Freitag, 15. Juni 2012

(Interview) Koĩos - Verlag


Deutschsprachige fantastische und fantasievolle Literatur bekommt ab Herbst 2012 ein neues Label: Koĩos. Der kleine Bruder des östereichischen Praesens-Verlages, in der Hand von Verleger Dr. Michael Ritter, setzt auf hohes sprachliches Niveau und beachtenswertes Potential bei deutschsprachigen (zukünftigen) Autoren.


Wann und aus welchem Impuls heraus wurde Koĩos gegründet?
Hinter einer Verlagsgründung stecken oft auch biografische Motive des jeweiligen Verlegers, das ist hier genauso. In meinem Fall geht das Interesse für Science Fiction und Fantasy auf meine jugendlichen Zeiten zurück, und wie das nicht selten so ist, verlor ich dieses Genre dann aus den Augen, habe "anständige" Literatur gelesen (und schließlich auch Germanistik studiert), mich also aus Leidenschaft und Profession mit Literatur beschäftigt. Vor einigen Jahren bin ich dann wieder zu dem Interesse meiner jungen Tage zurückgekehrt und war zunächst erstaunt und begeistert: Einerseits war (und ist) die Aufmachung dieser Bücher unvergleichlich schöner, aufwändiger als früher, da sie oft noch eher in der "Schmuddelecke" angesiedelt waren, andererseits fiel mir der große Anteil an original deutschsprachigen Autoren auf, unter denen es auch wahre Entdeckungen mit durchaus literarischem (also sagen wir mal: sprachlichem) Anspruch gab, wie etwa Markolf Hoffmann (um nur ein Beispiel zu nennen, einige andere hätten sich ebenso eine Erwähnung verdient).
Diese veränderte Situation hat mich dann vor ca. einem Jahr dazu bewogen, etwas zu tun, wozu ich immer größere Lust verspürt habe: einen Verlag für deutschsprachige Science Fiction und Fantasy zu gründen. Es ist also durchaus eine Neugründung, die nicht spekulativ auf den Markt schielt, sondern hinter der ein persönliches Interesse und Engagement steht.



Es handelt sich beim Koĩos Verlag um einen Ableger des Praesens Verlages, der (bisher) eher wenig mit der Thematik zu tun hatte. Jedoch wird hier viel Wert auf Literatur- und Sprachwissenschaft gelegt. Wird sich das auch auf das neue Label umschlagen und wenn ja, wie?
Das mittelfristige Ziel, also über einige Jahre hinweg gesehen, ist schon eine Trennung der beiden Verlage. Koĩos soll eines Tages auf eigenen Füßen stehen können und sich unabhängig vom Praesens Verlag bewegen. Es ist mir auch wichtig, diese beiden nicht miteinander zu vergleichen (was sowieso nicht möglich ist aufgrund der Thematiken) oder nebeneinander zu betrachten. Koĩos ist zunächst eine "Subeinheit" von Praesens, aber das hat einfach mit dem Organisatorischen und natürlich auch mit dem Budgetären zu tun.
Die Erfahrungen aus dem Praesens Verlag hingegen kann ich natürlich sehr gut mitnehmen. Was beide Verlage gemeinsam haben, ist der Fokus auf ein klar umrissenes Zielpublikum: bei Praesens die literatur- und sprachwissenschaftlich interessierten (oder beruflich tätigen) Menschen, bei Koĩos ein Lesepublikum auf dem Feld der Fantasy und der Science Fiction. Da ich selbst als Germanist und Literaturwissenschaftler ausgebildet bin und auch einige Jahre tätig war und publiziert habe, ist mein Zugang zu Sprache natürlich einer, den ich gelernt habe und professionell umsetzen kann. Das soll sich unbedingt in den Büchern von Koĩos niederschlagen. Das ist am Anfang natürlich nicht so einfach, weil auch die angebotenen Manuskripte noch nicht zum Großteil von der Qualität sind, wie man sich das wünschen würde. Aber ich bemerke jetzt schon langsam, dass die steigenden Zahlen an Manuskripteinreichungen schon da und dort sehr beachtenswerte Texte bringen. Es wird also spannend für die nächsten Jahre!


Wie ist es zum Verlagsnamen gekommen? Steckt eine bestimmte Bedeutung dahinter?
Koĩos war einer der Titanen. Es war eine eher spontane Idee, gerade diesen Namen auszusuchen, wichtig war eigentlich nur der Bezug zur griechischen Mythologie, weil diese irgendwie die Ursuppe aller Geschichten, aller Erzählungen ist, so eine ursprüngliche Grundlage alles Erzählten und Erzählbaren. Dass es dann Koĩos wurde, hat auch mit dem Klang des Namens zu tun.


Welches Angebot wird der Verlag umfassen, was wird veröffentlicht und was nicht?
Unser erster Programmflyer hat nicht ohne Grund den Aufdruck "Das neue Label für deutschsprachige Fantasy und Sciencefiction". Das will ich unbedingt beweisen: Dass deutschsprachige Autorinnen und Autoren ebenfalls in der Lage sind, das zu leisten, was man sonst (nicht zu Unrecht) den angloamerikanischen AutorInnen zugesprochen hat, nämlich handwerklich, vom Plot und der sprachlichen Umsetzung her wirklich gut schreiben zu können. Das sind auch die Texte, die wir suchen. Literarische, also erzählerische Qualität auf dem Gebiet der Fantasy und der Science Fiction soll bei uns zu finden sein, so wie es einst der Kriminalroman geschafft hat, aus der Ecke der Schundromane herauszutreten und inzwischen eine literarisch anerkannte Gattung zu sein, so kann das auch mit Fantasy und SF gelingen. Zu einem guten Teil ist das ja auch längst der Fall, aber da ist noch einiges mehr zu machen. Phänomene wie "Harry Potter" tragen dazu sicher auf der Ebene der Jugendliteratur bei, und wenn es gelingt, mit einem rein deutschsprachigen Programm (also deutschsprachig jetzt auf die AutorInnen bezogen) zu reüssieren, dann ist das ein gutes Zeichen.
Veröffentlicht wird also All Age ebenso wie klassische Fantasy, Urban Fantasy, Science Fiction (da suchen wir noch besonders, denn da hat sich uns noch nicht allzu viel angeboten). Was wir nicht machen sind Horrorsachen oder Romantic Fantasy, aber ansonsten sind wir den Subgenres gegenüber sehr offen. Auch fantastische Romane, die nicht so klar in eines der Subgenres hineinpassen, sind willkommen, da haben wir gerade etwas in Planung, das voraussichtlich 2013 herauskommen soll.


Welche Leser sollten unbedingt vorbeischauen?
Am besten alle! ;-) Ohne Scherz: Eben genau jene, die sehen wollen, was aus dem deutschen Sprachraum heraus alles möglich ist und wächst. Jene, die sich gerne auf literarische Kopfreisen begeben wollen, abdriften wollen in andere Welten. Und natürlich alle Liebhaber von Fantasy und Science Fiction im Allgemeinen. Vor allem aber lohnt es sich bei kleineren Verlagen immer, neue AutorInnen zu entdecken, also gerade das wird Koĩos in den nächsten Jahren spannend machen.


Für welche Autoren macht es Sinn, sich an den Verlag zu wenden (Anm.: Stichwort Kurzvita)? Wie sollten diese dabei am besten vorgehen?
Ein kleiner, ein junger, ein noch nicht einmal richtig ins Leben getretener Verlag wie Koĩos ist natürlich eine Chance für JungautorInnen. Was ja keine Frage des (biologischen) Alters ist. Erstveröffentlichungen oder - wie im Falle von Heike Korfhage - die zweite Veröffentlichung, nachdem man mit einem ersten Buch bereits aufgetreten ist, sollen bei uns ihre Heimat haben. Noch können wir es uns leisten, so offen zu sein, an uns herangetragene Manuskripte zu prüfen. Noch ist die Menge der Angebote überschaubar. Die Selektion erfolgt also wirklich auf einer Prüfung der Geschichte, des Plots, und des Textes, also der sprachlichen Umsetzung. So gesehen sind wir für alles und jeden offen. Allerdings macht es keinen Sinn, ein Buch anzubieten, dass sich außerhalb des von uns gesetzten programmatischen Rahmens bewegt, also nicht Fantasy oder SF ist.
Auf unserer WebSite http://koios.praesens.at ist beschrieben, wie eine Ersteinreichung aussehen soll. Das unterscheidet sich nicht wirklich von dem, was andere Verlage wollen. Wenn ein Autor/ eine Autorin einmal die erste Hürde überwunden hat, wird er/sie sowieso schnell feststellen, dass alles in einem sehr persönlichen und individuellen Dialog mit mir abläuft. Das ist mir überhaupt ein Anliegen, auch mit Praesens: den Autoren ein Verleger zu sein, der Ansprechpartner ist für viele, ja eigentlich alle Dinge.


Wer gestaltet die Cover der Titel? Gibt es auch hier Möglichkeiten, sich (als Künstler) zu bewerben?
Die Gestaltung liegt natürlich bei professionellen Grafikern, wobei die Vorstellungen des Verlages oft schon sehr konkret sein können. Für das Herbstprogramm 2012, in dem wir mit den drei ersten Titeln starten, habe ich zum Beispiel Christoph Clasen für einen Coverentwurf gewonnen, das Cover von Heike Korfhage stammt von Mark Freier. Da ist es schon wichtig, ein professionelles und optisch ansprechendes Auftreten zu haben.
Aber auch hier stehen wir erst am Anfang, und wir sind sehr offen für Künstler, die bei uns anfragen und für uns Cover gestalten wollen.


Im Programm ist unter anderem die 1964 geborene Autorin Heike Korfhage vertreten, die 2010 den vierten Platz des Deutschen Phantastikpreises in der Kategorie Bestes deutschprachiges Romandebüt belegte.
Ja, das ist wohl ein besonderer Glücksfall, vor allem deswegen, weil Frau Korfhage es durchaus "gewagt" hat, sich einem völlig unbekannten Verlag und einem ihr damit unbekannten Verleger anzuvertrauen.
Ich fand Frau Korfhages Text sprachlich sehr ansprechend, also es lief tatsächlich so, dass mein erster Eindruck war: Ah, da kann jemand gut schreiben. Die Geschichte und alles andere kam erst im zweiten Schritt.
Es ist mir schon klar, dass es hier eine gewisse Fangemeinde der Autorin gibt, die schon sehnsüchtig auf Band 2 von "canis lupus niger" wartet, und es freut mich besonders, dass Koĩos es sein darf, dieses Warten zu beenden. Und es soll ja dann mit den nächsten Bänden weitergehen.


Gibt es bereits weitere Neuerscheinungen, die erwähnenswert sind (warum?) oder interne Favoriten?
Wir starten, wie bereits angesprochen, in diesem Herbst mit drei Titeln - also ein kleiner Anfang. Es sind diese drei Bücher aber sehr unterschiedlich. Neben Heike Korfhage ist Jörg Benne im Programm, es ist sein Debut. "Verschollen" ist ein All Age-Roman, also durchaus ab 12-14 Jahren zu empfehlen, und es ist Band 1 einer Trilogie mit dem Titel "Das Schicksal der Paladine". Es ist - ganz im positiven Sinne dieses Wortes - ein sehr leicht lesbarer Roman.
Anders würde ich Bertel O. Steen einschätzen, ebenfalls ein Debüt, der den ersten Band seiner Trilogie "Zeiten der Wandlung" vorlegt. Der Titel des Romans lautet "Der Großkanzler von Ostár" und es könnte durchaus schwierig sein für die Leser, sich hier hinein zu finden, denn im Grunde legt der Band die Basis für das Geschehen, dass in den Bänden 2 und 3 ausgeführt werden wird. Man braucht hier also einige Geduld, aber es lohnt sich, denn der Roman ist wirklich gut geschrieben und die Handlung wird noch sehr an Fahrt aufnehmen.


Sind vielleicht bereits erste Lesungen geplant? Wenn ja welche?
Unsere AutorInnen sind für Interviews und Lesungen offen, geplant haben wir aber noch keine.


Können wir zum Schluss noch einen kleinen Ausblick bekommen? Was erwartet die Leser in der (nahen oder fernen) Zukunft?
Es soll 2013 dann mit mehr als drei neuen Titeln weitergehen, Fortsetzungen der Trilogien werden einerseits zu erwarten sein, andererseits auch neue Romane, die für sich alleine stehen. Es wird ein Buch aus dem Bereich der Urban Fantasy kommen, eine wirklich spannend und flott geschriebene Geschichte von Susanna Montua mit dem Titel "Seelengier". Bertel O. Steen arbeitet ebenfalls an einem Einzel-Roman, mal sehen, ob der fertig wird für das Programm 2013. Es ist eine außergewöhnliche Geschichte, die zwischen zwei Zeitebenen spielt: unserer Gegenwart und dem antiken Rom. Das Thema Unsterblichkeit steht hier im Mittelpunkt, aber mehr will ich noch nicht verraten, es soll ja Raum für Neugier und eine erwartungsvolle Ungeduld bleiben. :-)


Gibt es sonst noch etwas, das unbedingt gesagt werden muss?
Dass die Leser dem neuen Verlag unbedingt eine Chance geben sollten! Ich bin wirklich überzeugt, dass es sich lohnt, dran zu bleiben, sich unser Programm anzusehen und nach und nach zu bemerken, welch interessante Romane unsere deutschsprachigen AutorInnen vorlegen können.

Kommentare:

  1. Sehr informatives Interview :-) Ich freue mich schon auf die ersten Veröffentlichungen und bin sehr gespannt, wie es mit dem Verlag weiter geht.
    LG
    Nadine

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    1. Hallo Nadine,

      herzlich Willkommen im Blog!
      Wirst Du Dich dort eventuell bewerben? ;-) Ich drücke dem verlag auch die Daumen.

      LG
      Soleil

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  2. Anonym1.7.12

    Die erbetene Chance wird der Koios Verlag von mir in jedem Fall bekommen. Schließlich sind es vor allem die kleinen, jungen Verlage, die es wagen, Werke neuer Autoren jenseits des Msinstreams an den Markt zu bringen. Nicht selten setzen sich diese Entdeckungen später sehr erfolgreich durch.

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    1. Hallo Anonym,

      willkommen im Blog!
      Welches Buch wird denn Dein erster Testversuch sein?

      LG
      Soleil

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