Donnerstag, 5. September 2013

Die Fährte des Blinden - Glenda Noramly


Titel: Die Fährte des Blinden
Autorin: Glenda Noramly
Originaltitel: Havenstar
Verlag: Heyne
ISBN: 3453178939
Euro: Antiquariat
Veröffentlichungsdatum: November 2000
Seiten: 654
Kein Serientitel
Come in: Tausch











Inhalt

Die Welt Malinwar hat sich vor Jahrtausenden verändert, als das Chaos in Form des Tilgers hereinbrach. Geblieben sind acht Stabilitäten, die vom Unbeständigen durchbrochen werden. In diesen ziehen Feldströmungslinien aus purer Energie ungebunden umher und verändern Mensch und Tier. Regeln und Gesetze sind im Unbeständigen außer Kraft gesetzt und neben den veränderten Kreaturen leben nur die Häscher, Fänger im Dienste des Tilgers, in ihnen und verbreiten Chaos.
Menschen, die feldströmungsfühlig sind, können den Veränderungen entgehen, aber jene, die es nicht sind, werden unweigerlich ins Chaos gezogen. Ihnen ist es verboten, je in eine der Stabilitäten zurück zu kehren.
Das Leben in den Stabilitäten ist streng nach einer religiösen Ordnung der Kantorei geregelt. Diese legt auch fest, dass jeder Bürger einmal im Leben eine Wallfahrt durch eine Unbeständigkeit machen muss.

Kartenzeichner sind hochangesehen und reisen das halbe Jahr durch Malinwar um jede Veränderung sofort aufzunehmen und später in Karten umzusetzen.
Keris Kaylen ist die Tochter eines solchen und zeichnet inzwischen nicht nur die Karten, sie erfindet neue Dinge, so dass sich der Ruhm ihres Vaters mehrt. Doch als Frau ist es ihr verboten, ihm in diesen Beruf zu folgen, obwohl sie sich nichts sehnlicher wünscht.
Als ihr Vater auf einer seiner Reisen getötet wird und ein geheimnisvoller Mann seine Hinterlassenschaft zurück bringt, soll Keris den besten Freund ihres Bruders heiraten. Dieser ist allerdings nur hinter ihrer Mitgift her.
Als Keris in den Paketen des Vaters eine der letzten Trompleri-Karten findet, ist ihr Ziel klar: Sie will lernen, wie man eine solche magische Karte herstellt. Doch der Tilger, der um sein Chaos fürchtet, ist ihr stets dicht auf den Fersen.
Keris gerät an eine Gruppe Reisende, die Teil einer Prohezeiung ist, die ganz Malinwar von Grund auf verändern könnte.

Cover

Die Umschlaggestaltung stammt vom Nele Schütz Design und hat mit dem Inhalt absolut gar nichts gemein. Allerdings wird eine vollständig bekleidete Frau mit Schwert gezeigt und das trifft es dann doch irgendwie.
Eine ansehnliche Karte der Welt und ihrer Stabilitäten/ dem Unbeständigen kann auf der Homapage der Autorin angesehen werden. Hier.

Meinung

Glenda Noramly, die heute als Glenda Larke schreibt, hat mit "Die Fährte des Blinden" nicht nur einen Einzelband, sondern auch gleich ihr Debüt vorgelegt. Im Original wurde es im Juli 2013 neu aufgelegt und das wäre auch in der deutschen Übersetzung wünschenswert, denn es ist ein großartiger Roman.
Schon an den Schwierigkeiten der Zusammenfassung ist zu sehen, dass Noramly einen komplexen und sehr durchdachten wie hintergründigen Roman geschrieben hat. Hier stimmt alles, Logiklücken klaffen nicht auf und sämtliche Handlungsstränge werden sehr zufriedenstellend zusammengeführt. Dabei scheut die Autorin auch vor bestimmten Themen nicht zurück, wenn in etwa Menschen aus eigenen Stücken entscheiden, in einer Unbeständigkeit zu leben, weil sie gleichgeschlechtlich lieben, was die Kantorei strengstens verbietet. Überhaupt wird nach einiger Zeit immer unklarer ob es nun wirklich ein Segen ist, in einer streng reglementierten Stabilität zu leben, die die Anzahl der Kinder festlegt und überzählige für das religiöse Leben von ihren Familien fortholt oder das Aussehen für Kleidung vorschreibt. Kleinere Verstöße sind üblich, müssen aber dennoch geheim bleiben. Wenn Keris' Mutter beispielsweise bestickte Unterröcke trägt; ein Detail, das für sehr viel Lebendigkeit sorgt und die Welt in der Welt deutlich vor Augen des Lesers führt.
Verständlich wird da die Entscheidung mancher, sich in die Unbeständigkeit zu begeben. Die Häscher scheinen oft überall, verändertes Getier streift umher und greift alles und jeden an, nicht zuletzt kann jederzeit und überall eine Feldströmungslinie aus dem Boden brechen. Das alles nehmen sie in Kauf, um leben zu können, wie sie wollen. Und natürlich auch jene, die verändert wurden und aufgrund ihrer unwirklichen, verschobenen Züge nicht mehr in der Stabilität geduldet werden.
Die wahre Vielschichtigkeit dieser Geschichte offenbart sich erst am Ende.
Keris ist eine sehr symphatische junge Frau, die zwar die Regeln bricht, aber dadurch nicht übertrieben kämpferisch wirkt. Sie will kein System sprengen, sie will nur Karten zeichnen und den Tod ihres Vaters aufklären. Ihr Leben im elterlichen Haus wird im ersten Drittel thematisiert und liest sich fix weg. Trauer und Sorgen nach dem Tod des Vaters werden greifbar. Aber auch das Leben in der Stabilität wird deutlich, auch die Ängste der Leute, wenn sich in etwa die Berge in der Ferne verschieben. Soll die junge Frau es wirklich wagen, in einer so unsicheren Zeit und Welt alles aufzugeben was sie hat? Die Entscheidung fällt ihr nicht leicht, zumal die kranke Mutter ohne sie kaum zurecht kommen wird.
Als sich Keris endlich entschließt, nimmt die Handlung sofort deutlich an Fahrt auf. Sie gerät schnell an die Gruppe Reisender, die sie fortan begleiten wird. Bunt gemischt und jede einzelne Figur absolut einzigartig, mit nur zu ihr gehörender Geschichte. Handlungen und Motive werden so mehr als deutlich, wenn der Tilger sie verändert oder auf seine Seite zu holen vermag.
Kurz nachdem die Gruppe ins Unbeständige eingetreten ist, zieht es sich kurz, weil erst verstanden werden will, was es mit der Einzigartigkeit der Welt auf sich hat. Doch das überliest sich schnell und alles, was danach kommt, entschädigt dreifach dafür.
Der Führer der Gruppe, der sich als der geheimnisvolle Mann herausstellt, der die Sachen von Keris Vater zurück gebracht hat, wird für sie noch eine besondere Bedeutung bekommen. Obwohl sie es nicht dürfen - er ist dem Tilger versprochen, auch wenn er mit aller Macht gegen diesen kämpft - verlieben sie sich. Hier liegt mehr Motivation als Romantik verborgen, aber genau deswegen so viel Gefühl, das es ans Herz geht. Noramly schont ihre Figuren keineswegs!
Die Autorin setzt hier Sicherheit, aber Reglement und Unsicherheit, aber (gewisse) Freiheit gegeneinander. Dieses Spiel gelingt und macht die eigentliche Faszination aus.
Erwachsene, durchdachte, spannende, gefühlvolle und sehr mitreißende Fantasy, die jedem ans Herz gelegt ist. Besser geht's nicht.


http://glendalarke.com/news/
http://glendalarke.blogspot.de/
Ein Pseudonym von Glenda Larke.
Glenda Noramly Larke wurde als Tochter eines Farmers in West-Australien geboren. Sie studierte an der University of Western Australia. Die Australierin Glenda Larke lebt in Malaysia, wo sie ihre zwei größten Wünsche verwirklicht: das Verfassen von Fantasy-Romanen und der Vogelwelt des Regenwalds zu lauschen. Sie hat auch bereits in Tunesien und Österreich gelebt. In jeder freien Minute beobachtet sie Vögel.

Kommentare:

  1. karin5.9.13

    Hallo und guten Tag,

    schade, dass sich der Heyne-Verlag da schon länger aus dem Geschäft verabschiedet hat. Denn eine zeit lang hatten sie auf diesem Gebiet wirklich gute/interessante Bücher im Angebot.

    LG..Karin..

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    1. Dabei gilt er doch (unter anderem) noch immer als beliebtester Phantastikverlag? Manchmal haut er mir die Bücher zu unbesehen heraus, könnte er sich mehr Zeit für sie nehmen. Auch die Auswahl war - in meinen bescheidenen Augen - schon mal besser. Aber wie es scheint, liegt das alles im Auge des Betrachters. ;-)

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  2. Danke soleil, dieses Buch paßt genau in mein Beuteschema und wird jetzt gesucht und gesucht und gesucht ....
    Liebe Grüße

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    1. Ich kann es wirklich nur wärmstens empfehlen. Im Marektplace beim großen Onlinehändler ist es zu einem sehr bezahlbaren Gebrauchtpreis zu haben. Ich selbst habe viel zu lange in einer Tauschbörse auf das Auftauchen des Buches gewartet ... aber es kam schließlich - wenn auch mit intigrierter Weihnachtskarte.
      http://verlorene-werke.blogspot.de/2012/08/kurz-gedacht-buch-oder-weihnachtskarte.html

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  3. Ohhhh, das klingt richtig, richtig gut. Ich habe von der Autorin noch nie etwas gelesen, aber ich denke, das wird sich bald ändern. ;)

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    1. Ich habe schon einige Bücher gelesen von ihr. Die neue Serie (neu übersetzt) allerdings noch nicht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sie mir ebenso gut gefallen wird. Abegesehen davon sind Einzelbände in der Fantasy ja eher selten.

      Hast Du eigentlich schon Kristen Britain versucht?

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    2. Nein, immer noch nicht. Das letzte High Fantasy Buch, das ich gelesen habe, war der letzten Teil der Rai Kirah Trilogie von Carol Berg - gefiel mir ebenso wenig wie der zweite Teil. Schade, nach so einem tollen Einstieg.

      Und jetzt ist mir eine re-read dazwischen gekommen. Ich bin mir auch noch nicht so ganz sicher, ob ich den nächsten vier Wochen überhaupt dazu kommen werde, meine Facharbeit hat erstmal oberste Priorität und ich habe hier schon einige andere angefangene Bücher rumliegen...aber dann!

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    3. Ich mochte den ersten von Carol berg eigentlich recht gerne, die anderen beiden liegen noch ungelesen hier rum.
      Man soll sich nie zwingen, sonst geht es nicht gut aus, darum Eile mit Weile ;-)

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    4. Das Buch musste anscheinend erst einige Zeit bei mir reifen, aber heute morgen habe ich es angefangen. Was soll ich sagen, die ersten 100 Seiten haben mir schon gut gefallen! ;)

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    5. Bei mir lag es ja auch erst einmal eine Weile herum. Aber das macht nichts, solange es einem dann gut gefällt. Ich wünsche Dir auch für den Rest des Buches viel Spaß! Wo hast Du es denn letztendlich aufgetrieben?
      Ich habe Glenda Larkes Illusionisten übrigens auch bereits komplett gelesen, aber nie eine Rezi verfasst. Gefiel mir ebensogut, wenn auch nicht ganz so gut wie dieses Buch.
      Freu mich auf Deine Meinung zum Gesamtbuch!

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    6. Uff, ich glaube, ich habe es über zvab bestellt, da kaufe ich ab und zu, wenn ich bestimmte Bücher haben will, die es nur noch gebraucht gibt.
      Mich hat es ein bisschen den Zweiteiler von Anne Bishop erinnert, dort sind es verschiedene Landschaften, die mit Brücken begehbar sind. Und da gibt es auch einen Welten zerstörer. Von der Ausführung her aber ganz anders.
      Auf jeden Fall gefiel mir dieses Buch sehr gut, nur das Ende war mir zu knapp. Ist aber nur ein einziger Kritikpunkt. ;)
      Den anderen Titel werde ich mir mal genauer ansehen - und vielleicht lese ich es in einigen Jahren :-D

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    7. Hauptsache, es hat Dir gefallen :) Bishop war leider vor Jahren nicht mein Fall. Aber es gibt viele Geschichten, die einander ähneln. So schlimm finde ich das nicht, solange noch genug eigenes dabei ist.

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