Freitag, 5. September 2014

(Blogtour) Handkantenschlag - Dorthe Nors


Titel: Handkantenschlag. Erzählungen
Autorin: Dorthe Nors
Verlag: Osburg Verlag
Originaltitel: Kantslag
ISBN: 978-3955100704
Seiten: 150



Ein lesenswertes Interview mit der Autorin in deutscher Sprache gibt es im Literatourismus-Blog zu lesen und die ersten Geschichten hat Wortwelten schön zusammengefasst und besprochen.



Die 1970 in Dänemark geborene Dorthe Nors hat ihren Erzählband im Original bereits 2008 veröffentlicht, wurde kurz darauf vom amerikanischen Markt entdeckt und nun auch vom deutschen. Im September 2014 erscheint "Handkantenschlag" im Osburg Verlag.
In diesem Interview sagt sie: "The short story isn’t really part of our tradition in Denmark."
Dennoch hat sie sich diesem speziellen Teil der Literatur gewidmet und in zwei einsamen Wochen an der Küste Dänemarks niedergeschrieben. "There was a joy in writing these stories, even though I was writing about battered women and such very bad things."
In der Übersetzung von Ulrich Sonnenberg sind insgesamt fünfzehn Kurzgeschichten zu finden, so wechselhaft wie der April, mal schaurig, mal tiefgründig, mal nachdenklich, mal scharf und auch mal sehr direkt und bildhaft. Obwohl die meisten nur wenige Seiten umfassen, reicht es nicht aus, sie nur ein einziges Mal zu lesen, oft versteckt sich eine zweite Geschichte zwischen den Zeilen.
"There’s a certain amount of Danish irony in it. Danish is an easily bended and toyed-with language. The Danes love a good punch line, a good dry sense of humor that’s almost British, and we enjoy telling people stinging truths with a smile."
Es sind Alltäglichkeiten, die Nors aufgreift und zu einer mal mehr und mal weniger großen Sache gedeihen lässt.
Am Ende hatte ich das Gefühl, es gehe in den meisten Geschichten um verpasste Gelegenheiten und Erfahrungen im Leben. Jene zwischen diesen sollen das wohl einerseits praktisch veranschaulichen und wieder andere darlegen, dass man auf manche Gelegenheit oder Erfahrung sehr wohl verzichten kann. Die Gratwanderung von "was nehme ich mit an Erfahrung" und "was lasse ich lieber sein" beherbergt unterschwellig stets auch ein "sei am besten immer du selbst". Was wohl nicht immer einfach ist, besonders inmitten eines mehr oder weniger ausgeprägten Beziehungsgeflechtes, aus dem wir uns auch mal ausklinken müssen, das uns aber unser ganzen Leben begleitet und niemals loslässt. Und jede Erfahrung - auch die, die wir nicht machen - verändert uns. Irgendwie. Ein bisschen.
Sonst sind es sehr weibliche Geschichten, in jeder spielt eine Frau eine Rolle, auch wenn die Erzählstimme ab und an männlich ist. Und die Familie, die thront generell über allem.


Der Reiher
Mit seinen sechs Seiten ist "Der Reiher" mein persönlicher Favorit des gesamten Romans. Er zeigt eine Frau auf einem Gang durch den Park, in dem es viele Reiher gibt. Sie denkt schonungslos über diese Vögel (besonders die toten), den Park und seine unschönen Seiten und schließlich auch andere Dinge nach.
Am Ende bleiben zwischen den Zeilen die verpassten Dinge im Leben. Und erzählen gleich das ganze Leben dieser Frau mit.
(Die Übersetzung mit "Silberreiher" hätte es für meinen Geschmack vielleicht ein bisschen mehr auf den Punkt gebracht.)

Handkantenschlag
Mit zehn Seiten kommt der Namensvetter des Bandes daher. Eine Frau, die Kinder mit Lernschwäche unterrichtet und immer an die falschen Männer gerät. Schließlich an einen, der völlig durchdreht und sie zwingt, eigene blutige Konsequenzen zu ziehen.
Eine der direktesten Geschichten des Bandes, die eher nach Ursachen, als Erklärungen sucht und sicher nicht den Mann allein für schuldig erklärt. In einer eher naiven Sprache legt sie das Geschehen dar. Denk nach, ehe du ... was man sich einbrockt, muss man auslöffeln ... Sie kneift nicht und reagiert und das ist mehr, als die meisten Frauen getan hätten. Und dennoch ...

Mutter, Großmutter und Tante Ellen
Mit ebenfalls zehn Seiten ist dies die einzige Kurzgeschichte, die mir fremd geblieben ist und bei der ich nicht verstehe, was Nors mir damit sagen oder zeigen will. Dabei sehe ich das Bild, die Beziehungen von "Mutter" und "Tante Ellen" zu ihrer eigenen Mutter (der Großmutter). Schwer belastet nach all den kleineren Geschichten in dieser Geschichte, wenn Großmutter beide gängelt, beschimpft oder gar Gefahr aussetzt - und sich dennoch nie von ihr loslösen können. Der Enkel versucht nun zu verstehen und setzt seine eigenen Erinnerungen hinzu.

In diesem Sommer ging sie auf Friedhöfe
Der Titel ist Programm, eindringlich und nachdenklich wird in sechs Seiten von ihr selbst dargelegt, warum sie in diesem Sommer auf Friedhöfe geht. Ihre Freundinnen meidet, obwohl diese ihr gut zureden wollen und lieber einen Friedhof nach dem anderen erkundet, dabei aber nicht immer nur die Gräber anschaut, sondern die gesamte Stimmung. Manchmal muss so etwas einfach sein, dieses in-sich-selbst-zurückziehen, um dann stärker, auf jeden Fall aber verändert wieder ins satte Leben zu treten. Und schließlich einen neuen L(i)ebensabschnitt zu beginnen.

Das Wattenmeer
Mit acht Seiten ist das eine Art Mutter-Tochter-Geschichte, deren letzter Satz ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.
Mutter ist Schauspielerin, die Rollen bleiben aus und die "Weltenangst" (Depression) kommt. Ein Umzug nutzt nichts, die Tochter ruft die Großmutter an, die kommt und versucht zu helfen. Als es scheinbar nichts zu helfen gibt, entschließt sich die Tochter doch, zu bleiben und den steinigen Weg zusammen mit der Mutter zu gehen. Am Wattenmeer, im Nebel.


"Die Autorin Dorthe Nors weiß, wie sie die kleinen Momente einfängt und mit ihren Worten unvergesslich macht." Oprah

Dorthe Nors auf Lesetour in Deutschland:
08.09.2014: Berlin, in Kooperation mit der Königlich Dänischen Botschaft
09.09.2014, 20 Uhr: Gütersloh, Buchhandlung Markus, Münsterstraße 9
10.09.2014, 19.30 Uhr: Ratzeburg, Buchhandlung am Markt, Am Markt 7
11.09.2014, 19 Uhr: Zweisprachige Autorenlesung in der dänischen Seemannskirche in Hamburg, in Kooperation mit Thalia,




Wer mir innerhalb einer Woche eine E-Mail schreibt und darin kurz darlegt, warum er gern Kurzgeschichten liest (Empfehlungen in jedem Genre werden dankend entgegen genommen) - oder auch nicht - darf sich über eine nigelnagelneue Ausgabe von "Handkantenschlag" freuen. Adresse nicht vergessen!

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