Sonntag, 25. Januar 2009

Lesen - Flucht vor der Wirklichkeit?


Es ist noch gar nicht allzu lange her, da sagte mir eine ehemalige Chefin am Telefon, sie lese nicht viel. Nun, das ist ihre Sache. Auf meine Antwort, dass dies bei mir anders sei, sah ich sie vor meinen geistigen Augen den Kopf schütteln. „Lesen ist nur eine Flucht vor der Wirklichkeit“, sagte sie mir. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nur solche Menschen viel lesen, die nur wenig Selbstbewusstsein entwickelt haben und sich ihre Bestätigung über die Abenteuer und Erlebnisse anderer holen.“ Wir sprachen noch über einige andere Dinge und da war ich dann doch sehr froh drüber. Ehrlich gesagt hätte ich nicht gewusst, was ich einer Frau, die im Jahr höchstens drei Bücher liest, an dieser Stelle sagen sollte. Natürlich ist sie alleinerziehend und hat zwei Kinder, aber ich kenne eine Menge Frauen, denen es genauso geht und die völlig anderer Ansicht sind.
Ich für meinen Teil lese sehr gern und ich kann eigentlich nicht behaupten, dass ich der Wirklichkeit entfliehen will, jedenfalls nicht für immer. Gern schaue ich mir an, wie der Auserwählte die Welt rettet, wie das Liebespaar zusammenfindet, wie der Mörder gefasst, der Drachen erschlagen, der Zauberer bekehrt oder der Einsame von seinen Gefühlen übermannt wird. Dabei bleibt der Fernseher im übrigen aus. Und ich überlege seit Tagen, ob ich ihn nicht gänzlich abschaffen sollte. Was gibt mir die Flimmerkiste, was ein Buch mir nicht geben könnte? Beim Lesen selbst blende ich gern mal den Alltag aus, insofern mag sie Recht behalten. Aber mir ist unterschwellig immer klar, dass ich zwei Jobs, (kranke) Familienmitglieder, einen eigenen Haushalt und (wahrscheinlich zu) überfliegende Pläne für meine Zukunft habe.
Ich will den Spieß jetzt keinesfalls umdrehen, aber was, liebe Chefin, ist ein Leben ohne Phantasie? Wie soll ich mir das vorstellen? Und *grusel muss ich das überhaupt? Was macht einen Menschen aus, der sich beinahe nur in sich selbst vergräbt, sich der Arbeit und der Familie widmet, sonst aber nicht viele Interessen oder Hobby (also sich selbst!) pflegt? Ich wage es nicht, mir das vorzustellen. Einsamkeit ist eine starke Hürde, aber auch hier kann die Lektüre bestimmter Themen weiterhelfen. Außerdem gibt es inzwischen, nach englischem Vorbild, Leserunden, bei denen man oft sehr nette Menschen mit dem gleichen Hobby treffen kann. Wenn wir jetzt noch einen Schritt weitergehen würde, dann müsste ich fragen: Was ist mit jenen Menschen, die nicht nur lesen, sondern auch schreiben? Davon aber, weiß sie Gott sei Dank nichts und ich werde wohlweislich meinen Mund halten. Das einzige, was ich an der ganzen Sache wirklich traurig finde ist, dass sie mit Kindern arbeitet.


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