Mittwoch, 5. August 2009

Die Welt in den Wolken - Jay Amory



Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Frau Böhm vom Blanvalet-Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplars bedanken!


Nach einer Katastrophe dringt kein Sonnenschein mehr durch die dichte Wolkendecke und auf der Oberfläche der Erde ist es immer duster. Einige Menschen machen sich auf den Weg, fortan in den Wolken, über dem schwarzen Nebel zu leben. Sie bauen sich eine Zukunft auf und vergessen bald, woher sie einstmals gekommen sind.
Azrael (Az) Gabrielsson lebt mit seinen Eltern und Brüdern in einer der zahlreichen Himmelsstädte. Aber Az hat ein großes Problem: er hat - im Gegensatz zu allen anderen - keine Flügel. Die zarten, federnbedeckten Auswüchse auf seinem Rücken fehlen. Darum ist er ein Außenseiter und hat keine Freunde.
Eines Tages kommt der geheimnisvolle Mr. Mordadson zu ihm nach Hause und fordert ihn auf, ihn zu der Regentin ihrer Himmelswelt Lady Aanfielsdotter zu begleiten. Ungläubig folgt er diesem Befehl, denn diesem Ruf muss jeder Folge leisten.
Die eindrucksvolle Frau offenbart ihm und seinem Bruder Michael, dass die Zukunft der Himmelsstädte bedroht ist. Die Rohstoffzufuhr von der Erdoberfläche hat aufgehört, die Fahrstühle kommen unbeladen zurück. Az ist auserwählt, nach unten zu fahren und nach dem Rechten zu sehen. Da er keine Flügel hat, kommt er sicher gut zurecht. Mutig und aufgeregt nimmt Az diesen Auftrag an.
Unten trifft er zuerst auf Vikare, eine Art Priester, die den Menschen versprechen, dass sie nach ihrem Tod aufsteigen werden ins Himmelreich. Dafür fordern sie aber auch hohe Abgaben. Viele einfache Bürger sind damit nicht mehr einverstanden. Zum einen haben sie kaum mehr selbst etwas für sich, zum anderen glauben sie nicht mehr so wirklich daran, dass geflügelte Wesen im Himmel wohnen. So ist es den Humanisten gelungen, viele Anhänger um sich zu scharen.
Az schafft es, den Vikaren zu entkommen und streift durch die Schattenzone, bald verfolgt von Schaufelwölfen. Die Familie Greifthaler - Cassie, ihr Vater und ihre Brüder - entdeckt ihn im letzten Moment in ihrem Raupenfahrzeug, einem Düsterspäher genannt "Gackernde Bertha".
Doch sie erkennen was er ist und beschließen, ihn den Vikaren zu verkaufen. Schließlich leben sie genau davon: sie entdecken vom Himmel gefallene Dinge (Schuhe, Motorhauben, Zeitungen) und schaffen sie ins Vikariat. Zwei von Cassies Brüdern haben sich den Humanisten und vor allem Alan Dampfsager angeschlossen. Sie liefern Az aus und er wird gefoltert.
Cassie schafft es im letzten Moment ihn zu befreien und versucht, ihn wieder in die Fahrstühle zu bringen. Die Humanisten planen den Krieg gegen die Vikare und die beiden Jugendlichen geraten mitten hinein in den Kampf. Und Alan Dampfsager hat noch einen viel schlimmeren Plan, zu dem er Dynamit hortet, jede Menge Dynamit ...


Ein toller Roman!
"Die Welt in den Wolken" kann als in sich abgeschlossen betrachtet werden, was für mich ein weiteres Highlight bildet.
All Age Fantasy? Gibt es sowas überhaupt? Ja! Und Jay Amory hat es geschafft, dies glaubhaft und sehr unterhaltsam zu erzählen. In kurzen Kapiteln, die alle eine eigene Überschift haben, bringt er dem Leser eine Geschichte näher, die nicht spannender sein könnte. Endlich mal wieder hat es ein Autor geschafft, auf einen großen Showdown am Ende hinzuarbeiten und diesen dann gewaltig auslaufen zu lassen.
Az ist ein normaler Junge, dessen einziges Manko es ist, keine Flügel zu haben. Das Mitleid und die Hänseleien haben ihn etwas grantig werden lassen, doch er trägt das Herz auf dem rechten Fleck.
Es hat mir unheimlich großen Spaß gemacht, mir die Himmelsstadt mit ihm zusammen anzusehen, sowohl die Teile, die er schon kannte, als auch die, im Regierungsviertel, die ihm unbekannt waren. Die Fahrt im Flugauto zusammen mit seinem waghalsigen Bruder war genial, der Wind streifte ebenso mein Haar ...
Als Az durch die Fahrstühle nach unten fährt und schließlich durch die Gänge des Vikariats irrt und dann auf Familie Greifthaler trifft, war ich schon ein wenig enttäuscht, denn ich wollte noch viel mehr von den Himmelsstädten erfahren. Dann aber gab es eine neue Welt zu entdecken: die Schatenzone und Bittertal, in der 5500 Menschen leben. Alle ohne Flügel. Amory hat jeden einzelnen davon (es werden aber natürlich nicht alle fünftausend erwähnt) individuell zu gestalten. Der Kampf zwischen Humanisten und Vikaren war glaubhaft. Einige wenige haben eine Art Religion erfunden, um sich an der Mehrheit zu bereichern. Das ist schon sehr oft vorgekommen. Aber die Vikare sind mit den vielen Jahren zu eingefahren geworden in ihrem Tun und so scheinen die Humanisten leichtes Spiel zu haben. Alan Dampfsager ist ein Aufschneider, einer von denen, die gut reden können und sich selbst der beste Zuhörer sind. Seine Pläne sind waghalsig und stets nur für andere gefährlich.


Der Roman bietet Jugendlichen wie Erwachsenen einen großen Lesespaß. Obwohl es kurz vor mittig ein wenig stagniert, nimmt die Geschichte schnell wieder an Fahrt auf. Die kurzen Kapitel erlauben es, an einer beliebigen Stelle zu unterbrechen und dann wieterzulesen.
Das ist keine klassische Mittelalterwelt, es ist keine Jetzteit. Es ist einfach mal etwas völlig anderes, das aus dem Einheitsbrei der Fantasy heraussticht.
Das Buch macht auch optisch einiges her: Die verschiedenen Blautöne gehen ineinander über, einige helle Schnörkel und natürlich die Buchstaben des Titels bilden einen echten Blickfang. Eindeutig eine Leseempfehlung von mir!


"Piraten der Lüfte"
im April 2010!


Kommentare:

  1. Hui, das klingt ja in der Tat interessant. Ich muss zugeben ich liebäugel schon seit dem ich irgendwo mal eine Ankündigung zu dem Buch gesehen habe, mit ihm.
    Sehr schöne Rezi :)

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  2. Super, auf die Rezi habe ich schon gewartet ;)
    Das Buch hatte ich in einem Forum entdeckt und jetzt weiß ich, dass das ein Fall für meine Wunschliste (und SUB) ist!
    Tolle Rezi, vielen Dank!

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  3. Hallo Ihr zwei :)

    habe ich mir schon gedacht, dass jemand an der Rezi interessiert sein könnte, darum habe ich die mal etwas vorgezogen. (Vor den Urlaub)
    Sie ist auch etwas länger geworden, da es sich um ein Leseexemplar handelt. Normalerweise mag ich so lange Rezis nicht, da kann ich ja gleich das Buch lesen ;)
    Das Buch hätte ich übrigens an würdige Hände abzugeben. Allerdings mit der "Bedingung", dass eine Meinung von 150-500 Wörtern im Verlorene Werke Forum unter die Rezi dort gepostet wird. Es ist gelesen, aber pfleglich behandelt worden.

    LG
    Soleil

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  4. Ach, sorry, dafür musst Du Mitglied im Forum sein ... Wenn es da so gar keiner will (leider kaum Fantasyfans dabei), dann stell ich es für ein Ticket bei TT ein.

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  5. Das hört sich ja vielversprechend an! :) Da rückt meine Ausgabe gleich ein gutes Stück höher im SuB - auch wenn es sich da immer noch mit Indianern und Elfen rumschlagen muss.

    Nur das mit dem Fantasy-Einheitsbrei kann ich nicht ganz nachvollziehen. Was bedeutet das denn genau für dich?
    Schade, dass in deinem Forum ein Mangel an Fantasyfans herrscht - da wünsche ich euch gute Besserung! ;)

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  6. derSibirier6.8.09

    Ich dachte, auf den Verlorenen Werken wären überwiegend Fantasyfan`s zu finden.
    Manche können eben mit Drachen, die wie die Herbstblätter im Wind flattern, nichts anfangen.
    Vielleicht ist die Welt der Fantasy eine Epoche, die bald der Vergangenheit angehören wird. Wer weiß es denn. Liebesgeschichten werden immer gelesen, denn sie betreffen die Menschen und das reale Leben. Ich weiß, dass auch eine Fantasygeschichte von der Liebe und dem Alltäglichen handeln kann, aber der Rahmen bleibt aus dem Himmel gegriffen. Früher las die Jugend Twain, Defoe oder Karl May, heute ... Fantasy (fällt mir kein Name ein). Je älter Menschen werden, umso weniger können sie mit Luftschlössern etwas anfangen.

    liebe Grüße
    der Sibirier

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  7. @derSibirier: Jetzt muss ich doch mal teilweise widersprechen. Die Welt der Fantasy wird mal ganz sicher nicht in absehbarer Zeit in den Tiefen der Bedeutungslosigkeit zurück verschwinden, so ist zumindest meine volle Überzeugung. Sie ist eigentlich grad immer noch das Boomgenre innerhalb der Literatur, was ein Blick auf die Verkausfzahlen belegt.

    Gerade die H.d.R Verfilmung, Harry Potter, Die 'Biss...' Reihe usw. haben dem Subgenre neue Flügel verliehen und ein Sturzflug ist für mich überhaupt nicht absehbar. Was mich auch wirklich freut, denn obwohl auch ich älter werde, wandel ich immer noch gerne in Luftschlössern^^

    Zum 'Fantasy Einheitsbrei' sei nur gesagt das es ihn gibt, viele Werke aus der High Fantasy verlaufen schematisch durchaus "einheitlich", jedoch hat das mittlerweile neue Interesse an Fantasy auch dazu beitragen das es heute eine viel differenzierte Auswahl an Büchern und Stilrichtungen -ausprägungen gibt.
    Und das ist wirklich mehr als gut, heute existieren unter dem Mantel Fantasy eine umfangreiche Fülle von Ideen und Umsetzungen die sich erfrischend von den Werken der Fantasy "Urväter" abheben.

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  8. derSibirier6.8.09

    liebes @Feenfeuer, ich sprach nicht von einer absehbaren Zeit, sondern von einer Epoche, die noch nicht zu Ende ist. Fantasy sehe ich überwiegend als eine Jugendliteratur. Natürlich behalten sich auch ältere Menschen gerne diese jugendlichen Träume. Aber Menschen über vierzig sind eher selten, die sich zu Fantasy hingezogen fühlen.
    Das Leben prägt und es ist schön, dass wir in einer Welt leben, in der ein jeder träumen darf was er will.
    Wohin und in welches Genre die Träume führen, ist uns allen in unserer Eigenheit überlassen.

    liebe grüße
    der Sibirier

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  9. Hallo,
    @Seychella: Bin gespannt, was Du dazu meinst. Az kann sich sicher gut rumschlagen ;)
    Einheitsbrei ist für mich das ganze: Orks, Elfen, Zwerge und Co. Zeugs.
    Zwar gibt es gleiche Schemata in der Fantasy, logo, aber viele Autoren haben bewiesen, dass man das total unterhaltsam machen kann.
    Zu den Liebesromanen bin ich eigentlich deswegen gekommen, weil ich so gut wie allen in der Fantasy gelesen hatte und neuen Input brauchte.
    "Die Welt in den Wolken" ist auf jeden Fall ein Buch mit Charme.

    @Sibirier:
    Ha! Erwischt!
    Schön, dass Du mal wieder reinschaust ;)
    Ich finde, wir haben momentan ganz verschiedene Leser dabei, die in Thriller, Emotionen und natürlich auch die fiktionale Richtung gehen. Aber so wirklich einen Überhang sehe ich da nicht in eine der Richtungen.
    Und Du hast mir ja immer noch nicht verraten, was Du gern liest ;)
    Ob so etwas wie "Fantasy" jemals untergehen wird, glaube ich ehrlich gesagt nicht. Wie Du schreibst, ging das Genre ein bissl aus Geschichten hervor, die zwar in der "realen Welt" spielten, aber doch eher unwahrscheinlich waren. Jedenfalls in der Form.
    Die Fantasy ist auch ein so großes Genre (wie auch Liebesromane), dass für jeden etwas dabei sein dürfte.
    Ich kenne einige "ältere" Fantasyfans und - ich trau mich gar nciht es zu sagen - ich werde auch nicht jünger. Aber ich denke, dass das Genre mich immer begleiten wird. Als Harry Potter erstmals erschien, haben viele Großeltern ihren Enkeln zuliebe zum Buch gegriffen - und fanden es toll. Als die Nachtauslieferung des neuen HP war, haben die Postler vorrangig an Erwachsene die Bücher zugestellt, nur selten an Kinder.
    Heute ist das, denke ich, alles nicht mehr so eng. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Ich denke, hätte es schon eher Fantasy gegeben, die Leute hätten schon eher zugegriffen. Nur weil man irgendwann Verantwortung übernimmt, heißt es ja nicht, dass einem die Fantasie oder der Spaß an einer Sache ausgeht.

    Ah ja: Harry Potter sehe ich zwar als Film ganz gerne, aber so wirkliche Fantasy ist das für mich nicht.
    Ich finde es auch schade, dass das Genre so als Jugendgenre verschrien ist, das muss es nämlich schon längst nicht mehr sein. Es gibt "erwachsene Fantasy", die sich auch so versteht, aber leider nur selten ...

    @Feenfeuer:
    *nick Die Fantasy ist äußerst reich.

    @Sibirier:
    Ich misch mich einfach mal frech ein ;)
    Ich glaube, es gibt nur wenige Ältere, die zugeben würden, was sie wirklich gern lesen. Um "in" zu sein - und sowas gibts eben nicht nur in der Schule - musst Du das "richtige" lesen. Bei HP konnten sie sich mit ihren Kindern herausreden oder dem Erfolg des Romans. Auch bei "Tintenblut" und Co. ist das nichts anderes. Ein Arbeitskollege meiner Mutter, der weit über 50 ist, der steht seit jeher auf Perry Rhodan - und er steht dazu, was ich echt klasse finde. Meiner Mutter war das auch lange nicht geheuer, bis sie die ersten Fantasyromane von mir bekommen hat und toll fand. Und ich finde toll, dass sie zugeben kann, sich geirrt zu haben. (Wie alt sie ist, verrate ich aber aus Respekt und Liebe ihr gegenüber nicht ;) )
    Oh und: noch ein Klischee, das ich gerne ausräumen würde: ich lese zwar gerne Fantasy und LiRos, aber ich bin fest in der Wirklichkeit verwurzelt. ;)

    LG
    Soleil

    PS: Ich finde so viele unterschiedliche Meinungen toll!

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