Samstag, 21. Juli 2012

"E-Book vs. Print" von Jonas Winner


Der Journalist und Autor Jonas Winner hat im August 2011 seinen auf ca. 1200 Seiten angelegten Thriller "Berlin Gothic" als siebenteilige E-Book-Reihe gestartet und als Self-Publisher herausgegeben. Zehn Monate später hat er über 100.000 Exemplare verkauft. Die englischsprachigen Rechte sind von einem amerikanischen Verlag erworben worden, die Bände werden derzeit übersetzt und kommen als E-Book- und Paperback-Reihe auf Englisch in den USA und weltweit heraus. Die Filmrechte von "Berlin Gothic" werden verhandelt, eine Fernsehserie wird entwickelt, ebenfalls für den Weltmarkt.
Am 1. Oktober 2012 erscheint aber auch ganz traditionell als Taschenbuch (und Hörbuch und E-Book) Winners neuer Roman „Der Architekt“ bei Droemer Knaur.
Zeit zu sagen: Hand aufs Herz, Jonas. E-Book oder Print?


So lautet der Titel, der mir für einen Blogpost angeboten wurde: „E-Book vs. Print“. Das lässt natürlich Spielraum für jede Menge Interpretationen. Was ist besser: E-Book oder Print, bzw. E-Book oder Holzbuch? Was gefällt dir besser? Was wird sich in Zukunft besser durchsetzen können? Und so weiter.
Tatsächlich ist es ein Thema, an dem sich seltsamerweise die Geister zu scheiden scheinen. Es gibt Leser, die sich strikt weigern, aufs Elektrobuch umzuschwenken, und es gibt Leser, die von den neuen Möglichkeiten hellauf begeistert sind.
Ich muss sagen, ich teile die Begeisterung - würde aber das Holzbuch niemals aufgeben wollen.
Warum? Weil man keinen Strom braucht, um es lesen zu können. Und - vielleicht noch wichtiger: Man braucht kein GERÄT, um das Buch lesen zu können. Wer hat nicht die Erfahrung gemacht, dass er seine alten Ton-Kassetten oder Schallplatten plötzlich nicht mehr spielen kann, weil das Abspielgerät nicht mehr funktioniert? Niemand? Okay - ich jedenfalls habe diese Erfahrung gemacht. Ein paar Jahre später dann das Gleiche mit den VHS-Kassetten. Super Filme, die ich mir einmal aufgenommen hatte - und die ich nun, als mein VHS-Rekorder seinen Geist aufgab, nicht mehr ansehen konnte. So wurde aus einer wertvollen Filmkassette wertloser Plastikmüll.
Das ist für mich ein Hauptgrund, bei aller E-Book-Euphorie vorsichtig zu bleiben: Wie lange werden die „Abspielgeräte“, die E-Reader funktionieren? Natürlich wird es wahrscheinlich immer neue Geräte geben, aber werden diese neuen Geräte auch genau die Dateiformate wiedergeben können, die für die alten Geräte erforderlich waren? Wenn ich an ein Buch denke, denke ich an etwas, das sich auch in hundert Jahren noch lesen lässt. Oder in zweihundert. Und in diesem Sinne ist das E-Book eben doch kein wirkliches Buch, sondern nur eine DATEI. Die man sich ja auch nicht ins Bücherregal stellen kann. Wie gerne trete ich an mein Bücherregal und sehe mir die Buchrücken an - einer neben dem anderen. Geht beim E-Book nicht.
Und dennoch bin ich ein großer Fan des E-Books. Warum?
Es gibt mehrere Gründe dafür.
(Oh, ich merke gerade, dass ich mich bereits der Wörter-Grenze nähere. Also in aller Kürze ... )
Die Vorteile. E-Books sind schneller. Was heißt das? Es heißt, dass ich als Autor mit der Niederschrift meines Texts am Abend fertig werden kann und noch am gleichen Abend das Buch dem Leser anbieten kann. Im traditionellen Verlagsgeschäft vergeht da gern mal ein JAHR. E-Books sind BILLIG. Ein Riesen-Vorteil. Autoren können ihre Inhalte für wenig Geld so produzieren, dass Leser sie rezipieren können - d.h. sie können weniger Geld verlangen, d.h. Leser brauchen nur weniger zu bezahlen, d.h. es wird mehr Menschen möglich, auf diese Inhalte zuzugreifen.
Hier liegt vielleicht das Herz der Angelegenheit verborgen - zumindest wie sie sich mir darstellt:
In der Vor-E-Book-Ära hat ein Verlag - der das Geld und die Produktionsmittel hat - darüber entschieden, ob der Text eines Autors es verdient hat, vervielfältigt zu werden. Damit hat der Verlag als eine Art Gatekeeper oder Schleusenwärter fungiert. Als eine Art Zensor, wenn man so will. Mit dem E-Book fällt das weg. Nicht mehr der Verlag entscheidet, welcher Inhalt, welcher Roman, welche Geschichte große Verbreitung findet, sondern der Markt. Jede Geschichte bekommt die Chance, sich auf dem Markt zu beweisen. Wenn sie den Menschen gefällt, wird ein Leser dem anderen davon erzählen und die Geschichte wird sich verbreiten. In einer Buchwelt, die von Verlagen beherrscht wird, bekommen Geschichten oftmals diese Chance überhaupt nicht, obwohl sie den LESERN vielleicht super gefallen hätten. Ich könnte mir vorstellen, dass diese radikale Veränderung, die mit dem E-Book Wirklichkeit wird, noch erhebliche Konsequenzen haben wird. Da reicht es ja z.B. an die Umwälzungen zu denken, die in der Luther-Zeit in Deutschland stattgefunden haben - Umwälzungen, die wesentlich vorangetrieben wurden durch das Aufkommen des Buchdrucks (wenn ich mich nicht irre) - also dadurch, dass Bücher, Texte, Ideen plötzlich viel einfacher und billiger verbreitet werden konnten.
Genau das könnte auch heute der Fall sein. Eine Idee, die so abgefahren und ungewöhnlich und gewagt ist, dass jeder Verlag sich geweigert hätte, sie zu drucken, bekommt in der neuen Welt des E-Books die Chance zu beweisen, was in ihr steckt. Ist sie schwach, wird sich keiner für sie interessieren und sie wird in Vergessenheit geraten. Ist sie stark, wird sie aufgegriffen und vervielfältigt werden (jedes Kaufen eines E-Books ist ja nichts anderes als das Kopieren der Originaldatei).
Aber auch das möchte ich keinesfalls versäumen zu erwähnen: Diese Möglichkeiten bergen gewisse Gefahren. Sind es wirklich immer die besten Ideen, die Erfolg haben? Nicht unbedingt, würde ich sagen. Und dennoch: Ich vertraue darauf, dass die Geschicke der Menschen letztlich in die richtige Richtung gehen, wenn man den Ideen freien Lauf lässt. Eurer Jonas Winner

1 Kommentar:

  1. Danke, Jonas für den Text, der mich sehr zum Nachdenken angeregt hat.
    Aber über eine Sache in Deinem Vergleich musste ich etwas nachdenken. Printbücher seien immer verfügbar und funktionieren ohne Strom. Natürlich! Aber was ist, wenn sie älter werden? Heute sitzen nicht mehr zig Mönche in ihren Abteien und schreiben die Texte stets neu ab. Schon heute bekomme ich Schwierigkeiten, ein Buch zu erstehen, das vor zwanzig oder dreißig Jahren erstmals veröffentlicht wurde. Und wenn, dann ist es meist stark vergilbt und hält garantiert nicht mehr die gleiche Zeit durch. Wer wird diese Bücher neu abschreiben ... ähm ...auflegen?
    Zwar kann sich bei E-Books das Veröffentlichungsformat ändern, aber wie bei der Videokassette, kann der Text an sich mit der Zeit gehen. So kannst Du die alten Alf-Filme (die wurden bei uns immer aufgenommen) nicht mehr auf Video sehen, aber es gibt sie nun auch auf DVD und wer weiß, wo es noch hinkommt. Leider, leider bleiben einige Filme und/oder Texte dabei sicher auf der Strecke. Denn die Mühe, ALLE jemals veröffentlichten Bücher auf die neuen Medien zu übertragen, macht man sich sicher nicht. Das war sicher auch schon zu Goethes Zeiten so und schau nur, wie viel mehr Veröffentlichungen im Jahr es heute gibt.
    Das ist insofern schade, dass ich gehofft habe, gerade die vergriffenen Titel, die vor dreißig Jahren erstmalig erschienen sind, heute wenigstens als E-Book zu erhalten, statt vergilbt oder gar nicht mehr. Aber wer dachte damals schon an so etwas wie einem E-Book ...?

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