Mittwoch, 21. Januar 2009

Obsession - Hitomi Kanehara



Es ist geschehen, womit ich nicht gerechnet habe. Mir hat das Buch wirklich gut gefallen. Trotz der vielen Vorurteile, die ich hatte, bin ich (bilde ich mir jedenfalls ein) unvoreingenommen an das Buch herangegangen. Es ist sicherlich ... schräg und völlig anders, weicht ab von bekannten Bahnen und spricht aus, was manche so nicht einmal denken würden.

Rin ist 22, Autorin und frisch verheiratet. Ihr Manager möchte, dass sie eine Autofiktion schreibt, also eine erfundene Biografie. Schon an dieser Stelle vermutete ich, dass auch Hitomi Kanehara genau das gemacht hat. In einer alten Ausgabe des Büchermagazins ist nachzulesen, dass sie selbst am linken Unterarm Narben vom Ritzen hat, genau wie Rin. Nicht alles wird wahr sein, aber auch nicht alles erfunden. Die Figur der jungen Frau im Buch ist zutiefst gestört in ihrem sozialen Verhalten. Besonders ihre Beziehung zu Männern hat gelitten, was auch, aber nicht nur, in ihrer Kindheit/ Jugend begründet zu liegen scheint. Jeder Mann ihres Lebens hat sie verraten und im Stich gelassen, wie soll sie da auch Vertrauen aufbauen? Aber sie sehnt sich nach einem Platz im Leben, jemandem, der nur ihr gehört, bei dem sie das erfährt, was sie bislang vermissen musste. In mehreren Rückläufen werden eben jene Beziehungen erzählt, die Ehe mit 22 (Winter, Shin), 18 (Sommer, Shâ), 16 (Sommer, Gatô), 15 (Winter, Nyanko).

Die Welt des jungen Japans ist auf den ersten Blick erschreckend. Orgien, Drogen, Sex und mehr oder minder recht planlos verlaufende Leben. Völlig an den Haaren herbeigezogen finde ich das nicht, denn auch hierzulande brechen immer mehr junge Menschen aus der Welt ihrer Eltern aus. Bietet man ihnen keine Alternativen ... was soll schon werden? Ohne Orientierung kann man in einer Welt, der man sich nicht anpassen will oder kann nicht existieren. Nur vegetieren. Das haben nicht nur die Frauen erkannt, sondern so bilde ich mir ein, auch die Männer. Viele von den Partnern Rins haben sich ebenfalls "Obsessionen" oder auch Nischen gesucht. Ob es Shâ ist, der nur für seine Musik lebt oder Gatô, der von Spielautomat zu Spielautomat zieht und dabei genauso eifersüchtig ist, wie Rin es später sein wird. Die "neue Welt" des Konsums, Mode, Film/ TV und die "alte Welt" der Dogmen, Werte und Familienehre passen nicht mehr zusammen. Aber der Wandel kommt scheinbar so schnell, dass niemand Zeit hat, sich darauf einzustellen. Freiheit ist für die Frauen, die meist ihr Leben lang an einen Mann gefesselt waren, den sie nicht liebten und der sie nicht liebte, "freie Wahl des Sexpartners - so oft man will". Dass dies keine wirkliche Freiheit ist, scheinen sie noch nicht verstanden zu haben. Nicht nur Rin, auch ihre zahlreichen Freundinnen und Bekannten suchen sich die Selbstbestätigung, die ansonsten in ihrem Leben fehlt, über "Titten und ihre Möse", was natürlich im Geschlechtsverkehr enden muss, aber von diesen Frauen billigend in Kauf genommen wird. Orientierungslose, unglückliche (junge) Frauen, die nicht wissen, wie sie sich ausleben sollen. Das dies in einer Katastrophe beginnt und (hoffentlich nicht) endet, scheint beinahe klar zu sein. Beim Zwiegespräch zwischen Rin und ihrer Möse, in einer Situation der völligen Verzweiflung, hätte man Möse auch mit "kleines Männchen im Ohr" oder schlicht "Gewissen" übersetzen können. Hitomi Kanehara bringt es eben mehr auf den Punkt. Und mal ehrlich: Ist Rin die erste, die knutscht und fummelt, obwohl sie den Kerl nicht kennt oder leiden mag, nur weil er ihr bewundernd in den Ausschnitt geglotzt hat? Weil sie denkt, das könnte ihre Laune heben oder einfach aus Gründen der Rache? Jedenfalls aus einem Grund, der keiner ist, den man sich später zurechtbiegen und schön reden muss, weil man bereut, was man getan hat.



Der Anfang des Buches las sich für mich zunächst stockend. Es gibt zwar Szenen, die auflockernd wirken, doch mir scheint, die Autorin hat sie bis zum Ende immer mehr "eingeschrieben". Was ich mich frage ist, wieso die Partner Rins es meist so lange mit ihr ausgehalten haben. Dass sie gut aussieht und ihr Busen die richtige (gibt es eine falsche?) Form hat, ist für mich kein Grund. Vielleicht, weil sie auch jeden Schwachsinn der Kerle mitmacht. Das Ende, das eigentlich der Anfang ist, wirkte auf mich verstörend, da mir das Fazit ein bisschen fehlt bzw. vielleicht auch einfach nur das Happy End. Aber klar, so ein Buch kann gar nicht mit einem solchen aufwarten. Ich möchte mir aber trotzdem einbilden, dass Rin nachdem sie ihr autofiktionales Buch geschrieben und ihr Leben überdacht hat, ihre Prioritäten überprüft und es fortan mal ohne Mann versucht. Sich auf sich selbst besinnt, auf das, was sie erreicht und geschaffen hat - was so unansehnlich nicht ist. Immerhin hat sie ein erfolgreiches Buch geschrieben und das nach diesem Werdegang. Das im übrigen, kann ich glauben, so wie ich auch glauben kann, dass sie dieses Buch schreiben wird. Einige Sachen, das gebe ich offen zu, hätte ich weggelassen. Die Freundin, die ausschweifend von ihren Sexerlebnissen erzählt beispielsweise. Oder die Orgie, auf der Rin ihren Shâ kennenlernt. Das war dann doch etwas too mouch. Zu aufgebauscht für meinen Geschmack. Winter/ Sommer kann ich in keinen Zusammenhang bringen und würde mich freuen, wenn mir das jemand erklären könnte. Die Namen der Männer bedeuten bestimmt auch etwas, jedenfalls wirkt das so auf mich. Ansonsten empfand ich "Obsession" als sehr mitreißend und gefühlvoll. Es hat mir wirklich sehr gut gefallen. Ob ich jetzt allerings wirklich 18 Euro dafür bezahlt hätte, das glaube ich eher weniger. Aber vielleicht gibt es ja irgendwann eine Taschenbuchausgabe.


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