Donnerstag, 15. Dezember 2011

(Autorenplausch) Juliette Bensch: Last minute Liebe


Titel: Last minute Liebe
Autorin: Juliette Bensch
Originaltitel, 225 Seiten
ISBN: 3941598228
Euro: 14,90













Lesbische Literatur – eine Herzenssache

10% der Bevölkerung sind gleichgeschlechtlich orientiert – sexuell und/oder in der Liebe. Diese Angabe schwankt je nach Fragestellung der jeweiligen Statistik und die Bezeichnungen variieren: homosexuell, schwul/lesbisch, bisexuell oder queer. Fakt ist, dass es uns gibt und dass diese Gedanken und Gefühle weder wegzutrainieren sind, noch irgendwann von allein verschwinden.
Als nicht-heterosexuelle Leserin kann man dann auch schon mal eine provokante Analogie aufstellen und sich fragen: Beschäftigen sich denn 10% der Belletristik-Verlage mit diesem Thema? Sind 10 % der literarischen Figuren in Büchern nicht-heterosexuell? Ohne die genauen Zahlen je erfasst zu haben (kein noch so akribischer Erbsenzähler könnte sie wohl herausfinden), behaupte ich, dass dem nicht so ist. Die Verlage, die sich für diese Literatur einsetzen, kann man an zwei Händen abzählen und ich bin froh, dass es sie gibt.
Wenn man sich als Autorin dazu entschließt, für diese Nische tätig zu werden, arbeitet man für eine Minderheit. Schwule und Lesben sind es gewohnt, dass Heterosexualität in ihrem Umfeld die Norm ist, sind häufig so sozialisiert und von heterosexuellen Darstellungen in Filmen und Literatur umgeben. Heterosexuelle werden jedoch selten von sich aus zu einem Buch greifen, das schwule oder lesbische Liebe darstellt.
Als Autorin kann man sich natürlich verbiegen und die Figuren, die man im Kopf hat, umpolen, um den größeren Marktanteil der Leserschaft anzusprechen. Ich habe mich dagegen entschieden. Und zwar nicht, weil ich ‚rebellisch’ sein und queere Lebensweisen sichtbar machen will, sondern weil ich einfach meine Figuren habe entscheiden lassen. Die Sichtbarkeit liegt mir natürlich dennoch am Herzen, deshalb berichte ich gern etwas über die Arbeit als 'lesbische Literatin' sowie meine eigenen Empfindungen als Leserin von queeren Texten.
Nun könnte man ja behaupten, lesbische Literatur (v.a. Liebesromane) unterscheidet sich nur dadurch von der „normalen“, dass es statt Held und Heldin zwei Heldinnen gibt (und bei schwuler Literatur zwei Helden). So einfach ist die Rechnung jedoch nicht. Für Lesben und Schwule sieht die Welt etwas anders aus. Die erste Hürde ist das Coming Out – zuerst vor sich selbst, dann vor Freunden, Familie und anderen. Aber damit ist es nicht getan. Es wird immer wieder Situationen geben, in denen man sich erklären, rechtfertigen oder erneut herauskommen muss – beim Kennenlernen der KollegInnen in einer neuen Arbeitsstelle, bei Arztgesprächen, wenn aus Bekanntschaften Freundschaften werden sollen oder beim Suchen und Finden der Liebe.
Die Partnersuche ist ein zweiter großer Unterschied. Wenn man nicht gerade den Weg über Kontaktanzeigen oder spezielle Locations geht, muss man sich gute Antennen aneignen, sonst quält man sich lange mit der Frage „Fühlt er/sie überhaupt wie ich?“
Wenn man die Liebe gefunden hat, geht es weiter: die eingetragene Lebenspartnerschaft ist politisch der Ehe nicht gleichgestellt (nicht dass jeder Schwule und jede Lesbe automatisch überhaupt heiraten wollen würden), auch wenn es politisch in den letzten Jahren in großen Schritten voran ging. Und trotz Innovationen wie Antidiskriminierungsgesetz ist die Akzeptanz von Homosexualität nicht automatisch eine Selbstverständlichkeit in den Köpfen der Menschen. Wünscht man sich als schwules oder lesbisches Paar Nachwuchs, muss man Umwege in Kauf nehmen und auch hier gibt es noch politische Baustellen.
Bei all den kleinen und großen alltäglichen Schwierigkeiten bin ich froh, dass es Verlage gibt, die sich den Lesenachschub für ‚uns’ zur Aufgabe gemacht haben und ich darauf zählen kann, bei ihnen fündig zu werden. Vor allem bin ich froh, selbst ein Teil dessen zu sein, andere LeserInnen zu erfreuen und mich im Schreiben nicht verbiegen zu müssen.

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