Freitag, 12. August 2016

(Was ist) Slawische Fantasy

©Anna Werle
Erstaunt reibt man sich die Augen, wenn man feststellen muss, dass es keine deutschsprachigen Quellen zum Thema "slawische Fantasy" gibt. Zwar hat sich diese Form erst im 20./21. Jahrhundert ausgebildet, kann aber inzwischen namhafte Autoren mit lesenswerten Geschichten vorweisen, von denen es einige sogar in eine Verfilmung geschafft haben.
Dabei bildet das Untergenre aber keine neuartigen Auswüchse; während die gängige Phantastik sich auf europäische Geschichte und Mythologie stützt, ist es bei diesem Untergenre die slawische (Folklore, Legenden, Mythen). Großartig umgewöhnen muss sich der Fantasyleser hier nicht. Alle gängigen Mittel des Genres sind vorhanden, einzig der Hintergrund ist anders. Und auch das Frauenbild, was man bei den heutzutage gängigen Romanen wohl erwähnen sollte.
Der Valkyren Verlag hat sich näher mit der Thematik befasst und der slawischen Fantasy eine seiner Editionen gewidmet.
Aber womit genau bekommt man es als Leser zu tun, wer oder was sind denn die Slawen? Um das bis ins Kleinste hinein zu erklären, müsste man eine ganze Abhandlung schreiben; das ist ungefähr so, als solle man in einem kurzen Absatz die Wikinger oder die germanischen Stämme näher erläutern. Diese drei hatten aber vielfältige Kontakte, von denen zahlreiche Dinge, die die Zeit überdauert haben, Zeugnis tragen.
Slawendörfer und Freilichtmuseen in Deutschland sind da nur eine. Sie können von allen Interessierten besucht werden, wir haben einige Links zusammengetragen.
Die Götterwelt, das slawische Pantheon, unterschied sich gar nicht so sehr von anderen. "Die slawische Mythologie, ähnlich wie die römische, kennt viele Götter. Da gibt es für jedes Naturphänomen, jede Lebenslage und auch für jede Jahreszeit, so wie für alle Besonderheiten, die diese Jahreszeiten mit sich bringen eine eigens dafür zuständige Gottheit. Sie stehen zueinander in engen Verhältnissen: es gibt Ehepaare, Schwiegereltern, Tanten, Onkel, Omas, Opas und natürlich auch Kinder." HIER sind einige der Hauptgötter zusammengetragen worden.
Natürlich feierten die Slawen auch diverse Feste, unter anderem die Rusal’naja Woche. Was das ist? KLICK
Die Glaubensvorstellungen der Slawen ging wie bei vielen Völkern sehr tief. Sie sahen in allem etwas Göttliches, nichts war einfach nur ein Ding. Die Espe (Zitterpappel) zum Beispiel ist bis heute in Russland kein unbedeutender Baum. Wer alte russische Märchen aus dem TV kennt, wird den Baum schnell wiedererkennen.
©Anna Werle
Aber auch die Namensgebung bei den alten Slawen hatte eigene Riten: "Jeder von uns hat einen Namen (oder auch mehrere, wie es heutzutage Mode ist), den er am Tag seiner Geburt von den Eltern bekommen hatte. Meist machen sich die werdenden Eltern sehr wohl Gedanken darüber, was die einzelnen Namen bedeuten, doch kaum jemand glaubt daran, dass der Name irgendeinen Zusammenhang mit dem Schicksal seines Kindes haben könnte. Früher war dem aber ganz und gar nicht so." (Mehr)
Wesen aus der slawischen Mythologie sind inzwischen gar nicht mehr so unbekannt: Baba Jaga, Leshy, Rusalka und viele mehr. Was ein Okhlupen ist (den jeder kennt!) und was für eine Bedeutung der Poneva für slawische Frauen und Mädchen hatte, kann im Verlags-Glossar nachgelesen werden.
Wenn man nun mehr Informationen zum Thema sucht, denn das Feld ist wirklich weit, trifft man unweigerlich auch auf Kunst und Symbole, zum Beispiel Stickereien, Malerei oder Schnitzereien. Mit deutscher Abstammung kann es passieren, dass man unweigerlich zusammenzuckt, da einige dieser Symbole keine fremden sind. Da wäre in etwa das Sonnenrad, das mit vier Speichen auf gewissen roten Fahnen vor siebzig Jahren hin und her geschwenkt worden ist. Dieses Sonnenrad ist aber sehr viel älter und hat einen gänzlich unterschiedlichen Hintergrund; es wird auch mit weniger oder mehr Speichen dargestellt und hat eine weitreichende Verbreitung erfahren, sogar bis nach Indien ist es bekannt. Das Zusammentreffen und die enge Verbindung der frühen Völker hat auch zu einem vielfältigen Austausch beigetragen - der auch uns einen Heidenschreck eingejagt hat. So haben wir für eines der Cover eine Abbildung einer Wolfspfote geplant gehabt, in der verschnörkelt die Rune eines slawischen Gottes hineingezeichnet werden sollte. Durch einen bloßen Zufall wurden wir darauf aufmerksam (gemacht), dass es germanische Symbole gibt, die in Deutschland wegen des Missbrauchs derselben durch gewisse Gruppierungen verboten sind. Nun sind Germanen und Slawen aber so oft aufeinandergetroffen, dass sie auch vieles voneinander übernommen haben. Offenbar auch Runen. Diejenige des slawischen Gottes ist ebenfalls eine germanische Rune mit einer ähnlichen Bedeutung. Wir mussten uns vor Schreck erst einmal setzen und verzichten nun leider auf das komplette Element.
Die Historie und die Mythen der Slawen, die sich übrigens in sehr viele östlich von Deutschland gelegene Länder und Deutschland selbst ausgebreitet hatten, ist sehr alt und sehr umfassend. Je mehr ich erfahre, und ich habe erschreckend wenig davon gewusst, wenn man bedenkt, dass es sich um Geschichte unserer direkten Nachbarn handelt, desto faszinierter bin ich. Vermutlich auch, weil ich schon immer etwas für Geschichte und Archäologie übrig hatte, aber auch für alle anderen haben Geschichten der slawischen Fantasy einiges zu bieten. Eines der beliebtesten Bücher im Original befindet sich gerade in der deutschen Übersetzung. Welches es ist? KLICK hier, um es zu erfahren.
Aber die Suche nach slawischer Fantasy ergab, dass es in den letzten Jahren bereits andere Autoren gab, die sich einmal darin versucht haben oder zumindest auf deren Mythen Zugriff genommen haben:
Sarah Ash hat diesen Artikel geschrieben und darin erklärt, wie ihre Trilogie "Tränen von Artamon" auf osteuropäische Folklore Einfluss auf das Werk genommen hat.
Auch die weltbekannte Autorin C.J.Cherryh hat vor vielen Jahren eine Trilogie geschrieben, die sich speziell bei russischen Mythen bedient hat.
Andrzej Sapkowski, ein polnischen Fantasyautor, verwendet ebenfalls slawische Motive, da jedoch die Slawen sowohl weit herumgekommen sind, als auch in mehrere Stämme unterteilt waren, ist der Hintergrund, den dieser Autor verwendet noch einmal etwas verschieden zu dem, den beispielsweise russische Autoren verwenden.
Das Feld ist weit und es wächst immer mehr. Wir laden jeden interessierten Leser herzlich ein, sich einmal genauer umzusehen und in die ein oder andere Geschichte hineinzuschauen.

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