Donnerstag, 19. November 2015

Ligas Welt - Margo Lanagan

Titel: Ligas Welt
Autorin: Margo Lanagan
Originaltitel: Tender Morsels
Verlag: rororo
ISBN: 978-3499211669
Euro: 16,99
Veröffentlichungsdatum: Januar 2015
Seiten: 528
Kein Serientitel
Come in: Tausch









Inhalt

Die vierzehnjährige Liga lebt nach dem Tod der Mutter allein mit ihrem Vater. Sie führt ein hartes Leben, das mit viel Arbeit und dem Missbrauch ihres Körpers einhergeht. Als der Vater stirbt, glauben einige junge Männer, Liga sei Freiwild. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits ein Kind und bringt später ein zweites Mädchen auf die Welt. Aber nach all den Torturen flüchtet die magisch begabte Liga in eine ganz eigene (Parallel-)Welt, in der alles gut aber auch unwirklich ist. Nur die Bären, die es durch die magische Barriere schaffen und in der realen Welt Jungs an der Schwelle zum Mannsein sind, bringen Leben in den Alltag.
Als Branza und Urdda älter werden, begreifen sie, dass das nicht so ist, wie es sein sollte. Während die gehorsame Branza bei der Mutter bleibt, bricht die rebellische Urdda aus - und setzt etwas in Gang.


Meinung

Es ist schwierig, diesem Roman gerecht zu werden, das muss man selbst gelesen haben, um es endgültig zu verstehen.
Leider wird "Ligas Welt" als Jugendbuch vermarktet und hat ein buntes, harmlos wirkendes Cover erhalten. Aber die Geschichte ist so angefüllt, dass sie erst ab einem reiferen Alter, mit entsprechenden Erfahrungen verstanden werden kann. Zudem gibt es gewaltsame Szenen, die zwar nicht ins Detail gehen, aber dennoch recht genau beschrieben werden.
Die Handlung beruht auf dem Märchen "Schneeweißchen und Rosenrot", es braucht allerdings schon einiges, um es wiederzuerkennen. Die Anleihen sind da, aber vom Märchenplot ist nur sehr wenig übrig geblieben. Überhaupt ist das kein nacherzähltes Märchen und auch keine Fantasy. Es ist etwas von beidem, gemischt mit viel Realismus.
Die historische Zeit, in der Märchen für gewöhnlich angesiedelt werden, spielt eine nicht unbedenkliche Rolle. Zum einen was die Lebensumstände anbelangt, zum anderen entsprechend der Gesellschaft, des Alltags der Menschen, des Frauenbilds. Lanagan hat nicht nur das Märchen, sondern auch seine Zeit verstanden und in eine neue Geschichte eingewebt, die kaum aus der Hand zu legen ist. Dabei gibt es allerdings auch die ein oder andere Länge, die sich jedoch rasch überlesen lässt. Der Roman sollte jedoch nicht dauerhaft aus der Hand gelegt und nur mit Zeit genossen werden.
In der Stadt, in der Liga bis zuletzt eine Außenseiterin sein wird, auch wenn sie schließlich einen Platz darin findet, gibt es das Bärenfest. Junge Männer werden ausgewählt, um sich mit schwarzem Ruß zu beschmieren und in Bärenkostümen die Mädchen zu "jagen" und ihre Wangen zu schwärzen, indem sie sie küssen. Dieses Fest gibt es übrigens tatsächlich in den französischen Pyrenäen.
Was als harmloser Spaß beginnt, wird im Laufe der Jahre recht brutal und verliert seinen Charme. Einige der Männer gelangen in Ligas Welt und leben dort als echte Bären, gehen damit jedoch jeweils anders um. Irgendwann gelingt es einigen nicht mehr, das Bärenkostüm auszuziehen, egal was sie tun.
Der bärtige, vom Leben enttäuschte Zwerg gelangt durch eine Kräuterhexe in Ligas Welt und kommt reich beladen mit Edelsteinen wieder, Vögel, Froschlaich (Diamanten), Beeren (Rubine), alles wandelt sich in der realen Welt, außerhalb von Ligas Idylle, in Reichtümer.
Das sind nur wenige Anleihen der zahllosen Gleichnisse und Metaphern, um nicht zu viel zu verraten, soll es auch dabei bleiben.
Neben Liga, die stets sehr authentisch dargestellt wird, allerdings nur für jene, die es verstehen zwischen den Zeilen zu lesen, kommen auch ihre Töchter und einige der Bärenjungen zu Wort. Letztere in der Ich-Form.
Männer und Frauen und wie sie zueinander stehen, wie eine Gesellschaft aufgebaut ist und warum, das alles spielt eine entscheidende Rolle. Sprachlich fesselnd, manchmal etwas arg poetisch, aber immer angemessen - auch wenn es hier und da derb zugeht.
Es ist schwer wiederzugeben, was offen da ist und gezeigt wird, dass es allerdings mehr um das geht, was der Leser selbst herausfinden muss. All das, was unter der dünnen Oberfläche brodelt und durch das märchenhaft-phantastische überbetont in jedermans Sichtweite geraten sollte. Kritiken am Frauenbild, auch wenn jenen oft Schlimmes wiederfährt, kann ich nicht verstehen. Ich sehe die Schilderung dieser Welt, Ligas und der realen, ebenfalls wie die Frauen es vermögen darin zu bestehen, was es mit ihrer Magie wirklich auf sich hat und warum es manchmal nötig ist, es anders zu machen, als alle anderen zuvor. Mütter und Töchter und überhaupt.
Wirkt nur, wenn man es selbst gelesen hat. Dann aber sehr tief.

http://amongamidwhile.blogspot.de/
Margo Lanagan ist eine hochgepriesene australische Autorin (short stories, young adult) und zweimalige Gewinnerin des Michael L. Printz-Ehrenpreises sowie Gewinnerin des World Fantasy Award und des Locus Award. Sie lebt in Sydney.

Kommentare:

  1. Das klingt faszinierend, aber auch ein wenig sperrig. Von der Beschreibung her erinnert mich das ein wenig an die Romane von Lilach Mer. Mal sehen, ob es das auch in der Bücherei gibt.

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    1. Für jeden ist es sicher nichts, dazu muss man nur mal die bisherigen Meinungen anschauen. Ich kenne Mer nicht, aber ich denke doch, dass es völlig anders ist.
      Auf jeden Fall will ich mal schauen, ob ich von der Autorin nicht noch anderen Lesestoff finde und das will schon was heißen. :)

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  2. Witzig, dass du das Buch gerade jetzt besprichst, denn ich lese es gerade (naja, ich bin dabei, hab aber vor zwei Wochen eine Pause eingelegt - nicht, weil es mir nicht gefällt, sondern weil ein paar andere Sachen dringender waren).

    Ich find es übrigens sehr intensiv und sehr spannend und will mir jetzt bald auch SEEHERZEN holen ...

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    1. Na ja, "gerade jetzt" ist ja immer so eine Sache. Gelesen habe ich es schon vor einer ganzen Weile, zwischen lesen und Rezi online stellen vergehen bei mir ja oft Wochen oder sogar Monate. So viel schaffe ich auch leider nicht mehr zu lesen, da ich inzwischen andere Verpflichtungen habe, kann Dich also gut verstehen. ;-) Ob das Buch ein zur Seite legen verkraftet, kann ich nicht mal sagen.
      "Seeherzen" würde ich auch gern lesen, es erscheint demnächst als TB. Aber aufgrund meiner extrem begrenzten Zeit warte ich vielleicht lieber, bis ich es ertauschen kann. Ansonsten habe ich mir gebraucht gekauft "Black Juice", schon allein, weil ich mal wieder englisch lesen möchte. Und diese Autorin ist im Original vielleicht ein Stückchen besser als in der Übersetzung. Mal sehen :)

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