Montag, 29. September 2014

(Frankfurter Buchmesse) Fantasyliteratur aus Finnland: Finnish Weird


Die Frankfurter Buchmesse 2014 findet vom 8. bis 12. Oktober 2014 statt. Wie jedes Jahr hat sie sich auch diesmal einen Ehrengast eingeladen: Finnland.
Eine Liste finnischer Literatur in deutscher Sprache gibt es HIER zu lesen.
Und während dort die Phantastikliteratur leider etwas untergeht, weil sie schlicht ungeordnet dazwischen geschoben wurde, soll ihr in diesem Beitrag mehr Aufmerksamkeit gezollt werden.

Aus der Presseagentur von "Finnland. Cool":
Wer in Finnland Fantasy denkt, muss auch Science-Fiction sagen. Denn dort sind diese beiden literarischen Gattungen eng miteinander verwoben. Finnish Weird nennt sich die Fantasy-Literatur Finnlands, wo Genregrenzen verschwimmen und finnische Autoren ihrer Phantasie freien Lauf lassen, um seltsame und bizarre Geschichten zu erzählen. Finnish Weird ist eine Mischung aus phantastisch-surrealen Elementen, Entlehnungen der nordischen Mythologie gepaart mit beißendem Sarkasmus und einer Prise „Grusel“.
Um diesem skurrilen Genre-Mix einen eigenen Namen zu geben, kreierte die finnische Autorin Johanna Sinisalo im Jahr 2010 in Anlehnung an „Nordic Noir“ den Begriff „Finnish Weird“. Seitdem fühlen sich immer mehr Autoren der eigen- und einzigartigen finnischen Fantasy Literatur verpflichtet. Die wichtigsten Vertreter des Genres sind Johanna Sinisalo, Emmi Itäranta, Miikko Oikkonen und Pasi Ilmari Jääskeläinen. Gemeinsam werden sie auf der Frankfurter Buchmesse, wo Finnland in diesem Jahr Gastland ist, Finnish Weird präsentieren.


Johanna Sinisalo ist mit "Finnisches Feuer" (Auringon ydin) im Juli bei Klett-Cotta (Tropen) erschienen. Bereits 2007 ist ihr Roman "Troll: Eine Liebesgeschichte" bei rororo veröffentlicht worden. Nachdem ich zunächst erstes Buch gelesen habe - weil ich nichts empfehlen wollte, das ich nicht kenne - habe ich mir auch das zweite im Antiquariat gekauft. Obwohl sie sich im Aufbau ähneln, erzählen sie zwei unterschiedliche Geschichten, die beide eine ganz eigene Atmosphäre kreieren und kaum aus der Hand zu legen sind. Allerdings nicht in die Hände des typischen Mainstream-Fantasylesers gehören; sie sind anders. (Sie sind toll.)

Finnisches Feuer
Finnland in naher Zukunft. Vera und Mira sind Schwestern und wachsen nach dem Tod ihrer Eltern bei der Großmutter auf. Sie haben keinen leichten Stand, denn seit einigen Jahren ist es üblich, Frauen und Mädchen in "Eloi" und "Morlocks" zu unterteilen, wobei letzteres streng verboten ist. So sind Frauen eben alle blond, hübsch, rosenknopsenmundig, selbstverständlich unterrichtet, aber ungebildet, haben keine Ausbildung und heiraten schnellstmöglich.
Vera möchte sich diesem Ideal nicht unterwerfen, sie spielt gerne auch mit Eisenbahnen, kann schnell und gut lesen, verschlingt alle Bücher, die die Großmutter versteckt und sagt, was sie denkt. Aber sie darf das eigentlich nicht.
Auf der höheren Töchterschule, auf der beide lernen, dem zukünftigen Mann ein angenehmes Leben zu bereiten, kommt Vera mit streng verbotenen Chilischoten in Kontakt. Die eine besondere Sorte "Finnisches Feuer" wird ihre Zukunft bestimmen. Ebenso wie die Suche nach der geliebten Eloi-Schwester, die kurz nach ihrer Heirat spurlos verschwindet.

Aus der Presseagentur von "Finnland. Cool" (gekürzt):
Während Goethe mit seinem phantastischen "Faust" kulturell breite Akzeptanz fand – und er spätestens mit dieser Veröffentlichung als Vertreter der Hochliteratur galt – wurden in Finnland Texte mit unrealistischen und phantastischen Zügen, die sich an ein erwachsenes Publikum richteten, per-se als Märchen oder Eskapismus klassifiziert.
Nur dann, wenn Außerirdische oder Geister in den Geschichten vorkamen, wurden sie als akzeptierte Erzählliteratur für Kinder von der Gesellschaft angenommen.
Aufgrund der vergleichsweise späten Entstehung einer fiktionalen Literaturgeschichte kennen junge finnische Autoren keine Genregrenzen oder Schreibtraditionen. Dadurch konnte ein wunderlicher Mix aus Science-Fiction, Fantasy, Horror, Surrealismus und mehr entstehen, der eine Hommage an finnische Folklore und Mythen darstellt. Eine Trennung der Gattungen wird von vielen finnischen Autoren als restriktiv und unnötig angesehen.
In Anlehnung an die mit „Nordic Noir“ bezeichneten skandinavischen Krimis kreierte die finnische Science Fiction- und Fantasy-Autorin Johanna Sinisalo im Jahr 2010 den Begriff „Finnish Weird“ (weird steht im Englischen für u.a. bizarr, seltsam, eigenartig), um gerade diesem skurrilen Mix verschiedenster phantastischer Genreelemente in der finnischen Literatur einen Namen zu geben.
Im Ansatz kann „Finnish Weird“ mit der sogenannten „Speculative Fiction“ aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum verglichen werden. Als stilistisches Paradebeispiel gilt Johanna Sinisalos Buch Troll: Eine Liebesgeschichte, das in Finnland im Jahr 2000 erschienen ist und zu einem Boom fiktiver Erzählungen führte. Seit dem begeistern sich immer mehr Leser für Literatur, die auf das skurrile Potpourri zurückgreift und unter „Finnish Weird“ zusammengefasst wird.
Nicht selten bewegen sich die Geschichten in realistischen Umgebungen, sind auf gewisse Weise jedoch bizarr in ihren eigentümlichen Wendungen, sodass sie sich klar von der traditionellen Erzählweise abgrenzen.
„Fantastische Figuren, die nordische Sagenwelt, Mythologie und bizarre Erzählstränge bilden wichtige Elemente dieser fiktiven Literatur – eben ganz ‚Finnish Weird‘, so Maria Antas, Literaturexpertin und Leiterin des literarischen Programms Finnland.Cool. – Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2014.
Johanna Sinisalo gestaltet „Finnish Weird“ als Verbindung von nordischer Mythologie, Verweisen auf etablierte finnische Literatur und beißendem Sarkasmus. Getreu der Genrevielfalt steht bei ihr die Geschichte an erster Stelle. Häufiges Motiv und Ort der Handlung ist die Natur, in der viele Finnen Entspannung und Erholung vom Alltag suchen. Durch „Finnish Weird“ wird diesem natürlichen Schutzwall etwas Mystisches mit einer subtil bedrohlichen und düsteren Atmosphäre zugeschrieben.
Ähnlich „weird“ ist Emmi Itärantas Roman Der Geschmack von Wasser. „Eine der wichtigsten Aufgaben von Fiktion ist es, die Welt in einem anderen Licht zu zeigen“, sagt die junge Autorin, der ihr Durchbruch in Finnland 2011 mit diesem Roman gelang.
Selbst Autoren, die bisher keine phantastischen Aspekte in ihre Bücher einfließen ließen, versuchen sich immer öfter an mystischen Elementen und phantasievollen Geschichten. Neben den aufgelösten Genregrenzen vermischen sich dadurch alte Schreibgewohnheiten mit neuen Stilen und brechen auf diese Weise tradierte Muster. Die individuelle Gewichtung der verwobenen Gattungen ermöglicht den Autoren nahezu unbegrenzte Gestaltungsvielfalt.

Der Geschmack von Wasser
Kriege und Katastrophen haben das Antlitz der Welt verändert und ihr das Wasser geraubt, das nun stark umkämpft ist. Die Großmacht China hat Europa unterworfen, auch die Skandinavische Union und operiert von Neu Quian aus.
Die siebzehnjährige Noria Kaitio, Tochter des ortsansässigen Teemeisters, steht kurz vor ihrer eigenen Prüfung zum Teemeister, als sich ihr Leben schlagartig verändert. In alter Tradition sind Teemeister die Hüter des Wassers und Norias Vater hat Kenntnis einer geheimen Quelle, in welches er sie einweist.
Gleichzeitig finden Noria und ihre beste Freundin seit Kindheitstagen auf der Mülldeponie der "Alten Zeit" einige seltsame runde Scheiben, die in ein altes Gerät gelegt, mit alten Stimmen sprechen. Was sie sagen, offenbart die Propaganda des Regimes und sie scheinen die Macht zu haben, alles zum Guten zu wenden und das Wasser zurückzubringen.
Doch dann taucht das Regime in Norias Dorf auf, weil es dort eine geheime Quelle vermutet ...


"I’m not trying to say that we Finns reinvented the wheel – new weird – and are trying to claim it as our own, not at all. What I am saying is that Scandinavian countries did not invent crime stories either, but in the wake of the international success of detective and crime fiction from Sweden, Norway, etc., ‘Nordic Noir’ has become a label for a certain quality of story.
In my opinion, the label ‘Finnish Weird’ is also a brand – a brand that promises a roller-coaster ride of highly original prose from very diverse writers with truly personal styles. We are weird and very proud of it."


Weitere Finnische Phantastik auf Deutsch außer den Neuerscheinungen:

Der kleine Hund, der unbedingt ein Mädchen haben wollte - Sari Peltoniemi
Lenkas Freunde haben alle einen Menschen – alle! Nur Lenka hat keinen, dabei wünscht sie sich nichts sehnlicher als ein kleines Mädchen. Und ganz bestimmt wird sie es selbst füttern und jeden Tag mit ihm spielen. Da wird auch ein Hundepapa mit Menschenallergie weich. Lenka bekommt endlich die kleine Marie – und das Abenteuer beginnt. Denn die Menschen haben wirklich in allem einen eigenen Kopf!

Stechapfel - Leena Krohn
Eine Frau mit gesundem Menschenverstand gibt sich der Wirkung einer geheimnisvollen Pfl anze hin, mit deren Hilfe sie eigentlich ihr Asthma kurieren will. Allmählich verschiebt sich ihre Wahrnehmung, und sie bekommt eine Ahnung vom wundersamen Wesen der Welt.

Quantum - Hannu Rajaniemi
Seine Verbrechen sind im ganzen Sonnensystem bekannt – der Meisterdieb Jean le Flambeur kann sich jedoch an keine seiner Taten erinnern. Was ist mit seinem Gedächtnis geschehen? In wessen Körper steckt er? Und warum rettet ihn die ätherische Kriegerin Mieli aus seiner erbarmungslosen Gefangenschaft? Ausgerechnet in der Stadt des Vergessens soll Jean Antworten finden. Dort wird menschliche Lebenszeit als Währung gehandelt, und Erinnerungen sind der kostbarste Besitz jedes Einwohners. Und weil auf keinem Planeten Verbrechen härter bestraft werden, muss der Meisterdieb ohne Gedächtnis auf dem Mars den brillantesten Coup aller Zeiten durchziehen ...

Troll: Eine Liebesgeschichte - Johanna Sinisalo
Der junge Werbefotograf Angel rettet ein hilfloses Fellbündel vor einer Gruppe brutaler Jugendlicher und nimmt es mit nach Hause. Doch es ist kein Tier – es ist ein junger Troll. Schon am nächsten Morgen wird Angel klar, dass er sich ein Stück Wildnis in die Wohnung geholt hat: Der Troll ist unberechenbar, unendlich faszinierend – und gefährlich, wenn man falsch mit ihm umgeht.


Leider eindeutig unterrepräsentiert. Da gerade die nordische Literatur auch sehr starke weibliche Stimmen besitzt, sollte sich jeder Verlag dort etwas näher umsehen. Finnland und seine Nachbarn sind auch zu Deutschland (geografisch) wesentlich näher, als es die meisten anderen Übersetzungen sind.

Kommentare:

  1. Anonym29.9.14

    Das ist ja eine tolle Zusammenstellung und die Bücher sind auch sofort in meiner Bücherkladde gelandet. Endlich mal neue Geschichten und neue Ideen. Wollen wir nur hoffen, dass das bei den Lesern Anklang findet, sonst sind die "Finnen" :-) ruckzuck wieder in der Versenkung verschwunden.
    Ich freue mich jedenfalls auf das Buchmessenspezial und die finnischen Autorinnen und Autoren.
    Viele Grüße aus Frankfurt
    leseratteffm (die sich gerade fragt, warum sie sich nicht mit dem wordpress-login anmelden kann - grummel)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mhm, vielleicht hat es Dir gerade jemand nicht gegönnt? ;-)
      Ich mochte bisher alle Bücher, wenn ich auch hier und da was zu meckern hatte (wann habe ich das mal nicht?) und denke ohnehin, dass man sich ab und an mal auf etwas Neues einlassen sollte.
      Falls Du hingehst, mach doch ein Foto für mich, ich bin ja leider zu weit weg.

      Löschen