Montag, 31. Januar 2011

Im Dämonenwald - Jennifer Roberson


Vielen herzlichen Dank an Maja, die mich mit ihren lesenswerten Rezensionen ab sofort regelmäßig unterstützen möchte.


"Im Dämonenwald" setzt nahtlos am Geschehen seines Vorgängers "Die Karawane" an.
Wir erinnern uns: Tiefhängende, knorrige Bäume; Gras, dessen scharfkantige Halme das Fleisch zerschneiden; ein sandfarbener Himmel; zwei Sonnen, die eine gelb, die andere weiß und fremdartige Kreaturen, die hungrig über alles herfallen, was ihnen in den Weg kommt - das ist der Dämonenwald Alisanos, der ein unheimliches Eigenleben führt und von Zeit zu Zeit seine Lage verändert.
Nur die Shoia, eine den Menschen sehr ähnliche Rasse, aber doch in ihrem Wesen grundsätzlich verschieden, können vorhersagen, wann Alisanos seine Wurzeln aus dem Erdreich zieht und seine Fühler neu ausstreckt. Ein Shoia ist es auch, der zusammen mit der Wahrsagerin Ilona, die Karawane anführt, die gefährlich nahe am Rande von Alisanos unterwegs ist, genötigt, diesen riskanten Weg zu wählen, denn die Sancorra sind auf der Flucht vor dem Kriegervolk, den Hekari, die das Land eingenommen haben.
Eine Karawane bietet Schutz, so denkt auch Audrun, Mutter von vier Kindern und schwanger mit dem fünften, die mit ihrem Mann auf dem Weg zu entfernten Verwandten in einer anderen Provinz ist.
Die Familie schließt sich der Karawane an, im vermeintlichen Glauben, dass sie hier den nötigen Schutz vor den kriegerischen Hekari findet, doch in all den Kriegswirren schlägt plötzlich das Wetter um. Ein verheerender Sturm zieht auf und Alisanos erwacht zum Leben. Der Dämonenwald verschlingt Audrun und ihre Familie und reißt sie hinein in sein dunkles Herz. In alle Windrichtungen zerstreut ist plötzlich ein jedes Familienmitglied auf sich allein gestellt.
Da ist Audrun, die inmitten von Pflanzen, die sich bewegen, Blättern, die flattern und Knurren und Geheul ein Mädchen zur Welt bringt, ein Baby, das vier Monate vor der eigentlichen Zeit geboren ist, ein Kind, das dem Gesetz des Waldes nach Alisanos gehört. Doch Audrun kämpft um ihr Neugeborenes. Nicht bereit, ihr Kind den Kreaturen Alisanos zu opfern, gelingt ihr zusammen mit dem Shoia Rhuan die Flucht, doch der Weg führt sie immer tiefer in das Herz Alisanos.
Und Audrun bangt nicht ohne Grund um den Rest der Familie - dem ältesten Sohn, dem in der glühenden Lavaebene droht, sein verletztes Bein zu verlieren, der ältesten Tochter, die beinahe an der Unmenschlichkeit Alisanos zu zerbrechen droht und nicht zuletzt den zwei jüngsten Kindern, die in den Tiefen des Waldes auf vermeintliche Menschen treffen, ohne zu ahnen, dass diese auf ewig von Alisanos Herrschaft verändert wurden, um fortan als Ungeheuer, als Dämonen zu leben, die nur darauf lauern, dass die jüngsten Mitglieder der Familie eine Schwäche zeigen ...


Wie schon beim ersten Teil ist auch dieses Mal das Cover sehr gut gelungen und farblich an den Bildern vom ersten Teil angelehnt. Abgebildet ist Rhuan, der Shoia und Karawanenführer, der alleine durch den Dämonenwald läuft.
Im amerikanischen Original ist er passenderweise nicht alleine, denn da ist zusätzlich im Vordergrund eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm abgebildet, die wohl Audrun darstellen soll. Im Grunde ist dieses Cover sinnvoller, allerdings schaut Audrun für meinen Geschmack deutlich zu jung aus, sie wirkt ein wenig wie eine holde Maid, die zufällig aus ihrem Schlossfenster in den Dämonenwald geplumpst ist: Blond, entzückend anzuschauen, im weißen, wenn auch zerschlissenen Kleidchen, aber immerhin hat Audrun bereits fünf Kinder und ist seit Tagen auf der Flucht.


Mir hat der Dämonenwald noch besser als "Die Karawane" gefallen. Das liegt unter anderem daran, dass die Geschichte, ohne weit auszuholen, sofort spannungsgeladen und nahtlos an das Ende des Vorgängers anknüpft. Außerdem besinnt sich die Autorin hier auf die Hauptpersonen: Audrun, ihre Familie, Rhuan und die Wahrsagerin Ilona, die später noch eine größere Rolle spielen wird.
Die "Schwächen" des ersten Teils dieser Fantasyreihe sind ausgebügelt: Hier gibt es keine unzähligen Personen, die im schnellen Stakkato wechseln, die verschiedenen Ländern, Geschlechtern, Berufen und Rassen angehören, angestrengte Dialoge, von denen man nicht weiß, welchen Nutzen sie haben. Zugegeben, die Personen müssen im ersten Teil erst einmal eingeführt werden, allerdings ist mir schleierhaft, warum dieses im ersten Teil bei einigen Charakteren so detailliert vorgenommen wurde, wo sie doch im zweiten Teil ohne großes Aufsehens die Bildfläche auf Nimmerwiedersehen verlassen. Vielleicht war diesen Personen einst eine größere Rolle zugedacht, die im späteren Lektorat fortgefallen ist?
Weiterhin weiß "Im Dämonenwald" mit fantastischen Einfällen und bildgewaltiger Sprache aufzuwarten. Ob die Religion, die Kultur, die Lebensweise "on the road" mit einer Karawane - hier scheint alles bis ins Detail durchdacht, man meint beinahe den Staub auf den Lippen zu schmecken, den die Pferdehufe aufwirbeln.
Einen einzigen Punktabzug gibt es von mir für die politischen Details, die am Rande in einer Nebengeschichte erzählt werden - den Hekari, dem kriegerischen Volk, das den Sancorra das Leben zur Hölle macht, das Handwerk zu legen. Ich bin kein Freund dieser politischen Scharmützel, ich muss jedoch zugeben, dass ich ein ungeduldiger Leser bin, wenn andernorts ein spannendes Kapitel im Dämonenwald auf seine Fortsetzung wartet. Und wer weiß, vielleicht führen diese politischen Scharmützel im dritten Teil ein Eigenleben, das auch sie näher an den Dämonenwald heranbringt und somit wieder in meinen Fokus rückt?
Alles in allem gibt es "Im Dämonenwald" keinen einzigen peinlichem Dialog, dafür ein äußerst dichtes Netz, in dem alle Charaktere miteinander verwoben sind, man ahnt so langsam, wohin die Geschichte geht, man meint es zu fühlen und fiebert mit, und das nur am Rande: Auch die Liebe kommt nicht zu kurz.
Außerdem ist der ureigene Stil von Jennifer Roberson positiv anzumerken - hier gibt es kein "Trendverhalten", wie einige Autoren es in letzter Zeit vorleben. Jennifer Roberson versteht ihr Handwerk, bleibt ihrer Linie treu und ist eine Klasse für sich.
Man darf gespannt sein, wann der dritte Teil dieser Fantasyreihe erscheint und ob er ebenso zu überzeugen weiß.


1. Die Karawane (Karavans 1: Karavans)
2. Im Dämonenwald (Karavans 2: Deepwood)
3. Karavans 3: The Wild Road (Juni 2010)
Prolog (englisch)
(Anmerk.: Unter Umständen ist das ein Schreibfehler und müsste 2011 heißen.)

Nach anfänglicher Tätigkeit als Reporterin und Werbetexterin macht sie sich 1985 als Schriftstellerin selbstständig und begann mit den Arbeiten am Cheysuli-Zyklus. Von ihrem Werk ist ansonsten vor allem der Schwerttänzer-Zyklus bekannt. Neben Romanen verfasste sie Kurzgeschichten, beteiligte sich an Anthologien und schrieb für Magazine, nicht selten gemeinsam mit Melanie Rawn und Marion Zimmer Bradley. Sie bedient sich oft historischer oder mythologischer Motive als Vorlagen für ihre Werke.



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