Donnerstag, 6. August 2015

Die Feuer der Inquisition - Kage Baker

Titel: Die Feuer der Inquisition
Autorin: Kage Baker
Originaltitel: In the Garden of Iden
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453523500
Euro: Nicht mehr im Handel erhältlich.
Veröffentlichungsdatum: November 2007
Seiten: 496
Serie: Zeitstürme 01
Come in: Tausch









Inhalt

In ferner Zukunft ist es gelungen, Zeitreisen zu ermöglichen. Doch es sind keine Zukünftigen, die sich den mitunter schwierigen Bedingungen anpassen wollen, darum werden jeweilige Zeitgenossen, die man als Kinder rekrutiert und "unsterblich" macht, zu den diversen Arbeiten herangezogen. Die junge Mendoza ist eine von ihnen. Nach ihrer Ausbildung wird sie ins England von Königin Mary Tudor geschickt, in der täglich die Scheiterhaufen brennen. Erst, als sie den Sekretär Nicholas Harpole kennenlernt, ändert sie ihre Meinung über die Mortalen. Trotz mehrfacher Warnungen lässt sie sich auf eine Beziehung mit ihm ein - doch für jene wie sie sind Gefühle eher hinderlich.



Meinung

Kage Bakers Zeitstürme-Reihe hat es leider nie über Band 3 hinaus ins Deutsche geschafft. Nach Band 1 wundert mich das wenig, denn die Mischung ist wirklich bunt und es will schon genau hinter die eigentliche Story geschaut werden, was vermutlich auch einige Reaktionen erklären würde. Zumeist wird der Roman als "trivialer Liebesroman" abgewertet, was er in meinen Augen nicht ist. Aber auch als reiner Science-Fiction-Roman oder eine Art Zeitreisegeschichte kommt er nur bedingt in Frage. Ebenfalls richtet sich der Roman nicht vordergründig an weibliche Leser, auch wenn das zunächst so scheint. Denn es ist genau die Mischung aus all diesem, die sehr faszinierend wirken kann, wenn man sich nur ein bisschen darauf einlässt.
Die Firma Dr. Zeus kann die Vergangenheit nicht ändern, lässt es sich aber nicht nehmen, diese gnadenlos auszubeuten. Sie lässt in etwa die Bibliothek von Alexandria vor deren Zerstörung lückenlos kopieren oder sammelt längst ausgestorbene Tier- und Pflanzen-DNA. Alles für die Meistbietenden. Das wird zwar alles nur anfangs und sehr am Rande thematisiert (mehr ist auch gar nicht nötig), bildet aber eine äußerst interessante Grundlage.
Mendoza nun ist ein Kind des 15. Jahrhunderts, wird zunächst von zwielichtigen Gesellen der Mutter abgekauft und landet mit diesen im Kerker, wo sie mit ihren ganzen vier Jahren alles noch ein bisschen schlimmer macht. Aber dort wird sie auch von Joseph gefunden, der sie mitnimmt und zur Immortalen (Unsterblichen) ausbilden lässt. Die Umwandlung zur Unsterblichkeit lässt sich nur an sehr jungen Kindern durchführen, deren Körper massiv operativ verändert werden und deren Geist im Sinne der Firma geformt wird.
Als erwachsene Botanikerin wird Mendoza mit einem kleinen Team, zu dem auch Joseph gehört, nach England zu Sir Walter Iden in Kent geschickt, der einige seltene Pflanzen gesammelt hat. Die Firma möchte alle katalogisiert und gesichert wissen, um damit alte und zukünftige Krankheiten heilen zu können.
Es ist die Zeit, zu der Mary Tudor ihren spanischen Ehemann heiratet und ganz England von einem Glauben zum (alten) anderen lenken will, ohne zu spüren, wie sehr ihrem Volk dieser inzwischen zuwider ist. In der Delegation des neuen Gatten befindet sich Mendoza und mit ihr zusammen wird deutlich, dass sich die Immortalen in den historischen Zeiten häuslich niedergelassen, ja beinahe eingenistet haben, ohne dass die realen Zeitgenossen etwas davon ahnen.
Im Laufe der Geschichte erfährt der Leser von den historischen Ereignissen über Radioübertragungen, die nur von den Immortalen mit ihren veränderten Gehören empfangen werden können. Auch haben sie diverse technische Errungenschaften der Zukunft bei sich, die sie natürlich geheim halten müssen. Ihr öffentliches Auftreten ist immer der jeweiligen Zeit geschuldet.
Dabei arbeiten aber nicht immer die gleichen Immortalen zusammen, so dass persönliche Bindungen selten sind. Auch Beziehungen zu Mortalen gibt es, sind aber nicht gern gesehen, weil es für sie nur ein Ende geben kann und das ist kein gutes.
Bakers lockere Sprache und das Fehlen einer erzwungenen Wissenschaftlichkeit lassen die Seiten nur so vorbeifliegen. Einen besonderen Reiz macht vor allem der Blick eines Menschen aus, der die gesamte Historie kennt und nun quasi zurückblickt. Losgelöst von der jeweiligen Zeit und den dazugehörigen Ereignissen.
Leider, leider ist der Originaltitel "In the Garden of Iden" (Im Garten von Iden) nicht übernommen worden, wobei er den Kern der Geschichte aufzeigt. Ein kleines Wortspiel (Iden=Eden), denn im Garten des Sir Iden mit seinen auch mal recht exotischen Pflanzen und Tieren (die nicht immer echt sein müssen), in dem Mendoza alle davon katalogisiert, steht auch das Haus, in dem das sich zugetane Paar seiner Liebe und Lust frönt. Und dabei die Religion immer mitschwingt zu der der Garten Eden gehört. Mendoza stellt sich als Katholikin vor, während Nicholas Lutheraner ist - eine gefährliche Mischung in diesen Zeiten. Und obwohl es für Mendoza keinen Sinn ergibt, weigert sich ihr Liebster von diesem Glauben abzulassen oder wenigstens zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen. Ja, so behauptet er, er würde für diesen Glauben sterben.
Eine Romance wie Leser des Genres es kennen, ist das nicht und es gibt auch kein Happy End. Als wirklich vordergründig habe ich diese Liebesgschichte zwischen Mendoza und Nicholas übrigens auch gar nicht empfunden, da viele Dinge geschehen, auch mal ganz abseits. Aber immer im Haus oder im Garten.
Obwohl so das Geschehen auf der aktiven Ebene stark zurückgefahren ist, geschieht darunter eine ganze Menge, so dass es nie fade wird. Wer mit allzu starken Erwartungshaltungen an den Roman herangegangen ist, könnte jedoch etwas in der Luft hängen, weil diese Geschichte sich nicht über Aktionen definiert.
Mendoza ist eine sympathische Figur, die aber noch recht jung und unerfahren an ihren ersten Auftrag herangeht. Als Leser ist man stets bei ihr, auch wenn manches zunächst nicht nachvollziehbar erscheint, wird es am Ende doch verständlich. Vor allem ihre eingestreuten Kommentare dazu - sie erzählt es rückblickend wie eine Art erzählenden Bericht - lockern das Geschehen unheimlich auf.
Nach all dem ist es wahnsinnig schade, dass es in unseren Breitengraden solch eine immense Scheu gegenüber Liebesgeschichten, welcher Art auch immer, gibt und allein deswegen über Geschichten, die diese enthalten (auch wenn sich die Story nicht darüber definiert) mit dem Daumen nach unten geurteilt wird. Das Debüt der Autorin ist vielleicht noch nicht ganz rund, aber es fällt deutlich aus dem Rahmen und lässt erkennen, was möglich ist. Der letzte Absatz ist äußerst gelungen und fasst zusammen, worauf Baker mit diesem Roman hinauswollte. Wir sollten aufhören, alles immer ganz genau in eine Schublade oder eine Katalogseite stecken zu wollen, selbst wenn es nicht hineinpasst und weniger als Perfekt als ungenügend zu deklarieren.
"Die Feuer der Inquisition" sind so vieles in einem, das aber nur der Leser erkennen kann, der sich darauf einlässt. Ich selbst halte den Roman für lesenswert und möchte ihn daher auch empfehlen.


Zeitstürme:
1. In the Garden of Iden (Die Feuer der Inquisition)
2. Sky Coyote (Die Ufer der Neuen Welt)
3. Mendoza in Hollywood (Die Schatten des Krieges)
4. The Graveyard Game
5. The Life of the World to Come
6. The Children of the Company
7. The Machine's Child
8. The Sons of Heaven
9. Not Less Than Gods

http://www.kagebaker.com/
Kage Baker wurde in Hollywood, Kalifornien geboren und lebte die meiste Zeit in Pismo Beach. Vor ihrer Zeit als Buchautorin arbeitete sie am Theater und lehrte alte englische Sprachformen. Bekannt wurde sie vor allem durch ihren Zyklus "The Company", der vornehmlich aus historischen Zeitreise-Romanen besteht. Nach ihrem Tod wurde sie nachträglich für ihren Kurzroman "Die Frauen von Nell Gwynnes" sowohl mit dem Nebula Award als auch den Locus Award ausgezeichnet. Ihr im Englischen ungewöhnlicher Vorname ist eine Kombination aus den Namen ihrer zwei Großmütter, Kate und Genevieve. Kage Baker verstarb im Jahr 2010.

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