Titel: Die Rückkehr der Hoffnung: Vier Lektionen über die Kraft der Moral
Autor: Rutger Bregman
Originaltitel: Morele Revolutie
Verlag: Rowohlt Hardcover
ISBN: 978-3498009885
Euro: 15,00
Veröffentlichungsdatum: August 2026
Seiten: 96
Serie: nein
Come in: vorablesen.de
Inhalt/Klappentext
In seinem neuen Buch stellt der niederländische
Historiker und Bestsellerautor Rutger Bregman die große Frage nach dem Sinn des
Lebens. Er beobachtet einen tiefgreifenden moralischen Verfall innerhalb der westlichen
Eliten, vergleicht den aktuellen Zustand der USA mit dem Zerfall des Römischen
Reiches. Dagegen möchte er aufbegehren und für die Demokratie kämpfen. Bregman
verbindet eine politische Diagnose mit autobiografischen Reflexionen. In einem
dringlichen Appell plädiert er für einen radikalen Humanismus, für eine
Revolution der Anständigen – und er skizziert eine Utopie: Er wünscht sich den
Staat als mutigen Investor, fordert fundamentale Steuergerechtigkeit und eine
Ökonomie, die menschliche Zuwendung als Segen statt als Kostenfaktor begreift.
Meinung
Vortrag 1: „Eine Zeit der Monster“ (A Time of
Monsters)
Vortrag 2: Wie man eine moralische Revolution
beginnt (How to start a moral revolution)
Vortrag 3: Eine Verschwörung der Anständigen (A
conspiracy of decency)
Vortrag 4: Der Kampf für die Menschlichkeit im
Zeitalter der Maschine (Fighting for Humanity in the Age of the Machine.)
Ich habe den Autor in seinem Buch „Moralische Ambition: Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden, und etwas schafft, das wirklich zählt“ mit Bauchschmerzen gelesen – und im Grunde geben die Vorträge kurz deren
Inhalt wieder. Nur dass Bregman sie ein wenig vertieft bzw. erweitert. Deswegen
könnte ich meine Bedenken zum anderen Buch auch getrost hier wiedergeben. Der
Autor und seine Intension verwirren mich. Einerseits hält er sich offenbar für
genau den Menschen, wie ein solcher auch sein sollte, die richtige Einstellung
und Moral, quasi den richtigen Kompass. Er erzählt Persönliches: dass er in
eine Pastorenfamilie hineingeboren wurde, mit fünfzehn an einem Essay
verzweifelte, über berühmte Leute las und daraufhin beschloss, die Welt zu
verbessern und die im Vorgänger erwähnte Schule (in der sich Leute mit einem
Weltverbessererprojekt bewerben können, dann ausgebildet werden und am Ende
eine gewisse Summe erhalten, um eine Firma zu gründen) selbst initiiert und
gegründet hat. Dass er auch mal ins Silicon Valley eingeladen wird, um dort
Reden zu schwingen, versteht sich von selbst.
Nun ist es keine schlechte Sache, die Welt
verbessern zu wollen. Nur erzählt er ständig davon, greift aber keine Sache
oder Thema auf, wo er ansetzen möchte – für ihn ist das eher eine allgemeine
Angelegenheit. Dafür wiederholt er in den Vorträgen, was er in seinem Vorgänger
bereits erzählte. Die Abolitionisten und ihre Abschaffung der Sklaverei. Mit
einem Stirnrunzeln fragte ich mich, ob er tatsächlich glaubt, diese sei auf
diesem Planeten abgeschafft. Dabei hat gerade die sexuelle Sklaverei rund um
den Globus extrem zugenommen. Nightingale und ihre medizinischen Revolutionen.
Und die Ortschaften und Menschen, die im Zweiten Weltkrieg jüdische Mitmenschen
versteckten oder ihnen zur Flucht verhalfen (und das durchaus auch bezahlt
bekamen!). Gleichzeitig definiert er immer wieder, gern zwischen den Zeilen,
sein Bild eines solchen Weltenretters. Und das besteht nicht aus
Normalbevölkerung. Das sind bei ihm grundsätzlich Absolventen von
Eliteuniversitäten. Und die anderen, die sind eine graue Masse, die es zu
verwalten gilt, so jedenfalls mein Eindruck von seiner Sicht der Welt.
Ungläubig las ich einige seiner sog. Lösungsvorschläge, die so klingen: „Das
bedeutet, dass ein paar gute Reden nicht genügen. Es bedeutet, dass wir
dauerhafte Netzwerke von Personen und Institutionen aufbauen müssen: Wir
brauchen kapitelstarke Geldgeber, die bereit sind, ihre Vorhaben auf Jahrzehnte
anzulegen, anstatt in Wahlzyklen zu denken. Wir brauchen politische
Denkfabriken, die Ideale in Gesetzesvorhaben umwandeln können. Wir brauchen
Bewegungen, die vielfältige Wählergruppen überzeugen können. Wir brauchen
kulturelle Plattformen, welche die öffentliche Meinung vom Gerichtssaal bis zum
Klassenzimmer, von der Meinungskolumne bis zum Esstisch formen können.“ (Seite
70/71)
Immerhin scheint er doch erkannt zu haben, dass
das Thema Geld eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielt (im Vorgängerbuch
schien das nicht der Fall, er hat es dort also absichtlich ausgeklammert). Aber
was ist, wenn Sie, lieber Autor, etwas politisch durchsetzen wollen, das Teile
der Bevölkerung nicht (so) haben möchten? Hier sitzt ein riesiger Knackpunk. Ich
möchte wiederholt darauf hinweisen, dass Wahrheit für den einen nicht unbedingt
die gleiche Wahrheit für den anderen sein muss. André Paul Guillaume Gide sagte
einst: „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie
gefunden haben.“ Der Autor dieses Buches ist so stark in seiner Meinung und
seiner eigenen Wahrheit verhaftet, dass man Angst bekommen kann. Solche Leute
haben noch nie etwas Gutes geschaffen. Wenn meine Frage nämlich weitergedacht und
das obige Zitat herangeholt wird, dann würde das nichts anderes bedeutet, als
dass man schlaue Leute mit Geld (von anderen) dazu benutzt, den Willen der
Mehrheit zu beeinflussen. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, benutzt
er auch noch das Wort „Klassenzimmer“, also sehr junge Leute, die so gar keine
Chance mehr erhalten werden, sich selbst zu finden und eben auch zu ihrer
eigenen Meinung und Wahrheit. Das ist so perfide, dass mir die Luft wegbleibt!
Welche Meinung vom Volk / den Völkern vertritt er hier eigentlich? Zusammen mit
dem zweiten Vortrag, in dem ich das Gefühl hatte, er vergleiche sich selbst ein
bisschen mit Lenin, da dieser sich in einer Zeit, als alles verloren schien, in
das entstehende Machtvakuum gesetzt hat – und damit eine schlimme Zeit begann.
Bregman will mit seinen Leuten (gibt es die?) irgendwie das Gleiche tun, nur
hält er sich offenbar selbst zwar für ebenso geeignet, aber moralisch viel
besser im Gegenzug zu einem Tyrannen. Mir war nicht klar, was genau er mit dem
zweiten Vortrag bezweckt hat. Und dabei hatte er mich in Vortrag eins quasi
abgeholt. Dort sind zwar auch viele Phrasen enthalten, aber ich war sehr
positiv überrascht, als ich auf Seite 22 las: „Mittlerweile hat sich der
utopische Horizont verdunkelt. Anstatt die Menschen mit der Vision einer
besseren Zukunft zu inspirieren, hat sich die Linke nach innen gewandt und sich
in immer kleinere moralische Kreise aufgespaltet. Sie grenzt bereitwillig aus
und hat Mühe damit, Kompromisse zu schließen. Sie urteilt gern und überzeugt
ungern. Die Reinigung durch öffentliches Anprangern hat die Mühsal der
Koalitionsbildung ersetzt.
So haben wir heute Pronomen, aber keine
progressiven Steuern. Wir erkennen die territorialen Rechte indigener
Gemeinschaften an, aber wir bauen keine erschwinglichen Wohnungen. Wir haben
eine inklusive Sprache, aber eine ausgrenzende Raumordnung. Die Optik stimmt,
aber die Ergebnisse stimmen nicht. Kann es uns also wirklich überraschen, dass
die Linke in den entwickelten Ländern Boden verliert? Natürlich nicht. Wenn man
aufhört, zu bauen und zu organisieren, verliert man nicht nur Wahlen. Man
verliert die Menschen. Und wenn sich die Linke zurückzieht, bleibt der von ihr
geräumte Raum nicht leer. Andere stehen bereit, um ihn zu erobern.“ Danke.
Danke für diese Worte, Herr Bregman. Das ist eben das verwirrende an diesem
Autor für mich. Er sieht es, er erkennt das Problem, ist in der Lage es zu
benennen. Und nicht täuschen lassen, obwohl er die Linke hier kritisiert,
völlig zu Recht wie ich finde, ist er selbst ein Ultralinker. Das würde er aber
vermutlich nicht von sich behaupten. Einmal las ich ungläubig, dass er weder
rechts noch links sei, sondern neutral zwischen allem stünde. Das muss ich
entschieden zurückweisen. Denn er benutzt ja sämtliche Schlagworte und
Wortgruppen, die derzeit gerade „in“ sind. In diesen Tagen werden hier in
Berlin die Wahlunterlagen verschickt und die Straßen hängen voller Plakate.
Umfragen sagen, die Linke liege vorn. Auf den Plakaten stehen Slogans wie
„Faschismus bekämpfen“ oder „Miete für alle“ oder „Enteignen“. Klar wird, dass
die Linke erkannt hat, wie man Stimmen fängt. Denn das große zentrale Problem
hier in Berlin sind einfach der fehlende Wohnraum und die extrem hohen Mieten.
Persönlich frage ich mich, was wohl passieren würde, wenn alle Wohnungen
verstaatlicht werden. Entscheidet dann auch der Staat, wer einziehen darf und
wer nicht – oder wo und wie? Und wechselt das je Regierung? So realitätsfern
ist die Frage übrigens nicht: In dem Arbeiter- und Bauernstaat, in dem ich
geboren wurde und den es heute nicht mehr gibt, war das Praxis. Da hat man nur
eine Wohnung erhalten (oder konnte / durfte ein Haus bauen), wenn man ein paar
Voraussetzungen erfüllt hat. Und eben weil ich vieles von dem, was einige Leute
(wieder) für eine gute Idee halten, bereits erlebt habe (bzw. es von der
älteren Generation erzählt bekam, ich habe mit vier noch keine Wohnung gesucht),
lese ich solche Bücher mit Bauchschmerzen. Ganz besonders, wenn ich den Autor
nicht einzuschätzen weiß. Der schreibt auf Seite 69 (im dritten Vortrag)
ernsthaft, im Zusammenhang mit den sog. Fabianern und warum sie ein Vorbild
sein sollten: „Wir können Länder errichten, von denen Menschen träumen, weil das Alltagsleben dort im
besten Sinn verschwenderisch ist. Länder, in denen die Erträge des
technologischen Fortschritts allen zugutekommen, anstatt von einigen wenigen
gehortet zu werden. Länder, in denen Freizeit, Schönheit und Sicherheit das
Geburtsrecht jedes Menschen sind.“
Mein Eindruck des Autors ist, dass er um jeden
Preis berühmt werden möchte, aber nicht egal wie, sondern auf eine gute Art so
wie Gandhi oder Mutter Teresa. Dass beide wohl auch nicht so ohne waren, sei
dahingestellt. Sie haben Gutes getan, moralisch gut, aber waren dennoch nicht
unfehlbar. Wie ordnet man so jemanden in ihrer Gusto eigentlich ein, Herr
Bregman?
Das dünne Büchlein mit den vier Vorträgen
widmet sich noch weiteren Themen, nicht zuletzt Religion und deren Abbau. Es
entstehen überall dunkle Flecken, Lücken, die früher von etwas gefüllt waren.
Aber heute? Stehen die Leute da und wissen dummerweise gar nichts mit sich
anzufangen. Genau hier setzt der Autor an. Diese Lücken müssen gefüllt werden.
Dabei geht er offenbar davon aus, dass die Menschen nicht nur unbedingt an
etwas glauben müssen, sondern auch geführt werden wollen. Ich bin von diesem
Menschenbild noch nie überzeugt gewesen. Besonders, wenn man sich anschaut, wen
er für seinen Kriegszug um die Moral gewinnen möchte. Bei ihm geht es um die
sog. „Elite“, keine Handwerker, Pflegepersonal, Sicherheitsgewerbe, Arbeiter
etc. Warum nicht? Haben die schlicht zu wenig Geld? Aber sind es nicht genau
sie, die das Rückgrat einer jeden Gemeinschaft bilden, eben weil sie mit ihren
eigenen Händen arbeiten und wirklich etwas schaffen?
Die Vorträge nun mussten in etwa eine Stunde
Redezeit hineinpassen und konnten deswegen nicht in die Tiefe gehen. Der Autor,
übrigens ein Historiker, greift jede Menge Themen auf – wer aber mehr dazu
lesen möchte, sollte zu einem anderen seiner Bücher greifen. „Die Rückkehr der
Hoffnung“ (der pathetische Titel sei beachtet) ist mehr als eine Art Einführung
in den Autor und seine Themen zu begreifen. Er hat kurzgefasst, was er in
anderen Werken genauer beleuchtet. Ich rechne ihm hoch an, dass er die Welt
verbessern möchte und es auch aktiv angeht. Aber ich habe in meinem Alter
bereits genug gesehen und gehört, dass ich weiß, dass so jemand schnell (und
oft unbemerkt) übers Ziel hinausschießt – und dass es genau dann für alle
anderen unangenehm werden kann. Daher würde ich gern einmal erläutert haben, wo
er seine Grenzens sieht und zieht bzw. die des Projekts. Wir sollten den
Menschen mehr zutrauen und sie nicht in Klassen aufteilen, nur um dann zu
behaupten, wir würden eben jene abschaffen – am besten mit Enteignung und hören
Steuern für Reiche (ohne das zu definieren). Wir sollten für bessere Bildung
und Aufklärung sorgen, aber nicht für Meinungs-Bildung oder Meinungs-Lehren
(oder gar Meinungs-Journalismus). Warum nicht einfach mal laufen lassen? Gerade
in Deutschland hatten wir jetzt genug „Systeme“ in den letzten hundert Jahren.
Und es schälen sich derzeit ja zwei heraus, die möglicherweise eine Zukunft
bilden könnten. Persönlich halte ich sowohl die linke als auch die rechte für
ungeeignet und schaue mit Argwohn auf beide. Welche sich durchsetzen wird, ist
bisher unklar, aber dass keine von beiden unserem Land guttun wird, liegt auf
der Hand. Eine Menge Menschen haben das bereits erkannt und die Flucht
ergriffen. Wo ist die neutralere Mitte? Derzeit greift sie die
Lebenswirklichkeit der deutschen Bevölkerung massiv an und hat sich zudem als
ziemlich frauenfeindlich herausgestellt. Das macht es allen anderen noch
leichter.
Es wird jedenfalls keine Diskussion auf
Augenhöhe mit jemandem geben können, der glaubt, er und nur er habe voll den
Durchblick und/oder sei die moralisch bessere Version eines Menschen. Und das
Thema Geld ausklammert. Wer hinter sich Geld vereinen kann, wird immer mehr
erreichen, aber wurde hier dann die Welt verbessert oder Geld verdient? In das
jeweils bestehende Machtvakuum setzt sich doch jedes Mal nur jemand hinein,
weil eben Macht und Geld winken. Vielleicht ist es dieses System, das quasi
über allen anderen Systemen kreist, das diskutiert gehört. Aber das ist wohl zu
abstrakt gedacht. Bregman jedenfalls hat begriffen, was richtig klingt, das bezeugt seine jeweilige
Wort- und Begriffwahl, (noch) nicht so recht, was richtig ist (oder sein könnte) bzw. wie man wirklich hilft, das ist meine
Meinung. Als habe er noch immer die rosarote Brille des einstigen
Fünfzehnjährigen auf. Bei vielen Punkten wünscht man dem Autor besseren
Durchblick. Sieht er die Realität dessen, was er jeweils nicht anspricht in der
Tat nicht oder klammert er es einfach aus?
Ich werde wohl bei Gelegenheit noch mehr vom
Autor lesen, vielleicht verstehe ich dann irgendwann, warum er mich so
irritiert. Wer einmal in seine idealisierte Ideenwelt hineinschnuppern möchte,
sollte in diese vier Vorträge reinhören – oder sie lesen.
Rutger
Bregman, geboren
1988, ist Historiker und einer der innovativsten Denker Europas. 2017 erschien
sein Buch Utopien für Realisten, 2020 folgte der Bestseller Im Grunde gut, der
bisher in 46 Sprachen übersetzt wurde. Zuletzt erschien 2024 Moralische Ambition
bei Rowohlt. Bregman lebt mit seiner Familie in den Niederlanden, wo er als
Journalist für die Nachrichtenplattform De Correspondent tätig ist.


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Es ändert sich nichts am Kommentieren, nur muss jetzt dieser lange untere Absatz dabeistehen. Ich danke allen, die mir einen Gruß dalassen!
Um die Übersicht über Kommentare zu behalten und Missbrauch zu verhindern, speichert diese Webseite Name, E-Mail, Kommentar, IP-Adresse und Zeitstempel Ihres Kommentars. Sie können Ihre Kommentare später jederzeit wieder löschen. Detaillierte Informationen finden Sie unter "Datenschutz" oben unter dem Header. Wer keine Datenübertragung wünscht, hat die Möglichkeit, einen anonymisierten Kommentar zu hinterlassen. Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden.