Sonntag, 29. April 2012

(Buchgedanken) Gastbeitrag "Übersetzungsgraus"


Djamena hat kürzlich Rob Thurmans "Nightlife" gelesen und mit Entsetzen fesgestellt, dass die Übersetzung ins Deutsche nicht gelungen ist. Denn es ist überaus wichtig, nicht nur die Worte, sondern auch das Gemeinte richtig zu übersetzen.
Wer kennt ähnlich gruselige-schlechte Übersetzungen? Wer kennt absolut gelungene? Wer hat schon einmal einen Text übersetzt und kann von seinen Erfahrungen berichten? Wir sind gespannt.


Manchmal muss ich mich aufregen. Zum Beispiel über misslungene Übersetzungen.

Dank Soleils Tipp hier im Blog bin ich auf Rob Thurman aufmerksam geworden. Nachdem die Autorin eine Weile auf meinem Merkzettel schmorte, habe ich mir dann kürzlich ‚Nightlife‘, den ersten Band der Cal & Niko Serie, für meinen Kindle gekauft. Einigermaßen des Englischen mächtig, wenn auch keine Meisterin, lese ich inzwischen immer häufiger die Originale. Das Dictionary ist im Gerät integriert, und die englischen Bücher sind meistens erheblich preiswerter.

Ungefähr nach 2/3 des Romans, der mir sowohl vom Inhalt wie von der Schreibweise gut gefiel, war ich neugierig auf die deutsche Übersetzung. Also, geguckt, was der Gebrauchtmarkt hergab, ein günstiges Exemplar bestellt, und gestern war es dann in meinem Besitz.

Die deutsche Übersetzung ist ziemlich verunglückt. Die Qualität einer Übersetzung zeigt sich meiner Meinung nach darin, ob ein Text nicht nur sinngemäß korrekt übertragen wurde, sondern ob auch der Erzählton getroffen wird. Das ganz besonders bei Romanen, die in der Ich-Form geschrieben sind. Damit charakterisiert sich der Erzähler.

Die Übersetzerin von Rob Thurmans "Nightlife", Barbara Röhl, ist eine erfahrene Frau, die schon etliche Übersetzungen vorzuweisen hat. Sie übersetzt nichts falsch, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, aber sie trifft den Ton des Textes nicht. Sie hat überhaupt kein Gefühl für die Figuren des Romans, und wenig Ahnung von Jugendsprache.

Nightlife ist Urban Fantasy, der in der Ich-Form aus der Perspektive eines 19 Jährigen erzählt wird. Cal ist lässig, ein Typ, der seine Gefühle mit betont flapsigen Sprüchen dekoriert. Anscheinend hat Frau Röhl keine Vorstellung, wie junge Menschen miteinander reden, denn sie verfällt auf die Idee, die amerikanische Anrede ‚You‘ in den meisten Fällen mit dem deutschen ‚Sie‘ zu übersetzen. In der deutschen Ausgabe ‚Siezen‘ Cal und sein Bruder Niko die meisten Leute, nicht nur im beruflichen, sondern auch im Privaten. Das wirkt einfach fehl am Platz, antiquiert und meistens falsch, und an einigen Stellen tut es sogar weh. Der Originaltext gibt das nicht her.
Hier nur ein kleines Beispiel: Cal jobbt in einer Kneipe, dort soll eine Rockband spielen. Ein Typ mit Goatee, Tatoo und Lederjacke kommt rein und stellt sich als Gitarrist einer Band vor, die dort auftreten sollen.
Original: „I’m Samuel, the gitarist.“
„Cal.“„Well, Samuel, the guitarist, I hope you can divide jackshit evenly between the band because that’s what we usually pull in around here.“

Wer kann sich vorstellen, dass in so einer Situation gesiezt wird? Ich nicht. Solche Dialoge wie zum Beispiel: „Das müssen Sie gerade sagen, Rapunzel“, gab Samuel zurück. „Was Sie da haben, ist auch nicht gerade ein Bürstenschnitt“, klingen furchtbar gestelzt.

Durch diesen Punkt misstrauisch geworden, begann ich wahllos weitere Textstellen zu vergleichen. Dadurch stieß ich auf einen weiteren Kritikpunkt. Anscheinend traut die Übersetzerin sich nicht, die teilweise vulgäre Ausdrucksweise Cals dementsprechend umzusetzen, sondern sie mildert ab und verwandelt ordinäre Worte in bravere Versionen um. Nur einige wahllos herausgepickte Beispiele:

Hard-on wird mit Faible übersetzt! Latte, Ständer, Steifer ist vulgär, keine Frage.

„So no bitching allowed“, wird zu: „also hatte er keinen Grund zu Beschwerden"

„damn, was mybrother pissed“ übersetzt sie mit: „war mein Bruder sauer“ Warum nicht angepisst?

„Hey Nik, how’s it hanging?“ ist schon sehr ordinär, Hey Nik, alles klar, dagegen überhaupt nicht.

Cal benutzt häufig das Wort ‚damn“. Im Hinblick auf die typisch amerikanische Empfindlichkeit in Bezug aufs Fluchen, kommt das einfach nicht raus, wenn ‚damn‘ nicht mit verflucht oder verdammt übersetzt wird.

„It was just too damn bad… zu dumm allerdings“

Ich habe immer nur geblättert, einige Passagen auf deutsch gelesen, das hat mir gereicht, um zukünftig die Finger davon zu lassen.

Ansonsten finde ich es schade, dass die Reihe bei uns so untergeht, denn sie gehört definitiv zu den interessanten im Bereich Urban Fantasy.

Kommentare:

  1. Das ist wirklich ärgerlich, was ein Glück lese ich Bücher häufig im Original.

    Das erste Buch in der Alpha & Omega Serie von Patricia Briggs ist laut meiner Mutter auch richtig schlecht übersetzt worden. Teilweise stehen die Wörter im Satz an falschen Stellen und dazu gibt es auch noch viele Übersetzungsfehler. Und Sprichwörter wurden eins zu eins übersetzt, das ergibt dann natürlich häufig keinen Sinn. Das hat ihr das Lesen ziemlich schwer gemacht.

    Gut übersetzt finde ich dagegen die Bücher in der Eona Serie von Alison Goodman und auch "Die Flüsse von London" von Ben Aaronovitch hat sich gut lesen lassen.

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  2. Ich erinnere mich noch an die Bar-Szene und dass ich mich beim lesen gewundert habe, warum die sich Siezen.
    Als ich letztens die Graphic Novel zum Rad der Zeit im Original gelesen habe, sind mir auch einige Dinge aufgefallen, was die Übersetzung betrifft. Da ich die Serie nur auf Deutsch kenne, überlege ich, ob ich sie im Re-Read nicht nochmal auf Englisch lesen sollte. Da bekomme ich bestimmt den ein oder anderen neuen Impuls.

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  3. Mir fällt noch eine ziemlich misslungene Übersetzung ein, über die ich mich damals sehr geärgert hatte.
    Chris Wooding: Die Weber von Saramyr. Band 01 der verschlungenen Pfad Reihe. Eigentlich ein großartiges Buch, aber die Übersetzung ist grauslich.
    Nur einige Beispiele.
    -Und Mishani wurde ob eines Sonnenstichs benommen.
    Original - and Mishani became woozy with sunstroke.
    Kaiku aß anfangs wenig, danach jede Menge, als ihr geschrumpfter Magen sich ob der Aussicht an Leben spendende Nahrung weitete.
    Original - Kaiku ate, at first a little and then a lot as her shrunken stomach stretched to the prospect of life-giving energy.
    -eine mit Wachtürmen gespickte Masse, hinter der das Gewirr der Straßen der Stadt sich den Hügel hinauf zur Kaiserlichen Feste verlief, deren goldene Mauern ob der Ferne blass wirkten.
    Original - -a bristling mass of guard-towers behind which the jumble of the city’s streets could be seen cluttering their way up the hill towards the Imperial Keep, its gold walls paled by distance.
    -Das Geblüt Kerestyn war vom Geblüt Erinima ob einer Frage der Ehre vom Thron verdrängt worden, nicht durch eine kriegerische Auseinandersetzung.
    Blood Kerestyn had been ousted from the throne by Blood Erinima over a matter of dishonour, not warfare.

    Keine Ahnung, was den Übersetzer veranlasst hat, diese ständigen ob... Konstruktion zu verwenden. Das klingt scheußlich.

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    1. Nun weiß man aber auch nicht, ob und inwieweit Übersetzer Vorgaben vom jeweiligen Verlag bekommen, was z.B. die Schimpfwörter betrifft.

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  4. Sarge2.5.12

    Also ich kann dich schon verstehen, auch wenn ich die genannten Beispiele jetzt nicht unbedingt als falsch übersetzt beanstanden würde. Ob man jetzt sauer oder angepisst ist, läuft ja prinzipiell aufs selbe raus. Das übersetzt natürlich jeder ein bißchen anders. Am schlimmsten finde ich, wenn der Übersetzer z.B. einen Slangausdruck nicht kennt und dann bei der Übersetzung der Sinn verloren geht. Berühmtes Beispiel bei den Simpsons, wo "to swear" immer mit "schwören" übersetzt wird. In dem Fall heisst es aber fluchen.
    Den Übergang von Sie zu Du kriegen auch viele Filme nicht hin.
    Aber wie du das so schilderst scheint da wirklich der Ton des Buches verfehlt. Im Großen und Ganzen finde ich aber, dass die Übersetzer meistens einen guten Job machen.

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  5. Ihr sprecht mir aus dem Herzen...
    Ich lese inzwischen sehr viel auf Englisch, weil ich mich über falsche Übersetzungen viel zu oft aufrege... abgesehen davon kann man so beim Lesen auch noch Englisch lernen =)

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