Samstag, 30. Januar 2016

Auf der Suche nach dem Nudossi-Äquator. Karrierewege bekannter DDR-Marken bis heute - Erik Lindner

Titel: Auf der Suche nach dem Nudossi-Äquator. Karrierewege bekannter DDR-Marken bis heute
Autor: Erik Lindner
Originaltitel
Verlag: Murmann Verlag
ISBN: 978-3867744225
Euro: 18,00
Veröffentlichungsdatum: März 2015
Seiten: 272
Kein Serientitel
Come in: Vom Verlag







Klappentext/ Inhalt:
Von der Bückware unter der Ladentheke über die Beinahe-Pleite bis hin zum deutschen Marktführer: Rotkäppchen Sekt ist der Gewinner der Einheit, keine andere Marke aus dem Osten hat es so weit gebracht! Nachdem der erfolgreiche Betrieb aus Freyburg an der Unstrut bei Weitem nicht den Bedarf der ostdeutschen Bevölkerung erfüllen konnte, stand er nach der Wiedervereinigung vor der Herausforderung, neben den vielen Konkurrenzprodukten der BRD bestehen zu müssen. Der wirtschaftliche Kollaps drohte! Heute haben die Freyburger fünf Produktionsstätten in Ost und West und im Laufe der Jahre viele Westmarken geschluckt. Das vorliegende Buch spürt die zum Teil erstaunlichen Hintergründe von mehr als 100 Produkten und Firmen auf, die mehrheitlich über den Osten hinausgewachsen sind. Was sie alle eint: Sie stammen aus den ca. 14 000 volkseigenen Betrieben der DDR.

Meinung

Das Buch mit dem eigenartigen Titel und dem unübersehbaren Cover ist von seiner Idee her ganz wunderbar gelungen. In der Umsetzung leider nicht. Vermutlich ist es schwer, an die doch noch recht nahe liegende Geschichte Deutschlands völlig Vorurteilsfrei heranzugehen, Lindner ist es nicht gelungen.
Zunächst gibt es es eine kleine Einführung in das, was direkt nach der Wende passiert ist, kleinere Statistiken, wie viele Betriebe (VEB) es gab, wie viele wohin transferiert und wie viele geschlossen worden sind. Allgemeine Informationen schließen sich an. Dann steigt der Autor auch schon in den wesentlichen Teil des Buches ein: diverse Firmen, die auch heute noch existieren, werden unter die Lupe genommen. Dabei ist das Buch aufgeteilt worden in: Nahrhaftes, Genüssliches, Alltägliches, Technisches, Verlegtes, Schönes und Edles und schließlich eine Bilanz.
Viele der aufgezählten Marken waren mir, neun Jahre alt zur Wende, nicht als Ostmarke geläufig und ich war überrascht, dass ich doch ein ganz paar im Haushalt hatte. Über sie zu lesen, war interessant, ließ mich aber schon schnell stutzig werden. Die Länge so manchen Artikels stach einfach ins Auge, wenn nach vier Sätzen bereits die nächste Marke unter die Lupe genommen wurde. Denn es gab auch andere, denen viele Seiten gewidmet waren. Woran sich Lindner orientiert haben mochte, konnte ich zunächst nicht einschätzen. Leider gab es eine andere Sache, die mir das Lesen - so informativ es auch gewesen ist - völlig vergällt hat. Diverse Anmerkungen im Text des Autors. In etwa wenn es um Lebensmittel ging und plötzlich ein "tja, das schmeckt eben nicht so gut wie beliebige andere Marke". Irritierend für mich an dieser Stelle auch, dass Lindner nicht wissen kann, wie diese Dinge vor über fünfundzwanzig Jahren (!) geschmeckt haben mögen. Auch in seiner Danksagung steht, dass er sich bei seiner Ehefrau bedanke, dass diese es ausgehalten habe (Anmerk.: was mag es für eine schwere Last gewesen sein?) dass er die gemeinsame Wohnung mit diversen heute noch erhältlichen Ostprodukten vollgeladen habe. In Anbetracht dessen, dass diese Firmen völlig in fremde Hände gewandert sind, neue Technik erhielten, neue Rezepturen erfunden wurden, etc. macht es schlicht keinen Sinn, etwas vergleichen zu wollen, das nicht mehr zu vergleichen ist.
Als nun schon einmal mein Argwohn geweckt war, bin ich auf die Suche gegangen. Es hat einen Grund, dass manche Artikel reichlich kurz kommen: Ihre Internetpräsenz fehlt entweder komplett oder ist schlicht nicht aussagekräftig genug. Zwar schreibt der Autor, dass er einige der alten Betriebe besucht habe, aber so ganz glauben konnte ich es ihm nicht. Schließlich gelangte ich am Ende des Buches zu einer Firma, in der eine Cousine von mir seit vielen Jahren arbeitet. Das Produkt, wette ich, kennt jeder, ist es zu einer bestimmten Jahreszeit nicht mehr wegzudenken. Im Betrieb kennt jeder jeden und so bat ich sie, mal alle Mitarbeiter (in überschaubarer Anzahl) zu befragen, ob sie je etwas von dem Autor oder dem Buch gehört hätten. Dem war, nicht ganz überraschend, nicht so. Im Mittelteil existieren diverse Bilder einzelner Produkte, die ganz eindeutig auf der jeweiligen Homepage zu finden sind. Es wird behauptet, man habe sie mit Genehmigung ins Buch getan. Meine Cousine konnte mir aus der Chefetage (die kapseln sich eher ab) nicht sagen, ob dort eine Kontaktaufnahme erfolgt ist. Vor Ort war der Autor aber jedenfalls nicht und die Homepage des Unternehmens ist sehr gut mit informativen Texten gefüllt.
Natürlich macht auch lesen und neu formulieren Arbeit und zumindest bin ich dankbar für das Buch, weil man mal alles gesammelt beisammen hat - allein dafür empfehle ich es übrigens auch sehr. Doch die Bilanz hätte es nun echt rausreißen müssen, was sie aber leider nicht hat. Zum einen ist sie sehr kurz geraten, was allerdings auch dem Umfang des Buches geschuldet sein mag, aber dann doch lieber einige Firmen mit vier Sätzen weniger. Zum anderen widerspricht sich der Autor leider auch noch selbst. In der Einführung fasst er klar zusammen, dass gerade die Firmen überlebt haben, die quasi geheim hielten, dass sie aus dem Osten stammten. Was hinter diesem schlichten Satz steckt, ist nicht mal annähernd vom Autor angefasst worden.
Ich hätte mir einfach mehr Achtung und Respekt auf Augenhöhe den Firmen, die überlebt haben gewünscht. Man darf nicht vergessen, dass viele bis ins achtzehnte Jahrhundert und weiter zurückgehen und was sie nicht schon an deutscher Geschichte überlebt haben. Dass sie Pech hatten, es aber doch immer wieder und wieder geschafft haben mitunter sprichwörtlich aus Ruinen neu zu erstehen, verdient Achtung. Leider sind übrigens die meisten Ostfirmen längst nicht mehr in deutscher Hand; traditionsreiche Betriebe wie Meißner Porzellan oder Glashütte waren so prestigeträchtig für Gesamtdeutschland! Im Ausland, auch im sehr weit entfernten, gibt es nun diverse Anteilsnehmer und Nutznießer, die gut mit deutscher Wirtschaftskraft verdienen. Was hat sich (Gesamt-)Deutschland nicht alles entgehen lassen. Auch davon kein Wort in der Bilanz, obwohl es zum oben stehenden Satz zusammengehört. Natürlich gehe ich vermutlich ebenfalls nicht wertfrei an die Sache heran und vermutlich auch zu sozialwissenschaftlich, denn wirtschaftlich-historisch. Aber es hat mich einfach verärgert, dass jemand auf so eine tolle Idee gekommen ist und das Potential darin dann nicht genutzt hat.
Nein, ich möchte das Buch nicht schlecht machen. Es verdient meinen Respekt, dass sich jemand dieses Themas angenommen hat. Das wird noch ein schwerer Weg, ehe diese historische Hürde überwunden ist. Man sieht es an der Umsetzung. Leider reicht es tatsächlich, sich diverse Homepages anzuschauen, um auf den neuesten Stand zu kommen. Inwiefern die einzelnen Firmen aber überhaupt angeben, sie seien mal in der ehemaligen DDR existent gewesen, ist fraglich. Darum ist dieses Buch unverzichtbar für alle, die es gern mal wissen würden.


Erik Lindner ist promovierter Historiker. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind deutsch-jüdische Geschichte, Zeitgeschichte, Medien, Wirtschaft und Biografien. Seit 1992 schreibt er aus diesem Themenspektrum für Tages- und Wochenzeitungen. Als Bücher erschienen von ihm `Die Reemtsmas´ (2007), `Die Herren der Container´ (2008), `Wirtschaft braucht Anstand´ (2010) und `Coachingwahn´ (2011). Nach beruflichen Stationen im Verlagswesen und im Museum ist er seit 2010 als Geschäftsführer der Axel Springer Stiftung tätig. Er lebt in Berlin-Kreuzberg und in der Mark Brandenburg.

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