Samstag, 24. Januar 2015

(Veranstaltung) "The Wyld" im Friedrichstadtpalast Berlin


Als bei einer Freundin familiär jemand kurzfristig absprang, bekam ich die Gelegenheit, mir die wahnsinnig gut vermarktete Show "The Wyld" im Friedrichstadtpalast hier in Berlin anzuschauen. Als Fazit muss ich jedoch leider gestehen, dass ich enttäuscht gewesen wäre, hätte ich für die (nicht gerade preiswerte) Karte bezahlen müssen.
Die Fotos sind, wie von den Darstellern gestattet, am Ende mit einem Handy gemacht worden.
"The Wyld" ist sicher vieles: bunt, laut, eigen, sportlich - aber leider auch völlig sinnfrei.


Zunächst begann die Show mit einer Darstellung einer Ballettstunde, die sich schier endlos hinzog, ohne dass etwas geschah. Maestro rief: Jetzt eine Piruette! Alle taten es. Maestro rief: Jetzt auf die Zehenspitzen. Alle taten es. Eine Tänzerin wurde gerügt, weil sie sich verspätet hatte - und ich dachte: Also, wenn jetzt nicht gleich ein Bär aus der Tür kommt und zumindest einen von Euch auffrisst ... Es war dann allerdings kein Bär, sondern eine blau-glitzer gekleidete Schwanensee-Tänzerin, die den Raum betrat, sie drehte sich hin und her und das einzige, was mir im Gedächtnis blieb, war das Kostüm.



Plötzlich kamen Biker auf die Bühne, von denen einer immer mal wieder auftrat, ein bisschen vorn auf dem Rad hüpfte, ein bisschen hinten - und sich offenbar in eine blonde Dame in Hotpants verliebte. Die stand auf einer Halbkugel, die ich in der Show für eine Art anderen Planeten hielt. In der Nachrecherche stellte sich jedoch heraus, dass dies der Fernsehturm sein sollte.
Halbkugel fährt weg und lauter bunte Gestalten rennen auf die Bühne, die ein bisschen an achtziger Jahre Filme erinnern.


Plötzlich Szenenwechsel und eine rotgewandete Dame mit goldenem Kopfputz betrat die Bühne, große Holzfässer fuhren aus dem Boden und große und kleine Pudel flitzten herein. Sie sprangen durch einen Reifen. Liefen auf einem Fass.
Dann wieder Tänzer - die nichts taten als würdevoll und elegant über die Bühne zu schreiten. Artisten.


Eines war wirklich auffällig: Die Darsteller waren ausgesprochen dünn. Das kenne ich so aus anderen Shows nicht. Und: Die Kostüme! Auf den Fotos, die ja am Ende entstanden sind, sind die Tänzer mehr oder weniger bekleidet, was in der Show selten der Fall war. So viel nackte Haut hat man selten gesehen.
Das Niveau der Show litt aber nicht nur darunter. Schon am Beginn in der Ballettstunde ist mir das Herz in die Hose gerutscht, weil ich böse Vorahnungen hatte. Eines von drei Paaren verfing sich innerhalb der Show an etwas Imaginerem und im Versuch sich zu lösen, sah es so aus, als "nehme er sie richtig ran".
Das wiederholte sich auch später so einige Male und vielleicht bin ich da etwas eigen, aber ich denke nicht, dass so etwas in eine solche Show gehört.

Die Pause erlöste uns. Meine Begleitung(en) war auch nicht so ganz überzeugt. Irgendwie war es bisher nichts Halbes und nichts Ganzes. Ein bisschen Kindershow und Zirkus, nur dass die pornografischen Kostüme eher weniger für junge Zuschauer geeignet sind. Eine Miniflasche Wasser kostet immerhin drei Euronen und mir ging durch den Kopf: Wenn ich dieses Lied jetzt noch einmal hören muss, stehe ich auf und gehe. Ich hörte es sogar nochmehrmals - blieb aber wo ich war.


Übrigens: Liebe Mitbesucher. Es gibt dort auch Karten für Schwerbeschädigte, die mit Begleitung die Veranstaltung besuchen. Zum Beispiel wenn das Sehen stark eingeschränkt ist. Dann flüstert die Begleitung immer mal einen Hinweis, wo nun etwas zu sehen ist (es gibt ja Minifernrohre und Co.), da auch mal eine Sängerin oben an der Decke klebt und die Darsteller sich aus unterschiedlichen Richtungen nähern. Sie sprechen nicht darüber, wen sie kürzlich getroffen haben oder tauschen ein Rezept aus. Also ist ein: Können Sie nicht endlich mal die Klappe halten? furchtbar unangebracht. Ein Flüstern bei dieser lauten Livemusik zu hören ist ohnedies ein Kunststück für sich. Und ganz ehrlich: Ham Se Angst det Lied zu verpassen? Det hör'n wa sicher noch drei Mal!
"Into the Wyld" war live und wirklich gut gesungen. Aber fünfmal in einer Stunde ist leider doch zu viel.


Die zweite Hälfte war dann tatsächlich besser, aber auch hier: kein Inhalt, kein Sinn. Die Kleopatra war so eine kleine zierliche Person, dass sie keinen Eindruck hinterlassen hat, ihr Kostüm war mitunter größer als sie selbst. Sie tanzte ein paar Male und saß dann im Hintergrund, während sie anderen dabei zusah, was die so trieben.
Das Berlingefühl, das kreiert werden sollte, ging für mich völlig nach hinten los. Da tanzte eine Punkerin um ihren Stuhl (Punks in Berlin? Ist das nicht ein bisschen sehr altbacken?), eine Diva um einen eigenen, eine Orientalin rauchte Wasserpfeife, ein Luxusgirl tauchte mit Taschen (KaDeWe) auf. Alle versicherten immer mal wieder sie seien Berlin. Und ich langweilte mich mit der Frage, welche davon mich als geborene Berlinerin wohl repräsentieren sollte. Und ob's hier keine Männer gibt.


Eine lange Frauenreihe machte mehrmals einen auf "Deutsches Fernsehballett" - rechtes Bein hoch, linkes Bein hoch - und lächelte.
Es kamen Gestelle von oben heruntergeschwebt, ein Stern, ein Y-psilon, ein Kreis und darin saß je eine Darstellerin, die elegant wirkte. Nach wenigen Sekunden fuhren diese Gestelle auch schon wieder nach oben. Die Zuschauer applaudierten lautstark, wovon ich so irritiert war, dass ich es selbst vergaß. Es gab sicherlich Elemente, die waren Applaus wert, aber stets und ständig? Ich denke, da war ein Vorklatscher, denn es fing hinter mir immer mal einer alleine an.

Das einzige, das wirklich gelungen war, war ein Artistenpaar, das den Biker und die Hotpants repräsentierten und die weit über der Bühne Drehungen und Würfe zeigten.
Später waren die Hofdamen von Kleopatra nett anzusehen in ihren goldenen Kostümen und den langen künstlichen Goldnägeln. Es machte Blingbling und das sieht schon echt schön aus. Noch viel später nochmal alles in Silber.


Was positiv heraussticht ist das Bühnenbild. Die Bühne an sich ist nicht gerade groß, aber es gelang dem Team, Größe und Weite zu suggerieren. Außerdem war es schon imposant, als in der Mitte eine mehrstöckige Hebebühne aus dem Boden fuhr und zwei Lavalampenartige Gebilde mit Wasser gefüllt an den Seiten standen, in denen je eine junge Dame herumschwamm. Drumherum waren Tänzer positioniert.
Die Musik war gut, wenn leider ein wenig zu laut. "Into the Wyld" habe ich an diesem einen Abend zu oft gehört (viel Text musste sich die Sängerin also nicht merken), dazu zwei deutsche Lieder und "Kleckerkram". Die Darsteller waren hochmotiviert, haben ihr Bestes gegeben!
Aber der Funke ist einfach nicht übergesprungen.
Wer bunte Bilder, laute Musik und viel nackte Haut mag - übrigens halten sich männliche und weibliche Darsteller die Waage und sind alle nur leicht bedeckt - und außerdem als Alternative nur Couch und TV zur Aussicht stehen, dann schaut es Euch an. Wer Besseres zu tun hat, kann sich das Geld getrost sparen.

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