Dienstag, 18. März 2014

(Autorenplausch) Marko Z. Kristin: Losbruch der Weltenläufte (Wüsteneis 01) #2


Titel: Losbruch der Weltenläufte
Autor: Marko Z. Kristin
Originaltitel, 505 Seiten
ISBN: 978-3981606911
Euro: 15,99















Ein paar Eindrücke aus meiner Zeit in Asien, und deren Einfluss auf WüstenEis.

Fortsetzung ...

Deshalb hatte uns die Frau des Dorfältesten auch begleitet, da wir uns nicht direkt mit ihr verständigen konnten. Bereits im Vorfeld hatte sie die Schamanin (indonesisch: Dukun) über unser Ersuchen informiert, und so schien bereits alles für die Zeremonie vorbereitet. Im Inneren ihrer Stelzenhütte war es noch dunkler als die späte Dämmerung im Freien. Im Kreise angeordnet brannten dicke Kerzen auf dem Boden, deren Lichtkegel unruhige Schattenbilder auf den verwitterten Holzwänden zittern ließen. Mit unserem Eintreten begann die Schamanin unausgesetzt in sich hinein zu murmeln; Worte einer wunderschön klingenden Sprache, von der ich zu meinem Bedauern nichts verstand. Langsam traten wir vor die Kerzen. Die Schamanin bedeute uns, uns um den kleinen Kreis der Kerzen niederzulassen. Die Frau des Dorfoberhauptes und ich setzten uns auf den Holzboden. Meine Begleiterin wurde angewiesen, sich auf den Bauch zu legen, ihre Stirn auf verschränkte Handrücken gebettet, den Blick zu Boden gerichtet.

"Damit der Ritus seine Wirkung entfalten kann, ist es sehr wichtig, dass sie nichts von der Zeremonie mit eigenen Augen sieht", erklärte mir die Frau des Dorfältesten in rücksichtsvoll langsam gesprochenem Indonesisch. Wir, als ihre Begleiter, hingegen, mussten den Ritus verfolgen, um den Geist der Erkrankung zu vertreiben, wenn er erst aus ihrem Körper gewichen sei. Während die Schamanin an uns beide Begleiter Betelnüsse und grüne Blätter weitergab, die wir kauen sollten, entdeckte ich in der Mitte des Kerzenkreises ein Ei und daneben den großen Totenkopf eines Orang-utans, den ich sofort an seinen typischen Reißzähnen und der menschenähnlichen Gestalt als solchen erkennen konnte. Plötzlich konnte ich mich einer auftreibenden Unrast nicht mehr erwehren und war unfassbar gespannt, was sie wohl mit diesen Requisiten anstellen würde. Allein durch die geheimnisvolle Atmosphäre wurde mir heiß im Körper und beim Anblick meiner kranken Begleiterin konnte ich mir schon jetzt vorstellen, dass das Ganze eine Wirkung entfachen würde, welcher Art auch immer. Dann wurde ich aus meiner Aufgeregtheit gerissen, da man mich mit Nachdruck darauf hinwies, nun die Betelnuss und das Blatt zu kauen. Die leicht berauschende Wirkung dieser, hier verbreiteten Gewohnheit, hatte ich bereits einmal erfahren. Es nun aber in dieser ohnehin schon aufregenden Atmosphäre zu tun, bereitete mir ein wenig Unbehagen. Doch war klar, dass dies ein Bestandteil des Ritus war, und nicht abgelehnt werden konnte. Also kaute ich. Und bis heute kann ich nicht sagen, ob es im Anschluss meine veränderte Wahrnehmung war, die die Stimme der Schamanin in meinem Kopf anschwellen und immer klarer werden ließ, oder ob ihr Singsang tatsächlich immer lauter wurde, da sie begann, in rhythmischen Schritten um uns herum zu tänzeln. Doch begann die Betelnuss mit Gewissheit zu wirken, wie ich es bislang nicht erlebt hatte. Heiße Wellen wohliger Unrast krochen mir den Rücken hinauf und pochten in den Kopf. Merkwürdigerweise hatte ich das Gefühl schärfer sehen zu können, wenn auch alle Bewegungen in meiner Sicht verwischten.

Und dann ging alles sehr schnell, sodass es mir kaum möglich war bewusst zu folgen. Erst im Nachhinein konnte ich den Ablauf im Gedächtnis wieder ordnen. Mit einem kleinen Satz, der mir in jenem Moment als mächtiger Sprung erschien, setzte die Schamanin in den Kreis der Kerzen über. Der Aufstoß ihrer Füße war uns eine kraftvolle Erschütterung, die die Kerzenflämmchen auflodern ließ, durch den Boden fuhr und wummernd auf unsere Körper übergriff. Die Schamanin schnappte sich das Ei auf dem Boden, sprang wieder aus dem erleuchteten Kreis, direkt neben meine Begleiterin. Sie kniete neben ihr nieder, krempelte ihr T-Shirt etwas nach oben, so dass der untere Bereich ihres Rückens frei war. Ihr Singsang wurde merklich lauter. Dann knackte die Schale des Eis, und an glibberigem Faden kleckste Eiweiß auf den Rücken meiner Begleiterin. Die Schamanin ließ sich auf alle viere herab und beugte sich mit ihrem Gesicht dicht über den verschmierten Rücken, als versuchte sie etwas aus dem Eiweiß zu lesen. Bedacht hob sie die linke Hand und nutzte den besonders langgewachsenen Nagel ihres kleinen Fingers als Pinsel, um mit der schleimigen Eimasse Hakenlinien und sich überschlagende Kreise auf den nackten Rücken zu Zeichnen. Dann blickte sie unvermittelt von ihrer Arbeit auf, stierte mir direkt ins Gesicht als hätte sie etwas entdeckt, das auf mich hinwies. Mir stockte der Atem. Doch im nächsten Augenblick sprang sie zurück in den Kreis, und griff sich rasch den Orangutan-Totenkopf. Sie hielt ihn mit beiden Händen, und führte ihn dicht über die Kerzenflammen einmal den vollen Kreis entlang. Einen schaurigen Schatten ließ der Totenschädel durch den düsteren Raum gleiten, ehe er sich auf meine Begleiterin herab ließ. Denn als nächstes führte ihn die Schamanin einmal um die liegende Gestalt herum, wobei sie nun mit dem Kiefer des Schädels klapperte, während sich der Rhythmus ihres Singsangs an das gespenstische Klappern anpasste. Im Anschluss legte sie den Schädel behutsam neben den Kopf ihrer Patientin, womit ihr Singsang verstummte. Sie beugte sich noch einmal dicht über den verschmierten Rücken, und nach wiederholtem innigen Blick, mochte es scheinen, als zöge sie etwas Kleines, Spitzes aus Eiweiß und Haut hinaus. Wieder blickte sie mich mit starrer Miene an. Dann hielt sie etwas in den Schein des Kerzenfeuers, das wie ein blutiger Holzsplitter aussah. In völlig nüchternem Ton sprach sie ein paar Worte zu der Frau des Dorfältesten, die daraufhin ein ernstes Nicken zeigte. Die Schamanin stand auf und schmiss den Splitter durch eine offene Fensterluke hinaus. Dann wandte sie sich fürsorglich ihrer Patientin zu, wischte das Eiweiß vom Rücken, bedeutete ihr sanft sich aufrecht hinzusetzen und wickelte ihr mit geschickten Handgriffen eine Art Turban auf den Kopf. Fragend schaute mich meine Begleiterin an. Doch wir beide spürten, dass man jetzt keine Fragen stellte. In einem Handschwung löschte die Schamanin alle Kerzen, und damit auch alles Licht im Raum, mit einem großen Bambusfächer. Mondlicht strömte durch die Fensterluke. Auf der Türschwelle wurde ich von der Frau des Dorfältesten angehalten, das Ei zu bezahlen. Ich legte 10.000 IDR ( 0,7 €) auf die Türschwelle.

"Das war der kranke Splitter deines Körpers, die Schamanin hat ihn entfernt, und mit ihm den Geist der Erkrankung. Du bist geheilt, doch sehr geschwächt. Deshalb muss dein Kopf bedeckt sein, solange wir im Freien sind. Der Geist schweift vielleicht noch durch diesen Abend. In unserem Haus kannst du den Sarung wieder abnehmen. Er ist ein Geschenk an dich," erklärte uns die Frau des Dorfältesten auf dem Weg zurück zu ihrer Hütte.

Anhand eines Bluttests wurde knappe zwei Monate später festgestellt, dass meine Begleiterin an keinem ernsten Blutfieber erkrankt war. Doch nach jenem Abend bei der Schamanin ging es ihr am nächsten Morgen wieder deutlich besser, und keine drei Tage später war sie wieder völlig gesund.

Ich hingegen hatte tatsächlich das Pech, mir am Ende dieses Field-Trips, der ca. 1,5 Monate dauerte, Denguefieber einzufangen. Vier Tage quälte mich das Blutfieber in einer Wellblechhütte bei 40 Grad tropischer Hitze. Das Klima in Verbindung mit dem hohen Fieber und der Dehydration erzeugte Halluzinationen. Vierzehn Stunden über den Flussweg war jenes Dorf vom nächsten Krankenhaus entfernt. Am fünften Tag blieb uns nichts anderes mehr übrig, als die anstrengende Bootsfahrt hinter uns zu bringen. Doch das ist eine andere Geschichte.

MZK

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