer bin ich gerne Konsument.

    Würde ich selbst Lesungen geben, würde es mich auch nicht auf dem Stuhl halten. Stimmen tragen besser im Stehen oder Gehen, denke ich. Opernsänger sitzen schließlich auch nicht beim Singen ;-) Nervosität kann in Bewegungsenergie kanalisiert werden. Das Zwerchfell wird nicht gequetscht.

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