Donnerstag, 10. Januar 2013

Das Mädchen mit den gläsernen Füßen - Ali Shaw


Titel: Das Mädchen mit den gläsernen Füßen
Autor: Ali Shaw
Originaltitel: The Girl with Glass Feet
Verlag: Script5
ISBN: 3839001315
Euro: 19,95
Veröffentlichungsdatum: Januar 2012
Seiten: 400
Kein Serientitel
Come in: Tausch








Inhalt

Midas Crook liebt das Fotografieren genauso wie das Alleinsein. Bei seinen einsamen Streifzügen durch die Natur St. Haudas trifft er eines Tages auf die zwanzigjährige Ida Maclaird. Sie fasziniert ihn beinahe sofort und da die Insel überschaubar ist, kommt er schnell hinter das Geheimnis der jungen Frau. Sie verwandelt sich von den Füßen aufwärts in Glas. Auslöser dafür scheint eine Begegnung mit dem bizarren Henry Fuwa gewesen zu sein, der irgendwo allein im Moor lebt und nur selten in die Stadt kommt.
Findet Ida keine Möglichkeit, um das Glas aufzuhalten, wird sie zerbrechen und sterben. Midas, der von der lebenslustigen Art Idas irritiert wie beglückt ist, ist entschlossen, ihr bei der Heilung zu helfen. Doch das wird schwierig, denn niemand kennt den genauen Aufenthaltsort Henrys und das Glas ist schnell ...



Meinung

"Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" versprach ein melancholisches Märchen für die kalte Zeit des Jahres, wenn die hellen Stunden des Tages zumeist von der Gräue des Zwielichts geschluckt werden und der Frost in jede noch so kleine Ritze kriecht.
Bedrückend und trist geht es dann auch tatsächlich zu, jedoch leider nicht sonderlich mitreißend. Dazu überzeichnet Ali Shaw so manche Figur und gibt jenen, die im Vordergrund stehen nicht genug Substanz und Hintergrund, um sie für den Leser fassbar zu machen. Leider neigt er auch dazu, Situationen zu sehr auszureizen und sie endlos neu zu wiederholen.
Midas ist ein sehr zurückgezogen lebender Mensch, der nur so viel persönliche Kontakte pflegt, wie unbedingt nötig. Seine zarte Seite wird durch seine Arbeit in einem Blumenladen und seine Liebe zur Fotografie (des Lichts in allen Facetten) betont. Schuld daran sein gefühlskalter Vater, der ihn und seine Mutter seelisch misshandelt hat, was nicht nur Midas Mutter zerbrechen ließ, sondern den kleinen Jungen, hilflos und zu keiner Lösung fähig, zusehen.
Shaw zeigt das an kurzen Szenen, die die Familie bei Alltäglichkeiten begleiten. Zunächst schaffen es diese, ein lebendiges Bild Midas aufzuzeigen, dann jedoch drehen sie sich nur noch im Kreis, so dass es wirkt, als würde stets das gleiche in anderer Umgebung beschrieben.
Ida hat im Leben nichts ausgelassen, ihre Hobbys haben sie weit herumgebracht und sie steht voll im Leben. So bildet sie beinahe das komplette Gegenteil Midas, was die beiden wohl so sehr am jeweils anderen fasziniert.
Eine richtig wirkliche Liebesgeschichte entwickelt sich nicht, jedenfalls nicht so, wie es in anderen Erzählungen üblich ist. Und leider bekommen beide kein Happy End, wer damit also nicht leben kann, sollte nicht erst mit dem Lesen anfangen.
Irrtiert hat mich von Anfang an die Namensgleicheit der beiden Protagonisten. An "Ida" einfach ein M und ein s heranzuhängen, schien zunächst nicht sonderlich einfallsreich. Aber nach Ende der Lektüre schlich sich der Gedanke in meinen Kopf, dass beide vielleicht eher wie eine Art Symbol zu verstehen sind. Sind sie letzten Endes vielleicht ein und dieselbe Person? Soll Ida die weibliche, verletzlichere Seite Midas sein, die er schließlich "überwinden" kann, um zu sich selbst zu finden und ein "ganzer Kerl" zu werden? Ich hoffe es ehrlich gesagt nicht, denn ohnehin schon hadere ich mit der Botschaft des Werkes.
Natürlich sollte sicherlich eine trübsinnige Geschichte erzählt werden, aber es fällt doch ziemlich auf, dass es keine wirklich glückliche Figur im Buch gibt. Allen ist im Leben etwas Schreckliches widerfahren, sei es Krankheit, Tod eines geliebten Menschen, seelische Grausamkeit oder einfach der Zwang, ein Leben leben zu müssen, dass so nie gewollt gewesen ist. Dabei zeigt Shaw aber leider keine Alternativen oder Lösungen auf, alles ist schlecht und alles bleibt schlecht. Ob das Buch also wirklich in Jugendhände gehört, sei dahingestellt.
Nicht zuletzt wird das Geheimnis um die gläsernen Menschen, denn es gibt mehrere davon, nicht aufgeklärt. Es ist anzunehmen, dass Shaw dies metaphorisch vielleicht getan hat, aber falls das so sein sollte, habe ich es nicht verstanden. Ida in etwa bekommt nur einen so dürftigen Hintergrund, dass sie kaum einzuordnen ist. Da aber sie an dem Phänomen leidet, wäre es hilfreicher gewesen, mehr über ihre Kindheit, ihr ganzes bisheriges Leben, zu erfahren.
Alles in allem liest sich der Roman zügig weg, enthält jedoch zu viele Elemente, die bedeutsam wirken, aber keine Rolle spielen und vom eigentlichen Kern, der leider nicht wirklich zu greifen ist, ablenken. Trotz sehr viel Mühe des Autors geht das Geschehen nicht wirklich in die Tiefe und verharrt recht oberflächlich, wozu auch die zähen Wiederholungen beitragen. Das Geheimnis bleibt unaufgeklärt und ein Happy End gibt's auch nicht. Darum kann man "Das Mädchen mit den gläserenen Füßen" durchaus lesen, muss es aber nicht unbedingt.

http://www.alishaw.co.uk/
Ali Shaw wurde 1982 geboren und wuchs in einer kleinen Stadt in Dorset, Großbritannien, auf. Nach seinem Abschluss in Englischer Literatur an der Universität von Lancaster arbeitete er als Buchhändler und in einer Bibliothek in Oxford. Sein Debüt Das Mädchen mit den gläsernen Füßen war ein großer Überraschungserfolg und wurde in 18 Sprachen übersetzt.

Kommentare:

  1. Ich mochte "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen", es zählt sogar zu meinen Jahreshighlights, auch wenn ich "nur" 4 Zweigchen vergeben habe. Vor allem, weil es nicht unbedingt mitreißend war und mit so viel Schwermut daherkam, dass es nicht leicht war, einen positiven Funken am Ende zu finden. Beeindruckt hat mich hingegen die sprachliche Intensität, mit der dieser junge Autor zu erzählen weiß, und es hat mich beeindruckt, dass er ein Buch geschrieben hat, das nicht unbedingt gefällig ist, mit seinen Längen, die dem drögen Alltag zu entsprechen scheinen, mit einer Liebe, die vermeintlich keine Erfüllung findet, und auch mit dem Rätsel des Glases, das irgendwie keine Lösung findet. Gestört haben mich die flatterten Kühe, die mir aufgesetzt vorkamen. Auch kann ich mir vorstellen, dass ich das Buch als junger Mensch um die zwanzig nicht gerne gelesen hätte, weil es mir zu negativ gewesen wäre und ich keinen Sinn dafür gehabt hätte, dass in überspitzter Tragik auch ein Hauch Schönheit liegen kann.

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    1. Ich weiß, ich habe gesehen ;-)
      Ich sehe durchaus, was der Autor da angefangen hat, aber so recht die Kurve hat er noch nicht gekriegt. Schon allein, weil es schlicht nicht zu verstehen war, was er zwischen den Zeilen erzählen wollte. Und mich hat auch massiv gestört: "jedoch zu viele Elemente, die bedeutsam wirken, aber keine Rolle spielen und vom eigentlichen Kern, der leider nicht wirklich zu greifen ist, ablenken."
      Unter anderem eben diese kleinen geflügelten Viecher. Oder einfach das Glas. Und natürlich, dass die Atmosphäre da war, aber nicht berührt hat. Dass es kein Happy End gibt, stört mich wenig, ich liebe Herzschmerzgeschichten.
      Es ist irgendwie von allem zu viel und darum leider zu wenig.

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    2. Hach, wer weiß, was der junge Mann loswerden wollte. Männer sind ja nicht immer (um nicht zu sagen nie) zu verstehen, und es ist gut, dass Bücher auf jeden anders wirken. Ich fand zum Beispiel auch die Poison Diaries unglaublich poetisch, obwohl das Buch (Bd. 1, denn Bd. 2 hab ich immer noch nicht gelesen) eigentlich recht langweilig erzählt ist. Bei mir kommt die Wahrnehmung sehr auf die Grundstimmung an. Ali Shaw hat mich auf einem Fuß erwischt, wo ich mich schniefend auf der Couch wiedergefunden habe, E. L. James mit ihrem Machwerk hingegen in einer Niederwürglaune. Aber das ist ja auch wieder das Schöne an Kunst insgesamt: Dass jeder für sich etwas daraus entnehmen kann oder eben auch nicht.

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    3. Ich glaube ja, dass der junge Mann auf den richtigen Weg ist und würde darum gern seit zweites Buch lesen, das die Tage erscheinen müsste. Aber das ist so teuer, dass ich auf Tausch hoffen muss und das wird wohl erst in einigen Monaten der Fall sein.
      Bücher müssen nicht jedem gefallen, außerdem glaube ich ganz fest, dass es für manche Bücher einfach "die richtige Zeit" gibt (oder eben die falsche).

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  2. Deine Rezension klingt gut :))
    Freue mich auf das Buch :]

    LG Lisa

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    1. Nach der Rezi solltest Du Dich eigentlich nicht mehr ganz so freuen ... oder? ;-)
      Ich bin aber schon gespannt, wie es Dir so gefallen wird.

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