Freitag, 23. März 2012

(queergelesen) Ausflüge in den rubinroten Dschungel


Die Autorin Juliette Bensch ("Last minute Liebe") liest und schreibt über queere (Literatur-)Themen.

Ausflüge in den rubinroten Dschungel
Juliette liest einen Klassiker


Wenn man das Wort Klassiker sieht, denkt man sicher zuerst an Werke, die mindestens hundert Jahre alt sind. Besser noch älter. Goethe, Schiller, Jane Austen. Auf diese lange Tradition können lesbische Autorinnen und Leserinnen, wenn man von Sappho absieht, nicht zurückblicken. Der Klassiker, um den es mir heute geht, feiert im kommenden Jahr gerade mal den 40. Geburtstag. Warum ich außerdem denke, dass es ein Klassiker ist? Zum ersten Mal begegnete es mir im intertextuellen Zusammenhang, indem in einem anderen Roman darauf verwiesen wurde. Alles in allem prägte er wohl Generationen von LeserInnen und ist nach all den Jahren immer noch im Gespräch. Die Rede ist von „Rubinroter Dschungel“ von Rita Mae Brown, das 1973 in Amerika (wenige Jahre später in deutscher Übersetzung) veröffentlicht wurde.

Rita Mae Brown wird vielen von euch vor allen Dingen durch ihre Sneaky-Pie-Katzenkrimis ein Begriff sein. Bevor sie jedoch Krimis schrieb, war sie Aktivistin in der lesbischen Frauenbewegung der USA, z.B. als Mitbegründerin der Radicalesbians. Brown ist Jahrgang 1944 und wurde in Hanover, Pennsylvania geboren. Mit „Rubinroter Dschungel“, ihrem Debütroman, schlug sie für die damalige Zeit im doch recht prüden Amerika sehr deutliche Töne an.

Und noch heute ist das Buch sehr lesenswert. Als ich mich in den Dschungel begab, merkte ich schnell, dass ich keine Machete benötigte. Stattdessen schwingt man als LeserIn mit einer Leichtigkeit von Liane zu Liane und hat auch noch eine Menge Spaß dabei.

Rita Mae Brown erzählt die Geschichte ohne sich an überflüssigen Details aufzuhalten. So muss es auch sein, da sie etliche Jahre, Kindheit, Jugend und junges Erwachsenenalter im Leben der Protagonistin Molly Bolt beschreibt.
Molly ist von Anfang an eine Sympathiefigur. Sie hat es schwer in ihrer Welt, hauptsächlich weil sie sich nicht anpassen will und Gegebenes nicht als Selbstverständlichkeit hinnimmt. Sie will Ärztin oder Politikerin (am besten Präsidentin) werden, obwohl in den 1950er Jahren kaum bis gar keine Frauen in diesen Positionen vorhanden waren. Stattdessen herrscht in ihrem Umfeld das allgemeine Verständnis, dass ihre Zukunft darin besteht, zu heiraten, Kinder zu bekommen und dass eine Frau überhaupt nur so gut ist, wie der Mann, an dessen Seite sie ist. Aber Molly ist unglaublich stark, sie schert sich nicht darum, was andere von ihr halten oder ob sie sie mögen. Ihr ist nur wichtig, dass sie selbst sich mag und mit dieser Stärke kann sie gar nichts anderes als eine Heldin und Vorbildfigur für die LeserIn sein.

Dass es Molly alles andere als leicht hat, wird schnell klar, als ihre vermeintliche Mutter Carrie ihr offenbart, dass sie Molly nur adoptiert hat. Von einem einfühlsamen, sensiblen Gespräch kann jedoch nicht die Rede sein. Carrie knallt Molly Wörter wie ‚Bastard’ an den Kopf und verhehlt nicht, dass sie die Entscheidung, sie anzunehmen, mehr als einmal bereut hat und enttäuscht von Mollys Entwicklung und ihrem Starrsinn ist. Immer wieder vermittelt sie ihr, dass sie unerwünscht ist.

Molly stellt bald fest, dass sie nicht nur keinen Mann heiraten will, sondern auch, dass es sich besonders interessant im Bauch anfühlt, wenn sie ihre Schulfreundin Leota küsst. Plötzlich kann sie sich vorstellen, sie zu heiraten. Ein Mädchen! Dabei lässt sie sich überhaupt nicht davon abhalten, dass es in ihrem Umfeld keine offen lebenden Frauenpaare gibt.

Der Einzige aus Mollys Familie, der sie wirklich so nimmt und akzeptiert wie sie ist, ist ihr Vater Carl. Ohne Kompromisse sieht er Molly als seine Tochter, obwohl sie faktisch gesehen nicht verwandt sind. Er ist es auch, der ihr Zuspruch gibt, ihr Leben so zu leben, wie sie es für richtig hält. Nach Carls Tod wird es für Molly also nicht gerade leichter. Auch nicht, als die Familie von Pennsylvania nach Florida zieht. Die LeserIn begleitet Molly weiter durch die Schulzeit und bis ins Studium hinein. Dort bestätigt sich, was sie schon bei Leota fühlte. Sie begegnet immer wieder Mädchen und Frauen, die etwas Besonderes in ihr auslösen. Mit ihren Gefühlen geht sie zwar nicht hausieren, aber sie nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn man sie fragt. Das bringt ihr nicht immer Vorteile, wie man vielleicht mit Hinblick auf Carries Reaktion erahnen kann, aber Molly Bolt bleibt sich selbst treu und als LeserIn staunt man immer wieder über ihren Mut und ihren Stolz. Und trotz allem verliert sie auch nicht ihren Humor. Molly kann mit einiger Schlagfertigkeit und Situationskomik auftrumpfen.

Bolt heißt Blitz. Und genau das ist sie auch. Nichts und niemand kann sich ihr in den Weg stellen. Kaum verwunderlich also, dass sie unzählige LeserInnen auf ihrem Weg begleitet hat und bis heute nicht loslässt. Molly ermutigt, gibt Kraft und tut einfach nur gut.
Umso berührender ist es, wenn klar wird, dass der Roman Rita Mae Browns eigene Biographie widerspiegelt. Brown führte und führt ein bewegtes Leben und gehört zurecht zu den ganz Großen der Literaturwelt.

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